Breitere Zusammenarbeit mit dem Ausland bei Finanzierung, Technologietransfer und Stromabsatz angestrebt / Von Ullrich Umann
Moskau (gtai) - Russland sieht keine Alternative zur Nutzung der Kernenergie. Im Unterschied zur Vergangenheit setzt die zuständige Staatsholding Rosatom aber auf eine Zusammenarbeit mit ausländischen Firmen und bietet sogar Beteiligungen an neu zu bauenden KKW an. Von diesem Öffnungskurs versprechen sich die Verantwortlichen einen besseren Zugang zu Finanzierungen, zu neuesten Technologien und breitere Möglichkeiten beim Absatz von Atomstrom im Ausland.
Zur Finanzierung und zum Betreiben des im Bau befindlichen KKW Baltijskaja (Kaliningrader Gebiet) werden ausländische Investoren gesucht, was eine Abänderung der bisherigen Praxis darstellt. Aus Sicherheitsgründen werden nur noch Reaktoren der vierten Generation errichtet und höchstens Reaktoren der Generation "Drei Plus" modernisiert, wie aus einer offiziellen Verlautbarung von Rosatom zu entnehmen ist.
Um auf den Weltmärkten für Kerntechnologie weiter mitspielen zu können, aber auch zur Erhöhung der Sicherheit und Effizienz der Reaktoren im eigenen Land, wurden die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E) innerhalb der Holdingstruktur von Rosatom vom besorgniserregenden Niedrigstand aus dem Jahr 2006, als für diese Zwecke nur 0,6% der Einnahmen von Rosatom aufgewandt wurden, auf 4,5% im Jahr 2011 erhöht. Dies bedeutete zuletzt einen Betrag von 21 Mrd. Rubel (circa 0,5 Mrd. Euro). Im Jahr 2012 sollen sogar 29 Mrd. Rubel für die Zwecke von F&E fließen.
Um die Exporte entsprechender Technologien am Laufen zu halten, sagte die russische Regierung Exportkredite in einer Gesamtsumme von 30 Mrd. US$ zu. Kunden von Rosatom befinden sich unter anderem in Vietnam, Belarus, Indien, der Ukraine, im Iran und in der Türkei. Eine Zusammenarbeit wird darüber hinaus mit Unternehmen in Südafrika und Marokko angestrebt.
Die Erzeugung von Atomstrom ist im Jahr 2011 um 1,5% im Vergleich zum Vorjahr auf 172,7 Mrd. kWh angestiegen. Dies teilte die Betreibergesellschaft der zehn russischen KKW, Rosenergoatom, mit. Der Anteil der Kernenergie an der gesamten Stromerzeugung erreichte somit das dritte Jahr in Folge 16,5%.
Zwei neue Blöcke mit einer Leistung von jeweils knapp über 1.000 MW gingen 2010 im KKW Rostow sowie 2011 im KKW Kalinin (120 km entfernt von Twer) ans Netz. Im Gegenzug wurden Reaktoren in den KKW Zentralrussland (Standort Bui), Smolensk, Kola (Poljarnye Zori), Bilibino und Nowoworonesh wegen Reparatur- und Wartungsarbeiten vorübergehend vom Netz genommen.
Für 2012 visiert Rosenergoatom eine erneute Erhöhung der Stromerzeugung an, dieses Mal um knapp 2% auf 176 Mrd. kWh. Zur Steigerung soll insbesondere das KKW Kalinin beitragen. Weitere signifikante Zuwächse sind 2017 und 2018 zu erwarten, wenn jeweils ein Reaktor des derzeit im Bau befindlichen KKW Baltijskaja (Kaliningrader Gebiet) plankonform an das Netz geht. Die Baukosten, die mit 5 Mrd. Euro beziffert werden, stellen aber ein Problem dar.
Mit dem Stromkonzern Inter RAO hat Rosenergoatom aus diesem Grund ein Abkommen geschlossen. Demnach wird Inter RAO künftig Atomstrom aus dem KKW Baltiskaja im Ausland anbieten. Zu den potenziellen Zielmärkten zählt Inter RAO unter anderem Litauen, wo nach der Schließung des KKW Ignalina Strom importiert wird, aber auch Polen und sogar Deutschland.
Die ersten Langzeitlieferverträge mit ausländischen Abnehmern will Inter RAO recht bald unter Dach und Fach bekommen. Eile ist dabei geboten, denn die Lieferverträge sollen als Sicherheit für noch zu findende ausländische Investoren dienen, die zusammen bis zu 49% der Anteile am KKW erwerben können.
Grund für die knappen Projektmittel ist unter anderem, dass Rosenergoatom im Jahr 2011 trotz größerer Strommengen mit 2,9 Mrd. Rubel (0,0725 Mrd. Euro) in die Verlustzone gerutscht ist. Die Holding begründet diese Negativentwicklung mit Zusatzkosten zur Inbetriebnahme der neuen Blöcke in Rostow und Kalinin, mit Wertberichtigungen und mit der Bedienung von Verbindlichkeiten.
Ein weiteres KKW mit zwei Reaktoren im Projektwert von 194 Mrd. Rubel (circa 4,85 Mrd. Euro) soll von 2016 bis 2022 im Kursker Gebiet (KKW Kursk-2) gebaut werden. Damit würden zwei von insgesamt vier Blöcken in dem seit langem existierenden KKW Kursk-1 ersetzt. Vorgesehen ist, alle alten Blöcke der Reihe nach 2021, 2024, 2028 und 2030 abzuschalten. Ein ursprünglich geplanter fünfter Block wurde nie gebaut, da dadurch zusätzliche Investitionen in das knapp bemessene Übertragungs- und Verteilernetz notwendig geworden wären.
Gemäß Presseberichten hat Rosenergoatom mit den Gebietsbehörden bereits Gespräche aufgenommen, um alle Genehmigungsverfahren zum Bau des KKW Kursk-2 einzuleiten. Vor Ort wird das Vorhaben befürwortet. Andernfalls müssten die im Gebiet angesiedelten Industrieanlagen mittelfristig mangels Strom schließen.
Der Bau eines weiteren KKW mit vier Blöcken im Projektwert von 260 Mrd. Rubel (6,5 Mrd. Euro) ist ab 2016 im Gebiet Tscheljabinsk vorgesehen (KKW Südural). Der Gouverneur des Gebiets möchte sich sogar für eine Beschleunigung des Genehmigungs- und Planungsverfahrens einsetzen. Als Grund sind auch in diesem Gebiet knappe Kapazitäten zur Stromerzeugung auszumachen.
Das ausländische Interesse am Ausbau des russischen KKW-Netzes ist verhalten. Bislang hat der französische Konzern Alstom mit dem auf den KKW-Bau spezialisierten Rosatom-Ableger Atomenergomash ein Joint Venture gegründet und ein Memorandum of Understanding unterzeichnet. Demnach wollen beide Unternehmen gemeinsam Turbinen sowohl für KKW als auch für Heizkraftwerke sowie dieselbetriebene Notstromaggregate bauen, die in KKW im Havariefall für den Strom zum Kühlen der Reaktoren, Abklingbecken und Brennstäbe sorgen. Anfangs 50% der Produktion, später bis zu 70% sollen in Russland lokalisiert werden.
Eine Vereinbarung aus dem Jahr 2009 zwischen der Siemens AG und Rosatom über die gemeinsame Entwicklung und den Bau von Reaktoren ist durch den inzwischen verkündeten Ausstieg des Erlanger Konzerns aus der Kerntechnologie gegenstandslos geworden. Die Kooperation zwischen beiden Konzernen soll aber den Verlautbarungen nach im Bereich Kernmedizin fortgeführt werden. (U.U.)
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