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Freitag, 6. April 2012

Russland plant bis 2020 über 82 Gigawatt Kraftwerksleistung

Löwenanteil fließt in die Modernisierung von Heizkraftwerken und ins Stromnetz / Ineffizienz und Korruption kritisiert / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Ein Kraftakt für Russlands Kraftwerke und Stromnetze: für 280 Mrd. Euro sollen bis 2020 neue Anlagen gebaut und bestehende modernisiert werden. Über 82 Gigawatt neuer Kraftwerksleistung sollen ans Netz. Zugleich sollen alte Anlagen mit einer Leistung von 27 Gigawatt abgeschaltet werden. Allein der Ausbau der Stromnetze soll 118 Mrd. Euro kosten. Das geht aus einem Programmentwurf zur Modernisierung der Stromwirtschaft in Russland hervor. Hauptkritikpunkt ist die immer ineffizienter werdende Verwendung der Investitionsmittel.

Der größte Teil der 700 russischen Kraftwerke gilt als veraltet. Die Verschleißquote liegt bei 50 bis 60%. Um die 2,5 Mio. Kilometer Stromleitungen unterschiedlicher Spannungsniveaus ist es noch schlimmer bestellt: der Abnutzungsgrad liegt bei über zwei Drittel.
Deshalb hat das russische Energieministerium eine Expertenkommission beauftragt, um nach einem Ausweg zu suchen. Das Ergebnis: Die Modernisierung der russischen Energiewirtschaft bis 2020 wird 11,2 Billionen Rubel (über 280 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 1.2.2012: 1 Euro = 39,79 Rubel) verschlingen. Das geht hervor aus dem Entwurf zu dem Modernisierungsprogramm, das noch im 1. Quartal 2012 vom russischen Energieministerium bestätigt werden soll. Im Entwurf sind allein 6,5 Billionen Rubel für die Energieerzeugung vorgesehen. Davon entfallen 4 Billionen Rubel auf Heizkraftwerke. Kapazitäten von über 61 Gigawatt könnten so in den kommenden neun Jahren in diesem Bereich entstehen. Die restlichen 2,5 Billionen Rubel sollen für Atom- und Wasserkraftwerke sowie für erneuerbare Energien ausgegeben werden. Die Autoren versprechen sich zusätzliche 10 Gigawatt Leistung durch neue Kernkraftwerke, 8 Gigawatt durch Wasserkraftwerke und 3 Gigawatt aus erneuerbaren Energien. Gleichzeitig schlägt die Expertenkommission vor, veraltete Heizkraftwerke (23 GW) und Kernkraftwerke (4 GW) vom Netz zu nehmen.
Ein wichtiger Aspekt ist die verstärkte Nutzung alternativer Energiequellen. Zum Jahr 2015 soll die Serienproduktion von Windkraftanlagen in Russland starten. Jedes Windaggregat soll eine Leistung von 1 bis 3 MW haben.
Auch die Stromverteilung soll professioneller werden. Der Verschleißgrad der Verteilernetze soll auf 50% sinken. Dazu entstehen 95.000 neue Stromleitungen. Das Überlandleitungsnetz (ENES) soll um knapp 55.000 km erweitert werden, der Verschleißgrad soll auf 30% gesenkt werden. Darüber hinaus ist der Bau von knapp 10.000 km Hochspannungsleitungen und 156.00 km 220 KV-Leitungen geplant.
Um die Player am russischen Energiemarkt zu mehr Investitionen zu bewegen, sollen: 1. Staatsbanken günstige Kredite herauslegen (maximal 8% Jahreszins);
2. staatliche Energiebetriebe ihre Kapazitäten künftig über Börsen an den meistbietenden Kunden verkaufen, um maximale Gewinne abschöpfen und reinvestieren zu können;
3. staatliche Privatisierungserlöse als Investitionen in den Sektor zurückfließen.
Der Moskauer Energieversorger Mosenergo hat Ende Dezember 2011 mit dem Bau eines neuen Gas-und-Dampf-Energieblocks im Heizkraftwerk TEZ-16 im Nordwesten der Hauptstadt begonnen. Die Leistung beläuft sich auf 420 Megawatt. Der Kraftwerksblock kostet 15 Mrd. Rubel (circa 377 Mio. Euro). Lieferant der Anlagentechnik ist die deutsche Firma Siemens.
Allerdings ist fraglich, ob der geplante Termin für die Fertigstellung im Dezember 2013 gehalten werden kann. Das liegt nicht am Generalauftragnehmer, TEK Mosenergo, sondern an den fehlenden Umspannkapazitäten. Dieselbe Situation besteht bei den Heizkraftwerken TEZ-12 und TEZ-20. In beiden Werken sollen vergleichbare Gas-Dampfturbinenblocks installiert werden. Doch mittlerweile hat sich die Bau der beiden Umspannwerke Wagankowskaja und Solotarewskaja um ein bis eineinhalb Jahre verzögert. Über diese Werke müsste die elektrische Energie aus den drei neuen Kraftwerksblöcken transformiert werden.
Das Unternehmen Obedinjonnaja energetitscheskaja kompanija (OEK, Vereinigte Energie Gesellschaft), der zweitgrößte Moskauer Energiedistributor, will 2012 rund 22 Mrd. Rubel in die Stromverteilung investieren. Die Investitionssumme ist um 88% höher als der für 2012 geplante Umsatz. Sprich: Das Unternehmen wird auf jede Menge Fremdkapital zurückgreifen.
Der russlandweit agierende Energieverteiler OAO FSK EES will 2012 zwischen 190 Mrd. und 196 Mrd. Rubel investieren - etwas mehr als 2011. Allerdings stehen 2013 und 2014 voraussichtlich herbe Einschnitte beim Investitionsprogramm an. Wie die Wirtschaftszeitung Rbk daily von einer Quelle im Unternehmen erfahren haben will, sollen die Ausgaben für neue Netze um ein Viertel auf 140 Mrd. bis 150 Mrd. Rubel pro Jahr gekürzt werden - obwohl die Tarife nach den Vorgaben des Wirtschaftsministeriums zwischen 2012 und 2014 um bis zu 26,3% wachsen sollen.
Das Unternehmen Evrosibenergo will noch 2012 mit dem Bau eines Wärmekraftwerks in Ust-Kut mit einer Leistung von zunächst 400 MW beginnen - mit der Option auf eine Erweiterung der Anlage. Ust-Kut ist eine Kleinstadt im Gebiet Irkutsk.
Das Investitionsprogramm eines der größten russischen Energieerzeuger, OAO Inter RAO EES, mit installierten Kapazitäten von 29 Gigawatt, belief sich 2011 auf 69 Mrd. Rubel. In den Jahren 2011 bis 2015 sollen sogar 199 Mrd. Rubel in neue Anlagen und 69 Mrd. Rubel in die technische Umrüstung und Modernisierung alter Werke fließen.
Der Betreiber 26 großer Wasserkraftwerke, RusGidro, muss seine Investitionsziele zurückschrauben. Ursprünglich hatte der Energieriese geplant, 2012 rund 124 Mrd. Rubel für neue Technik auszugeben. Doch das ist Schnee von gestern. "Wir kommen kaum über 96 Mrd. Rubel", prognostizierte der stellvertretende Konzernchef Achmetulla Alschanow Mitte Oktober 2011 in der Zeitung Rbk daily die Investitionen fürs Folgejahr.
In Russland wurden 2011 mehr als 1 Billion Kilowattstunden Strom erzeugt. Das waren zwar um 1,4% mehr als 2010, aber die Wachstumsdynamik hat stark nachgelassen. Laut der internationalen Marktforschungsagentur Fitch dürften sich die Steigerungsraten in den kommenden Jahren auf dem Niveau des Wirtschaftswachstums einpendeln. Für die Jahre 2012 bis 2014 wird in Russland ein Zuwachs der Wirtschaftsleistung von jährlich 3,5 bis 3,7% prognostiziert. In diesem Rahmen dürfte sich auch das Plus bei der Stromproduktion bewegen.
Erzeugung von Elektroenergie in Russland (in Mrd. KWh; Veränderung in %)

2011 Veränderung 2011/2010
Stromerzeugung 1.052 1,4
Davon:

Wasserkraftwerke 165 -2
Heizkraftwerke 713 2,2
Atomkraftwerke 173 1,4
Quelle: Rosstat
Der russische Energiesektor gilt dem Allrussischen Meinungsforschungszentrum (WZIOM) zufolge als einer der korrumpiertesten im ganzen Land. Die Liste der Vorwürfe, die das Analyseinstitut in einem Bericht des Wirtschaftsblattes Rbk daily aufführt, ist lang: Bestechungszahlungen auf allen Management-Ebenen, Abschlagszahlungen von Lieferanten, Aufträge an mit dem Management verbandelte Firmen, unvollständige Informationen bei Ausschreibungen für "außenstehende" Lieferanten und zentrale Entscheidungen nur gegen Honorar. Im Ergebnis verteuerten diese "Bakschisch"-Zahlungen den Einkaufspreis um 30 bis 40%, so der stellvertretende WZIOM-Direktor Konstantin Abramow. Ausgenommen von diesen Vorwürfen seien lediglich die Energiekonzerne unter ausländischer Führung, so etwa E.On Rossia und Enel OGK-5. Abramow hält die Deutschen und die Italiener für Vorbilder in punkto korruptionsfreies Wirtschaften und Vergabe von Aufträgen.
In dieselbe Kerbe, wenn auch verklausuliert, schlagen die Autoren des aktuellen Programmentwurfs des Energieministeriums. Dort heißt es, dass die Effektivität, mit der Gelder im Energiesektor investiert würden, in den vergangenen Jahren um den Faktor 2,5 abgenommen hätte. Dass die Energieverluste bei der Gewinnung und Verteilung von Energie seither um das 1,5-fache gestiegen seien, obwohl das Personal in den vergangenen Jahren um 50% aufgestockt wurde.

Kontaktanschriften

OAO Mosenergo
prospekt Wernadskogo 101, korpus 3,119526 Moskau
Tel.: 007 095/957 19 57, Fax: -957 32 00
Evrosibenergo
ul. Schtschepkina 3, 129090 Moskau
Tel.: 007 095/720 50 85, Fax: -720 50 86
OAO Inter RAO EES
Krasnopresnenskaja nabereshnja 12, 123610 Moskau
Tel.: 007 095/967 05 27, Fax: -967 05 26
(H.B.)

Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland