Ausschreibungen zum Straßenausbau in Milliardenhöhe / Häfen werden enger mit dem Schienennetz verbunden / Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Russland investiert weiter massiv in den Ausbau seiner
Infrastruktur. Der Ausbau des Straßen- und Schienennetzes sowie der
Häfen und Flughäfen ist für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes
von immenser Bedeutung. Konzessionäre können künftig Anteile an den
Betreibergesellschaften von zu bauenden Autobahnen erwerben. Im
Kraftwerksbereich sollen bis 2014 umgerechnet rund 43 Mrd. US$ in
Ausrüstungen investiert werden.
Straßenbau
Die staatliche Gesellschaft "Rossijskie awtomobilnye dorogi" (Awtodor, http://www.russianhighways.ru),
die im Regierungsauftrag den Bau von Schnellstraßen und Autobahnen
realisiert, bereitet für 2012 und 2013 elf Ausschreibungen in einer
Wertspanne von 160 Mio. bis 3,7 Mrd. Euro vor. Künftig können
Konzessionäre Anteile von 20 bis 50% an den Betreiber-Gesellschaften von
zu bauenden Autobahnen erwerben. Awtodor erwägt nach eigenen Angaben,
nicht nur dem Sieger einer Ausschreibung, sondern allen Teilnehmern
Kompensationen für geleistete Vorplanungen zu gewähren ("Kontrakt vor
dem eigentlichen Vertrag").
Auf dieser Basis können Bieter relativ
risikolos die technischen Parameter in Eigenregie ausarbeiten und
Vorverhandlungen mit Banken zwecks Finanzierungen aufnehmen. Um privaten
ausländischen Investoren in den Autobahn- und Straßenbau ausreichend
Garantien des russischen Staates gewähren zu können, stehen jedoch noch
Änderungen des geltenden Haushaltsrechts bevor.
Unter den
auszuschreibenden Projekten befinden sich eine Autobahn Moskau - Sankt
Petersburg, weiterhin die Strecken M-4 "Don" und M-1 "Bjelorus", die
Zentrale Ringautobahn um Moskau herum (ZKAD) sowie die Umgehungsstraßen
in Balaschicha und Noginsk. Nach Presseangaben haben die französische
Vinci, die deutsche Hochtief und die österreichische Strabag bereits
Interesse signalisiert. Wie der Internetseite von Awtodor zu entnehmen
ist, laufen Konsultationen zur Berücksichtigung deutscher
beziehungsweise europäischer Normen im russischen Autobahnbau.
Der
Straßenbau auf kommunaler Ebene ist ein weiteres Dauerthema. So möchte
die Moskauer Stadtverwaltung im Laufe von fünf Jahren 1.000 Mrd. Rubel
(34,5 Mrd. US$; 1 US$ = 29 Rubel) in Modernisierungsarbeiten stecken.
Dabei ziehen die Verantwortlichen die Möglichkeit in Betracht, Projekte
in Form von Public-Private-Partnerships zu vergeben.
Bislang
kosten suboptimale Straßenverbindungen durch Transportverzögerungen oder
gar Ausfälle das Land annähernd 9% der Wirtschaftsleistung. Laut
Statistiken des Verkehrsministeriums sind überhaupt nur 8% der Straßen
mehrspurig.
Schienenwege
Der Ausbau der Schienenwege ist
für die wirtschaftliche Entwicklung von immenser Bedeutung. In den
Ballungszentren, insbesondere in der Megapolis Moskau, stößt bereits der
Passagiertransport an seine Kapazitätsgrenzen. Investitionen in
Modernisierungen und in den Ausbau sind dringend erforderlich. Die
russische Staatsbahn RZD plant unter anderem Umbauten auf den Moskauer
Bahnhöfen Jaroslawski, Kazanski, Leningradski, Belorusski, Sawelowski,
Pawelezki, Kiewski und Rischski. Eigens dafür werden 4,3 Mrd. Rubel (150
Mio. US$) bereitgestellt.
Bislang entfallen 5% aller
Investitionen in die Infrastruktur auf Schienenwege. Mit dem Bau zweier
Hochgeschwindigkeitsstrecken Moskau - Sankt Petersburg und Moskau -
Nischni Nowgorod - Kazan - Jekaterinburg wird dieser Anteil zunehmen.
Hinzu kommt der Ausbau der Güterstrecken zu den wichtigen Hochseehäfen,
der für den Außenhandel von höchster Bedeutung ist.
Projektschwerpunkte
in Sibirien und im Fernen Osten bilden die beiden Trassen
Baikal-Amur-Magistrale (BAM) und Transsibirischen Eisenbahn (Transsib).
Der Ausbau der Transsib, die mit einer Ausdehnung von ca. 9.300 km
längste Eisenbahnstrecke der Welt, auf der auch deutsche Unternehmen
Waren im Chinahandel transportieren lassen, sowie der Weiterbau der
nördlich verlaufenden Parallelstrecke BAM, sollen 2015 im großen Maßstab
starten. Hierfür werden Kosten von 918 Mrd. Rbl (ca. 23 Mrd. Euro)
angesetzt.
Wie der Wirtschaftszeitung "Wedomosti" zu entnehmen
war, soll RZD von den Projektkosten im Fernen Osten 737 Mrd. Rbl (18,4
Mrd. Euro) zur Erhöhung der Transportkapazität allein der BAM angesetzt
haben. Mit den restlichen 181 Mrd. Rbl (4,5 Mrd. Euro) könnte das
bereits erreichte Transportniveau auf der Transsib aufrecht erhalten
beziehungsweise "Nadelöhre " auf der Strecke der Reihe nach beseitigt
werden.
Doch sind aus heutiger Sicht längst nicht alle
Finanzierungen gesichert. Aus dem Staatshaushalt werden Zuschüsse in
Höhe von 1,5 Bill. Rbl (ca. 37,5 Mrd. Euro) benötigt. Doch hat die
Regierung dieses Ansinnen der Eisenbahngesellschaft vorerst zurück
gewiesen. Finanziell sei die Eisenbahngesellschaft stark genug, um sich
das notwendige Geld auf dem Kapitalmarkt zu beschaffen. Der Fiskus könne
jedoch mit Garantien der staatlichen Außenhandelsbank Wneshekonombank
(WEB) oder mit direkten staatlichen Garantien aushelfen, hieß es aus dem
Finanzministerium.
RZD kann gemäß den aktuellen
Investitionsplanungen aus den laufenden Einnahmen 3,8 Bill. Rbl
aufbringen. Zudem war die Aufnahme von 0,4 Bill. Rbl über die Emission
von Obligationen von vornherein geplant. Jede weitere Verschuldung auf
dem freien Kapitalmarkt sei aus eigener Kraft aber nicht zu stemmen.
Projektkürzungen seien die Folge, obwohl dadurch die wirtschaftliche
Entwicklung, insbesondere im Fernen Osten durch unzureichende
Transportkapazitäten behindert würde, so die offizielle Stellungnahme
von RZD - diese Verlautbarung klingt nach einer neuen Verhandlungsrunde
mit der frisch eingesetzten russischen Regierung um Subventionen und
Investitionszuschüsse.
Flughäfen
Russlands Flughäfen
werden modernisiert und ausgebaut, anders ist das steigende
Passagieraufkommen nicht zu bewerkstelligen. Die Fluggesellschaften des
Landes haben 2011 fast 64 Mio. Menschen innerhalb des Landes befördert
und damit 12,6% mehr als im Vorjahreszeitraum. Zusammen mit allen
Auslandsverbindungen wurden 112 Mio. Personen auf russischen Flughäfen
abgefertigt (+12,9%).
Vor allem Flughäfen in den Regionen
verzeichneten 2011 Rekorde beim Passagieraufkommen. So stieg die Anzahl
der Reisenden, die auf dem Flughafen Kolzowo in Jekaterinburg
abgefertigt wurden, um 22,1% auf 3,4 Mio. Passagiere. Regionale und
lokale Flughäfen in abgelegenen Gebieten des hohen Nordens und des
Fernen Ostens werden aus verkehrspolitischen Gründen durch den Staat
betrieben und subventioniert.
Der internationale Flughafen von
Nischni Nowgorod schreibt aktuell Projektierungsarbeiten für den Bau
eines Passagierterminals nebst Anbindung an das Eisenbahn- und
Straßennetz aus. Bis zu 950.000 Passagiere pro Jahr sollen hier künftig
abgefertigt werden. Neben den Regionalflughäfen gehen die Ausbauarbeiten
am Knotenpunkt Moskau weiter. So wird im kürzlich privatisierten
Flughafen Scheremetjewo eine dritte Landebahn für über 400 Mio. US$
entstehen.
Russlands größter Airport, Moskau-Domodedowo, wird
gleichfalls einen neuen Besitzer erhalten. Im Gespräch ist ein
Übernahmebetrag zwischen 2 Mrd. und 4 Mrd. US$. Ursprünglich wurden 4,5
Mrd. US$ gefordert. Zur Preisminderung hat die Entscheidung der
Luftfahrtbehörde Rosaviazija geführt, dem Bau einer weiteren Landebahn,
entgegen ursprünglichen Ankündigungen, doch nicht zuzustimmen.
Der
Investitionsfonds A1 (Alfa-Gruppe) hat laut Tageszeitung "Wedomosti"
der Außenwirtschaftsbank VEB vorgeschlagen, in die Übernahme von
Domodedowo als Konsortialpartner einzusteigen. Bei VEB muss jedoch der
Aufsichtsrat zustimmen. In diesem Gremium ist die russische Regierung in
Person des Premierministers vertreten - der anstehenden Entscheidung
fehlt es daher nicht an politischer Brisanz. Beim schärfsten
Konkurrenten in der Übernahmeschlacht handelt es sich um die Gruppe
Summa. Sollte Summa den Zuschlag erhalten, wurde die Sberbank als
Kreditgeber erwähnt. Diesbezügliche Verhandlungen sollen aber noch
laufen.
Das Wirtschaftsministerium rechnet damit, dass sich das
Fluggastaufkommen bis 2014 um 30 bis 40% erhöht und dann bis zu 80 Mio.
Passagiere transportiert werden. Bei der Luftfracht erwartet das
Ministerium im gleichen Zeitraum Zuwächse von 9%. Die Regierung will
daher bis 2015 rund 160 Mrd. Rubel (5,5 Mrd. US$) in Flughäfen
investieren. Nach Angaben des Transportministers weisen 64 von den
insgesamt 300 Airports einen Sanierungsbedarf auf.
Häfen
Russlands
Seehäfen sollen erweitert und besser mit dem Schienennetz des Landes
verbunden werden. Nach Angaben des Transportministeriums haben sich die
Abfertigungskapazitäten in den Häfen in den letzten drei Jahren um 30
Mio. t erhöht. Inzwischen werden 85% des Außenhandels auf dem Seeweg
realisiert.
Strategisch geht es dem Transportministerium vorrangig
um den massiven Ausbau von Hochseehäfen. Damit soll die Abhängigkeit
von Verladekapazitäten in der Ukraine und im Baltikum verringert oder
ganz beseitigt werden. Im Süden Russland konzentriert sich der Ausbau
auf die Häfen Taman, Tuapse und Noworossisk am Schwarzen Meer sowie auf
den Hafen Olja am Kaspischen Meer.
Die Binnenschifffahrt hat 2011
im Vorjahresvergleich bei der transportierten Tonnage um 20% zugelegt.
In diesem Bereich sieht das Transportministerium keinen dringenden
Investitionsbedarf, um Havarien und Unfälle zu vermeiden. So seien nur
drei der insgesamt 335 Schiffshebewerke in einem "gefährlichen", 51
(15,2%) in einem "bedenklichen" Zustand.
Kraftwerksbau
Der
Kraftwerksbau verzeichnet ordentliche Zuwächse. Nach 3,2 GW im Jahr
2010 sind weitere 6,4 GW im Jahr 2011 ans Netz gegangen. Für 2012 ist
vorgesehen, 7,8 GW in Betrieb zu nehmen. Bis 2014 werden die
Kraftwerksbetreiber 1,3 Billionen Rubel (43 Mrd. US$) in Ausrüstungen
investieren.
Der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger Berger
ist Anfang 2012 eigens mit der OAO Tjaschmasch ein
Gemeinschaftsunternehmen eingegangen, um sich besser für die anstehende
Modernisierung der bestehenden 600 Kohle-Dampf-Kessel in russischen
Wärmekraftwerken zu positionieren. Der deutsche Konzern bringt
insbesondere seine Kompetenzen in der Feuerungs- und Kesseltechnik in
das Joint Venture ein. Tjaschmasch ist in Russland wiederum Marktführer
bei der Produktion und beim Warten von Kohlemühlen.
Im Bereich
Kraftwerksbau sucht der Konzern TNK-BP derzeit kompetente Partner zum
Bau dreier Gaskraftwerke auf der Halbinsel Jamal im Norden Sibiriens.
Damit soll die Erdgasförderung energietechnisch abgesichert werden.
Schon aus klimatischen Gründen handelt es sich dabei um anspruchsvolle
Kraftwerksprojekte. Geplant sind Erzeugerkapazitäten mit einer
Gesamtleistung von 250 MW, die später auf bis zu 1 GW aufgestockt werden
können. Vorverhandlungen sollen dem Vernehmen nach mit Inter RAO EES,
Technopromeksport und mit der Gruppe Summa laufen.
Ausgebaut wird
auch die Kernenergie. Für 2012 visiert die für diesen Bereich zuständige
Behörde Rosenergoatom eine Erhöhung der Erzeugung von Atomstrom um
knapp 2% auf 176 Mrd. kWh an. Zur Steigerung soll das KKW Kalinin
beitragen. Weitere signifikante Zuwächse sind 2017 und 2018 zu erwarten,
wenn jeweils ein Reaktor des derzeit im Bau befindlichen KKW Baltiskaja
(Kaliningrader Gebiet) plankonform an das Netz geht. Die Baukosten
werden mit 7 Mrd. US$ beziffert.
Ein weiteres KKW mit zwei
Reaktoren im Projektwert von 194 Mrd. Rubel (6,69 Mrd. US$) soll von
2016 bis 2022 im Kursker Gebiet (KKW Kursk-2) gebaut werden. Damit
würden zwei von insgesamt vier Blöcken im KKW Kursk-1 ersetzt. Gemäß
Presseberichten hat Rosenergoatom mit den Gebietsbehörden Gespräche
aufgenommen, um alle Genehmigungsverfahren zum Bau des KKW Kursk-2
einzuleiten. Vor Ort wird das Vorhaben befürwortet.
Der Bau eines
weiteren KKW mit vier Blöcken im Projektwert von 260 Mrd. Rubel (8,7
Mrd. US$) ist ab 2016 im Gebiet Tscheljabinsk vorgesehen (KKW Südural).
Der Gouverneur des Gebiets will sich für eine Beschleunigung des
Genehmigungs- und Planungsverfahrens einsetzen, da die Kapazitäten zur
Stromerzeugung in diesem Gebiet knapp sind.
Im Bereich der
konventionellen Stromerzeugung soll die Zahl von erdgasbefeuerten
Großanlagen wachsen. So baut die Stromsparte des Mineralölkonzerns
Lukoil ein Gaskraftwerk mit einer projektierten Leistung von 135 MW in
unmittelbarer Nähe zum neuen Chemiekomplex Budjonnowsk.
Im Bereich
Wasserkraft schreibt das Betreiber-Unternehmen RosHydro die
Sanierung/Modernisierung der Blöcke 1, 3 und 5 des Wasserkraftwerkes
Rybinskaja aus. Der Projektwert wird mit 8 Mrd. Rubel (275 Mio. US$)
angegeben. An der Finanzierung ist die Europäische Bank für Wiederaufbau
und Entwicklung (EBRD) beteiligt. Ein neues Wasserkraftwerk plant
RosHydro in Kankunskaja am Fluss Timpton. Der Baubeginn ist für 2013
vorgesehen.
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland