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Freitag, 9. März 2012

Deutsch-Russischer Außenhandel erreicht neuen Rekordwert

Deutschlands Exporte legten 2011 um über 40 Prozent zu / Aussichten bleiben weiter positiv / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Der deutsch-russische Außenhandel kletterte 2011 auf einen neuen Rekordwert von knapp 72 Mrd. US$. Die deutschen Exporte nach Russland legten um 41% auf 38 Mrd. $ zu, die Importe stiegen um ein Drittel auf 34 Mrd. $. Vieles spricht dafür, dass die Bundesrepublik ihr Rekordergebnis bei den Ausfuhren nach Russland im Jahr 2012 sogar noch einmal überbieten kann. Ein Wirtschaftswachstum zwischen 3 und 4%, der WTO-Beitritt sowie Investitionen für die Fußball-WM 2018, im Energiesektor und im Gesundheitswesen werden die deutschen Exporte ankurbeln.

Damit behält Deutschland seinen Platz als zweitwichtigster Handelspartner Russlands, gleich hinter der Volksrepublik China. China hatte im Jahr 2010 Deutschland von der Spitzenposition verdrängt und konnte seinen Vorsprung 2011 mit einem Zuwachs von 41% beim Handelsumsatz weiter ausbauen. Russland wickelt nun 9,5% seines Außenhandels mit dem asiatischen Land ab und 8,4% mit Deutschland. Dahinter folgen die Niederlande, die Ukraine und Italien.
Russlands wichtigste Außenhandelspartner im Jahr 2011
Land Außenhandelsumsatz (Mrd. US$) Anteil in Prozent am Gesamthandel
Gesamthandel, davon 821,3 100
.VR China 83,5 10,2
.Deutschland 71,8 8,7
.Niederlande 68,5 8,3
.Ukraine 50,6 8,2
.Italien 46,0 5,6
.Belarus 38,6 4,7
.Türkei 31,8 3,9
.USA 31,2 3,8
.Japan 29,7 3,6
.Frankreich 28,1 3,4
.Polen 28,0 3,4
.andere 313,2 36,2
Quelle: Föderaler Zolldienst Russlands
Russlands Außenhandel erreichte 2011 nicht nur im Verhältnis zu Deutschland, sondern auch insgesamt ein Rekordergebnis. Das Land verkaufte Waren und Dienstleistungen für 516 Mrd. $, während sich die Importe auf 305 Mrd. $ beliefen. Daraus ergibt sich ein Handelsbilanzsaldo von 211 Mrd. $. Der Exportüberschuss stieg somit im Vergleich zum Jahr 2010 um über ein Viertel.
Unterdessen wird Russland immer abhängiger von Öl- und Gas-Exporten. Der Anteil von Rohöl, Erdölprodukten und Erdgas an den gesamten Ausfuhren belief sich in den ersten zehn Monaten 2011 auf knapp 70%. Das entspricht einem deutlichen Anstieg gegenüber 2010. Kein Wunder, denn der Preis für ein Barrel Öl der Sorte Urals lag im Jahresdurchschnitt 2011 bei über 109 $ und damit um fast 40% über dem Vorjahresniveau. Die Gaspreise an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland überstiegen 2011 im Schnitt um 29% das Niveau von 2010.
Zusammen mit Metallen und Holz kommen die Rohstoffe beziehungsweise rohstoffbasierten Produkte in der Export-Statistik auf einen Anteil von über 80%. Damit offenbart sich das Dilemma der russischen Volkswirtschaft. Sie ist und bleibt durch und durch vom Rohstoffsektor dominiert. Der Anteil von Maschinen, Ausrüstungen und Transportmitteln an den Ausfuhren brach dagegen in den ersten zehn Monaten 2010 um ein Viertel ein und beträgt nur noch 4,1%. Damit zeigt sich, dass die russische Regierung von ihren Modernisierungszielen noch weit entfernt ist. Von einer spürbaren Diversifizierung der russischen Wirtschaft kann bislang nicht die Rede sein.
Allerdings gibt es auch Lichtblicke. Russische IT-Firmen, insbesondere Softwareentwickler, erhöhen ihre Exporte Jahr für Jahr um ein Drittel. Dieser Trend dürfte anhalten. Verstärkt wird die positive Tendenz durch den WTO-Betritt Russlands. Die Importzollsätze Russlands auf Elektronik werden von 15% auf 7 bis 9% reduziert. Das senkt die Selbstkosten der Anschaffung von Ausrüstungen, Computern oder Mikrochips für die IT-Firmen. Außerdem freuen sich russische Hersteller solcher Produkte auf sinkende Barrieren beim Export.
Russlands Exportstruktur (Anteile an den Gesamtausfuhren in %)
Warengruppe Januar bis November 2010 Januar bis November 2011
Energieträger 67,4 69,5
..Rohöl 33,9 34,9
..Erdölprodukte 17,6 18,5
..Erdgas 11,9 12,2
Metalle und Metallwaren 10,6 8,9
Chemische Erzeugnisse, Kautschuk 6,2 6,0
Maschinen, Ausrüstungen und Transportmittel 5,3 4,2
Holz, Zellstoff- und Papierprodukte 2,5 2,1
Lebensmittel und Agrarprodukte 2,3 2,2
Sonstige Waren 5,7 7,1
Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation
Aber nicht nur der Anteil von Energieträgern am russischen Außenhandel steigt weiter. Auf der anderen Seite importiert Russland immer mehr Maschinen, Anlagen und Fahrzeuge. Grund: Eine Schwachstelle der russischen Wirtschaft ist der Maschinenbau. Doch je weniger wettbewerbsfähig Russland auf diesem Gebiet ist, desto besser sind die Geschäftschancen für ausländische und vor allem deutsche Ausrüster. Hinzu kommt, dass der Absatzmarkt weiter wächst, denn die Bruttoanlageinvestitionen steigen. Vorläufigen Schätzungen zufolge haben sie 2011 um 6,2% auf 10.560,5 Mrd. Rubel (258,1 Mrd. Euro, Wechselkurs Jahresdurchschnitt 2011: 1 Euro = 40,9121 Euro, Deutsche Bundesbank) zugelegt. In den kommenden Jahren sollen die Anlageinvestitionen sogar noch stärker wachsen: 2012 um 7,8%, 2013 um 7,1% und 2014 um 7,2%.
Russlands Importstruktur (Anteile an den Gesamteinfuhren in %)
Warengruppe Januar bis November 2010 Januar bis November 2011
Maschinen, Ausrüstungen und Transportmittel 44,0 47,8
Chemische Erzeugnisse, Kautschuk 16,3 14,9
Lebensmittel und Agrarprodukte 15,7 13,9
Metalle und Metallwaren 7,3 7,0
Textilien, Textilprodukte und Schuhe 6,4 5,6
Mineralische Produkte 2,4 2,0
Sonstige Waren 7,9 8,8
Quelle: Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung der Russischen Föderation
Vieles spricht dafür, dass Deutschland das 2011er Rekordergebnis bei den Exporten nach Russland im Jahr 2012 sogar noch einmal überbieten kann. Denn die makroökonomischen Rahmenbedingungen in Russland bleiben weiter positiv. Das Bruttoinlandsprodukt soll zwischen 3 und 4% wachsen. Das Wirtschaftsministerium etwa rechnet mit einem Wachstum von 3,7%, Experten an der Higher School of Economics prognostizieren 3,4%, Analysten der Unicredit-Bank 3,9%.
Der Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation (WTO) wird Lieferungen ins größte Flächenland der Welt noch begünstigen. Die Industriezölle sollen um drei Prozentpunkte auf durchschnittlich 6,4% sinken. Bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen werden die gebundenen Durchschnittszolltarife auf Importprodukte von 15,6 auf 11,3% reduziert, schreibt das Wirtschaftsjournal "Expert". Deutsche Fachleute rechnen künftig mit einem durchschnittlichen Zollsatz von 11,5%. Das ist zwar höher als der russische Durchschnittszoll auf Industriewaren, aber niedriger als die Importzölle der EU auf Agrarerzeugnisse.
Für die deutsche Automobilindustrie ergeben sich ebenfalls Verbesserungen. Die Zollsätze für neue Pkw sollen mit WTO-Beitritt von 30 auf 25% gesenkt werden, die Zollsätze für drei bis sieben Jahre alte Gebrauchtwagen von 35 auf 25%. Russland verpflichtet sich in den darauffolgenden sieben Jahren die Zölle schrittweise auf 15% zu verringern. Unangetastet bleiben die enorm hohen Importzölle auf alte Gebrauchtfahrzeuge. Bei den Zöllen für Nutzfahrzeuge sinken am stärksten die Sätze für Nfz mit einem Gewicht über 20 t: von 25% auf 10% mit WTO-Beitritt und drei Jahre später nochmals um 5 Prozentpunkte auf 5%. Bei drei bis sieben Jahre alten Nfz wird der Zollsatz zunächst auf 15% und nach drei Jahren auf 10% reduziert.
Auch die Bauwirtschaft hat 2011 wieder an Dynamik gewonnen und dürfte sich 2012 weiter positiv entwickeln. Ein Impulsgeber werden die Vorbereitungen auf die Fußball-WM 2018 sein. In zwölf Städten des Landes sollen neue Stadien gebaut werden. Außerdem müssen die Austragungsorte per Schiene und Straße miteinander verknüpft werden. Experten rechnen mit einem Investitionsbedarf von rund 50 Mrd. $.
Eine Branche mit ausgezeichneten Absatzchancen ist die russische Energiewirtschaft. Bis 2020 sollen für 280 Mrd. Euro neue Anlagen zur Energieerzeugung gebaut und bestehende modernisiert werden. Über 82 Gigawatt neuer Kraftwerksleistung sollen so ans Netz. Auf der anderen Seite werden alte Anlagen mit einer Leistung von 27 Gigawatt abgeschaltet. Allein der Ausbau der Stromnetze soll 118 Mrd. Euro kosten.
Stabile Geschäftschancen bietet auch der Ausbau der russischen Transportinfrastruktur. So wurden 2011 bereits 10 Mrd. Euro in die Eisenbahn gesteckt; 2012 sollen Investitionen in ähnlicher Größenordnung fließen. Die Ausgaben für den Straßenbau dürften sogar um knapp 3 Mrd. auf 18,9 Mrd. Euro steigen. Außerdem gibt es kaum einen Regionalflughafen, an dem nicht größere Modernisierungen anstehen. Allerdings ist fraglich, ob die vielen Projekte tatsächlich zeitnah starten.
Auch im Gesundheitssektor sind die Aussichten günstig. Der Markt für Arzneimittel soll von 23,5 Mrd. Euro im Jahr 2011 auf über 26 Mrd. Euro im Jahr 2012 wachsen. Nach wie vor werden - gemessen am Wert - etwa zwei Drittel aller Medikamente importiert. Ähnlich ist die Marktsituation bei Medizintechnik. Von den hohen Einfuhren profitierten bis dato vor allem deutsche Hersteller. Ein Viertel aller nach Russland gelieferten medizinischen Geräte kommt aus der Bundesrepublik. Wenn eintritt, was vom russischen Gesundheitsministerium und von zahlreichen Marktbeobachtern prognostiziert wird, dass sich das Marktvolumen bis 2020 vervierfacht, dann dürfte diese Branche zu den Top-Wachstumssektoren für deutsche Lieferanten avancieren - und zwar nicht nur 2012, sondern auch in den Folgejahren. (H.B.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland