Aufnahmefähiger Inlandsmarkt als stärkstes Investitionsargument / Bürokratie und mangelnde Innovation sind Negativfaktoren
Moskau
(gtai) - Das Interesse ausländischer Investoren an Russland hat nach
der Finanzmarktkrise von 2008/09 stark zugenommen. Die enorme Größe und
hohe Einwohnerzahl des Landes, der große Modernisierungsbedarf der
Wirtschaft sowie die Aufnahme- und Wachstumsfähigkeit des Marktes sind
in der Regel die ausschlaggebenden Argumente, warum international tätige
Unternehmen sich in Russland mit Produktion und Vertrieb niederlassen.
Dies geht aus einer kürzlich durchgeführten Untersuchung von Ernst &
Young hervor.
Nach der Aufnahme- und Wachstumsfähigkeit des Inlandsmarktes
folgen im Ranking der positiv beurteilten Faktoren die soziale
Stabilität im Land, die im internationalen Vergleich moderaten
Personalkosten und das durchschnittlich gute Bildungsniveau der
Arbeitskräfte sowie das ausgebaute Telekommunikationssystem.
Innenpolitische Entwicklungen, rechtliche und administrative Barrieren,
die Qualität der Transport- und Logistiknetze sowie die
Innovationsmöglichkeiten für kleine und mittlere Unternehmen betrachten
Investoren dagegen eher kritisch, wie Ernst & Young zusammenfasst.
Niederlassungen
ausländischer Unternehmen, die seit längerem vor Ort Geschäfte
realisieren, sind mehrheitlich von ihren Entwicklungsperspektiven in
Russland überzeugt. Darüber hinaus hätten sie es gelernt, Barrieren zu
überwinden. Mit 142 Mio. Einwohnern gehört Russland zu den neun
bevölkerungsreichsten Ländern der Welt. Im europäischen Kontext handelt
es sich sogar um den einwohnerstärksten Staat - dieses Argument zieht
bei vielen Firmenvorständen.
Wie Ernst & Young in diesem
Zusammenhang betont, ist der Anteil der Mittelschicht an der Bevölkerung
auf 25% gestiegen. Gemäß Projektionen des russischen Ministeriums für
wirtschaftliche Entwicklung wird dieser Anteil bis 2020 auf 37% und bis
2030 auf 48% steigen. Aufgrund der äußerst interessanten Verbraucherzahl
und des aktiven Konsumverhaltens der Bevölkerung rückte Russland
innerhalb Europas bei einigen Waren als Markt bereits auf den ersten
Platz vor.
Dazu gehören sowohl moderne Geschäftsfelder wie
Internetdienstleistungen als auch klassische Branchen wie die
Ernährungswirtschaft, zum Beispiel der Absatz von Milchprodukten. Es
wird allgemein davon ausgegangen, dass Russland im Jahr 2018 - gemessen
am Wert- und Mengenumfang - den größten europäischen Verbrauchermarkt
darstellen wird.
Der allgemeine Ausbildungsstand der Bevölkerung
zählt unter den ausländischen Investoren zu den wichtigen
Positivkriterien. Bis zu 75% der Schulabgänger setzen ihre Ausbildung an
einer Fach- oder Hochschule fort. Russische Hochschulen sind
anerkanntermaßen stark bei den Grundlagen- und Ingenieurwissenschaften.
Die Bildungsausgaben haben sich mit 14,5 Mrd. US$ im Jahr 2011 sogar
verdreifacht seit 2005, doch blieb das Land damit immer noch unterhalb
des OECD-Durchschnitts.
Die befragten Unternehmen betrachteten zu
56% die Verfügbarkeit von ausgebildeten Fachkräften als einen positiven
Faktor. Zwar liegt das monatliche Durchschnittseinkommen mit 806 US$
über dem Vergleichswert aus der VR China, Indien oder Mexiko, aber immer
noch unterhalb des Niveaus in Brasilien, ganz zu schweigen von den
entwickelten Industriestaaten. Allerdings treten teilweise erhebliche
Qualifikationsprobleme in ganz bestimmten innovativen Bereichen auf.
Hier muss das Land nachlegen.
Was das Telekommunikationssystem
angeht, hat Russland in den Augen ausländischer Investoren große
Fortschritte erzielt. Bei der Zahl und Verfügbarkeit von stationären und
mobilen Anschlüssen liegt Russland auf Platz vier in Europa. Bei der
Zahl der Internetnutzer hat Russland seit dem Jahr 2011 sogar
Deutschland überrundet.
Zu den eindeutig negativen Faktoren werden
die Belastbarkeit, das Arbeitstempo und die Verlässlichkeit der
Wirtschaftsverwaltung sowie der kommunalen Behörden gerechnet. Nicht von
ungefähr befand sich Russland im Rahmen der Weltbankstudie "Doing
Business" 2012 auf Platz 120 von 183 untersuchten Ländern. Brasilien lag
auf Platz 126 und Indien auf Platz 132.
Insbesondere die Kosten,
die Komplexität und die Zeiträume zum Erhalt einer Baugenehmigung
inklusive aller Anschlüsse und der sich anschließenden Bauabnahme ließen
Russland in dieser Einzelwertung auf Platz 178 abrutschen. Zu den
weiteren Negativfaktoren werden selbst in den staatsnahen russischen
Medien ganz offen mangelnde Eigentumsrechte, Bürokratie und auch
Korruption genannt.
Durch die Aufnahme in die
Welthandelsorganisation (WTO) am 23.8.2012 hat sich die Verlässlichkeit
der Rechtslage erhöht. An die Ankündigung der Regierung, in absehbarer
Zeit eine weitere Privatisierungsoffensive zu starten - darunter sollen
sich Teile der Finanz- und Energiewirtschaft befinden - knüpfen
ausländische Investoren zusätzliche Erwartungen. Reformen zur Stärkung
der Eigentumsrechte sind ebenfalls auf den Weg gebracht worden.
Zur
Transportinfrastruktur hatten die befragten Unternehmen zu 45% eine
äußerst kritische und zu 44% eine gemäßigt positive Haltung. Zu den
Fakten zählt, dass 60% der Straßen den Mindestanforderungen der OECD
nicht entsprechen. Unter den 142 durch die Weltbank im Rahmen des
"Global Competitiveness Report 2011 - 2012" verglichenen Ländern
landeten Russlands Straßen auf Platz 130. Positiv heben sich allerdings
die Transportsysteme Moskaus und Sankt Petersburgs hervor. Das russische
Schienennetz ist das zweitlängste der Welt. Prompt nahm die Schiene im
Global Competitiveness Report bei diesem Unterpunkt Platz 29 ein.
Ausgesprochen
schwache Positionen belegt Russland in Fragen unternehmensrelevanter
Forschung und Entwicklung. Als Ursache hierfür wird vor allem die
schlecht ausgebaute, teilweise regional sehr isolierte
Forschungsinfrastruktur im zivilen Bereich gesehen. Innovative Ansätze
in kleinen und mittleren Unternehmen erhalten dadurch weder eine
Unterstützung seitens Hochschulen und Forschungseinrichtungen noch eine
ausreichende Finanzierung.
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland