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Freitag, 31. August 2012

Russland investiert in Medizintechnik

Elektronische Ausschreibungen erhöhen Transparenz / Informationsbeschaffung insgesamt aber schwierig / Von Ullrich Umann

Moskau (gtai) - Der Markt für Medizintechnik ist zum Teil intransparent und vorerst unzulänglich rechtlich reguliert. Für deutsche Hersteller gibt es dennoch positive Nachrichten: Es besteht eine ausgeprägte Importabhängigkeit, insbesondere bei Hochtechnologie. Seit 2010 wird ein mit erheblichen Budgetmitteln unterlegtes Programm zur Modernisierung des Gesundheitswesens gefahren. Auch finden seit 2011 sämtliche Ausschreibungen in elektronischer Form statt. 

Laut Ministerium für Industrie und Handel soll der Markt für Medizintechnik 2012 ein Volumen von 195 Mrd. Rubel (5 Mrd. Euro, 1 Euro = 39 Rubel) erreichen. Zwei Jahre zuvor lag der Vergleichswert bei 125 Mrd. Rubel (circa 3,2 Mrd. Euro). Experten des Beratungsunternehmens Pharmexpert sehen in dem Wachstum ein eindeutiges Zeichen, dass sich der Staat ernsthaft engagiert. Zu den größten Kostenfaktoren gehörten Ausrüstungen der Hochtechnologie wie zum Beispiel Computertomographen und Ultraschallgeräte. In das Marktvolumen eingerechnet sind aber auch medizinisches Verbrauchsmaterial wie OP-Instrumente, Spritzen, Verbandsstoffe und Handschuhe.

Das Wachstum beruht einmal auf staatlichen Modernisierungszuschüssen für bestehende Einrichtungen, aber auch auf der Fertigstellung neuer Krankenhäuser und Kliniken. So soll in Dimitrowgrad, in der Region Uljanowsk 2013 ein Großzentrum für medizinische Radiologie seiner Bestimmung übergeben werden. Das Zentrum dient der Diagnostik und Behandlung onkologischer und kardiologischer Krankheiten.
Die Kapazität ist für 18.000 stationäre Behandlungen pro Jahr konzipiert. Hinzu kommen 17.000 Diagnosen und 15.000 Therapien. Die Zahl der ambulanten Behandlungen soll 115.000 erreichen können. Das Projektvolumen wird mit 14 Mrd. Rubel (circa 0,35 Mrd. Euro) ausgewiesen.

Im Vergleich zum drei Mal größeren Pharmamarkt nehmen sich die Ausgaben für Medizintechnik eher bescheiden aus. Wie das Ministerium für Industrie und Handel jedoch prognostiziert, wird der mit Medizintechnik erzielte Gesamtumsatz mit Zunahmen um die 13% pro Jahr bis 2020 schneller wachsen als bei pharmazeutischen Produkten.

In den Inventarlisten eingetragen sind derzeit 47.000 medizinische Geräte und Ausrüstungen. Doch sind bis zu 70% davon verschlissen oder entsprechen nicht mehr dem neuesten Stand der Technik. Das Geschäftspotenzial für deutsche Hersteller von Medizintechnik und medizinischen Verbrauchsgütern ist schon aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet groß. In der Vergangenheit konnten bei öffentlichen Ausschreibungen allerdings nicht in jedem Fall die qualitativ besten Ergebnisse erzielt werden - die Vorschrift, jeweils das kostengünstigste Angebot zu akzeptieren, erwies sich vom medizinischen Standpunkt als suboptimal. Lediglich Billiganbieter sind damit gut gefahren.

Konkurrenten, die neben aufwändiger Technologie womöglich noch die Kosten zur Qualifizierung des medizinisch-technischen Personals sowie für notwendige Wartungsintervalle auf den Bieterpreis umlegen mussten, gerieten dabei leicht ins Hintertreffen. Auch wurden Fälle publik, wonach Ausschreibungen einem bestimmten Hersteller "auf den Leib geschnitten" wurden - ein Wettbewerb um die optimale Lösung wurde von vornherein unterbunden.

Einige örtliche Hersteller, insbesondere von medizinischem Verbrauchsmaterial, haben aus der Not eine Tugend gemacht und sich komplett auf staatliche Beschaffungen eingestellt. Jahr für Jahr produzierten sie exakt die in den umliegenden Krankenhäusern und Kliniken erforderlichen Mengen; Wettbewerb war dabei nahezu ausgeschlossen. Auch fehlte jeglicher Stimulus für Qualitätsverbesserungen.
Doch traten Änderungen in Kraft: Seit dem 1.1.11 werden nicht nur Ausschreibungen auf föderaler, sondern ausnahmslos auch auf regionaler und kommunaler Ebene in elektronischer Form durchgeführt. Sämtliche, mit öffentlichen Geldern finanzierte Tender müssen auf der Internetseite http://zakupki.gov.ru veröffentlicht und über das dahinter stehende elektronische System realisiert werden. Dies erhöhte schlagartig die Transparenz auf dem Markt. Gleichfalls wurden Auswahlverfahren nachvollziehbarer.

In diesem Zusammenhang wurde auch die Zuschlagserteilung gemäß niedrigstem Bieterpreis per Gesetz Nr. 93-FZ aufgehoben. Inzwischen gilt das Prinzip der "effektivsten Nutzung von Budgetmitteln". Dadurch ist der Weg frei für eine begründbare Kombination aus Qualität und Preis. Nachdem erste technische Anlaufschwierigkeiten auf der Internetseite schnell beseitigt waren, wurden 2011 keine größeren Normenabweichungen bei Beschaffungen von Medizintechnik mehr festgestellt. Selbst unabhängige Experten erkennen diesen Sachverhalt an.

Weitere rechtliche Anpassungen sind in Vorbereitung: Ein Gesetz, das medizinische Erzeugnisse eindeutig definiert beziehungsweise klassifiziert, wird ausgearbeitet. Parallel wird der Normenkatalog für Medizintechnik modernisiert, einschließlich den Zulassungsbestimmungen zur Markteinführung von Neutechnik. Speziell für Zulassungen zuständig ist die spezialisierte Behörde Roszdravnadzor. Ebenfalls werden internationale Erfahrungswerte zur weiteren Optimierung von Ausschreibungen ausgewertet und auf dieser Grundlage technische Kriterien modifiziert.

Bislang ist es für Anbieter fast unmöglich, sich einen landesweiten Überblick über das technische Inventar in Gesundheitseinrichtungen und über den Bedarf an Ersatzteilen zu machen. Selbst die staatliche Gesundheitsverwaltung soll über keine exakte Bestandsaufnahme verfügen. Umgekehrt ist es aber auch für medizinische Einrichtungen nicht einfach, vor allem in abgelegenen Regionen, sich mit dem neuesten Stand der Technik auf dem Weltmarkt vertraut zu machen - der Informationsbedarf ist somit in beiden Richtungen erheblich.

Besser sieht die Situation in Großstädten wie Moskau oder St. Petersburg aus, wo internationale Symposien, Messen und Kongresse abgehalten werden und wo ausländische Hersteller typischerweise Firmenniederlassungen unterhalten.

Kontaktanschriften:

Pharmexpert
ul. Profsojuznaja 57, 117420 Moskau
Tel.: 007 495/786 25 40, Fax: -330 89 43
Internationale Fachmesse für Gesundheitsschutz, Medizintechnik und pharmazeutische Präparate "Zdrawoochranenije" (3. bis 7.12.12)
Veranstalter: Expocentr
Krasnopresnenskaja nab. 14, 123100 Moskau
Tel.: 007 499/795 37 99
Roszdravnadzor - Föderaler Dienst für die Aufsicht in der Sphäre Gesundheitsschutz und soziale Entwicklung
Slawjanskaja Ploschtschad 4, str.1, 109074 Moskau
Tel.: 007 495/698 45 38
(U.U.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland