Dienstag, 10. April 2012

Russland steht IT-Clouds noch skeptisch gegenüber

IT-Branche erwartet dennoch starkes Wachstum / Anbieter stehen in den Startlöchern / Von Ullrich Umann

Moskau (gtai) - Cloud-Computing hält allmählich Einzug in Russlands Geschäftsleben. Für Serviceprovider liegt der Reiz in der Perspektive, denn noch ist der 2011 erzielte Branchenumsatz mit 35 Mio. US$ überschaubar. Davon wurden 22 Mio. $ mit Private Clouds und 12 Mio. $ mit Public Clouds erwirtschaftet. In kurzer Zeit sollen die Umsätze explodieren. Dazu müssen potenzielle Anwender aber mehr Vertrauen in die Datenverarbeitung durch externe Anbieter fassen.

Die derzeit erwirtschafteten Umsätze betrachten Anbieter als eine Art Anzahlung. Das spezialisierte Marktforschungs- und Beratungsunternehmen IDC geht jedoch von äußerst starken Zuwächsen aus: Im Jahr 2015 soll das Marktvolumen bei Cloud-Dienstleistungen in Russland 1,2 Mrd. $ erreichen. Das größte Wachstumspotenzial wird bei der kompletten Auslagerung der Rechenleistung und Datenspeicherung, IaaS (Infrastructure as a Service), erwartet. Im Jahr 2011 konzentrierte sich die Nachfrage noch auf kostengünstige Angebote aus dem Bereich SaaS (Software as a Service).
Die Umsätze der Branche teilten sich 2011 zu 73% auf cloudbasierte E-Mail-Dienste, zu 15% auf cloudbasierte Anti-Spam- und Anti-Virenlösungen sowie zu 8% auf cloudbasierte Videokonferenzen auf. Die restlichen 4% entfielen auf andere Cloud-Produkte aus den Bereichen Buchhaltung, Steuerberechnung, Customer Relation Management (CRM) und Enterprise Resource Planning (ERP).
Anbieter von Videolösungen überzeugen ihre Kunden vor allem mit dem Argument, dass im Flächenstaat Russland, und darüber hinaus im internationalen Geschäftsverkehr, mit der Übertragung von Bild und Ton in Echtzeit Kosten und Zeit eingespart werden können. Geschäftsreisen reduzieren sich auf ein Minimum. Darüber hinaus braucht sich der Kunde im Fall einer Cloud-Lösung die entsprechende Soft- und Hardware nicht anzuschaffen. Es reicht ein Internetzugang. Gezahlt wird lediglich für die reine Nutzungszeit.
Analysten schauen aktuell weniger auf die 2011 erwirtschafteten Umsätze, sondern untersuchen vielmehr die Dynamik, die bei Cloud-Lösungen entstanden ist. Auf dieser Grundlage werden zwei wesentliche Schlussfolgerungen gezogen: Erstens steht der russische Markt für Cloud-Lösungen am Beginn. Und zweitens zieht die Nachfrage stark an, allerdings ausgehend von einem niedrigen Stand.
Unter den Kunden überwiegen zahlenmäßig kleine und mittlere Unternehmen (KMU), darunter Start-ups, die sich die Investitionen in eigene Kommunikations- und Speicherlösungen nicht leisten können oder auf diese Ausgaben verzichten wollen. Diese Kundengruppe ist für sich allein betrachtet für die Serviceanbieter schon deshalb interessant, da deren Zahl in Russland wächst. Daneben berichtet die IT-Branche von ersten Serviceverträgen mit großen Unternehmen: Der Markt ist in Bewegung gekommen.
Für den Geschäftserfolg von Cloud-Lösungen spricht insbesondere die Größe des Landes. Um mit regionalen Niederlassungen, aber auch mit Kunden über große Distanzen hinweg in Wort, Schrift und Bild kommunizieren zu können, bietet sich die Auslagerung entsprechender Dienstleistungen auf spezialisierte und landesweit operierende Anbieter regelrecht an. Der geographische Faktor betrifft Kunden aller Unternehmensgrößen gleichermaßen.
Zudem können Kunden mit Cloud-Lösungen auf die sich in Russland schnell ändernden Rahmenbedingungen und Marktsignale flexibel reagieren, ohne jedes Mal in neue Informationstechnik investieren zu müssen. Gleiches gilt für die Sicherheit der Datenspeicherung in einem Land, in dem es verschiedene Klima- und Zeitzonen gibt; Serverfarmen und Datenzentren werden in Regionen konzentriert, in denen Stromausfälle und andere technischen Pannen oder extreme Wettereinflüsse eher auszuschließen sind.
Der Aufholbedarf Russlands bei Cloud-Lösungen im Vergleich zu anderen Staaten liegt unter anderem am geringen Vertrauen der Unternehmenswelt in die Herausgabe sensibler Daten an externe Dienstleister. In vielen Fällen sind Know-how und Kundendaten das Wertvollste, über das die Firmen verfügen. Zudem hinkt die gesetzliche Regulierung des Sektors den Erfordernissen hinterher. Unter anderem fehlt eine exakte Einordnung dieser Dienstleistung durch den Steuerkodex. Experten bemängeln gleichfalls Defizite beim rechtlichen Schutz intellektuellen Eigentums in diesem speziellen Anwendungsgebiet.
Die IT-Branche gibt sich trotzdem optimistisch und verweist auf Analogien der jüngsten Vergangenheit. So sei noch vor wenigen Jahren das Misstrauen gegenüber elektronischen Bankprodukten enorm groß gewesen. Heutzutage gehören Bankautomaten und Kreditkarten zur Normalität. Selbst die Kontoführung über das Internet ist in Russland keine Rarität mehr. Einen ähnlichen Weg wird die Unternehmenswelt bei der Nutzung externer Cloud-Lösungen beschreiten, so die einheitliche Meinung.
Die ersten zufriedenen Kunden gehen bereits mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Verzögerungen dürften aber dann auftreten, wenn unter der Anbietern "schwarze Schafe" auftauchen oder andersgeartete Missbrauchsfälle publik würden. Doch gehen Branchenexperten vorerst nicht davon aus. Die Modernisierung der rechtlichen Bestimmungen sei zudem eine Frage der Zeit.
Unter den Anbietern haben in Russland internationale Giganten wie Microsoft und Google ihre Ausgangspositionen eingenommen. Hinzu gesellen sich Branchenriesen wie IBM, HP oder auch Oracle. Daneben existiert eine zweistellige Zahl an russischen Unternehmen, die sich mit Systemintegration und Outsourcing beschäftigen. Dazu gehören Softline, R-Style, SKB-Kontur, Leta Group, Akvarius, Informzaschita, Asteros, RNT, Orbita, Nvison Group und Technoserv. Speziell für IaaS-Angebote nennen Experten Softline, Parking.ru, Oversun Scalaxy und IT Grad in einem Atemzug.
Zu den führenden Anbietern von Private Clouds werden HP, IBM und Asteros gezählt. Vor allem die Finanz- und Versicherungswirtschaft sowie Telekommunikationsunternehmen gehören zu ihren Kunden. Dies mag auf den ersten Blick verwundern, da Unternehmen aus diesen Branchen über eine eigene starke IT-Infrastruktur verfügen. Doch setzt sich gerade hier die Erkenntnis durch, dass externer Sachverstand bei modernen IT-Lösungen schneller und billiger zum Ziel führt.
Der Einzug von Cloud-Lösungen wird den IT-Markt insgesamt aufwirbeln. Distributoren und Weiterverkäufer traditioneller Hard- und Software werden es künftig schwerer haben, ihre gewohnten Umsätze zu erzielen, denn die Anforderungen an die Hardware-Ausstattung nehmen bei den Endanwendern durch Cloud-Lösungen ab. Künftig reichen abgespeckte Desktop-PCs, Tablet-PCs, Netbooks und Laptops für viele Anwendungen aus. Server, Kühlsysteme und Speicherlösungen fragen dann mehrheitlich nur noch Serviceprovider nach.
Aufwind verspüren wiederum IT-Berater, Entwickler von Cloud-Lösungen in immer weiteren Anwendungsgebieten sowie die Telekommunikationswirtschaft. Letztendlich steigen die Nachfrage nach mobilen und festnetzgestützten Breitband-Internetverbindungen sowie die Anforderungen an die Übertragungssicherheit enorm an. (U.U.)

Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland