Jährlicher Bedarf von 70.000 Güterwaggons / Investitionen in neue Fabriken und in die Produktion von Zubehörteilen / Von Gerit Schulze und Edda Wolf
Moskau (gtai) - Der steigende Güterverkehr in Russland sorgt für gute Geschäfte der Waggonbauer. Derzeit können sie die Nachfrage der Eisenbahn-Unternehmen nach Waggons nicht decken. Deshalb investieren sie in neue Produktionslinien und in die Fertigung von Zubehörteilen, wie Eisenbahnrädern.
Außerdem suchen die russischen Waggonbauwerke zunehmend im Ausland nach Kooperationspartnern, um die Qualität ihrer Produkte zu verbessern und neue Märkte zu erschließen.
Russlands Gütertransporte per Schiene haben im Jahr 2010 wieder deutlich zugelegt. Mit einem Plus von 9% stieg das Eisenbahn-Frachtvolumen auf über 1,2 Mrd. Tonnen. Der positive Trend beim Güterverkehr sorgt für volle Auftragsbücher bei den Waggonherstellern. Nach Informationen der Tageszeitung RBK Daily haben Russlands Gießereien 2010 rund 90.000 Gussteile für den Waggonbau geliefert. Der Bedarf der einheimischen Industrie von 120.000 Einheiten konnte damit bei weitem nicht gedeckt werden. Die Gussteile werden sowohl von Waggonbauern als auch in den Ausbesserungswerken eingesetzt. Die große Nachfrage und das unzureichende Angebot hatten 2010 zu erheblichen Preissteigerungen für Waggontechnik geführt.
Ein großer Teil des Defizits wird durch Importe aus der Ukraine gedeckt. Immer stärker drängen aber auch chinesische Anbieter von Waggonkomponenten auf den russischen Markt. Laut Zeitungsberichten wollen die russische Eisenbahngesellschaft RZD (für ihre Ausbesserungswerke) und der größte Waggonbauer OAO NPK Uralwagonsawod (für eine Produktionserweiterung) schon in diesem Frühjahr Waggon-Gussteile in der VR China ordern.
Uralwagonsawod ist dabei, am Standort Omsk bis Ende 2011 ein neues Waggonwerk für offene Güterwaggons, Kesselwagen und Flachwagen einzurichten. Mit Investitionen von 2 Mrd. Rubel (50 Mio. Euro, Wechselkurs am 17.5.2011: 1 Euro = 39,68 Rubel) soll eine Jahresproduktion von 5.000 Waggons aufgebaut werden.
Außerdem plant Uralwagonsawod den Bau eines Werks für Halbzeuge aus Stahlguss in der Stadt Balakowo (Gebiet Saratow). Das Projekt wird gemeinsam von Uralwagonsawod und OAO Sawod Metallokonstrukzij Engels ( http://ezmk.net) in zwei Etappen realisiert. Gegenwärtig läuft die Projektierung. Mit dem Bau soll am Ende des Sommers 2011 begonnen werden. In der 1. Etappe werden 1,5 Mrd. Rubel (37,8 Mio. Euro) investiert, um eine Kapazität von 30.000 t Stahlguss pro Jahr zu errichten. Es soll moderne Technologie aus Deutschland genutzt werden. Der Output ist für den Eigenbedarf von EZMK und Uralwagonsawod bestimmt. Später ist in einer 2. Etappe die Erhöhung der Produktionskapazität angedacht.
Das größte Projekt von Uralwagonsawod ist der Bau eines neuen Werks zur Produktion von Stahlgussteilen, Rohren und Federn für die Drehgestelle von Güterwaggons am Hauptsitz in Nishni Tagil. Das Projekt A-065 soll in drei Phasen realisiert werden:
1. Phase: Gasturbinen-Kraftwerk (240 bis 260 MW; für Strom, Dampf und Heißwasser), Umspannstation, Stickstoff-Sauerstoff-Anlage, Kohlendioxid-Anlage, Turbokompressor-Station für Druckluft, Schulungs- und Konstruktions-Technologie-Zentrum mit Versuchsproduktion, Elektrostahlwerk (geplante Jahreskapazität: 448.000 t), Werksteil zur Produktion von großen Stahlknüppeln für Güterwaggons (60.000 Stück);
2. Phase: Schmiede zur Produktion von Rohren (1.000 Stück), Werksteil für die Herstellung von Stahlfedern (40.000 Stück);
3. Phase: Werksteil für die Produktion von kleinen und mittelgroßen Stahlknüppeln (45.000 Stück).
Die Ausschreibung für die Projektierung des Werks endete am 6. Mai 2011; vorzulegen sind die fertigen Unterlagen bis Juli 2012. Das Werk soll 2013 fertig gestellt werden. Die Investition beläuft sich auf 8,4 Mrd. Rubel (211,86 Mio. Euro, inklusive MwSt).
Daneben wird das bestehende Werk in Nishni Tagil von 2011 bis 2012 modernisiert. Die Arbeiten werden gemeinsam von Spezialisten von Uralwagonsawod und SAO IPP Komponent aus Tscheljabinsk ( www.component-chel.ru) durchgeführt.
Überdies wurde bekannt, dass Uralwagonsawod die Anteile des Staates (42,5%) am Passagierwaggonbauer Twerski wagonostroitelny sawod übertragen bekommen soll. Experten bezweifeln aber, dass dadurch besondere Synergieeffekte bei der Waggonproduktion erzielt werden können.
Noch mehr Kapazitäten kommen 2011 durch die Inbetriebnahme des neuen Waggonwerks in Tichwin bei Sankt Petersburg hinzu. Perspektivisch könnte diese Fabrik bis zu 30.000 Waggons pro Jahr produzieren. Das Projekt kostet rund 1 Mrd. US$. Investor ist die Moskauer Industrie- und Finanzholding IST ( www.ict-group.ru/assets/transport/tvsz/).
Die Gruppe WKM (Waggonbau Gesellschaft Mordowiens) plant, noch 2011 im Stahlwerk OOO WKM-Stal in Saransk ( www.vkm-steel.ru) eine große Fertigungslinie für Stahlguss zu übergeben. Dort sollen pro Jahr 30.000 t große Gussteile für rund 15.000 Güterwaggons produziert werden.
Nicht in neue Kapazitäten, sondern in die technische Umrüstung und Modernisierung ihrer Produktion investiert die OOO PO Wagonmasch in Shelesnogorsk (Kursker Gebiet, www.gcvm.ru). Für 2011 sind nicht weniger als 50 Mio. Rubel (1,26 Mio. Euro) vorgesehen.
Nach Informationen der Marktforschungsagentur Infoline-Analytika werden die russischen Waggonbauer bis 2012 monatlich rund 12.500 Waggons produzieren können. Das wäre rund ein Fünftel mehr als derzeit.
Einer der größten Kunden der Waggonindustrie in Russland ist Brunswick Rail - ein Leasingunternehmen, das pro Jahr rund 3.500 neue Waggons anschafft. Brunswick Rail hatte Ende April 2011 über 15.000 Waggons im Bestand und rechnet mit großen Zuwachsraten im russischen Eisenbahn-Frachtgeschäft. In den nächsten zehn Jahren werden die russischen Bahngesellschaften nach Berechnungen von Brunswick Rail 700.000 neue Güterwaggons benötigen, um ihren Altbestand zu erneuern und die wachsende Nachfrage nach Transportdienstleistungen zu befriedigen. Beispielsweise hat die OAO Perwaja grusowaja kompanija, eine Fracht-Tochterfirma der OAO RZD, 20.000 Halbwaggons bei Uralwagonsawod bestellt. Deren Auslieferung soll zwischen 2012 und 2014 erfolgen.
Trotzdem befürchten Experten angesichts der Ausbaupläne bei den Waggonbauern bereits wieder Überkapazitäten. Zwar wird der Güterverkehr im Einklang mit der positiven Wirtschaftsentwicklung auch in den kommenden Jahren wieder deutlich zulegen. Doch nach dem Investitionsboom bei den Eisenbahnunternehmen dürfte die Nachfrage nach Güterwaggons bald wieder abnehmen. Für 2011 bis 2013 wird ein Bedarf von 70.000 bis 75.000 Waggons pro Jahr erwartet.
| Hersteller | Region / Internetseite | 2010 | 2011 *) | 2012 *) | 2013 *) | 2014 *) |
| NPK Uralwagonsawod | Swerdlowskaja Gebiet / www.uvz.ru | 19.200 | 20.300 | 23.700 | 23.700 | 23.700 |
| Beschizki stalelitejny sawod | Brjansk / www.bstal.ru | 11.400 | 11.300 | 31.600 | 31.800 | 31.800 |
| Tichwinski wagonostroitelny sawod | Leningrader Gebiet / www.tvsz.ru | - | 3.000 | 7.000 | 20.000 | 30.000 |
| Promtraktor-Promlit | Tschuwaschien / www.dzhdliv.ru www.promlit.com www.promtractor-vagon.com | 10.600 | 18.000 | 20.000 | 20.000 | 20.000 |
| Altajwagon | Altajski Krai / www.altaivagon.ru | 7.700 | 9.000 | 9.000 | 9.000 | 9.000 |
| WKM-Stal *) | Mordowien / www.vkm-steel.ru | - | 1.000 | 11.000 | 11.000 | 11.000 |
| Summe | 48.900 | 62.600 | 102.300 | 115.500 | 125.500 |
*) WKM = Waggonbau Gesellschaft Mordowiens, gehört zu OOO UK holdinga Russkaja Korporazija Transportnogo Maschinostroenija ( www.h-ruscortm.ru), die wiederum eine Tochtergesellschaft von Russian Maschines ( www.russianmachines.ru) ist
Quellen: Tageszeitung Kommersant, Unternehmensangaben, Recherchen von Germany Trade & Invest
Der Trend geht bei Russlands Waggonbauern zu mehr internationaler Kooperation. Uralwagonsawod plant, gemeinsam mit dem US-Hersteller Amsted Rail ein Werk zur Produktion von Teilen für den Waggonbau in Russland zu errichten. In der neuen Fabrik sollen vor allem hochwertige Eisenbahnräder produziert werden, sagte Konzernchef Oleg Sienko. Nach seinen Angaben seien herkömmliche russische Räder nach 300.000 Kilometern verschlissen. Amerikanische Räder dagegen hätten eine Lebensdauer von über 800.000 Kilometern.
Außerdem hat Uralwagonsawod im Jahr 2010 die französische Sambre et Meuse übernommen und will von deren Know-how bei Gestellen profitieren. Umgekehrt planen die Russen, Achsen in das französische Werk zu liefern.
Ferner arbeitet Uralwagonsawod seit April 2011 mit TOO Kamkor Management, dem Marktführer bei Reparaturdienstleistungen für den Fuhrpark der kasachischen Eisenbahn, zusammen. Ziel ist die Entwicklung des Waggonbaus in Kasachstan. So beginnt die TOO Kasachstanskaja wagonostroitelnaja kompanija ( www.kvk.kz) mit der Fertigung von Halbwaggons und Tank-Containern für Flüssiggas. Auf dem Gelände der AO Wostokmaschsawod ( www.vkmz.ru) in Ust-Kamenogorsk soll die Produktion von Stahlgussteilen für den Waggonbau organisiert werden. Darüber hinaus sind ein gemeinsames Projekt im Bereich der Wartung und Reparatur von Waggons, die Frage der Organisation des Transports von Gütern in Waggons mit Spurwechselradsätzen und die Einrichtung eines Ingenieurzentrums für Waggonbau Bestandteile der Vereinbarung über Zusammenarbeit zwischen Uralwagonsawod und Kamkor.
Das Tichwinsker Waggonbauwerk (bei Sankt Petersburg) kooperiert mit der slowakischen Tatravagonka, um gemeinsam Gestelle für Waggons zu entwickeln.
Die Zulieferer der Waggonindustrie stellen sich derweil auf eine höhere Nachfrage ein. Russlands größter Produzent von Eisenbahn-Rädern, die Metallurgieholding OMK, will bis 2015 rund 9 Mrd. Rubel in den Ausbau dieser Sparte investieren. Die Produktion soll von 750.000 im Jahr 2011 auf bis zu 1,2 Millionen Räder steigen. OMK beherrscht rund zwei Drittel des russischen Marktes für Eisenbahnräder.
Die Evraz Group will im Metallurgiekombinat Nischni Tagil (NTMK) künftig superharte Eisenbahnräder für den nordamerikanischen Markt herstellen. Wie das Unternehmen im Mai 2011 mitteilte, werde diese Neuentwicklung demnächst für den Export zertifiziert.
Das Kamensk-Uralsker metallurgische Werk ( www.kumz.ru) beginnt 2011 mit der Produktion von Strangpressprofilen aus Aluminium für die Bahnindustrie. Mitte Mai startete der Probebetrieb. Außerdem will KUMZ im Rahmen des Investitionsprojekts "Walzenkomplex" eine Kaltwalzanlage bauen. Die Frist zur Teilnahme an der Ausschreibung für die Projektierung und den Bau der Anlage endete am 20. Mai 2011.
| Gütertransport | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 |
| Eisenbahn-Transporte in Mio. Tonnen | 1.273 | 1.312 | 1.345 | 1.304 | 1.109 | 1.206 |
| Veränderung zum Vorjahr in % | 4 | 3 | 3 | -3 | -15 | 9 |
| Eisenbahn-Transporte in Mrd. Tonnenkilometern | 1.858 | 1.951 | 2.090 | 2.116 | 1.865 | 2.011 |
| Veränderung zum Vorjahr in % | 3 | 5 | 7 | 1 | -12 | 8 |
Quelle: Rosstat
| Fracht | Frachtvolumen in Mio. Tonnen | Anteil am Gesamtvolumen in % |
| Gütertransporte insgesamt | 1.206 | 100 |
| davon: | ||
| ..Steinkohle | 268 | 22 |
| ..Rohöl und Ölprodukte | 253 | 21 |
| ..Baustoffe, Baumaterialien (ohne Zement) | 143 | 12 |
| ..Eisen- und Manganerze | 102 | 8 |
| ..Schwarzmetalle | 73 | 6 |
| ..Mineraldünger | 46 | 4 |
| ..Forstprodukte | 42 | 3 |
| ..Zement | 33 | 3 |
Quelle: Rosstat