Olympstroi sucht Ausweg in Einsparungen / Qualitätsabstriche abzusehen
Moskau
(gtai) - Beim Sportstättenbau für die Olympischen Winterspiele 2014 in
Sotschi drohen die Kosten aus dem Ruder zu laufen. Es fängt mit der
Errichtung des Zentralstadions an. Bei dessen Projektierung im Jahr 2009
wurde ein finanzieller Aufwand von 7,5 Mrd. Rubel (192 Mio. Euro)
veranschlagt. Wenige Monate später stieg der Bedarf auf 11,1 Mrd. Rubel
(circa 280 Mio. Euro), nur um bald danach auf 15,5 Mrd. Rubel (circa 397
Mio. Euro) empor zu schnellen.
Im Frühjahr 2012 stellte der Generalauftragnehmer, die
Vereinigung Engeocom (http://engeocom.ru), neue Forderungen über 23,5
Mrd. Rubel (circa 600 Mio. Euro) auf. Selbst unter Berücksichtigung der
Inflation bedeutet das eine Verdreifachung der ursprünglich angenommenen
Kosten.
Engeocom kooperiert beim Projekt Zentralstadion mit dem
Architekturbüro Populous, dem Planungsbüro Mosprojekt-4 und dem
Projektentwickler Botta Management Group. Alle diese Firmen verfügen
über erstklassige Referenzen für die Projektierung und Projektsteuerung
von Sportstätten auf der gesamten Welt. Engeocom erklärte die
Kostenexplosion unter anderem damit, dass der Auftraggeber nachträglich
zusätzliche Forderungen aufgestellt hat.
Zum Beispiel sollen die
Tribünen im Anschluss an die Olympiade umgebaut werden, damit in dem
Stadion Fußballspiele im Rahmen der WM 2018 ausgetragen werden können.
Mit jeder neuen Anforderung ist aber eine Revision der gesamten
Projektierung verbunden, einschließlich der Ablaufgraphiken, der
Zulieferbeziehungen, bis hin zu neuen Bau- und Installationsmaterialien.
Baumaterial, Baustoffe, technische Geräte, selbst Treibstoff sind in
der Gegend um Sotschi im Preis jedoch exorbitant gestiegen durch die
hohe Anzahl von Bauprojekten. Auch das konnte zu Projektierungsbeginn
nicht kalkuliert werden.
Koordinator der bautechnischen Olympiavorbereitung ist die staatliche Organisation "Olimpstroi" (http://www.sc-os.ru).
Olimpstroi hatte postwendend eine Mittelerhöhung für die Fertigstellung
des Zentralstadions beim Ministerium für regionale Entwicklung
beantragt, das wiederum die Fachaufsicht über Olimpstroi und damit über
das Baugeschehen führt.
Präsident Putin lehnte es im Mai 2012
jedoch ab, weitere Gelder aus dem Staatshaushalt zur Deckung von
Mehrkosten zur Verfügung zu stellen. Diese ablehnende Haltung solle
insbesondere für Vorhaben gelten, deren Kostenvoranschlag der Projektant
beziehungsweise der Generalauftragnehmer selbst und nicht der
Auftraggeber zu verantworten hat. "Das Risiko einer Kostensteigerung
oder zusätzlicher Ausgaben liegt bei der entsprechenden privaten
Organisation", erklärte Putin richtungsweisend.
Die
Kostenexplosion macht jedoch nicht allein vor dem Zentralstadion halt,
die Mittel reichen inzwischen auf zehn weiteren Großbaustellen nicht
mehr aus. Kopfschmerzen bereitet Olimpstroi auch die Rennschlitten- und
Bobbahn, für deren Bau die NPO Mostovik (http://www.mostovik.ru)
verantwortlich zeichnet. Hier stieg der Finanzierungsbedarf von
ursprünglich 4,7 Mrd. Rubel (120 Mio. Euro) auf 8,9 Mrd. Rubel (230 Mio.
Euro). Zwischenzeitlich war die Rede sogar von 12,01 Mrd. Rubel (310
Mio. Euro).
Auch der Bau zweier Sprungschanzen verteuerte sich in
nur wenigen Monaten von 1,7 Mrd. Rubel (44 Mio. Euro) auf 4,4 Mrd. Rubel
(113 Mio. Euro). Werden alle zehn Projekte mit Kostenproblemen zusammen
gerechnet, beträgt die Finanzierungslücke rund 45 Mrd. Rubel (1,15 Mrd.
Euro).
Beim Zentralstadion und der Rennschlitten- und Bobbahn
fällt zumindest ins Auge, dass die Hiobsbotschaft erst zum Bauende hin
verkündet wurde. Auf der Abfahrtsbahn für Rennschlitten und Bobs fanden
sogar schon erste Testläufe statt. Vielleicht hängt dieser Sachverhalt
aber auch einfach nur damit zusammen, dass erst in der Endphase das
volle Ausmaß aller Kosten ersichtlich wurde.
Neben einer
nachträglichen Änderung oder gar Erweiterung der Funktionalität der zu
bauenden Objekte, was erfahrungsgemäß eine in Russland häufig
anzutreffende Praxis ist, mussten die Generalauftragnehmer in einigen
Fällen Korrekturen des Standortes und zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen,
etwa zum Lawinenschutz, nachträglich in den Projektplanungen
berücksichtigen. Hinzu gesellten sich geologische und topographische
Besonderheiten, die erst in der Bauphase zu Tage traten und ebenfalls
kostspielige Projektanpassungen verursachten.
Da der Staat einer
Übernahme der Mehrkosten eine kategorische Absage erteilt hat, muss
Olimpstroi jetzt zusehen, wie und wo eingespart werden kann. Dies wird
unweigerlich zu Funktionseinschränkungen und Qualitätsabstrichen führen,
wie Projektanten und Baufirmen unterstreichen. Auch die Fertigstellung
einzelner Objekte könnte sich in die Länge ziehen. In diesem
Zusammenhang hilft auch die offen ausgesprochene Drohung nichts, bei
Verzögerungen von mehr als zehn Tagen die Bauobjekte in das Eigentum des
Staates übergehen zu lassen, ohne die aufgestellten Rechnungen zu
begleichen. Dies käme einer Enteignung säumiger Baufirmen gleich.
Im
Jahr 2011waren 83 Übergaben geplant, von denen 68 tatsächlich
stattfanden. Für 2012 sind sogar 116 Übergaben geplant. Voraussichtlich
wird auch diese Zielvorgabe nicht eingehalten. Das Zentralstadium soll
zum Beispiel erst 2013 seiner Zweckbestimmung übergeben werden -
vorausgesetzt, der Konflikt um die Finanzierung eskaliert nicht weiter.
Politisch
setzt die Staatsführung sicherlich wichtige Zeichen, in dem sie auf die
Vertragseinhaltung pocht. Diese Mahnung strahlt unweigerlich auf
öffentliche Großvorhaben anderenorts aus. Unberücksichtigt bleibt dabei
aber, ob nachträgliche Korrekturen des Anforderungsprofils nicht auch
eine Anpassung der Verträge hätten nach sich ziehen müssen. Zu
beurteilen, wer und in welchem Maße die Mehrkosten zu verantworten hat,
obliegt nun Gutachtern oder gar Gerichten.
Für die
Generalauftragnehmer bricht vorerst eine Welt zusammen. Sie hatten
Olimpstroi als eine staatliche Organisation betrachtet, für deren
Handeln der Fiskus automatisch einsteht. Das dem nicht so ist, hat sich
allerdings erst 2012 herausgestellt. Die Erkenntnis, dass selbst
Olimpstroi strengen Sparbeschlüssen der Regierung unterliegt, entwertet
nun die Risikokalkulation einiger Baufirmen. Dabei hilft auch der
zwischen Olimpstroi und dem Ministerium für regionale Entwicklung
ausgebrochene Streit nicht weiter, welche der beiden Institutionen ihre
Aufsichts- und Sorgfaltspflicht vernachlässigt hat.
Tipp
Die
aktuelle Ausgabe des Sotschi-Newsletters und weitere Informationen zu
den Vorbereitungsarbeiten auf die Olympischen Winterspiele 2014 finden
Sie unter:
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland