Deutschlands Exporte legten 2011 um über 40 Prozent zu / Aussichten bleiben weiter positiv / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Der deutsch-russische Außenhandel kletterte 2011 auf einen
neuen Rekordwert von knapp 72 Mrd. US$. Die deutschen Exporte nach
Russland legten um 41% auf 38 Mrd. $ zu, die Importe stiegen um ein
Drittel auf 34 Mrd. $. Vieles spricht dafür, dass die Bundesrepublik ihr
Rekordergebnis bei den Ausfuhren nach Russland im Jahr 2012 sogar noch
einmal überbieten kann. Ein Wirtschaftswachstum zwischen 3 und 4%, der
WTO-Beitritt sowie Investitionen für die Fußball-WM 2018, im
Energiesektor und im Gesundheitswesen werden die deutschen Exporte
ankurbeln.
Damit behält Deutschland seinen Platz als zweitwichtigster
Handelspartner Russlands, gleich hinter der Volksrepublik China. China
hatte im Jahr 2010 Deutschland von der Spitzenposition verdrängt und
konnte seinen Vorsprung 2011 mit einem Zuwachs von 41% beim
Handelsumsatz weiter ausbauen. Russland wickelt nun 9,5% seines
Außenhandels mit dem asiatischen Land ab und 8,4% mit Deutschland.
Dahinter folgen die Niederlande, die Ukraine und Italien.
Russlands wichtigste Außenhandelspartner im Jahr 2011
| Land | Außenhandelsumsatz (Mrd. US$) | Anteil in Prozent am Gesamthandel |
| Gesamthandel, davon | 821,3 | 100 |
| .VR China | 83,5 | 10,2 |
| .Deutschland | 71,8 | 8,7 |
| .Niederlande | 68,5 | 8,3 |
| .Ukraine | 50,6 | 8,2 |
| .Italien | 46,0 | 5,6 |
| .Belarus | 38,6 | 4,7 |
| .Türkei | 31,8 | 3,9 |
| .USA | 31,2 | 3,8 |
| .Japan | 29,7 | 3,6 |
| .Frankreich | 28,1 | 3,4 |
| .Polen | 28,0 | 3,4 |
| .andere | 313,2 | 36,2 |
Quelle: Föderaler Zolldienst Russlands
Russlands
Außenhandel erreichte 2011 nicht nur im Verhältnis zu Deutschland,
sondern auch insgesamt ein Rekordergebnis. Das Land verkaufte Waren und
Dienstleistungen für 516 Mrd. $, während sich die Importe auf 305 Mrd. $
beliefen. Daraus ergibt sich ein Handelsbilanzsaldo von 211 Mrd. $. Der
Exportüberschuss stieg somit im Vergleich zum Jahr 2010 um über ein
Viertel.
Unterdessen wird Russland immer abhängiger von Öl- und
Gas-Exporten. Der Anteil von Rohöl, Erdölprodukten und Erdgas an den
gesamten Ausfuhren belief sich in den ersten zehn Monaten 2011 auf knapp
70%. Das entspricht einem deutlichen Anstieg gegenüber 2010. Kein
Wunder, denn der Preis für ein Barrel Öl der Sorte Urals lag im
Jahresdurchschnitt 2011 bei über 109 $ und damit um fast 40% über dem
Vorjahresniveau. Die Gaspreise an der Grenze zur Bundesrepublik
Deutschland überstiegen 2011 im Schnitt um 29% das Niveau von 2010.
Zusammen
mit Metallen und Holz kommen die Rohstoffe beziehungsweise
rohstoffbasierten Produkte in der Export-Statistik auf einen Anteil von
über 80%. Damit offenbart sich das Dilemma der russischen
Volkswirtschaft. Sie ist und bleibt durch und durch vom Rohstoffsektor
dominiert. Der Anteil von Maschinen, Ausrüstungen und Transportmitteln
an den Ausfuhren brach dagegen in den ersten zehn Monaten 2010 um ein
Viertel ein und beträgt nur noch 4,1%. Damit zeigt sich, dass die
russische Regierung von ihren Modernisierungszielen noch weit entfernt
ist. Von einer spürbaren Diversifizierung der russischen Wirtschaft kann
bislang nicht die Rede sein.
Allerdings gibt es auch Lichtblicke.
Russische IT-Firmen, insbesondere Softwareentwickler, erhöhen ihre
Exporte Jahr für Jahr um ein Drittel. Dieser Trend dürfte anhalten.
Verstärkt wird die positive Tendenz durch den WTO-Betritt Russlands. Die
Importzollsätze Russlands auf Elektronik werden von 15% auf 7 bis 9%
reduziert. Das senkt die Selbstkosten der Anschaffung von Ausrüstungen,
Computern oder Mikrochips für die IT-Firmen. Außerdem freuen sich
russische Hersteller solcher Produkte auf sinkende Barrieren beim
Export.
Russlands Exportstruktur (Anteile an den Gesamtausfuhren in %)
| Warengruppe | Januar bis November 2010 | Januar bis November 2011 |
| Energieträger | 67,4 | 69,5 |
| ..Rohöl | 33,9 | 34,9 |
| ..Erdölprodukte | 17,6 | 18,5 |
| ..Erdgas | 11,9 | 12,2 |
| Metalle und Metallwaren | 10,6 | 8,9 |
| Chemische Erzeugnisse, Kautschuk | 6,2 | 6,0 |
| Maschinen, Ausrüstungen und Transportmittel | 5,3 | 4,2 |
| Holz, Zellstoff- und Papierprodukte | 2,5 | 2,1 |
| Lebensmittel und Agrarprodukte | 2,3 | 2,2 |
| Sonstige Waren | 5,7 | 7,1 |
Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation
Aber
nicht nur der Anteil von Energieträgern am russischen Außenhandel
steigt weiter. Auf der anderen Seite importiert Russland immer mehr
Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge. Grund: Eine Schwachstelle der
russischen Wirtschaft ist der Maschinenbau. Doch je weniger
wettbewerbsfähig Russland auf diesem Gebiet ist, desto besser sind die
Geschäftschancen für ausländische und vor allem deutsche Ausrüster.
Hinzu kommt, dass der Absatzmarkt weiter wächst, denn die
Bruttoanlageinvestitionen steigen. Vorläufigen Schätzungen zufolge haben
sie 2011 um 6,2% auf 10.560,5 Mrd. Rubel (258,1 Mrd. Euro, Wechselkurs
Jahresdurchschnitt 2011: 1 Euro = 40,9121 Euro, Deutsche Bundesbank)
zugelegt. In den kommenden Jahren sollen die Anlageinvestitionen sogar
noch stärker wachsen: 2012 um 7,8%, 2013 um 7,1% und 2014 um 7,2%.
Russlands Importstruktur (Anteile an den Gesamteinfuhren in %)
| Warengruppe | Januar bis November 2010 | Januar bis November 2011 |
| Maschinen, Ausrüstungen und Transportmittel | 44,0 | 47,8 |
| Chemische Erzeugnisse, Kautschuk | 16,3 | 14,9 |
| Lebensmittel und Agrarprodukte | 15,7 | 13,9 |
| Metalle und Metallwaren | 7,3 | 7,0 |
| Textilien, Textilprodukte und Schuhe | 6,4 | 5,6 |
| Mineralische Produkte | 2,4 | 2,0 |
| Sonstige Waren | 7,9 | 8,8 |
Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation
Vieles
spricht dafür, dass Deutschland das 2011er Rekordergebnis bei den
Exporten nach Russland im Jahr 2012 sogar noch einmal überbieten kann.
Denn die makroökonomischen Rahmenbedingungen in Russland bleiben weiter
positiv. Das Bruttoinlandsprodukt soll zwischen 3 und 4% wachsen. Das
Wirtschaftsministerium etwa rechnet mit einem Wachstum von 3,7%,
Experten an der Higher School of Economics prognostizieren 3,4%,
Analysten der Unicredit-Bank 3,9%.
Der Beitritt Russlands zur
Welthandelsorganisation (WTO) wird Lieferungen ins größte Flächenland
der Welt noch begünstigen. Die Industriezölle sollen um drei
Prozentpunkte auf durchschnittlich 6,4% sinken. Bei landwirtschaftlichen
Erzeugnissen werden die gebundenen Durchschnittszolltarife auf
Importprodukte von 15,6 auf 11,3% reduziert, schreibt das
Wirtschaftsjournal "Expert". Deutsche Fachleute rechnen künftig mit
einem durchschnittlichen Zollsatz von 11,5%. Das ist zwar höher als der
russische Durchschnittszoll auf Industriewaren, aber niedriger als die
Importzölle der EU auf Agrarerzeugnisse.
Für die deutsche
Automobilindustrie ergeben sich ebenfalls Verbesserungen. Die Zollsätze
für neue Pkw sollen mit WTO-Beitritt von 30 auf 25% gesenkt werden, die
Zollsätze für drei bis sieben Jahre alte Gebrauchtwagen von 35 auf 25%.
Russland verpflichtet sich in den darauffolgenden sieben Jahren die
Zölle schrittweise auf 15% zu verringern. Unangetastet bleiben die enorm
hohen Importzölle auf alte Gebrauchtfahrzeuge. Bei den Zöllen für
Nutzfahrzeuge sinken am stärksten die Sätze für Nfz mit einem Gewicht
über 20 t: von 25% auf 10% mit WTO-Beitritt und drei Jahre später
nochmals um 5 Prozentpunkte auf 5%. Bei drei bis sieben Jahre alten Nfz
wird der Zollsatz zunächst auf 15% und nach drei Jahren auf 10%
reduziert.
Auch die Bauwirtschaft hat 2011 wieder an Dynamik
gewonnen und dürfte sich 2012 weiter positiv entwickeln. Ein Impulsgeber
werden die Vorbereitungen auf die Fußball-WM 2018 sein. In zwölf
Städten des Landes sollen neue Stadien gebaut werden. Außerdem müssen
die Austragungsorte per Schiene und Straße miteinander verknüpft werden.
Experten rechnen mit einem Investitionsbedarf von rund 50 Mrd. $.
Eine
Branche mit ausgezeichneten Absatzchancen ist die russische
Energiewirtschaft. Bis 2020 sollen für 280 Mrd. Euro neue Anlagen zur
Energieerzeugung gebaut und bestehende modernisiert werden. Über 82
Gigawatt neuer Kraftwerksleistung sollen so ans Netz. Auf der anderen
Seite werden alte Anlagen mit einer Leistung von 27 Gigawatt
abgeschaltet. Allein der Ausbau der Stromnetze soll 118 Mrd. Euro
kosten.
Stabile Geschäftschancen bietet auch der Ausbau der
russischen Transportinfrastruktur. So wurden 2011 bereits 10 Mrd. Euro
in die Eisenbahn gesteckt; 2012 sollen Investitionen in ähnlicher
Größenordnung fließen. Die Ausgaben für den Straßenbau dürften sogar um
knapp 3 Mrd. auf 18,9 Mrd. Euro steigen. Außerdem gibt es kaum einen
Regionalflughafen, an dem nicht größere Modernisierungen anstehen.
Allerdings ist fraglich, ob die vielen Projekte tatsächlich zeitnah
starten.
Auch im Gesundheitssektor sind die Aussichten günstig.
Der Markt für Arzneimittel soll von 23,5 Mrd. Euro im Jahr 2011 auf über
26 Mrd. Euro im Jahr 2012 wachsen. Nach wie vor werden - gemessen am
Wert - etwa zwei Drittel aller Medikamente importiert. Ähnlich ist die
Marktsituation bei Medizintechnik. Von den hohen Einfuhren profitierten
bis dato vor allem deutsche Hersteller. Ein Viertel aller nach Russland
gelieferten medizinischen Geräte kommt aus der Bundesrepublik. Wenn
eintritt, was vom russischen Gesundheitsministerium und von zahlreichen
Marktbeobachtern prognostiziert wird, dass sich das Marktvolumen bis
2020 vervierfacht, dann dürfte diese Branche zu den
Top-Wachstumssektoren für deutsche Lieferanten avancieren - und zwar
nicht nur 2012, sondern auch in den Folgejahren. (H.B.)
Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der
Messmitteln, Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für
Russland