Löwenanteil fließt in die Modernisierung von Heizkraftwerken und ins Stromnetz / Ineffizienz und Korruption kritisiert / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Ein Kraftakt für Russlands Kraftwerke und Stromnetze: für 280
Mrd. Euro sollen bis 2020 neue Anlagen gebaut und bestehende
modernisiert werden. Über 82 Gigawatt neuer Kraftwerksleistung sollen
ans Netz. Zugleich sollen alte Anlagen mit einer Leistung von 27
Gigawatt abgeschaltet werden. Allein der Ausbau der Stromnetze soll 118
Mrd. Euro kosten. Das geht aus einem Programmentwurf zur Modernisierung
der Stromwirtschaft in Russland hervor. Hauptkritikpunkt ist die immer
ineffizienter werdende Verwendung der Investitionsmittel.
Der größte Teil der 700 russischen Kraftwerke gilt als veraltet.
Die Verschleißquote liegt bei 50 bis 60%. Um die 2,5 Mio. Kilometer
Stromleitungen unterschiedlicher Spannungsniveaus ist es noch schlimmer
bestellt: der Abnutzungsgrad liegt bei über zwei Drittel.
Deshalb
hat das russische Energieministerium eine Expertenkommission beauftragt,
um nach einem Ausweg zu suchen. Das Ergebnis: Die Modernisierung der
russischen Energiewirtschaft bis 2020 wird 11,2 Billionen Rubel (über
280 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 1.2.2012: 1 Euro = 39,79 Rubel)
verschlingen. Das geht hervor aus dem Entwurf zu dem
Modernisierungsprogramm, das noch im 1. Quartal 2012 vom russischen
Energieministerium bestätigt werden soll. Im Entwurf sind allein 6,5
Billionen Rubel für die Energieerzeugung vorgesehen. Davon entfallen 4
Billionen Rubel auf Heizkraftwerke. Kapazitäten von über 61 Gigawatt
könnten so in den kommenden neun Jahren in diesem Bereich entstehen. Die
restlichen 2,5 Billionen Rubel sollen für Atom- und Wasserkraftwerke
sowie für erneuerbare Energien ausgegeben werden. Die Autoren
versprechen sich zusätzliche 10 Gigawatt Leistung durch neue
Kernkraftwerke, 8 Gigawatt durch Wasserkraftwerke und 3 Gigawatt aus
erneuerbaren Energien. Gleichzeitig schlägt die Expertenkommission vor,
veraltete Heizkraftwerke (23 GW) und Kernkraftwerke (4 GW) vom Netz zu
nehmen.
Ein wichtiger Aspekt ist die verstärkte Nutzung
alternativer Energiequellen. Zum Jahr 2015 soll die Serienproduktion von
Windkraftanlagen in Russland starten. Jedes Windaggregat soll eine
Leistung von 1 bis 3 MW haben.
Auch die Stromverteilung soll
professioneller werden. Der Verschleißgrad der Verteilernetze soll auf
50% sinken. Dazu entstehen 95.000 neue Stromleitungen. Das
Überlandleitungsnetz (ENES) soll um knapp 55.000 km erweitert werden,
der Verschleißgrad soll auf 30% gesenkt werden. Darüber hinaus ist der
Bau von knapp 10.000 km Hochspannungsleitungen und 156.00 km 220
KV-Leitungen geplant.
Um die Player am russischen Energiemarkt zu
mehr Investitionen zu bewegen, sollen: 1. Staatsbanken günstige Kredite
herauslegen (maximal 8% Jahreszins);
2. staatliche Energiebetriebe
ihre Kapazitäten künftig über Börsen an den meistbietenden Kunden
verkaufen, um maximale Gewinne abschöpfen und reinvestieren zu können;
3. staatliche Privatisierungserlöse als Investitionen in den Sektor zurückfließen.
Der
Moskauer Energieversorger Mosenergo hat Ende Dezember 2011 mit dem Bau
eines neuen Gas-und-Dampf-Energieblocks im Heizkraftwerk TEZ-16 im
Nordwesten der Hauptstadt begonnen. Die Leistung beläuft sich auf 420
Megawatt. Der Kraftwerksblock kostet 15 Mrd. Rubel (circa 377 Mio.
Euro). Lieferant der Anlagentechnik ist die deutsche Firma Siemens.
Allerdings
ist fraglich, ob der geplante Termin für die Fertigstellung im Dezember
2013 gehalten werden kann. Das liegt nicht am Generalauftragnehmer, TEK
Mosenergo, sondern an den fehlenden Umspannkapazitäten. Dieselbe
Situation besteht bei den Heizkraftwerken TEZ-12 und TEZ-20. In beiden
Werken sollen vergleichbare Gas-Dampfturbinenblocks installiert werden.
Doch mittlerweile hat sich die Bau der beiden Umspannwerke Wagankowskaja
und Solotarewskaja um ein bis eineinhalb Jahre verzögert. Über diese
Werke müsste die elektrische Energie aus den drei neuen
Kraftwerksblöcken transformiert werden.
Das Unternehmen
Obedinjonnaja energetitscheskaja kompanija (OEK, Vereinigte Energie
Gesellschaft), der zweitgrößte Moskauer Energiedistributor, will 2012
rund 22 Mrd. Rubel in die Stromverteilung investieren. Die
Investitionssumme ist um 88% höher als der für 2012 geplante Umsatz.
Sprich: Das Unternehmen wird auf jede Menge Fremdkapital zurückgreifen.
Der
russlandweit agierende Energieverteiler OAO FSK EES will 2012 zwischen
190 Mrd. und 196 Mrd. Rubel investieren - etwas mehr als 2011.
Allerdings stehen 2013 und 2014 voraussichtlich herbe Einschnitte beim
Investitionsprogramm an. Wie die Wirtschaftszeitung Rbk daily von einer
Quelle im Unternehmen erfahren haben will, sollen die Ausgaben für neue
Netze um ein Viertel auf 140 Mrd. bis 150 Mrd. Rubel pro Jahr gekürzt
werden - obwohl die Tarife nach den Vorgaben des Wirtschaftsministeriums
zwischen 2012 und 2014 um bis zu 26,3% wachsen sollen.
Das
Unternehmen Evrosibenergo will noch 2012 mit dem Bau eines
Wärmekraftwerks in Ust-Kut mit einer Leistung von zunächst 400 MW
beginnen - mit der Option auf eine Erweiterung der Anlage. Ust-Kut ist
eine Kleinstadt im Gebiet Irkutsk.
Das Investitionsprogramm eines
der größten russischen Energieerzeuger, OAO Inter RAO EES, mit
installierten Kapazitäten von 29 Gigawatt, belief sich 2011 auf 69 Mrd.
Rubel. In den Jahren 2011 bis 2015 sollen sogar 199 Mrd. Rubel in neue
Anlagen und 69 Mrd. Rubel in die technische Umrüstung und Modernisierung
alter Werke fließen.
Der Betreiber 26 großer Wasserkraftwerke,
RusGidro, muss seine Investitionsziele zurückschrauben. Ursprünglich
hatte der Energieriese geplant, 2012 rund 124 Mrd. Rubel für neue
Technik auszugeben. Doch das ist Schnee von gestern. "Wir kommen kaum
über 96 Mrd. Rubel", prognostizierte der stellvertretende Konzernchef
Achmetulla Alschanow Mitte Oktober 2011 in der Zeitung Rbk daily die
Investitionen fürs Folgejahr.
In Russland wurden 2011 mehr als 1
Billion Kilowattstunden Strom erzeugt. Das waren zwar um 1,4% mehr als
2010, aber die Wachstumsdynamik hat stark nachgelassen. Laut der
internationalen Marktforschungsagentur Fitch dürften sich die
Steigerungsraten in den kommenden Jahren auf dem Niveau des
Wirtschaftswachstums einpendeln. Für die Jahre 2012 bis 2014 wird in
Russland ein Zuwachs der Wirtschaftsleistung von jährlich 3,5 bis 3,7%
prognostiziert. In diesem Rahmen dürfte sich auch das Plus bei der
Stromproduktion bewegen.
Erzeugung von Elektroenergie in Russland (in Mrd. KWh; Veränderung in %)
| 2011 | Veränderung 2011/2010 | |
| Stromerzeugung | 1.052 | 1,4 |
| Davon: | ||
| Wasserkraftwerke | 165 | -2 |
| Heizkraftwerke | 713 | 2,2 |
| Atomkraftwerke | 173 | 1,4 |
Quelle: Rosstat
Der russische
Energiesektor gilt dem Allrussischen Meinungsforschungszentrum (WZIOM)
zufolge als einer der korrumpiertesten im ganzen Land. Die Liste der
Vorwürfe, die das Analyseinstitut in einem Bericht des
Wirtschaftsblattes Rbk daily aufführt, ist lang: Bestechungszahlungen
auf allen Management-Ebenen, Abschlagszahlungen von Lieferanten,
Aufträge an mit dem Management verbandelte Firmen, unvollständige
Informationen bei Ausschreibungen für "außenstehende" Lieferanten und
zentrale Entscheidungen nur gegen Honorar. Im Ergebnis verteuerten diese
"Bakschisch"-Zahlungen den Einkaufspreis um 30 bis 40%, so der
stellvertretende WZIOM-Direktor Konstantin Abramow. Ausgenommen von
diesen Vorwürfen seien lediglich die Energiekonzerne unter ausländischer
Führung, so etwa E.On Rossia und Enel OGK-5. Abramow hält die Deutschen
und die Italiener für Vorbilder in punkto korruptionsfreies
Wirtschaften und Vergabe von Aufträgen.
In dieselbe Kerbe, wenn
auch verklausuliert, schlagen die Autoren des aktuellen Programmentwurfs
des Energieministeriums. Dort heißt es, dass die Effektivität, mit der
Gelder im Energiesektor investiert würden, in den vergangenen Jahren um
den Faktor 2,5 abgenommen hätte. Dass die Energieverluste bei der
Gewinnung und Verteilung von Energie seither um das 1,5-fache gestiegen
seien, obwohl das Personal in den vergangenen Jahren um 50% aufgestockt
wurde.
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E-Mail: mosenergo@mosenergo.ru, Internet: http://www.mosenergo.ru
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