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Montag, 2. Juli 2012

Russland tätigt umfangreiche Infrastrukturinvestitionen

Ausschreibungen zum Straßenausbau in Milliardenhöhe / Häfen werden enger mit dem Schienennetz verbunden / Von Ullrich Umann

Moskau (gtai) - Russland investiert weiter massiv in den Ausbau seiner Infrastruktur. Der Ausbau des Straßen- und Schienennetzes sowie der Häfen und Flughäfen ist für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes von immenser Bedeutung. Konzessionäre können künftig Anteile an den Betreibergesellschaften von zu bauenden Autobahnen erwerben. Im Kraftwerksbereich sollen bis 2014 umgerechnet rund 43 Mrd. US$ in Ausrüstungen investiert werden.

Straßenbau

Die staatliche Gesellschaft "Rossijskie awtomobilnye dorogi" (Awtodor, http://www.russianhighways.ru), die im Regierungsauftrag den Bau von Schnellstraßen und Autobahnen realisiert, bereitet für 2012 und 2013 elf Ausschreibungen in einer Wertspanne von 160 Mio. bis 3,7 Mrd. Euro vor. Künftig können Konzessionäre Anteile von 20 bis 50% an den Betreiber-Gesellschaften von zu bauenden Autobahnen erwerben. Awtodor erwägt nach eigenen Angaben, nicht nur dem Sieger einer Ausschreibung, sondern allen Teilnehmern Kompensationen für geleistete Vorplanungen zu gewähren ("Kontrakt vor dem eigentlichen Vertrag").

Auf dieser Basis können Bieter relativ risikolos die technischen Parameter in Eigenregie ausarbeiten und Vorverhandlungen mit Banken zwecks Finanzierungen aufnehmen. Um privaten ausländischen Investoren in den Autobahn- und Straßenbau ausreichend Garantien des russischen Staates gewähren zu können, stehen jedoch noch Änderungen des geltenden Haushaltsrechts bevor.

Unter den auszuschreibenden Projekten befinden sich eine Autobahn Moskau - Sankt Petersburg, weiterhin die Strecken M-4 "Don" und M-1 "Bjelorus", die Zentrale Ringautobahn um Moskau herum (ZKAD) sowie die Umgehungsstraßen in Balaschicha und Noginsk. Nach Presseangaben haben die französische Vinci, die deutsche Hochtief und die österreichische Strabag bereits Interesse signalisiert. Wie der Internetseite von Awtodor zu entnehmen ist, laufen Konsultationen zur Berücksichtigung deutscher beziehungsweise europäischer Normen im russischen Autobahnbau.

Der Straßenbau auf kommunaler Ebene ist ein weiteres Dauerthema. So möchte die Moskauer Stadtverwaltung im Laufe von fünf Jahren 1.000 Mrd. Rubel (34,5 Mrd. US$; 1 US$ = 29 Rubel) in Modernisierungsarbeiten stecken. Dabei ziehen die Verantwortlichen die Möglichkeit in Betracht, Projekte in Form von Public-Private-Partnerships zu vergeben.
Bislang kosten suboptimale Straßenverbindungen durch Transportverzögerungen oder gar Ausfälle das Land annähernd 9% der Wirtschaftsleistung. Laut Statistiken des Verkehrsministeriums sind überhaupt nur 8% der Straßen mehrspurig.

Schienenwege

Der Ausbau der Schienenwege ist für die wirtschaftliche Entwicklung von immenser Bedeutung. In den Ballungszentren, insbesondere in der Megapolis Moskau, stößt bereits der Passagiertransport an seine Kapazitätsgrenzen. Investitionen in Modernisierungen und in den Ausbau sind dringend erforderlich. Die russische Staatsbahn RZD plant unter anderem Umbauten auf den Moskauer Bahnhöfen Jaroslawski, Kazanski, Leningradski, Belorusski, Sawelowski, Pawelezki, Kiewski und Rischski. Eigens dafür werden 4,3 Mrd. Rubel (150 Mio. US$) bereitgestellt.

Bislang entfallen 5% aller Investitionen in die Infrastruktur auf Schienenwege. Mit dem Bau zweier Hochgeschwindigkeitsstrecken Moskau - Sankt Petersburg und Moskau - Nischni Nowgorod - Kazan - Jekaterinburg wird dieser Anteil zunehmen. Hinzu kommt der Ausbau der Güterstrecken zu den wichtigen Hochseehäfen, der für den Außenhandel von höchster Bedeutung ist.

Projektschwerpunkte in Sibirien und im Fernen Osten bilden die beiden Trassen Baikal-Amur-Magistrale (BAM) und Transsibirischen Eisenbahn (Transsib). Der Ausbau der Transsib, die mit einer Ausdehnung von ca. 9.300 km längste Eisenbahnstrecke der Welt, auf der auch deutsche Unternehmen Waren im Chinahandel transportieren lassen, sowie der Weiterbau der nördlich verlaufenden Parallelstrecke BAM, sollen 2015 im großen Maßstab starten. Hierfür werden Kosten von 918 Mrd. Rbl (ca. 23 Mrd. Euro) angesetzt.

Wie der Wirtschaftszeitung "Wedomosti" zu entnehmen war, soll RZD von den Projektkosten im Fernen Osten 737 Mrd. Rbl (18,4 Mrd. Euro) zur Erhöhung der Transportkapazität allein der BAM angesetzt haben. Mit den restlichen 181 Mrd. Rbl (4,5 Mrd. Euro) könnte das bereits erreichte Transportniveau auf der Transsib aufrecht erhalten beziehungsweise "Nadelöhre " auf der Strecke der Reihe nach beseitigt werden.

Doch sind aus heutiger Sicht längst nicht alle Finanzierungen gesichert. Aus dem Staatshaushalt werden Zuschüsse in Höhe von 1,5 Bill. Rbl (ca. 37,5 Mrd. Euro) benötigt. Doch hat die Regierung dieses Ansinnen der Eisenbahngesellschaft vorerst zurück gewiesen. Finanziell sei die Eisenbahngesellschaft stark genug, um sich das notwendige Geld auf dem Kapitalmarkt zu beschaffen. Der Fiskus könne jedoch mit Garantien der staatlichen Außenhandelsbank Wneshekonombank (WEB) oder mit direkten staatlichen Garantien aushelfen, hieß es aus dem Finanzministerium.

RZD kann gemäß den aktuellen Investitionsplanungen aus den laufenden Einnahmen 3,8 Bill. Rbl aufbringen. Zudem war die Aufnahme von 0,4 Bill. Rbl über die Emission von Obligationen von vornherein geplant. Jede weitere Verschuldung auf dem freien Kapitalmarkt sei aus eigener Kraft aber nicht zu stemmen. Projektkürzungen seien die Folge, obwohl dadurch die wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere im Fernen Osten durch unzureichende Transportkapazitäten behindert würde, so die offizielle Stellungnahme von RZD - diese Verlautbarung klingt nach einer neuen Verhandlungsrunde mit der frisch eingesetzten russischen Regierung um Subventionen und Investitionszuschüsse.

Flughäfen

Russlands Flughäfen werden modernisiert und ausgebaut, anders ist das steigende Passagieraufkommen nicht zu bewerkstelligen. Die Fluggesellschaften des Landes haben 2011 fast 64 Mio. Menschen innerhalb des Landes befördert und damit 12,6% mehr als im Vorjahreszeitraum. Zusammen mit allen Auslandsverbindungen wurden 112 Mio. Personen auf russischen Flughäfen abgefertigt (+12,9%).

Vor allem Flughäfen in den Regionen verzeichneten 2011 Rekorde beim Passagieraufkommen. So stieg die Anzahl der Reisenden, die auf dem Flughafen Kolzowo in Jekaterinburg abgefertigt wurden, um 22,1% auf 3,4 Mio. Passagiere. Regionale und lokale Flughäfen in abgelegenen Gebieten des hohen Nordens und des Fernen Ostens werden aus verkehrspolitischen Gründen durch den Staat betrieben und subventioniert.

Der internationale Flughafen von Nischni Nowgorod schreibt aktuell Projektierungsarbeiten für den Bau eines Passagierterminals nebst Anbindung an das Eisenbahn- und Straßennetz aus. Bis zu 950.000 Passagiere pro Jahr sollen hier künftig abgefertigt werden. Neben den Regionalflughäfen gehen die Ausbauarbeiten am Knotenpunkt Moskau weiter. So wird im kürzlich privatisierten Flughafen Scheremetjewo eine dritte Landebahn für über 400 Mio. US$ entstehen.

Russlands größter Airport, Moskau-Domodedowo, wird gleichfalls einen neuen Besitzer erhalten. Im Gespräch ist ein Übernahmebetrag zwischen 2 Mrd. und 4 Mrd. US$. Ursprünglich wurden 4,5 Mrd. US$ gefordert. Zur Preisminderung hat die Entscheidung der Luftfahrtbehörde Rosaviazija geführt, dem Bau einer weiteren Landebahn, entgegen ursprünglichen Ankündigungen, doch nicht zuzustimmen.

Der Investitionsfonds A1 (Alfa-Gruppe) hat laut Tageszeitung "Wedomosti" der Außenwirtschaftsbank VEB vorgeschlagen, in die Übernahme von Domodedowo als Konsortialpartner einzusteigen. Bei VEB muss jedoch der Aufsichtsrat zustimmen. In diesem Gremium ist die russische Regierung in Person des Premierministers vertreten - der anstehenden Entscheidung fehlt es daher nicht an politischer Brisanz. Beim schärfsten Konkurrenten in der Übernahmeschlacht handelt es sich um die Gruppe Summa. Sollte Summa den Zuschlag erhalten, wurde die Sberbank als Kreditgeber erwähnt. Diesbezügliche Verhandlungen sollen aber noch laufen.

Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, dass sich das Fluggastaufkommen bis 2014 um 30 bis 40% erhöht und dann bis zu 80 Mio. Passagiere transportiert werden. Bei der Luftfracht erwartet das Ministerium im gleichen Zeitraum Zuwächse von 9%. Die Regierung will daher bis 2015 rund 160 Mrd. Rubel (5,5 Mrd. US$) in Flughäfen investieren. Nach Angaben des Transportministers weisen 64 von den insgesamt 300 Airports einen Sanierungsbedarf auf.

Häfen

Russlands Seehäfen sollen erweitert und besser mit dem Schienennetz des Landes verbunden werden. Nach Angaben des Transportministeriums haben sich die Abfertigungskapazitäten in den Häfen in den letzten drei Jahren um 30 Mio. t erhöht. Inzwischen werden 85% des Außenhandels auf dem Seeweg realisiert.

Strategisch geht es dem Transportministerium vorrangig um den massiven Ausbau von Hochseehäfen. Damit soll die Abhängigkeit von Verladekapazitäten in der Ukraine und im Baltikum verringert oder ganz beseitigt werden. Im Süden Russland konzentriert sich der Ausbau auf die Häfen Taman, Tuapse und Noworossisk am Schwarzen Meer sowie auf den Hafen Olja am Kaspischen Meer.

Die Binnenschifffahrt hat 2011 im Vorjahresvergleich bei der transportierten Tonnage um 20% zugelegt. In diesem Bereich sieht das Transportministerium keinen dringenden Investitionsbedarf, um Havarien und Unfälle zu vermeiden. So seien nur drei der insgesamt 335 Schiffshebewerke in einem "gefährlichen", 51 (15,2%) in einem "bedenklichen" Zustand.

Kraftwerksbau

Der Kraftwerksbau verzeichnet ordentliche Zuwächse. Nach 3,2 GW im Jahr 2010 sind weitere 6,4 GW im Jahr 2011 ans Netz gegangen. Für 2012 ist vorgesehen, 7,8 GW in Betrieb zu nehmen. Bis 2014 werden die Kraftwerksbetreiber 1,3 Billionen Rubel (43 Mrd. US$) in Ausrüstungen investieren.

Der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger Berger ist Anfang 2012 eigens mit der OAO Tjaschmasch ein Gemeinschaftsunternehmen eingegangen, um sich besser für die anstehende Modernisierung der bestehenden 600 Kohle-Dampf-Kessel in russischen Wärmekraftwerken zu positionieren. Der deutsche Konzern bringt insbesondere seine Kompetenzen in der Feuerungs- und Kesseltechnik in das Joint Venture ein. Tjaschmasch ist in Russland wiederum Marktführer bei der Produktion und beim Warten von Kohlemühlen.

Im Bereich Kraftwerksbau sucht der Konzern TNK-BP derzeit kompetente Partner zum Bau dreier Gaskraftwerke auf der Halbinsel Jamal im Norden Sibiriens. Damit soll die Erdgasförderung energietechnisch abgesichert werden. Schon aus klimatischen Gründen handelt es sich dabei um anspruchsvolle Kraftwerksprojekte. Geplant sind Erzeugerkapazitäten mit einer Gesamtleistung von 250 MW, die später auf bis zu 1 GW aufgestockt werden können. Vorverhandlungen sollen dem Vernehmen nach mit Inter RAO EES, Technopromeksport und mit der Gruppe Summa laufen.

Ausgebaut wird auch die Kernenergie. Für 2012 visiert die für diesen Bereich zuständige Behörde Rosenergoatom eine Erhöhung der Erzeugung von Atomstrom um knapp 2% auf 176 Mrd. kWh an. Zur Steigerung soll das KKW Kalinin beitragen. Weitere signifikante Zuwächse sind 2017 und 2018 zu erwarten, wenn jeweils ein Reaktor des derzeit im Bau befindlichen KKW Baltiskaja (Kaliningrader Gebiet) plankonform an das Netz geht. Die Baukosten werden mit 7 Mrd. US$ beziffert.

Ein weiteres KKW mit zwei Reaktoren im Projektwert von 194 Mrd. Rubel (6,69 Mrd. US$) soll von 2016 bis 2022 im Kursker Gebiet (KKW Kursk-2) gebaut werden. Damit würden zwei von insgesamt vier Blöcken im KKW Kursk-1 ersetzt. Gemäß Presseberichten hat Rosenergoatom mit den Gebietsbehörden Gespräche aufgenommen, um alle Genehmigungsverfahren zum Bau des KKW Kursk-2 einzuleiten. Vor Ort wird das Vorhaben befürwortet.

Der Bau eines weiteren KKW mit vier Blöcken im Projektwert von 260 Mrd. Rubel (8,7 Mrd. US$) ist ab 2016 im Gebiet Tscheljabinsk vorgesehen (KKW Südural). Der Gouverneur des Gebiets will sich für eine Beschleunigung des Genehmigungs- und Planungsverfahrens einsetzen, da die Kapazitäten zur Stromerzeugung in diesem Gebiet knapp sind.

Im Bereich der konventionellen Stromerzeugung soll die Zahl von erdgasbefeuerten Großanlagen wachsen. So baut die Stromsparte des Mineralölkonzerns Lukoil ein Gaskraftwerk mit einer projektierten Leistung von 135 MW in unmittelbarer Nähe zum neuen Chemiekomplex Budjonnowsk.

Im Bereich Wasserkraft schreibt das Betreiber-Unternehmen RosHydro die Sanierung/Modernisierung der Blöcke 1, 3 und 5 des Wasserkraftwerkes Rybinskaja aus. Der Projektwert wird mit 8 Mrd. Rubel (275 Mio. US$) angegeben. An der Finanzierung ist die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) beteiligt. Ein neues Wasserkraftwerk plant RosHydro in Kankunskaja am Fluss Timpton. Der Baubeginn ist für 2013 vorgesehen.

(U.U.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland