Elektronische Ausschreibungen erhöhen Transparenz / Informationsbeschaffung insgesamt aber schwierig / Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Der Markt für Medizintechnik ist zum Teil intransparent und
vorerst unzulänglich rechtlich reguliert. Für deutsche Hersteller gibt
es dennoch positive Nachrichten: Es besteht eine ausgeprägte
Importabhängigkeit, insbesondere bei Hochtechnologie. Seit 2010 wird ein
mit erheblichen Budgetmitteln unterlegtes Programm zur Modernisierung
des Gesundheitswesens gefahren. Auch finden seit 2011 sämtliche
Ausschreibungen in elektronischer Form statt.
Laut Ministerium für Industrie und Handel soll der Markt für
Medizintechnik 2012 ein Volumen von 195 Mrd. Rubel (5 Mrd. Euro, 1 Euro =
39 Rubel) erreichen. Zwei Jahre zuvor lag der Vergleichswert bei 125
Mrd. Rubel (circa 3,2 Mrd. Euro). Experten des Beratungsunternehmens
Pharmexpert sehen in dem Wachstum ein eindeutiges Zeichen, dass sich der
Staat ernsthaft engagiert. Zu den größten Kostenfaktoren gehörten
Ausrüstungen der Hochtechnologie wie zum Beispiel Computertomographen
und Ultraschallgeräte. In das Marktvolumen eingerechnet sind aber auch
medizinisches Verbrauchsmaterial wie OP-Instrumente, Spritzen,
Verbandsstoffe und Handschuhe.
Das Wachstum beruht einmal auf
staatlichen Modernisierungszuschüssen für bestehende Einrichtungen, aber
auch auf der Fertigstellung neuer Krankenhäuser und Kliniken. So soll
in Dimitrowgrad, in der Region Uljanowsk 2013 ein Großzentrum für
medizinische Radiologie seiner Bestimmung übergeben werden. Das Zentrum
dient der Diagnostik und Behandlung onkologischer und kardiologischer
Krankheiten.
Die Kapazität ist für 18.000 stationäre Behandlungen
pro Jahr konzipiert. Hinzu kommen 17.000 Diagnosen und 15.000 Therapien.
Die Zahl der ambulanten Behandlungen soll 115.000 erreichen können. Das
Projektvolumen wird mit 14 Mrd. Rubel (circa 0,35 Mrd. Euro)
ausgewiesen.
Im Vergleich zum drei Mal größeren Pharmamarkt nehmen
sich die Ausgaben für Medizintechnik eher bescheiden aus. Wie das
Ministerium für Industrie und Handel jedoch prognostiziert, wird der mit
Medizintechnik erzielte Gesamtumsatz mit Zunahmen um die 13% pro Jahr
bis 2020 schneller wachsen als bei pharmazeutischen Produkten.
In
den Inventarlisten eingetragen sind derzeit 47.000 medizinische Geräte
und Ausrüstungen. Doch sind bis zu 70% davon verschlissen oder
entsprechen nicht mehr dem neuesten Stand der Technik. Das
Geschäftspotenzial für deutsche Hersteller von Medizintechnik und
medizinischen Verbrauchsgütern ist schon aus diesem Blickwinkel heraus
betrachtet groß. In der Vergangenheit konnten bei öffentlichen
Ausschreibungen allerdings nicht in jedem Fall die qualitativ besten
Ergebnisse erzielt werden - die Vorschrift, jeweils das kostengünstigste
Angebot zu akzeptieren, erwies sich vom medizinischen Standpunkt als
suboptimal. Lediglich Billiganbieter sind damit gut gefahren.
Konkurrenten,
die neben aufwändiger Technologie womöglich noch die Kosten zur
Qualifizierung des medizinisch-technischen Personals sowie für
notwendige Wartungsintervalle auf den Bieterpreis umlegen mussten,
gerieten dabei leicht ins Hintertreffen. Auch wurden Fälle publik,
wonach Ausschreibungen einem bestimmten Hersteller "auf den Leib
geschnitten" wurden - ein Wettbewerb um die optimale Lösung wurde von
vornherein unterbunden.
Einige örtliche Hersteller, insbesondere
von medizinischem Verbrauchsmaterial, haben aus der Not eine Tugend
gemacht und sich komplett auf staatliche Beschaffungen eingestellt. Jahr
für Jahr produzierten sie exakt die in den umliegenden Krankenhäusern
und Kliniken erforderlichen Mengen; Wettbewerb war dabei nahezu
ausgeschlossen. Auch fehlte jeglicher Stimulus für
Qualitätsverbesserungen.
Doch traten Änderungen in Kraft: Seit dem
1.1.11 werden nicht nur Ausschreibungen auf föderaler, sondern
ausnahmslos auch auf regionaler und kommunaler Ebene in elektronischer
Form durchgeführt. Sämtliche, mit öffentlichen Geldern finanzierte
Tender müssen auf der Internetseite http://zakupki.gov.ru
veröffentlicht und über das dahinter stehende elektronische System
realisiert werden. Dies erhöhte schlagartig die Transparenz auf dem
Markt. Gleichfalls wurden Auswahlverfahren nachvollziehbarer.
In
diesem Zusammenhang wurde auch die Zuschlagserteilung gemäß niedrigstem
Bieterpreis per Gesetz Nr. 93-FZ aufgehoben. Inzwischen gilt das Prinzip
der "effektivsten Nutzung von Budgetmitteln". Dadurch ist der Weg frei
für eine begründbare Kombination aus Qualität und Preis. Nachdem erste
technische Anlaufschwierigkeiten auf der Internetseite schnell beseitigt
waren, wurden 2011 keine größeren Normenabweichungen bei Beschaffungen
von Medizintechnik mehr festgestellt. Selbst unabhängige Experten
erkennen diesen Sachverhalt an.
Weitere rechtliche Anpassungen
sind in Vorbereitung: Ein Gesetz, das medizinische Erzeugnisse eindeutig
definiert beziehungsweise klassifiziert, wird ausgearbeitet. Parallel
wird der Normenkatalog für Medizintechnik modernisiert, einschließlich
den Zulassungsbestimmungen zur Markteinführung von Neutechnik. Speziell
für Zulassungen zuständig ist die spezialisierte Behörde Roszdravnadzor.
Ebenfalls werden internationale Erfahrungswerte zur weiteren
Optimierung von Ausschreibungen ausgewertet und auf dieser Grundlage
technische Kriterien modifiziert.
Bislang ist es für Anbieter fast
unmöglich, sich einen landesweiten Überblick über das technische
Inventar in Gesundheitseinrichtungen und über den Bedarf an Ersatzteilen
zu machen. Selbst die staatliche Gesundheitsverwaltung soll über keine
exakte Bestandsaufnahme verfügen. Umgekehrt ist es aber auch für
medizinische Einrichtungen nicht einfach, vor allem in abgelegenen
Regionen, sich mit dem neuesten Stand der Technik auf dem Weltmarkt
vertraut zu machen - der Informationsbedarf ist somit in beiden
Richtungen erheblich.
Besser sieht die Situation in Großstädten
wie Moskau oder St. Petersburg aus, wo internationale Symposien, Messen
und Kongresse abgehalten werden und wo ausländische Hersteller
typischerweise Firmenniederlassungen unterhalten.
Kontaktanschriften:
Pharmexpert
ul. Profsojuznaja 57, 117420 Moskau
Tel.: 007 495/786 25 40, Fax: -330 89 43
E-Mail: info@pharmexpert.ru, Internet: http://www.pharmexpert.ru
Internationale
Fachmesse für Gesundheitsschutz, Medizintechnik und pharmazeutische
Präparate "Zdrawoochranenije" (3. bis 7.12.12)
Veranstalter: Expocentr
Krasnopresnenskaja nab. 14, 123100 Moskau
Tel.: 007 499/795 37 99
E-Mail: centr@expocentr.ru, Internet: http://www.zdravo-expo.ru, http://www.expocentr.ru
Roszdravnadzor - Föderaler Dienst für die Aufsicht in der Sphäre Gesundheitsschutz und soziale Entwicklung
Slawjanskaja Ploschtschad 4, str.1, 109074 Moskau
Tel.: 007 495/698 45 38
E-Mail: info@roszdravnadzor.ru, Internet: http://www.roszdravnadzor.ru
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland