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Dienstag, 10. Mai 2011

"Branche kompakt" Russland - Chemie-, chemische Industrie Verfasser: Bernd Hones, Moskau

Moskau (gtai) - Großprojekte in der Petrochemie, neue Kunststoffkapazitäten und ausgezeichnete Wachstumsprognosen für den Arzneimittelmarkt - Russlands Chemieindustrie hat sich 2010 von der Krise erholt. Die Produktion im chemischen Sektor ist 2010 im Vergleich zum Vorjahr um 14,6% gewachsen. Und 2011 dürfte ebenfalls ein gutes Jahr werden. Getragen wird der Aufschwung von einer hohen Nachfrage seitens der Auto- und der Verpackungsindustrie. Auch der Verkauf von Konsumentenchemikalien verzeichnet ein deutliches Plus.

Marktentwicklung/-bedarf

Die Abnehmerbranchen für chemische Produkte in Russland sind wieder im Aufwind. So hat die Automobilindustrie 2010 um 30% zugelegt, und auch die Verpackungsmittelindustrie profitiert vom Aufschwung. Selbst die Bauwirtschaft soll 2011 endlich wieder anziehen.
Die Umsätze mit Pharmazeutika könnten 2011 wieder zweistellig zunehmen. 2010 hatte der russische Pharmamarkt noch das langsamste Wachstum seit zehn Jahren verzeichnet. Die Umsätze stiegen um 6% auf 654 Mrd. Rubel (Rbl; Devisenkurs am 21.4.2011: 1 Euro = 40,4 Rbl), nach einem Zuwachs von 18% im Jahr zuvor. Ursächlich für die Wachstumsabschwächung waren vor allem die staatlichen Eingriffe bei der Preisfestsetzung für Arzneimittel. Seit April 2010 gelten Obergrenzen für sogenannte lebenswichtige Medikamente, auf die etwa ein Drittel der Apothekenverkäufe entfallen. Die Arzneimittelpreise sind deshalb im Vorjahr durchschnittlich um 2 bis 4% gesunken.
Den Anbietern von Kunststoffen kommt der steigende Pro-Kopf-Verbrauch ihrer Produkte zugute. Laut dem Industrie- und Handelsministerium dürfte sich dieser in Russland bis 2030 auf jährlich 60 kg verdreifachen. Auch die Nachfrage nach Kautschuk soll in 20 Jahren von heute 3,1 kg auf 3,5 kg pro Einwohner steigen.
Marktvolumina von Massenkunststoffen in Russland 2010 (in 1.000 t, Veränderung in %)
Kunststoff 2010 Veränderung 2010/09
Massenkunststoffe, davon 4.500 29
.Polystyrol 457 24
.Polypropylen 783 22
.Polyethylen 1.700 31
.Polyethylenterephthalat 568 15
.Polyvinylchlorid 1.020 34
Quelle: Market Report, zitiert in Prime Tass
Russlands Markt für Kosmetika ist 2010 nach Angaben der Marktforschungsagentur Discovery Research Group um über 10% auf ein Volumen von rund 11 Mrd. US$ gewachsen. Etwa ein Fünftel des Marktes (2,15 Mrd. US$) entfällt auf Parfüms (+7,5% gegenüber 2009). Das Marktvolumen bei Haushaltschemikalien belief sich der Agentur zufolge 2009 auf knapp über 5 Mrd. US$. Der wichtigste Bereich, Waschmittel, verzeichnete 2010 einen deutlichen Aufschwung. Laut Peter Günther, Präsident von Henkel Russland, liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Waschmitteln erst bei 17 Euro im Jahr. In Westeuropa sind es über 40 Euro.
Der Markt für Farben und Lacke hat 2010 wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Insgesamt wurden 1,17 Mio. t verbraucht, das waren 12% mehr als 2009. Damit lag der Durchschnittsverbrauch pro Bürger bei 8,3 kg - rund 15% mehr als im Vorjahr.

Produktion/Branchenstruktur

Die russische Mineraldüngerproduktion ist 2010 im Vergleich zum Vorjahr um über ein Viertel auf 17,9 Mio. t gestiegen. Am dynamischsten hat sich die Stickstoffherstellung mit einem Plus von 56% entwickelt. Das Unternehmen OAO Kowdorski GOK, eine Tochter des Chemieriesen Jewrochim, will 2011 viele seiner Fabriken modernisieren. Das Unternehmen OOO Nemanasot plant zudem einen ganz neuen Düngemittelkomplex für 400 Mio. US$. Uralchim investiert 2011 in sein Werk in Kirowo-Tschepezk im Kirower Gebiet mehr als 25 Mio. Euro.
Die Produktion von Farben und Lacken stieg 2010 um 14% auf über 1 Mio. t. Die drei wichtigsten Hersteller waren Tikkurila mit einem Output von 130.000 t, Empils (100.000 t) und OOO Lakra Sintes (48.000 t). Die Unternehmen hatten mit einem Defizit an Basismaterialien und stark steigenden Preisen für die Rohstoffe zu kämpfen.
Der wichtigste Hersteller von Waschmitteln war 2010 Procter & Gamble mit einem Marktanteil von 43%, gefolgt von dem deutschen Produzenten Henkel, das auf etwa 28% kommt.
Ausländische Pharmaproduzenten halten derzeit einen wertmäßigen Anteil von 80% am russischen Arzneimittelmarkt. Eine wachsende Anzahl von Akteuren hat sich in den vergangenen Jahren zu einer Produktion vor Ort entschieden, viele davon nicht ganz freiwillig. Die Regierung hat eine Liste von 57 strategischen "lebenswichtigen" Medikamenten aufgestellt, die von staatlicher Seite gekauft und über das sogenannte DLO-Programm an Bedürftige ausgegeben werden. Diese Medikamente müssen in Russland hergestellt werden.
Russlands größte Arzneimittel-Hersteller (Umsätze in Mrd. Rbl, Marktanteile in%)
Unternehmen Verkaufsumsätze 2010 Marktanteil im freien Apothekenverkauf
Farmstandard 18,0 16,7
Nischfarm 4,1 3,8
Walenta 3,5 3,3
Werofarm 2,9 2,7
FGUP Mikrogen 2,8 2,8
NPF Materia Medika Holding 2,8 2,8
ChFK Akrichin 2,7 2,7
Biotek MFPDK 2,1 2,1
Moschimfarmpreparaty imeni N. A. Semaschko 1,9 1,9
Krasnogorskleksredstwa 1,7 1,7
Quelle: DSM Group, zitiert nach Tageszeitung Kommersant
In Russland wurden 2010 rund 249 Mio. t Erdöl verarbeitet. Das waren 5,6% mehr als im Vorjahr. Die Benzinproduktion stieg um 0,5% auf 36 Mio. t, die von Diesel um 4% auf 70 Mio. t, von Masut um 8,2% auf 69 Mio. t und von Kerosin für Flugzeuge um 6% auf 9 Mio. t. Der Wachstumstrend dürfte anhalten. Bis 2015 will die russische ölverarbeitende Industrie rund 37 Mrd. Euro in neue Kapazitäten und die Modernisierung bestehender Anlagen investieren, heißt es im russischen Energieministerium.
Russlands größter Chemiekonzern Sibur hat 2010 die Produktion chemischer Erzeugnisse um 6% auf 16,5 Mio. t gesteigert. Dazu zählen Autoreifen, Mono- und Polymere sowie viele weitere Chemieprodukte. Für 2011 plant Sibur ein Produktionswachstum auf 18,8 Mio. t. Dazu will die Holding 1,8 Mrd. Euro investieren.
In den Jahren 2016 bis 2019 sollen in Russland vier oder fünf neue Anlagen mit Kapazitäten zur Pyrolyse von 1 Mio. t organischer Verbindungen gebaut werden, heißt es im Entwicklungsplan des Ministeriums. Außerdem will man sechs Cluster für die Erdöl- und Erdgaschemie schaffen: ein west- und ein ostsibirisches, eines im Fernen Osten, eines an der Wolga, ein kaspisches und ein nordwestliches Cluster. Die Autoren der Entwicklungsstrategie versprechen sich von den neuen Clustern eine Vervierfachung der Produktion von Monomeren, 30.000 neue Arbeitsplätze und einen jährlichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 16 Mrd. Euro.
Kapazitäten der wichtigsten Erdölverarbeiter in Russland 2009 (in Mio. t)
Unternehmen Kapazitäten
Rosneft 53,4
Lukoil 44,7
Gasprom Neft 39,1
TNK-BP 31,6
Surgutneftegas (Werk Kirischski) 17,3
Quelle: Rbk daily
Vom Moskauer Petrochemiewerk von Gasprom Neft bis zum Petrochemiekomplex von Rosneft in Sysran - Russlands Erdölverarbeiter investieren Milliarden in die Modernisierung ihrer Anlagen zur Produktion höherwertigerer Produkte sowie in den Umweltschutz. Bis 2014 steigen die meisten Konzerne auf die Produktion von Treibstoffen nach Euro-4- oder Euro-5-Standard um. Allein die Modernisierung der Petrochemiewerke in den Regionen Moskau, Jaroslawl und Rjasan sollen laut Premierminister Putin in den kommenden Jahren knapp 3 Mrd. Euro kosten. Der Lukoil-Konzern will 2011 die Benzin-Produktion um 23% erhöhen und erstmals auch Treibstoff gemäß der Euro-5-Norm an seinen Tankstellen verkaufen.
Geplante Investitionsprojekte in der russischen Chemieindustrie
Durchführungsgesellschaft Vorhaben Wert Projektstand Anmerkung
GK Taif Neue Kapazitäten, Modernisierung alter Anlagen 8,55 Mrd. Euro 2011-2016 Kasanorgsintes, Nischnekamsnewtechim, Taif-NK
Gasprom Neft Rekonstruktion des Moskauer Petrochemiewerks 1,51 Mrd. Euro bis 2020 Abgasverringerung um den Faktor 2,5
Lukoil Polyethylenwerk im Stawropolski Krai k.A. in Planung; Inbetriebnahme 2015 Kapazitäten: 600.000 t
OAO Taif-NK Modernisierung der Petrochemieanlage 2,1 Mrd. Euro Bauzeit 2011 bis 2016 Erreichen der Umweltstandards 4 und 5
OAO Angarski Sawod Polimerow Polypropylenanlage 625 Mio. Euro Bauzeit bis 2014 Kapazitäten für 270.000 t PP pro Jahr
OOO Nemanasot Ammoniak-Karbamid-Werk 400 Mio. US$ Projektion und Bau bis 2014 Düngemittelproduktion geplant
AstraZeneca Pharmaziewerk im Gebiet Kaluga 150 Mio. US$ Bauzeit bis Herbst 2013 im Technopark Worsino
Quellen: Marktforschungsinstitut Creon, russische Wirtschaftspresse

Außenhandel

Die Chemieimporte der Russischen Föderation legten 2010 um 32,5% zu. Hatten Medikamente 2009 gemessen am Importwert noch einen Marktanteil von 79%, so sank deren Beitrag 2010 nach Berechnungen der DSM Group auf 76%. Allerdings müssen die russischen Hersteller immer noch 90% ihrer Ausgangsstoffe im Ausland einkaufen, so dass die Abhängigkeit von Importen hoch bleibt.
Einfuhr ausgewählter Chemieerzeugnisse nach Russland (in Mrd. US$)
HS-Kap. Warenbezeichnung 2009 2010 davon aus Deutschland (2010)
28 Anorganische chemische Erzeugnisse etc. 2,15 2,70 0,11
29 Organische chemische Erzeugnisse 1,53 2,17 0,40
30 Pharmazeutische Erzeugnisse 8,51 11,12 2,02
31 Düngemittel 0,03 0,04 0,00
32 Gerb- u. Farbstoffauszüge; Tannine; Farbstoffe; Anstrichfarben u. Lacke etc. 1,58 1,96 0,40
33 Ätherische Öle und Resinoide; Duft-, Körperpflege- oder Schönheitsmittel 2,60 3,15 0,51
34 Seifen; Waschmittel, Schmiermittel, künstliche Wachse etc. 0,99 1,26 0,28
35 Eiweißstoffe; Klebstoffe etc. 0,42 0,50 0,10
38 Verschiedene Erzeugnisse der chemischen Industrie 1,71 2,05 0,49
39 Kunststoffe u. Waren daraus 5,75 8,14 1,53
40 Kautschuk u. Waren daraus 1,63 2,52 0,34
Summe
26,89 35,62 6,18
Quelle: Föderaler Zolldienst der Russischen Föderation
Der Wert der russischen Chemieexporte stieg 2010 um 30,8%. Die wichtigsten Exportgüter waren Düngemittel, synthetische Kautschuke und einfache Polymere. Die russischen Ausfuhren an Agrarchemikalien nahmen um über 30% auf 28,2 Mio. t zu. Allein die Exporte von Nischnekamskneftechim, einem der größten Chemiekonzerne Russlands, expandierten 2010 um 57% auf 1,55 Mrd. US$.

Geschäftspraxis

Eine Reihe von chemischen Produkten (auch Importerzeugnisse) ist nach dem nationalen Normensystem GOST-R zertifizierungspflichtig. Für die Zertifizierung vor Ort stehen Prüf- und Testlabors zur Verfügung, die für die entsprechenden Warengruppen beim Normeninstitut Föderale Agentur für technische Regulierung und Metrologie akkreditiert sind. In Deutschland werden von der russischen Seite anerkannte Zertifikate von der DIN GOST TÜV Berlin-Brandenburg, Gesellschaft für Zertifizierung in Europa mbH (GZE Berlin) und der in Hamburg ansässigen SGS-Controll-Co. m.b.H. erteilt. Bei der Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien orientiert sich Russland am UN-System GHS (Globally Harmonized System of Classification and Labelling of Chemicals).

Kontaktadressen

Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
Deutsch-Russische Auslandshandelskammer http://russland.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Wirtschaftsministerium der Russischen Föderation www.economy.gov.ru zuständig u.a. für nationale Förderprogramme
Industrie- und Handelsministerium der Russischen Föderation www.minprom.gov.ru zuständig u.a. für Industriepolitik, Entwicklungsprogramme und Zolltarifpolitik
Föderale Agentur für technische Regulierung und Metrologie www.gost.ru Website enthält auch eine Datenbank zum Normensystem GOST-R
Rossiski Sojus Chimikow www.ruschemunion.ru Vereinigung der größten russischen Chemieunternehmen, Forschungseinrichtungen und Institute
RCCNews www.rccnews.ru Fachstudien und Nachrichten über die russische Chemiebranche
Creon www.creon-online.ru Marktstudien, Consulting, Fachkonferenzen zum Kunststoffmarkt und zur Petrochemie
Pharmexpert www.pharmexpert.ru Marktstudien und Consulting zum Arzneimittelmarkt
Chimkurier www.him-kurier.ru Fachjournal für den Chemiesektor
Niitechem www.niitekhim.ru Forschungsinstitut
Interplastika www.interplastica.ru Jährliche, internationale Fachausstellung für Kunststoff und Kautschuk
Interlakokraska www.maxima-expo.ru Jährliche Fachausstellung für Farben und Lacke
Intercharm www.intercharm.net Fachausstellung für Parfüms und Kosmetika