Landesweit starten dutzende Millionenprojekte / Trotzdem steht Russland vor einer Müllkatastrophe / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Russland bekommt seine Abfallentsorgung nicht in den Griff:
Mülltrennung ist ein Fremdwort, das Gros der russischen Deponien ist
veraltet und total überfüllt und das Aufkommen pro Bürger steigt von
Jahr zu Jahr. Eine Lösung können nur Anlagen zur Wiederverwertung des
Mülls bringen. Doch dazu sind laut Expertenmeinung in den kommenden 15
Jahren 40 Mrd. Euro Investitionen nötig. Ausländische Firmen starten
erste Pilotprojekte. Nowosibirsk geht mit einem Millionenprogramm in die
Offensive.
Das Gebiet Nowosibirsk räumt auf mit seinem Müll. Von 2012 bis
2016 sollen 26 Deponien und fünf Anlagen zur Verarbeitung von Müll
gebaut werden. Dieses Fünfjahresprogramm hat die Verwaltung des Gebietes
Nowosibirsk 2011 verabschiedet. Der Etat für die Projekte liegt bei 5,8
Mrd. Rubel (150 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 27.4.2012: 1 Euro =
38,88 Rubel). Davon sollen 1,2 Mrd. Rubel aus dem Budget der
Gebietsverwaltung und 4,3 Mrd. Rubel von privaten Investoren kommen,
meldete die Nachrichtenagentur Prime Tass. Den Rest müssten die Kommunen
beisteuern. Nowosibirsk verfolgt das Ziel, die Verarbeitungsquote von
festen Siedlungsabfällen auf 50% und von gesundheitsgefährdenden
schwermetallbelasteten Abfällen und alten Kfz-Reifen auf 95% zu erhöhen.
Damit
würde die Region Nowosibirsk zu den Spitzenreitern in der Russischen
Föderation gehören. Denn im landesweiten Durchschnitt werden nur 5%
wiederverwertet. Zum Vergleich: in Deutschland sind es 80%. Insgesamt
fallen in Russland jährlich 160 Mio. cbm beziehungsweise 35 Mio. bis 40
Mio. t fester Haushaltsmüll an. Der überwiegende Teil des Mülls wird
einfach auf Deponien gelagert oder verbrannt. Wenn nicht umgehend in ein
besseres Verarbeitungssystem investiert wird, versinkt Russland in
seinen Abfällen. Nachrichten von brennenden Müllhalden und
wutentbrannten Anwohnern, die tagelang wegen hochgiftiger Gase ihre
Häuser nicht verlassen dürfen, sind keine Seltenheit.
Die Lage
könnte sich zudem weiter zuspitzen. Denn Jahr für Jahr steigt das
Müllaufkommen. Heute produziert jeder Bürger durchschnittlich 330 kg pro
Jahr, in 15 Jahren dürften es 500 kg sein, prognostizieren Experten der
International Finance Corporation (IFC). Dabei sind die heutigen
Deponien bereits zu zwei Drittel vollgestopft mit Unrat. Außerdem sind
laut der Aufsichtsbehörde für den Umweltschutz Rosprirodnadsor 370
Mülldeponien russlandweit illegal errichtet worden und müssten umgehend
rückgebaut werden. Wenn nicht in Recyclinganlagen investiert wird,
müssten zum Jahr 2025 rund 93% aller neuen Abfälle in Deponien
endgelagert werden, glauben die IFC-Experten. Dazu müsste Russland in
den kommenden 15 Jahren seine Deponiekapazitäten verdoppeln. Da dies
nicht wünschenswert ist, muss der Müll wiederverwertet werden. Um damit
künftig sogar Geld verdienen zu können, sind 40 Mrd. Euro für den Bau
entsprechender Recyclingkapazitäten erforderlich.
Dem Gesetzgeber
sind diese Probleme bewusst: Die Abgeordneten der Staatsduma erwägen
eine Müllgebühr. Diese soll nicht etwa vom Verbraucher erhoben werden,
sondern von Importeuren und Herstellern von Haushaltswaren und
Lebensmitteln (wegen der Verpackungsabfälle). So könnten schon bald 2%
der im Einzelhandel generierten Umsätze in die Taschen von
Abfallverwertungsbetrieben fließen. Doch Industrie und Einzelhandel
lobbyieren massiv gegen den Vorstoß.
Bisher zahlt nur der
Verbraucher für den Müll, aber entschieden zu wenig für einen rentablen
Betrieb. So beläuft sich die Müllgebühr in größeren Städten auf 3 bis 4
Euro pro Person und Monat. In den Regionen sind die Tarife sogar noch
geringer. In Kirow etwa wird der Bereich Müllabfuhr dem Posten
"Instandhaltung von Wohnraum" zugeordnet. Für diese Position, unter die
praktisch alle Instandhaltungskosten fallen, hat jeder Bürger 22 Rubel
im Monat zu bezahlen, also gerade einmal 50 Cent. Ein Bruchteil davon
fließt in die Müllentsorgung.
Die IFC empfiehlt daher, die Gebühr
auf 30 bis 35 Euro zu erhöhen. Das würde Investitionen in den
Abfallsektor rentabler machen und die Menschen zur Mülltrennung bewegen.
Bis heute hat sich in Russland noch kein System zur getrennten
Müllsammlung durchgesetzt. PET-Automaten, wie sie etwa in Moskau
zwischenzeitlich aufgestellt worden waren, haben sich nicht bewährt. Pro
Flasche gaben diese Automaten 10 Kopeken aus. Das heißt: Um einen Euro
als Rückpfand zu erhalten, musste man 400 Flaschen abgeben - eine große
logistische Herausforderung ohne pekuniären Anreiz. Viele dieser
Pfandautomaten wurden wieder abgebaut oder sind seit Jahren außer
Betrieb.
Dasselbe gilt für Glas und Altpapier. Beides landet heute
in der Regel im Restmüll. Denn die Entgelte, die an Sammelstellen dafür
gezahlt werden, sind geradezu lachhaft. Für ein Kilo Altpapier gibt es
gerade einmal 1,0 bis 1,5 Rubel. Für 1 Euro müssen Rentner und
Arbeitslose, die auf dieses Geld angewiesen sind, 40 Kilo Papier
anschleppen. Davon können sie jedoch noch nicht einmal das Metroticket
für die Hin- und Rückfahrt bezahlen. Das Fatale: Vor etwa einem Jahr gab
es für das Kilo noch 2 bis 3 Rubel. Eine Halbliterflasche Bier, eine
Wodka- oder eine Weinflasche bringt in der Regel 50 Kopeken. Sprich: Für
4 Bierkästen erhalten Sammler 1 Euro. Nur manche Sammelstellen sind
großzügiger und zahlen 1 Rubel pro Flasche.
Mit einer neuen
Initiative will die internationale Organisation Greenpeace das Netz von
Sammelstellen feinmaschiger stricken und transparenter gestalten.
Mittlerweile finden sich auf der Homepage der Organisation Adressen von
weit über 60 Sammelstellen allein in Sankt Petersburg. Dazu gibt es
Infos über die Sammelstelle und die Tarife für das Sammelgut. Auf der
Seite der beliebten russischen Suchmaschine http://www.yandex.ru
sind es immerhin 33 Sammelstellen im gesamten Stadtgebiet von Sankt
Petersburg.
Außerdem organisiert Greenpeace in vielen russischen Städten
Aktionen zur Mülltrennung.
In Sankt Petersburg ist das Problem
mit den Abfällen längst zum Politikum geworden. Wütende Bürger im
angrenzenden Leningrader Gebiet demonstrierten Anfang April 2012 gegen
eine neue Mülldeponie, die ab 2012 nahe des Dorfes Mischinsk gebaut
werden sollte. Zuvor hatte es rund um Sankt Petersburg immer wieder
Brände auf uralten Mülldeponien gegeben. Anwohner klagten über
Gesundheitsschäden.
Bei Sankt Petersburg, im Moskauer Gebiet und
im Föderalbezirk an der Wolga wollen die Unternehmen Rosatom und OAO
Inter RAO EES Gemeinschaftsunternehmen zur Wiederverwertung von
quecksilberhaltigen Energiesparlampen bauen. Kostenpunkt pro Werk: 10
Mio. US$. Jedes Jahr sollen mindestens 5 Mio. Lampen pro Werk zerlegt
werden. Glas, Metall und sollen vom Quecksilber getrennt und gereinigt
werden, damit die Materialien wieder verwendet werden können, heißt es
bei Rosatom.
Auch Smolensk verfolgt ehrgeizige Ziele: Die Stadt im
Südwesten Russlands produziert jährlich 200.000 t Müll. Neben der
bestehenden Müllhalde Kutschino im Gebiet Smolensk soll ein neues
Müllverarbeitungswerk für 3,5 Mio. Euro entstehen. Das Projekt umfasst
eine Müllsortieranlage, einen Werksteil zur Verarbeitung von
Sekundärstoffen und eine Fabrik zur Herstellung von Baumaterialien. Die
Bauarbeiten starteten Ende 2011. Außerdem plant Smolensk für 2,5 Mio.
Euro ein Werk zur Verarbeitung von biomedizinischen Abfällen.
In
der Nachbarregion Belgorod entsteht für rund 1 Mrd. Rubel (26 Mio. Euro)
eine neue Müllverarbeitungsanlage. Aus den Abfällen soll dort künftig
Strom und Heizenergie erzeugt werden (Kapazität: 2,5 Megawatt). Der
Betreiber OOO TK Ekotrans könnte die Arbeit schon 2013 aufnehmen, meldet
das Internetportal http://www.cleandex.ru Anfang April 2012.
Auch
deutsche Unternehmen sind in Russland am Geschäft mit dem Müll
beteiligt. So plant etwa der deutsche Entsorgungskonzern Remondis ein
neues Müllverarbeitungswerk in Saransk. Die Kapazität soll bei 150.000 t
Hausmüll pro Jahr liegen. Das ist bereits das zweite Engagement von
Remondis in der Region. Denn im September 2011 hatte das Unternehmen die
Sammlung, Sortierung und Entsorgung des Hausmülls in Saransk
übernommen. Seither wurden knapp 4 Mio. Euro in das Projekt investiert.
Daneben ist Remondis auch in Moskau und Nischni Nowgorod aktiv.
Die
unterfränkische Firma Nukem hat Mitte März 2012 einen Auftrag zur
Planung und Lieferung der technologischen Ausrüstung für einen neuen
Abfallbehandlungskomplex im russischen Kernkraftwerk Kursk erhalten. Vor
allem schwach- und mittelradioaktive Abfälle sollen dekontaminiert
werden. Dadurch soll vor allem ein Großteil der Metalle wiederverwertet
werden können.
In der baschkirischen Hauptstadt Ufa plant der
japanische Investor Mitsubishi Heavy Industries Ltd. ein
Müllverarbeitungswerk mit einer Kapazität für 90.000 t pro Jahr. Bei der
Verarbeitung entstehen neben Strom auch Spaltgas und Asche, die im
Straßenbau eingesetzt werden können. Weil in Russland grundsätzlich kein
Müll getrennt wird, wird auch diesem Werk eine Müllsortieranlage
vorangeschaltet. Die Kosten dürften sich auf 3,2 Mrd. Rubel (82 Mio.
Euro) belaufen.
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland