Experten rechnen über Jahre mit zweistelligem Marktwachstum / Neue Datenverarbeitungszentren geplant / Nationale Software-Plattform gegründet / Von Bernd Hones
Moskau (gtai) - Der russische IT-Markt ist wieder im Aufwind. Die Computerverkäufe an Privatpersonen stiegen 2010 um 60%, Unternehmen modernisieren ihre IT-Hardware. Im Mittelpunkt stehen mobile Lösungen. Auch künftig sieht die Branche rosigen Zeiten entgegen. Experten prognostizieren ein jährliches Wachstum von 10 bis 15%. Das russische Wirtschaftsministerium hat eine Software-Plattform ins Leben gerufen und verspricht sich davon ein russisches Betriebssystem, neue Internet-Suchtechnologien und Virtualisierungslösungen.(Kontaktanschriften)
Der russische IT-Markt hat das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht. Im Jahr 2010 stiegen die Umsätze inflationsbereinigt um 3% auf 565 Mrd. Rubel (14 Mrd. Euro; Jahreswechselkurs 2010: 1 Euro = 40,26 Rubel), heißt es beim russischen Ministerium für Wirtschaftsentwicklung. Im Jahr zuvor hatte die Branche noch ein dickes Minus von 13% verzeichnet. Die Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Lage hat 2010 auch im IT-Sektor erste positive Spuren hinterlassen. In den kommenden Jahren erwarten die meisten Experten eine sehr dynamische Entwicklung. Der russische IT-Markt dürfte bis 2014 auf 25,6 Mrd. Euro wachsen, so das Wirtschaftsministerium. Tatjana Semzowa, Marktexpertin von IK Finam, rechnet von 2011 bis 2015 mit einem Wachstum von 10 bis 15% jährlich.
Die Marktforschungsgesellschaft IDC schätzt das Wachstum des russischen IT-Sektors 2010 auf 17% - in absoluten Zahlen, also nicht inflationsbereinigt. Die Steigerungsraten seien in allen drei Hauptbereichen - Software, Ausrüstung und Services - fast identisch, sagt Marktexperte Aleksandr Sagnetko. Trotzdem gibt es einige besonders dynamische Nischen, etwa Hardware für Unternehmen. Dort sind die Umsätze um 45% gestiegen. Das lässt sich leicht erklären: Telefonanlagen für Unternehmen, neue Computer und Server - all das muss von Zeit zu Zeit rundum erneuert werden. Im Jahr 2009 haben viele Unternehmen Investitionen verschoben und dann 2010 nachgeholt. Besonders stark gefragt sind mobile Lösungen für Unternehmen und Mitarbeiter. Außendienstmitarbeiter sollen rund um die Uhr auf Kundendatenbanken, Intranet und Informationen über Lagerbestände zugreifen können - von überall auf der Welt oder wenigstens innerhalb Russlands.
Die russische Wirtschaft fragt derzeit allerdings noch weitaus weniger komplexe IT-Lösungen nach, als dies etwa in Deutschland der Fall ist. Dazu ist der Automatisierungsgrad noch viel zu niedrig. Andererseits heißt dies aber: Das Potenzial ist nach wie vor riesig. Angesichts der Petro-Dollars, die derzeit ins Land fließen, sind komplexere Lösungen für viele Unternehmen wieder erschwinglich.
Bei Staatsaufträgen sollen künftig einheimische IT-Unternehmen noch stärker bevorzugt werden. Knapp ein Drittel aller Aufträge an die Branche kommen von Staatsseite. Aber bisher enttäuschte der russische Staat als Nachfrager von IT-Dienstleistungen, dafür rufen immer mehr mittelgroße Unternehmen entsprechende Services ab. Der deutsche SAP-Konzern etwa verzeichnet in diesem Kundensegment in Russland jährliche Zuwachsraten von 30%, sagte der GUS-Chef der Firma, Wladislaw Martynow, gegenüber dem Wirtschaftsjournal "Expert".
Auch die privaten Konsumenten schaffen sich wieder neue Technik an. Im Jahr 2010 wurden 11 Mio. Personalcomputer verkauft, 60% mehr als 2009 (6,9 Mio. PC). Ganz schwach schnitten dabei Rechner made in Russia ab: Depo Computers verkaufte 5% weniger Geräte, während die Verkäufe von HP und Acer um 124% beziehungsweise um 74% zulegten. Am beliebtesten sind Notebooks und Tablet-PCs mit Touchscreen.
Ein Hemmschuh des russischen IT-Marktes sind unzureichende und technologisch veraltete Datenverarbeitungszentren. Das könnte sich aber schon bald ändern: In Tscheljabinsk im Ural soll das zweite föderale Datenverarbeitungszentrum Russlands entstehen. Das Gesamtprojekt soll 60 Mio. US$ kosten und in drei bis vier Jahren verwirklicht werden. Initiator ist die geschlossene Aktiengesellschaft Lanit. Unklar ist noch, wo genau in Tscheljabinsk dieses IT-Zentrum zur Datenbearbeitung und -sicherung gebaut werden soll. Jedenfalls könnten dort "E-Government"-Projekte durchgeführt werden, wie die elektronische Bezahlung kommunaler Gebühren oder die Registrierung. Das föderale Gesetz "Über die elektronische Unterschrift" Nr. 63-FS vom 6. April 2011 (Gesetzestext: http://base.garant.ru/12184522/) macht zumindest formal den Weg frei für die Nutzung elektronischer Signaturen in Russland.
Im neuen russischen Innovationszentrum Skolkowo bei Moskau soll ein Zentrum zur Entwicklung von Software für Bodenerkundungsarbeiten entwickelt werden. Die Programme sollen bei der Erforschung von Erdöl- und Gasfeldern helfen. Wie die Wirtschaftszeitung "Rbk daily" berichtet, werden sich voraussichtlich Firmen wie Rosneft, Lukoil und Intel sowie eine Reihe von Universitäten an dem Projekt beteiligen. Die Kosten dürften sich auf 100 Mio. US$ belaufen, prognostiziert Igor Melnikow, Präsident des Unternehmens SojusNefteGasServis ( www.n-g-s.ru).
Die Beamten im russischen Telekommunikationsministerium ( http://minsvyaz.ru) arbeiten derzeit an einem Gesetzentwurf, wonach russische Software bei staatlichen Aufträgen bevorzugt zum Zuge kommen soll. Seit der Wirtschaftskrise spielt der Staat als Auftraggeber auch in der IT-Industrie wieder eine große Rolle. Rund 30% des gesamten Marktvolumens, das sich 2014 auf circa 34 Mrd. US$ belaufen dürfte, entfallen auf Einkäufe von Kommunen, Regionen oder Föderation.
Allein das föderale Gesundheitsministerium ( www.minzdravsoc.ru) will in den Jahren 2011 und 2012 rund 29 Mrd. Rubel (713 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 15.4.2011: 1 Euro = 40,65 Rubel) für Informationssysteme ausgeben. Derzeit führen nur 8% aller medizinischen Einrichtungen in Russland elektronische Krankenakten oder elektronische Gesundheitskarten.
| Notebooks, Tablet-Pcs mit Touchscreen (wie iPad) |
| Datenverarbeitungszentren |
| Storage- und Server-Virtualisierung |
| Management-Software |
| elektronische Dokumentenarchivierung |
| IT-Sicherheitssysteme für Unternehmen |
| IT für die Energiewirtschaft (Steuerungssoftware, Abrechnungssysteme) |
| eGovernment, eHealth, eLearning |
Russische IT-Konzerne geben weiter richtig Gas. Die zehn größten IT-Unternehmen des Landes sind die Nazionalnaja kompjuternaja korporazija, Lanit, Sitronics, Technoserv, KROK, R-Style, IBS, NVision Group, 1C und Kaspersky Lab. Auf sie entfielen im Vorjahr 54% des russischen IT-Marktes, um fünf Prozentpunkte mehr als 2009. Der Antivirenhersteller Laboratoria Kasperskogo (Kaspersky Lab, www.kaspersky.ru) hat 2010 seinen Umsatz um 38% auf 538 Mio. US$ erhöht. Das russische Unternehmen mit Niederlassung in Ingolstadt belegte 2009 in einem Rating der Marktforschungsagentur IDC unter allen IT-Sicherheitsunternehmen weltweit den vierten Platz.
Auch deutsche Unternehmen sind in Russland sehr erfolgreich. Der SAP-Konzern hat 2010 seinen Umsatz in Russland um 84% auf 342 Mio. US$ erhöht - das beste Ergebnis in der Firmengeschichte. Außerdem gewann SAP eine ganze Reihe von staatlichen Ausschreibungen im Wert von über 4 Mio. US$. Darüber hinaus hat SAP auch einen langfristigen Vertrag mit Russlands größter Bank, der Sberbank, unterzeichnet. Darin geht es um die Ausrüstung des Kreditinstituts mit einer ERP-Software.
Nationale Software-Plattform
In Russland gibt es eine ganze Reihe hochinnovativer Software-Häuser, kompetente Programmierer und eifrige Tüftler. Firmen wie Kaspersky Lab, Abbyy und IBS gehören längst zur Weltspitze. Um die heimischen Kräfte zu bündeln und die von Präsident Dmitri Medwedew angestrebte weltweite Vorreiterrolle zu erobern, wurde kürzlich eine Nationale Software-Plattform gegründet. Davon verspricht sich die Regierungskommission für Hochtechnologien und Innovationen ( www.informprom.ru/about.html?1149) ein russisches Betriebssystem, neue Internetsuchprogramme und Lösungen für die Storage- und Server-Virtualisierung. Die Plattform wird von einem Konsortium aus rund 130 IT-Firmen sowie akademischen und staatlichen Instituten unter der Führung von OAO Konzern Sirius (Generaldirektor: Leonid Uchlinov, www.con-sirius.ru; gehört zu Rostechnologii) getragen. Beteiligt sind 1C, Abbyy, Alt Linux, Crypto-Pro, ICS, RAS, IPU RAN, ISP RAN, Moskauer Staatliche Technische Universität "Baumann", AjTi (engl.: IT), Vojentelekom und andere.Für die nächsten zwei Jahre werden für die Nationale Software-Plattform 490 Mio. Rubel (rund 12,2 Mio. Euro) aus dem Budget des staatlichen Programms "Informationsgesellschaft" bereitgestellt. Ein Vertreter von Sirius nannte diese Finanzmittel bereits nicht ausreichend. Insgesamt erhält das Programm "Informationsgesellschaft" bis 2020 rund 88 Mrd. Rubel (rund 2,2 Mrd. Euro) aus dem Staatsbudget. Zusätzlich sollen aus anderen Quellen jährlich 250 Mrd. Rubel (rund 3,6 Mrd. Euro) kommen, dabei mindestens 200 Mrd. Rubel aus Nicht-Budgetmitteln und der Rest aus den Budgets der russischen Regionen.
Ziele des Projekts sind, die hohen Importe im IT-Sektor durch einheimische Produkte zu ersetzen, den Rückstand in der Nutzung moderner IT-Technologien in Russlands Wirtschaft aufzuholen, international wettbewerbsfähige IT-Lösungen zu entwickeln und die nationale Sicherheit im IT-Bereich zu gewährleisten. Schwerpunktbranchen, in denen die Software eingesetzt werden soll: Automobilwirtschaft, Energieindustrie, Medizintechnik, Flugzeug- und Raketenbau sowie das Transportwesen. Eine Liste der Software, die im Rahmen der Nationalen Software-Plattform entwickelt werden soll, ist erhältlich bei: Frau Wolf, E-Mail: edda.wolf@gtai.de .
| bis Ende 2012 | Technologie für cloud hosting und Verarbeitung großer Datenmengen |
| bis 2014 | Entwicklung der Infrastruktur für die Nationale Softwareplattform in den Regionen (Kompetenzzentren, Online-Dienstleistungen) |
| bis 2020 | Entwicklung eigener Betriebssysteme und Hardware-Plattformen der nächsten Generation, Erneuerung der Lehr-IT-Programme an den Hochschulen, Erlangen der technologischen Unabhängigkeit im Bereich IKT, russischer IKT-Sektor auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig und anerkannt |
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