IT-Branche erwartet dennoch starkes Wachstum / Anbieter stehen in den Startlöchern / Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Cloud-Computing hält allmählich Einzug in Russlands
Geschäftsleben. Für Serviceprovider liegt der Reiz in der Perspektive,
denn noch ist der 2011 erzielte Branchenumsatz mit 35 Mio. US$
überschaubar. Davon wurden 22 Mio. $ mit Private Clouds und 12 Mio. $
mit Public Clouds erwirtschaftet. In kurzer Zeit sollen die Umsätze
explodieren. Dazu müssen potenzielle Anwender aber mehr Vertrauen in die
Datenverarbeitung durch externe Anbieter fassen.
Die derzeit erwirtschafteten Umsätze betrachten Anbieter als eine
Art Anzahlung. Das spezialisierte Marktforschungs- und
Beratungsunternehmen IDC geht jedoch von äußerst starken Zuwächsen aus:
Im Jahr 2015 soll das Marktvolumen bei Cloud-Dienstleistungen in
Russland 1,2 Mrd. $ erreichen. Das größte Wachstumspotenzial wird bei
der kompletten Auslagerung der Rechenleistung und Datenspeicherung, IaaS
(Infrastructure as a Service), erwartet. Im Jahr 2011 konzentrierte
sich die Nachfrage noch auf kostengünstige Angebote aus dem Bereich SaaS
(Software as a Service).
Die Umsätze der Branche teilten sich
2011 zu 73% auf cloudbasierte E-Mail-Dienste, zu 15% auf cloudbasierte
Anti-Spam- und Anti-Virenlösungen sowie zu 8% auf cloudbasierte
Videokonferenzen auf. Die restlichen 4% entfielen auf andere
Cloud-Produkte aus den Bereichen Buchhaltung, Steuerberechnung, Customer
Relation Management (CRM) und Enterprise Resource Planning (ERP).
Anbieter
von Videolösungen überzeugen ihre Kunden vor allem mit dem Argument,
dass im Flächenstaat Russland, und darüber hinaus im internationalen
Geschäftsverkehr, mit der Übertragung von Bild und Ton in Echtzeit
Kosten und Zeit eingespart werden können. Geschäftsreisen reduzieren
sich auf ein Minimum. Darüber hinaus braucht sich der Kunde im Fall
einer Cloud-Lösung die entsprechende Soft- und Hardware nicht
anzuschaffen. Es reicht ein Internetzugang. Gezahlt wird lediglich für
die reine Nutzungszeit.
Analysten schauen aktuell weniger auf die
2011 erwirtschafteten Umsätze, sondern untersuchen vielmehr die Dynamik,
die bei Cloud-Lösungen entstanden ist. Auf dieser Grundlage werden zwei
wesentliche Schlussfolgerungen gezogen: Erstens steht der russische
Markt für Cloud-Lösungen am Beginn. Und zweitens zieht die Nachfrage
stark an, allerdings ausgehend von einem niedrigen Stand.
Unter
den Kunden überwiegen zahlenmäßig kleine und mittlere Unternehmen (KMU),
darunter Start-ups, die sich die Investitionen in eigene
Kommunikations- und Speicherlösungen nicht leisten können oder auf diese
Ausgaben verzichten wollen. Diese Kundengruppe ist für sich allein
betrachtet für die Serviceanbieter schon deshalb interessant, da deren
Zahl in Russland wächst. Daneben berichtet die IT-Branche von ersten
Serviceverträgen mit großen Unternehmen: Der Markt ist in Bewegung
gekommen.
Für den Geschäftserfolg von Cloud-Lösungen spricht
insbesondere die Größe des Landes. Um mit regionalen Niederlassungen,
aber auch mit Kunden über große Distanzen hinweg in Wort, Schrift und
Bild kommunizieren zu können, bietet sich die Auslagerung entsprechender
Dienstleistungen auf spezialisierte und landesweit operierende Anbieter
regelrecht an. Der geographische Faktor betrifft Kunden aller
Unternehmensgrößen gleichermaßen.
Zudem können Kunden mit
Cloud-Lösungen auf die sich in Russland schnell ändernden
Rahmenbedingungen und Marktsignale flexibel reagieren, ohne jedes Mal in
neue Informationstechnik investieren zu müssen. Gleiches gilt für die
Sicherheit der Datenspeicherung in einem Land, in dem es verschiedene
Klima- und Zeitzonen gibt; Serverfarmen und Datenzentren werden in
Regionen konzentriert, in denen Stromausfälle und andere technischen
Pannen oder extreme Wettereinflüsse eher auszuschließen sind.
Der
Aufholbedarf Russlands bei Cloud-Lösungen im Vergleich zu anderen
Staaten liegt unter anderem am geringen Vertrauen der Unternehmenswelt
in die Herausgabe sensibler Daten an externe Dienstleister. In vielen
Fällen sind Know-how und Kundendaten das Wertvollste, über das die
Firmen verfügen. Zudem hinkt die gesetzliche Regulierung des Sektors den
Erfordernissen hinterher. Unter anderem fehlt eine exakte Einordnung
dieser Dienstleistung durch den Steuerkodex. Experten bemängeln
gleichfalls Defizite beim rechtlichen Schutz intellektuellen Eigentums
in diesem speziellen Anwendungsgebiet.
Die IT-Branche gibt sich
trotzdem optimistisch und verweist auf Analogien der jüngsten
Vergangenheit. So sei noch vor wenigen Jahren das Misstrauen gegenüber
elektronischen Bankprodukten enorm groß gewesen. Heutzutage gehören
Bankautomaten und Kreditkarten zur Normalität. Selbst die Kontoführung
über das Internet ist in Russland keine Rarität mehr. Einen ähnlichen
Weg wird die Unternehmenswelt bei der Nutzung externer Cloud-Lösungen
beschreiten, so die einheitliche Meinung.
Die ersten zufriedenen
Kunden gehen bereits mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit.
Verzögerungen dürften aber dann auftreten, wenn unter der Anbietern
"schwarze Schafe" auftauchen oder andersgeartete Missbrauchsfälle publik
würden. Doch gehen Branchenexperten vorerst nicht davon aus. Die
Modernisierung der rechtlichen Bestimmungen sei zudem eine Frage der
Zeit.
Unter den Anbietern haben in Russland internationale
Giganten wie Microsoft und Google ihre Ausgangspositionen eingenommen.
Hinzu gesellen sich Branchenriesen wie IBM, HP oder auch Oracle. Daneben
existiert eine zweistellige Zahl an russischen Unternehmen, die sich
mit Systemintegration und Outsourcing beschäftigen. Dazu gehören
Softline, R-Style, SKB-Kontur, Leta Group, Akvarius, Informzaschita,
Asteros, RNT, Orbita, Nvison Group und Technoserv. Speziell für
IaaS-Angebote nennen Experten Softline, Parking.ru, Oversun Scalaxy und
IT Grad in einem Atemzug.
Zu den führenden Anbietern von Private
Clouds werden HP, IBM und Asteros gezählt. Vor allem die Finanz- und
Versicherungswirtschaft sowie Telekommunikationsunternehmen gehören zu
ihren Kunden. Dies mag auf den ersten Blick verwundern, da Unternehmen
aus diesen Branchen über eine eigene starke IT-Infrastruktur verfügen.
Doch setzt sich gerade hier die Erkenntnis durch, dass externer
Sachverstand bei modernen IT-Lösungen schneller und billiger zum Ziel
führt.
Der Einzug von Cloud-Lösungen wird den IT-Markt insgesamt
aufwirbeln. Distributoren und Weiterverkäufer traditioneller Hard- und
Software werden es künftig schwerer haben, ihre gewohnten Umsätze zu
erzielen, denn die Anforderungen an die Hardware-Ausstattung nehmen bei
den Endanwendern durch Cloud-Lösungen ab. Künftig reichen abgespeckte
Desktop-PCs, Tablet-PCs, Netbooks und Laptops für viele Anwendungen aus.
Server, Kühlsysteme und Speicherlösungen fragen dann mehrheitlich nur
noch Serviceprovider nach.
Aufwind verspüren wiederum IT-Berater,
Entwickler von Cloud-Lösungen in immer weiteren Anwendungsgebieten sowie
die Telekommunikationswirtschaft. Letztendlich steigen die Nachfrage
nach mobilen und festnetzgestützten Breitband-Internetverbindungen sowie
die Anforderungen an die Übertragungssicherheit enorm an. (U.U.)
Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der
Messmitteln, Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für
Russland