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Donnerstag, 19. Mai 2011

Russland investiert Milliarden in neue Polypropylen-Werke

Nachfrage steigt Jahr für Jahr zweistellig / Russland auf dem Weg zum Nettoexporteur / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Russlands Polypropylen-Werke liefen in den vergangenen zwei Jahren auf Hochtouren. Kein Wunder, denn die Nachfrage stieg gewaltig - trotz Wirtschaftskrise. In den kommenden Jahren dürfte der Markt um 9 bis 13,5% p.a. wachsen. Russlands Hersteller reagieren mit massiven Kapazitätserweiterungen, sie investieren Milliarden in neue Polypropylen-Linien. Zum Jahr 2015 könnte Russland in der Lage sein, jährlich 600.000 bis 800.000 t des begehrten Kunststoffs nach China zu liefern, glauben Marktexperten.

Im Kunststoffwerk OAO Angarski Sawod Polimerow stehen massive Veränderungen an. Bis Ende 2014 soll dort eine neue Fertigungslinie zur Herstellung von Polypropylen (PP) mit einer Kapazität von 270.000 t pro Jahr entstehen. Die Kosten belaufen sich auf 25 Mrd. Rubel. (625 Mio. Euro; EZB-Kurs vom 24.03.11: 1 Euro = 40,05 Rubel). Bisher werden im dem Werk unter anderem Polystyrol und Polyethylen hergestellt.
Das größte Polypropylen-Werk mit einer Kapazität von 500.000 t pro Jahr entsteht derzeit in Tobolsk, einer Stadt im Gebiet Tjumen. Die Anlage soll 2012 fertig sein. Tobolsk-Polimer, eine Tochterfirma der Sibur Holding, plant auf dem Gelände außerdem eine Polyethylen-Anlage. Die Kosten für beide Projekte belaufen sich auf 52 Mrd. Rubel (1,3 Mrd. Euro).
Poliom, ein Unternehmen der Titan-Gruppe, will bis Ende 2012 eine Polypropylen-Anlage in Omsk mit einer Jahreskapazität von 180.000 t einweihen. Baubeginn war 2008. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf rund 5 Mrd. Rubel (125 Mio. Euro), nach Angaben des russischen Erdölchemieverbandes Rupec.
Neben diesen neuen Produktionsstätten für Polypropylen wollen drei Produzenten ihre bereits bestehenden PP-Fabriken erweitern. Die Aktiengesellschaft Stawrolen plant die Kapazitäten von 120.000 t auf 450.000 t bis zum Jahr 2015 zu erweitern, die OOO Tomskneftechim plant einen Ausbau um 70.000 t auf 200.000 t bis 2012, und das Moskauer Erdölchemieunternehmen OOO NPP Neftechimija steigert seine Kapazitäten von 100.000 t auf 150.000 t bis 2015.
Ausbau der Polypropylen-Produktionskapazitäten in Russland (in 1.000 Tonnen)
Unternehmen Kapazitäten 2010 Geplante Kapazitäten bis 2015
Insgesamt, davon 620 2.030
OAO Nischnekamskneftechim 180 180
OOO Tomskneftechim 130 200 (2012)
OAO Stawrolen 120 450
OAO Ufaorgsintes 100 100
OOO NPP Neftechimija 100 150
Poliom - 180 (2012)
OOO Tobolsk Polimer - 500 (2013)
OAO Angarski Sawod Polimerow - 270 (2013)
Quellen: Kortes, Creon
Sollten all diese Projekte fristgerecht fertig gestellt werden, wäre Russland im Jahr 2013 erstmals in der Lage, seinen Bedarf an Polypropylen selbst zu decken. Der Kunststoff wird in erster Linie von der Bau-, Elektrotechnik-, Verpackungs-, Maschinenbau- und Automobilindustrie nachgefragt. Zum Jahr 2015 werden die Produktionskapazitäten auf über 2 Mio. t steigen, sagte der Chef der Marktforschungsagentur Kortes, Michail Turukalow, Ende März 2011 auf einer Creon-Fachkonferenz in Moskau. Weil vier der sechs neuen oder erweiterten Anlagen östlich des Urals gebaut werden, könnte Russland ab 2015 Jahr für Jahr zwischen 600.000 und 800.000 t Polypropylen in die Volksrepublik China liefern, so der Marktexperte.
Der Ausbau der Kapazitäten steigt viel schneller als die Inlandsnachfrage. Die Marktforschungsagentur Kortes rechnet in den kommenden fünf Jahren mit einem durchschnittlichen Marktwachstum von 9 bis 13,5%. Ausgehend vom 2010-er Marktvolumen in Höhe von 744.000 t dürfte die Nachfrage zum Jahr 2015 auf etwa 1,3 Mio. t steigen.
Doch selbst wenn die Polypropylen-Produktion in Russland dann bei 2 Mio. t liegt, so bedeutet das nicht das totale Aus für Importe. Die Importe von hochwertigem Polypropylen Copolymer dürften weiter steigen. Dessen wichtigste Produzenten sitzen in Westeuropa. Stark dürften dagegen die Importe aus Turkmenistan leiden. Turkmenistan liefert Polypropylen, das fast identisch ist mit dem Polyolefin aus Russland. Turkmenisches Polypropylen kann daher rasch ersetzt werden.
Der Markt für Polypropylen in Russland (PP, in 1.000 Tonnen)
Marktkennzahlen 2006 2008 2010
Marktvolumen 430,9 574,0 744,2
Produktion 313,7 509,4 627,6
Export 36,3 56,5 68,6
Import 153,5 121,1 185,2
Quelle: Kortes, Creon
Die Preise für Polypropylen in Russland liegen nur knapp unter denen in Deutschland und China. Damit erzielen die Hersteller des Kunststoffs die höchsten Margen weltweit. Der russische Sibur-Konzern etwa, dessen Tochterfirmen zum Jahr 2015 über 940.000 t Polypropylen-Kapazitäten verfügen werden, bot Polypropylen-Granulat in Nowosibirsk Mitte März 2011 zum Preis von 1.600 Euro pro Tonne an. Vergleichbares Granulat verkaufte das Turkmenbaschski NPS aus Turkmenistan in Moskau um 100 Euro günstiger. Trotz Einfuhrzoll und Transport über Tausende Kilometer!
Solch ein Preisgebaren drückt die Investitionslust vieler Weiterverarbeitungsbetriebe - schließlich können sie sich Poylpropylen-Granulat etwa in Deutschland praktisch zum selben Preis sichern. Zusätzlich verteuert die russische Regierung mit ihren Einfuhrzöllen in Höhe von 10% auf Granulat den Zugang zur Rohstoffbasis für die Weiterverarbeiter - wohlwissend, dass sich die russischen Polypropylen-Hersteller am Importpreis orientieren. "Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung.", sagte Marktexperte Fares Kilzie, Präsident der Chemieberaterfirma Creon gegenüber Germany Trade and Invest. "Diese Preispolitik hat bereits viele kleinere Unternehmen in den Ruin getrieben." Kein Wunder: Plastikbehälter aus Polen sind trotz Zoll und Transportkosten ebenso teuer wie vergleichbare Waren aus Russland, aber qualitativ hochwertiger.
Auch wenn damit ihre Kundenschicht wegbricht, vordergründig profitieren Russlands Chemiegiganten sogar von schwächelnden Weiterverarbeitern. Sibur hat zuletzt eine Reihe solcher Firmen übernommen und bietet diesen neuen Tochtergesellschaften Vorzugspreise für das Rohmaterial Polypropylen. Der Erdölriese Lukoil hingegen sieht von dieser Strategie ab. "Wir streben langfristige Lieferverträge mit unseren Abnehmern an", so Aleksandr Rappoport von Lukoil. Eine Integration in den eigenen Konzern mache die Weiterverarbeiter unflexibel.
Als einziger Lichtblick bleibt die Hoffnung auf eine rasche Erweiterung der Kapazitäten - das zu erwartende Überangebot dürfte den Preisdruck etwas abschwächen. Aber ein Heilmittel ist dies noch lange nicht. Schließlich entstehen die größten Anlagen im Osten des Landes. Aber für Firmen, die Endprodukte aus Kunststoff fertigen, ist eine Produktion dort sinnvoller, wo das Gros ihrer Endabnehmer sitzt - und das ist in Zentral-Russland, im Westen des Landes.

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