Wohnraum bleibt weiterhin knapp / Private Beteiligungen im Wirtschaftsbau deutlich gestiegen / Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Russlands Bauwirtschaft hat sich von der Finanzmarktkrise des
Jahres 2008 erholt. Annähernd die Hälfte aller Investitionen floss im
Jahr 2011 in den Bausektor. Nach Angaben von Viktor Basargin, bis vor
kurzem Minister für Regionalentwicklung, ist der Umfang der Bautätigkeit
in 70 Regionen gestiegen. Im Frühjahr 2012 befanden sich Objekte mit
einer Gesamtfläche von 82 Mio. qm in der Bauphase. Obwohl die gebaute
Wohnfläche 2011 um mehr als 6% anstieg, bleibt Wohnraum in den nächsten
Jahren knapp.
Für die weitere Entwicklung der Branche hängt vieles davon ab, ob
sich der Vorjahresschwung nach vollzogener Regierungsneubildung
verstetigt. Eine Rolle spielen dabei nicht zuletzt externe Faktoren,
etwa die Verschuldungskrise im Euroraum sowie die Konjunkturlage in
Nordamerika und Asien. Im Vergleich zu einigen europäischen Staaten hebt
sich der russische Immobilien- und Baumarkt jedoch positiv ab, selbst
wenn die Wachstumsraten 2012 im Vergleich zum Vorjahr geringer ausfallen
sollten.
Laut einer Umfrage des Föderalen Statistikdienstes
Rosstat unter den Vorständen großer Baukonzerne und Immobilienentwickler
rechnen 21% von ihnen mit einer Verbesserung der Baukonjunktur. Als
Risikofaktoren benannten die Vorstände am häufigsten die
Steuerbelastung, Zahlungsausfälle seitens der Auftraggeber sowie die
Konkurrenz untereinander.
Die Bedeutung der ersten zwei Faktoren
nahm im Vergleich zur Vorjahresumfrage ab, der Einfluss des Wettbewerbs
dagegen zu. Dies lässt darauf schließen, dass sich die fiskalischen und
konjunkturellen Rahmenbedingungen für die Bauwirtschaft leicht
stabilisiert haben. Wichtiger für den Geschäftserfolg sind
unternehmerische Qualitäten geworden.
Der Wert der erbrachten
Bauleistungen stieg im Jahr 2011 um real 5,1% auf 5.062 Mrd. Rubel an
(174,55 Mrd. US$, 1 US$ = 29 Rubel). Den wichtigsten Regionalmarkt
stellte die Stadt Moskau dar, wo 535,66 Mrd. Rubel beziehungsweise 10,6%
aller Bauleistungen erbracht wurden. Es folgten die Region Tjumen (8,6%
aller Bauleistungen), die Region Krasnodar (7,5), Sankt Petersburg
(6,6) und die Region Moskau (ohne Stadtgebiet) mit 5,6%. Wird Moskau mit
seinem administrativ autonomen Umland zusammen betrachtet,
konzentrieren sich hier 16,2% aller Bauleistungen.
Die Baubranche
ist aktuell eine Stütze für das Wirtschaftswachstum und darüber hinaus
ein Jobmotor. Die Zahl der auf dem Bau Beschäftigten stieg im Jahr 2011
nach amtlichen Angaben um 200.000 beziehungsweise um 7% an. Die
tatsächliche Ziffer dürfte sogar noch höher ausgefallen sein, da nicht
selten Arbeitsimmigranten aus Zentralasien in diesem Erwerbszweig eine
informelle Anstellung als Tagelöhner finden. Dabei werden sie weder von
der Statistik noch von den Finanzämtern oder der Sozialversicherung
erfasst. Es herrscht Arbeitskräftemangel.
Wohnungsbau
Der
Wohnungsbau nimmt eine zentrale Position im Baugeschehen ein. Von den
223.800 Gebäuden, die 2011 fertig gestellt wurden, waren 210.900
Wohnhäuser - das entspricht einem Anteil von 94,2%. Gemessen an der
Baufläche ergab sich jedoch ein differenziertes Bild. Demnach lag der
Anteil des Wohnungsbaus bei 15% (62,3 Mio. qm Wohnfläche versus 407,7
Mio. qm an insgesamt übergebener Fläche). Im Vorjahresvergleich stieg
die gebaute Wohnfläche um 6,6%. Gleichzeitig näherte sich der Wert an
seinen historischen Höchststand aus dem Jahr 2008 an, als 64,1 Mio. qm
übergeben wurden.
Im Moskauer Gebiet (ohne Stadt) wurde 2011 mit
8,2 Mio. qm die weitaus umfangreichste Wohnfläche fertig gestellt. Der
Reihe nach folgten das Gebiet Krasnodar mit 3,7 Mio. qm, Sankt
Petersburg mit 2,7 Mio. qm und die Region Tjumen mit 2,1 Mio. qm. In
Moskau sind 1,8 Mio. qm an Wohnfläche entstanden - es gilt hier
abzuwarten, wie sich das im Mai 2011 für das Stadtzentrum verhängte
Baumoratorium auf den Immobilienmarkt auswirkt. Einflussreiche
institutionelle Bauherren haben die Einschränkungen bereits ausgehöhlt
oder in Teilen einfach ignoriert. Wie diese Entwicklung auch ausgeht,
beim derzeitigen Bautempo wird Wohnraum auf Jahre knapp bleiben, sowohl
in der Hauptstadt als auch in den Regionen.
Hypothekenfinanzierung
Der
Umfang der Hypothekenfinanzierung wird 2012/13 wachsen, selbst wenn das
Zinsniveau eher steigen als sinken wird. Doch können Finanzinstitute
dem Markt mehr Mittel zur Verfügung stellen: Russlands Zentralbank
revidierte ihren Erlass vom Oktober 2011 und schreibt den Banken ein
geringeres Niveau der Rückstellungen für Hypothekenkredite vor. Dadurch
werden Gelder frei. Diese Lockerung erfolgte auf Protest der
Bankenwirtschaft hin. Einflussreiche staatliche Finanzinstitute hatten
den Protestzug angeführt.
Im Jahr 2011 wurden Hypothekenkredite
zur Finanzierung neuer Wohnimmobilien in einer Gesamthöhe von 107 Mrd.
Rubel (3,7 Mrd. US$) sowie für den Wohnungserwerb auf dem Sekundärmarkt
in Höhe von 606 Mrd. Rubel (20,8 Mrd. US$) vergeben. Unter den aktuell
erleichterten Konstellationen erwarten Banken eine Belebung der
Finanzierung vor allem auf dem primären Wohnungsmarkt. Die Gesamthöhe
aller neuen Hypothekenkredite dürfte 2012 die magische Marke von 1
Billionen Rubel (34 Mrd. US$) erreichen.
Großprojekte
| Vorhaben/Region | Investitionen in Mio. US$ | Projektstand | Anmerkungen |
| Bau von Hochgeschwindig-keitsstrecken zwischen Moskau und Sankt Petersburg sowie Nischni Nowgorod, Kasan und Jekaterinburg | circa 83.000 | Projektierungs-phase, voraussichtlicher Baubeginn 2018, Ausführungsphase: 7 Jahre | Investor: OAO RZD, Finanzierung teilweise über Infrastruktur-Obligationen |
| Gas- und Chemiekomplex in Budjonowsk (Gebiet Stawropol) | 4.827 | Bau seit Oktober 2011, Ausführungsphase: 6 Jahre, Inbetriebnahme der ersten Produktion 2015 | Investor: Lukoil |
| Mineraldünger-fabrik in Mendelejewsk (Republik Tatarstan) | 1.650 | Baubeginn 2011/12 | Investoren: Vneschekonombank (VEB) und Japan Bank for International Cooperation |
| PETF-Fabrik in Naltschik (Republik Kabardino-Balkarien) | 410 | Projektierungs-phase | Investoren: Unternehmer Sergej Aschinow, UBS, Investitionsfonds der Russischen Föderation und der Republik Kabardino-Balkarien |
| Elektro-metallurgisches Werk in Tjumen | 667 | in der Ausführungsphase, Inbetriebnahme für 2013 geplant | Investor: UGMK-Holding, Kapazität: 0,5 Mio. jato Metall |
| Eisenbahnstrecke Kysyl-Kuragino (Ostsibirien) | 1.620 | Projektierungs-phase | Länge: 402 km, Investor: staatlicher Investitionsfonds; Baufirma der ersten Strecke (147 km): OOO Strojinnovazija (Gruppe Summa) |
| Ausstellungs- und Businesszentrum Smart City in Kazan (Republik Tatarstan) | 1.000 | Projektierungs-phase | Fläche: 350 ha |
| Raffinerie Omsk | 3.965 | Bauphase | 493 Mio. US$ an Projektkosten im Jahr 2012, Investor: Gasprom Neft |
| Modernisierung der Raffinerie Jaroslawl | 1.200 | Vorplanung, Ausführungsphase 2012 bis 2014 | Investor Slavneft |
| Raffinerie Brjansk | 2.000 | Vorplanung, Bau soll 2015 abgeschlossen sein | Investor: Slavneftegas |
| Fünfzehn Infrastrukturprojekte der Moskauer Regierung | 24.138 | Projekte in den Bereichen Transport, Abfallbeseitigung, Wasserversorgung und Kanalisation sowie Soziales | Public-Private-Partnership angestrebt |
| Automobilwerk in Sankt Petersburg | 1.103 | Projektierungs-phase | Investoren: Fiat-Chrysler (80%) und Sberbank (20%), Kapazität: 120.000 Pkw/Jahr |
| Automobilwerk in Kaluga | 320 Mio. Euro | Projektierungs-phase, Inbetriebnahme 2015 | Investoren: Joint Venture von PSA Peugeot-Citroen und Mitsubishi-Motors Corp., Kapazität: 125.000 Pkw/Jahr |
| Joint Venture für Pharmazeutika | 760 | Standortwahl 2012, Inbetriebnahme für 2013 geplant | Rosnanomedinvest (49%) und Domain RussiaInvestments (51%) |
| Pharmaprojekt "Stentex" zur Produktion von Kardiologietechnik in Domodedowo (Moskauer Gebiet) | 172 | Projektierungs-phase, Baubeginn 2012 | Investor: Renova-Gruppe |
| Anlage zur Erdgasverflüssigung in Wladiwostok | 7.000 | Projektierungs-phase, Inbetriebnahme für 2016 geplant | Kapazität ab 2017: 10 Mio. t LNG, Investoren: Gazprom und japanisches Konsortium |
| Produktion von Stickstoffdünger im Fernen Osten | 1.500 | Projektierungs-phase, mögliche Standorte: Gebiete Chabarowsk oder Primorsk | Investoren: Gazprom, Nazionalnaja Chimitscheskaja Grupa |
| Wasserkraftwerk (100 MW) in Dagestan | 370 | im Bau | Investor und Betreiber: RusHydro |
| Wohnungsbau auf der Wasiljewski-Insel (Sankt Petersburg) | 3.483 | Projektierungsphase | Errichtung von 1 Mio. qm Wohnfläche, u.a. durch Landgewinnung von der Ostsee, Investor: Renova-stroigrup |
| Wohnungsbau "Kamenka" (Sankt Petersburg) | 810 | Bauphase, Abschluss 2013 | Investor und Baufirma: RosStroj (Gruppe SU-155) |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest
Wirtschaftsbau
Die
privaten Beteiligungen am Wirtschaftsbau und an bestehenden Objekten
nahmen 2011 zu. Nach Angaben von Jones Lang LaSalle erreichte das
Engagement 8,4 Mrd. US$, was einen Zuwachs um 73% gegenüber 2010
bedeutete. Analysten hatten zwar einen Anstieg vorausgesehen, doch nicht
in dieser Höhe: Die Prognosen lagen bei maximal 7 Mrd. US$.
Vor
allem das Engagement internationaler Investitionsfonds hat zugelegt.
Diese strömten ins Land, da sich die Renditen in Russland im
internationalen Kontext positiv abhoben. Im Ergebnis zog die
Auslandsquote an allen Transaktionen im Bereich Wirtschaftsobjekte von
14% (2010) auf 41% (2011) an.
Nach Segmenten geordnet
konzentrierte sich das Investoreninteresse mit jeweils 40% auf
Einkaufszentren und Bürogebäude. Der Investitionsfonds Hines Global REIT
erwarb in diesem Zusammenhang den Moskauer Bürokomplex "Gogolewski",
die Jensen Group übernahm das Sankt Petersburger Einkaufzentrum "Newski
Passasch" (Newski Passage). Als Kontrast dazu fielen Investitionen in
bestehende oder neue Lagerflächen und Hotels mit Anteilen von 5,4%
beziehungsweise 9,7% weniger umfangreich aus.
Jones Lang LaSalle
geht für 2012 von einer wieder rückläufigen Beteiligung institutioneller
Investoren aus dem Ausland aus. Ihr Engagement wird bis Jahresende 6,5
Mrd. US$ erreichen, so die Prognose. Insbesondere die Verteuerung der
Kreditaufnahme sowohl bei russischen als auch bei ausländischen Banken
wirkt sich hemmend aus, neben der in Russland zu erwartenden
Konjunkturabkühlung.
Das Investoreninteresse dürfte sich 2012
vorrangig auf Lagereinrichtungen sowie wiederholt auf Bürogebäude
konzentrieren. Im letzten Bereich sind laut Jones Lang LaSalle
qualitativ hochwertige Objekte in die Projektrealisierungsphase
eingetreten. Bei Lagerhallen beflügelt vor allem die eklatante Knappheit
die Geschäftserwartungen. Nach geeigneten Anlagemöglichkeiten im
Volumen von 300 Mio. Euro, vorrangig in Sankt Petersburg oder Moskau,
sucht zum Beispiel die finnische Gruppe Sonora. Die Jensen Group wird
2012 ihren dritten Fonds für russische Immobilien im Volumen von 300
Mio. US$ auflegen.
Finanzierung
Die Finanzierung von
Bauvorhaben hat sich im Jahr 2011 verteuert. Damit wurde vor dem
Hintergrund der Duma- und Präsidentschaftswahlen das vorübergehende
politische Risiko mit vergütet, aber auch Ansteckungsgefahren, die für
den russischen Banken- und Immobilienmarkt von der europäischen
Verschuldungskrise ausgehen. Zudem sind die Auswirkungen der
Finanzmarktkrise noch frisch in Erinnerung: Schließlich wurden die
Verwerfungen an der Wall Street von einer geplatzten Immobilienblase
verursacht.
Völlig zugedreht wurden die Geldhähne aber nie. Vor
allem Finanzinstitute im Staatsbesitz teilen für handverlesene
Bauprojekte Kredite aus. Privatbanken zeigen sich dagegen eher
reserviert. Privatbankiers bestehen unter anderem auf Renditen von 12
bis 13%, während Bauherren meist nur 9 bis 11,5% darstellen können.
Das
Vorgehen der staatlichen Banken ist zu Teilen politisch statt
kommerziell motiviert. Sie finanzieren auch Tochterfirmen, die
Immobilien planen und verwalten. Insbesondere Russlands Sparkasse,
Sberbank, setzte 2011 mit Darlehen zur Baufinanzierung in einer
Gesamthöhe von 12 Mrd. US$ Zeichen auf dem Markt. Für 2012 sieht
Sberbank eine Aufstockung um weitere 15,5 Mrd. US$ vor. Offensichtlich
soll dem abfallenden Trend entgegengesteuert werden.
Immobilien- und Baufinanzierungen (Jahr 2011)
| Gläubiger | Schuldner | Projekt | Finanzierungshöhe |
| Sberbank | Dekmos | Fertigstellung eines Hotelbaus | 10 Mrd. Rubel |
| Renova Strojgroup | Regionalprojekte | 5 Mrd. Rubel | |
| RGI International Limited | Refinanzierung des Einkaufszentrums Tswetnoj Central Market | 150 Mio. US$ | |
| Meshdunarodny Zentr Development | Fertigstellung des Mirax Plaza (multifunktionelles Objekt) | 394 Mio. US$ | |
| Stroitelnaja Kompanija Arban | Bau eines Büro- und Hotelzentrums in Krasnojarsk | 1,24 Mrd. Rubel | |
| ALCON | Bau des ALCON Business-Zentrums in Moskau | 110 Mio. US$ mit Laufzeit über 7 Jahre | |
| Tashir | Übernahme und Entwicklung des Einkaufs- und Freizeitzentrums Raikin | 220 Mio. US$ | |
| Podolsk MLP | Bauphase II des Podolsk MLP Lagerhauses (Klasse A) | 143,8 Mio. US$ | |
| Vneschtorgbank (VTB) | Gals-Development | Schuldenumstrukturierung | bestehende Kreditlinie um 23,5 Mrd. Rubel aufgestockt |
| Adamant | Bauphase II des Einkaufs- und Freizeitzentrums Continent in Sankt Petersburg | 44 Mio. Euro | |
| Gazprombank | City-Palace | Bau des Mehrfunktionsobjektes Evolution Tower | 345 Mio. US$ |
| Mirland Development | Bau des Einkaufszentrums Vernissage in Jaroslawl | 29,1 Mio. US$ | |
| Stroitel | Bau von Stroitel-Objekten | 4,2 Mrd. Rubel | |
| KIT Finance | DVI Holding | Bau des Einkaufs- und Freizeitzentrums KomsoMall in Wolgograd | 1,65 Mrd. Rubel |
| Rosbank | Immofinanz Group | Shushary Logistikzentrum | k.A. |
| Russkij Capital | Dmitry Kulkov, Vladimir Razumnow, Wjatsheslaw Shikulow | Bau des Vnukovo Outlet Village | 20 Mio. US$ |
| Nordea Bank | AFI Development and Snegiri Development | Refinanzierung einer Kreditlinie über 143 Mio. US$ der MDM Bank zum Bau des Four Winds Business Zentrums | 170 Mio. US$ |
| UniCredit Bank | Hines | Dukat Place III Business Zentrum | 205 Mio. US$ |
| Aareal Bank | Raven Russia | Refinanzierung eines Logistikzentrums in Noginsk | 34 Mio. US$ |
| Raiffeisen Bank | Immofinanz Group | Refinanzierung des Einkaufszentrums Fifth Avenue | 55 Mio. US$ |
| Raven Russia | Bau von Lagerhäusern (Klasse A) in Klimowsk und Lobnya | 68 Mio. US | |
| Gamma Invest Group | Bauphase II des Einkaufs- und Freizeitzentrums Europa in Kaliningrad | 59,5 Mio. US$ mit 10 Jahren Laufzeit |
Quelle: Knight Frank, Moskau, 2012
Gleich
mehrere russische Developer und Baufirmen erwägen alternativ einen Gang
an die Börse. Über entsprechende Vorhaben informierten unter anderem
die Snegiri Development und die Sankt Petersburger Baugesellschaft LEK.
Mit dem frischen Geld sollen Altschulden getilgt und neue Projekte
ermöglicht werden.
Handelseinrichtungen
Zwischen dem
Anstieg des Privatverbrauchs und dem Bau von Einzelhandelszentren
besteht ein Zusammenhang - nicht umsonst legte der Einzelhandel 2011 um
7,2% zu. Die Schwerpunkte der Bautätigkeit verschieben sich dabei aus
den weitgehend gesättigten Millionenstädten heraus in mittelgroße urbane
Zonen, in denen Nachholbedarf besteht.
Expansionspläne ausgewählter Einzelhandelsketten
| Einzelhandelsketten | Vorhaben |
| Nahrungsmittel | |
| Lenta | baut 12 Hypermärkte |
| Magnit | erwirbt Tambower Handelskette "Pjatatschok" |
| O`key | eröffnet 13 Geschäfte |
| Auchan | eröffnet fünf Hypermärkte |
| X5 Retail Group | erwirbt Kirower Kette "Ekonomnja semja" |
| Azbuka wkusa | Expansion über die Grenzen des Moskauer Gebiets hinaus |
| Billa | erwirbt Einzelhandelskette "Citystore" |
| Heimwerker und Möbel | |
| Hoff | eröffnet Einzelhandelsobjekt in Sankt Petersburg |
| IKEA | eröffnet drei Zentren im Moskauer Gebiet |
| K-rauta | eröffnet zehn Geschäfte bis 2015 |
| Großhandel | |
| Metro Group | eröffnet zwei Metro Cash & Carry Märkte, verkauft die Handelskette Real |
| Einzelhandel | |
| Adidas | erweitert bis 2015 Netz auf 1000 Geschäfte |
| Wrangler, Lee | eröffnet 15 Geschäfte in Moskau und Sankt Petersburg |
| Coffeeshop | erweitert Netz bis 2015 auf 275 Restaurants |
| Detskij Mir | verdoppelt die Zahl der Geschäfte bis 2015 |
| Subway | eröffnet 12 Restaurants |
| Elektronik, Haushaltstechnik | |
| M. Video | eröffnet 30 Geschäfte im Jahr 2012 und weitere 20 im Folgejahr |
Quelle: Jones Lang LaSalle
Mittelfristig
bleibt Moskau der Mittelpunkt. Hier ist für 2012 die Eröffnung gleich
mehrerer Handelszentren geplant, darunter die Objekte Kaleidoskop
(35.000 qm), Gudzon (70.000), Parus (17.150), MZ Belajewo (12.400),
Taschir (40.000), Leninski Prospekt (70.000) und Witte Mall (23.000).
Inzwischen wird das Bauland knapp. Nur 3% des Stadtgebietes können
überhaupt noch erschlossen werden, mit entsprechenden preistreibenden
Effekten.
Von den landesweit im Bau befindlichen Handels- und
Freizeitzentren entfallen 13% auf Moskau, 12% auf das Moskauer Umland
und 15% auf Sankt Petersburg. Die restlichen 60% werden in den Regionen
realisiert. In mittelgroßen Städten entstehen insbesondere Baumärkte.
Die Projektplaner lassen sich dabei vom Nachholbedarf bei
Renovierungsarbeiten in kleinen und mittleren Städten leiten.
Büroflächen
Büroimmobilien
sind rar, vor allem Flächen der Klasse A, für die sich ausländische
Developer und Investoren besonders interessieren. Nach den soliden
Zuwächsen des Vorjahres ist 2012 mit einer fortgesetzten Belebung auf
dem Büromarkt zu rechnen. Vor allem die extrem hohen Mieten in Russlands
Hauptstadt ziehen das Investoreninteresse an. Moskau gehört mit Tokio,
Hongkong und London zu den vier teuersten Städten der Welt.
Der
Trend bei der Standortwahl verschiebt sich in Richtung Stadtrand. Dort
sind teilweise aufwändige Zusatzmaßnahmen zur Errichtung von
Einrichtungen des Einzelhandels, des Gaststättengewerbes und des
öffentlichen Nahverkehrs erforderlich. Ohne attraktives Umfeld droht den
neu erbauten Bürokomplexen ein Ausbleiben von solventen Mietern - trotz
der Knappheit.
Wie Knight Frank feststellte, realisieren
ausländische Kapitalgeber aktuell 33% aller Transaktionen - Tendenz
steigend, speziell auf dem Moskauer Immobilienmarkt. Dass der Zuwachs
nicht noch höher ausfällt, liegt an der ungenügenden Zahl hochwertiger
Bauvorhaben, weiterhin an teuren Finanzierungen, langatmigen
Genehmigungsverfahren und knappem Baugrund.
Mit steigender
Entfernung von Moskau und Sankt Petersburg nimmt das Engagement
ausländischer Investoren spürbar ab. Gleiches lässt sich für russische
Projektentwickler mit Stammsitz in Moskau sagen. In den Regionen
engagieren sich situationsbedingt örtliche Investoren.
Lagerflächen
In
der Vergangenheit wurden nicht genug Lager- und Logistikzentren gebaut,
was zu eklatanter Knappheit und hohen Mieten führte. Der Anteil freier
Kapazitäten liegt im Großraum Moskau aktuell bei 1,26%. Zudem reagiert
der Markt äußerst sensibel auf stockende Verkehrsströme. Sobald eine
Ausfallstraße aus Moskau heraus ausgebessert wird und damit
Verkehrsbehinderungen entstehen, suchen Mieter von Lagerfläche in diesem
Gebiet nach Alternativen, meist erfolglos. Teilweise ziehen Logistik-
und Handelsfirmen Lagerräume minderer Qualität im Stadtgebiet vor, um
Ausfallzeiten im Straßenverkehr kalkulierbar zu halten.
Den
Developern kommt die Knappheit entgegen, gelingt es ihnen dadurch doch,
Objekte zu bauen, für die bereits ein Miet- oder Kaufvertrag
unterzeichnet wurde. Neben der finanziellen Sicherheit für den Bauherren
können im Umkehrschluss die speziellen technischen Anforderungen des
Mieters, etwa nach Kühlanlagen oder besonderen Sicherheitsvorkehrungen,
berücksichtigt werden. Aktiv sind in dieser Hinsicht unter anderem die
Immobilienentwickler PNK Group, MLP, Raven Russia, Radius Group und PLK
Sewernoje Domodedowo.
Eine Reihe von Lagerkomplexen wurden 2011
fertiggestellt. Laut Raven Russia gehörten dazu das Terminal Klimows
(55.000 qm), das erste Gebäude aus dem Komplex PNK-Wnukowo (50.000) und
Kühl- und Alkohollager im Komplex LP Dmitrow. Im Jahr 2012 wird mit der
Eröffnung folgender Lagerobjekte gerechnet: PNK-Wnukowo (700.000 qm),
MLP-Podolsk II (80.000), LP Dmitrow (56.000), Wnukowo-Logistika
(55.000), Juschnye Wrata (51.000) sowie Klimowsk-III (47.000).
Für
den überwiegenden Teil dieser Objekte sind die Mietverträge bereits
unter Dach und Fach. Freie Kapazitäten kommen somit kaum auf den Markt.
Allein die Fertigstellung immer weiterer Einkaufszentren macht dies aber
erforderlich. Auch wird der Großteil der landesweiten Handelsströme
fortgesetzt über Moskau geleitet. Die Region bleibt somit im Zentrum der
Aufmerksamkeit. Inzwischen sind erste Knappheiten selbst in den
Regionen zu verzeichnen. Dazu gehören laut Knight Frank die Städte
Kazan, Nowosibirsk, Rostow am Don und Jekaterinburg.
Markt für Lagerfläche (Jahr 2011)
| Moskau und Umgebung | Sankt Petersburg | Jekaterinburg | Nowosibirsk | Rostow am Don | |
| Mietzins in US$/qm p.a. | 110 bis 170 | 110 bis 120 | 85 bis 100 | 100 bis 105 | 100 bis 105 |
| vorhandene Gesamtfläche in 1.000 qm | 9.400 | 1.756 | 480 | 390 | 210 |
| 2011 übergebene Neufläche | 330 | 43,8 | 14 | 15 | 0 |
| für 2012 geplante Neufläche | 800 | 50 | 20 | 46 | 36 |
Quellen: Penny Lane Realty, S.A. Ricci, Jones Lang LaSalle, Knight Frank, Moskau, 2012
Hotels
Experten
betrachten den russischen Hotelmarkt als perspektivreich. Vor allem in
den Regionen reicht das Angebot an Hotels mit international
vergleichbarem Standard nicht aus. Dagegen liegt der Auslastungsgrad in
Moskau bei 50 bis 60% und in Sankt Petersburg schwankt er saisonal
stark. In Städten wie Tjumen, Norilsk und Chabarowsk soll laut Cushman
& Wakefield bislang überhaupt noch kein Hotel einer ausländischen
Kette anzutreffen sein.
Wie Experten betonen, könnten russische
Hotelketten in diese Lücke stoßen und in den Regionen aktiver werden.
Russland ist für sich genommen viel zu groß, um von ausländischen
Investoren vollständig erschlossen zu werden. Doch fehlen vielerorts
Anreize seitens der Kommunen in Form von Investitionszuschüssen oder
Steuererleichterungen für Hotelprojekte, insbesondere wenn diese durch
russische Developer vorangetrieben werden. Kommunen reagieren auf
international bekannte Namen teilweise schneller, versprechen sie sich
doch davon Prestige für ihre Stadt.
Inzwischen muss sich Russland
anstrengen, um für die Austragung der Fußball-WM 2018 die
Minimalanforderungen der FIFA an Übernachtungsmöglichkeiten erfüllen zu
können. Dies trifft insbesondere in den Regionen zu. Gemäß Erhebungen
der Hotelkette Hilton sollen in diesem Zusammenhang in Kaliningrad 390
Hotelzimmer, in Wolgograd 600, in Kazan 300, in Nischni Nowgorod 900, in
Samara 400, in Jaroslawl 650, in Rostow am Don 1.150 und in
Jekaterinburg 160 fehlen.
Probleme bereiten potenziellen
Investoren die saisonalen Schwankungen bei der Hotelauslastung.
Großereignisse wie die Olympischen Spiele in Sotschi oder die Fußball-WM
stehen ins Haus, doch wird in den Regionen zu wenig getan, um den
Besucherstrom durch Förderung des Tourismus oder durch kulturelle
Höhepunkte kontinuierlich am Laufen zu halten. Kazan und Jekaterinburg
stellen in diesem Zusammenhang eine positive Ausnahme dar, doch ist hier
durch die Belebung der wirtschaftlichen Tätigkeit auch der Zustrom an
Geschäftsreisenden auf einem kontinuierlich passablen Niveau.
Geschäftsreisende
machen in fast allen regionalen Städten 95% der Hotelbesucher aus.
Dieser Besucherstrom dürfte bei der derzeitigen Konjunkturlage pro Jahr
um 3% anschwellen. Touristen aus dem eigenen Land bevorzugen dagegen
mehrheitlich internationale Ziele; für Reisen ins Ausland sind die
Flugtickets preiswerter und es werden billigere Übernachtungen geboten.
Industriebau
Die
zahlenmäßig meisten Industriebauten werden mit 26% aller Projekte im
Zentralen Föderalen Bezirk errichtet, in dem sich unter anderem Moskau
befindet und der im Westen an Belarus und im Süden an die Ukraine
grenzt. Es folgen der Föderale Bezirk an der Wolga (22%), der Föderale
Bezirk Nord-West (17%) sowie der Föderale Bezirk Sibirien (13%).
Gemessen am wertmäßigen Investitionsvolumen führt dagegen der Föderale
Bezirk an der Wolga mit 21% das Ranking an. Der Zentrale Föderale Bezirk
teilt sich zusammen mit dem Föderalen Bezirk Sibirien den zweiten Platz
mit jeweils 18%. Es folgen der Föderale Bezirk Nord-West (15%) und der
Föderale Bezirk Ural (12%).
Ein Großteil der Investitionen in die
Industrie entfiel 2011 mit 31% aller Projekte auf die
Nahrungsmittelverarbeitung. Es folgen die Produktion von Baumaterial und
Baustoffen, der Maschinenbau und die Metallverarbeitung, die
Holzverarbeitung sowie die petrochemische Industrie.
Gemessen am
Wert befindet sich die Petrochemie unter allen Industrieinvestitionen
auf dem ersten Rang. Von den rund 14 Mrd. US$, die 2011 zur
Modernisierung im verarbeitenden Gewerbe aufgewendet wurden, flossen
fast 7 Mrd. US$ in die Petrochemie. Davon entfielen 3,65 Mrd. US$ allein
auf eine Anlage des Mineralölkonzerns Lukoil zur Verarbeitung von
Erdgas am Standort Budjonnowsk.
In Mendelejewsk (Republik
Tatarstan) wurde der erste Spatenstich zum Bau des Werkes "Ammonija" zur
Mineraldüngerproduktion gesetzt. Die Kosten werden mit 1,65 Mrd. US$
beziffert. Weitere 0,45 Mrd. US$ fließen in Tatarstan in ein noch zu
bauendes Werk zur Herstellung von Polyethylenterephthalat (PET). Als
Bauherr wird der örtliche Unternehmer Sergej Aschinow genannt.
Rosneft
wird 2013 in der Region Primorje mit dem Bau eines petrochemischen
Werkes beginnen. Der Gesamtkomplex, zu dem Raffinerieanlagen und ein
Schiffsterminal gehören, weist ein Investitionsvolumen von 4 Mrd. US$
auf. Insgesamt werden in Russland sechs Petrochemie-Cluster entstehen.
Nach
der Chemieindustrie folgt bei den Investitionsumfängen die Erzeugung
von Metallen auf dem zweiten Platz. So wird in der Region Irkutsk ein
Aluminiumwerk gebaut. Der Bauherr, UC Rusal, will in dem Werk pro Jahr
375.000 t Aluminium produzieren. Für einen höheren Ausstoß steht nicht
genug Elektroenergie zur Verfügung. Doch soll dieses Manko schrittweise
beseitigt und die Aluminiumerzeugung auf 750.000 t ausgebaut werden. Die
Kosten für die erste Ausbaustufe belaufen sich auf 1,77 Mrd. US$.
In
der Landwirtschaft und nachgelagerten Nahrungsmittelverarbeitung sowie
Getränkeherstellung wurden 1,47 Mrd. US$ in 18 Bauvorhaben investiert.
Darunter befand sich ein Werk für Soßen und Mayonnaise in Tatarstan im
Wert von 0,23 Mio. US$ (Bauherr: Unternehmen "Nefis"). Coca Cola baute
für 0,12 Mrd. US$ sein zwölftes russisches Abfüllwerk.
Die
Investitionen in Gebäude und Flächen zur Vorbereitung und Einrichtung
industrieller Produktionen, etwa in entstehenden Industrie- und
Gewerbeparks, sind 2011 mit einem Gesamtvolumen von 450 Mio. US$
wiederum um 25% gegenüber dem Vorjahr eingebrochen, wie Jones Lang
LaSalle mitteilte. Dies soll an der zeitlichen Übertragung einiger
Vorhaben auf das Jahr 2012 und dem gesunkenen Interesse örtlicher
Investoren gelegen haben.
Rechtliche Änderungen
Seitens
der russischen Regierung werden 2012 Gesetzesreformen in die Duma
eingebracht, um die Planungs- und Genehmigungsverfahren für Bauprojekte
zu verkürzen. Wie Wladimir Putin, damals noch Ministerpräsident,
inzwischen Präsident der Russischen Föderation, in diesem Zusammenhang
mitteilte, "ist die Anzahl der Genehmigungsprozeduren größer und der
Zeitraum zu deren Einholung leider immer noch länger als in anderen
Ländern. In Russland sind 53 Genehmigungen einzuholen, was im Schnitt
540 Tage dauert. In der Folge steigen die Kosten pro Quadratmeter
Baufläche. Dies bremst uns bei der Bereitstellung kostengünstigen
Wohnraums für die Bevölkerung."
Im Rahmen der Zollunion zwischen
Belarus, Russland und Kasachstan wird eine Einigung erwartet, wonach in
allen drei Mitgliedsländern eine einheitliche Produktkennzeichnung
gelten soll, die sich an den EU-Direktiven für Produktsicherheit, und
damit an der Praxis zum Anbringen von CE-Kennzeichnungen orientiert.
Qualitätsproduzenten versprechen sich davon verbesserte
Exportmöglichkeiten innerhalb der Zollunion. Eine direkte Bewertung von
Baumaterial gemäß CE-Katalog ist aber schon heute in Russland möglich
und für Einfuhren von Baumaterialien in die EU sogar Pflicht.
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland