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Dienstag, 10. Januar 2012

Neue Vergünstigungen sollen Russlands Werften auf die Beine helfen

Drei neue Schiffbaubetriebe an der Ostsee und in Fernost geplant / Geringere Abgaben auch für Reedereien / Von Gerit Schulze und Edda Wolf

Moskau (gtai) - Russland will einen Teil seiner Werften zu Sonderwirtschaftszonen machen, um dem Schiffbau im Land wieder zu mehr Wachstum zu verhelfen. Auch die Reedereien können auf neue Vergünstigungen hoffen, wenn sie einheimische Schiffe einsetzen. Das sieht das neue föderale Gesetz zur Unterstützung des Schiffbaus und der Schifffahrt vor, das Anfang November 2011 von Präsident Medwedjew unterzeichnet wurde. Außerdem ist der Bau neuer Werften in Sankt Petersburg, im Gebiet Kaliningrad und in Wladiwostok geplant.

Der Schiffbau gilt für Russlands Regierung als industrielle Kernbranche, die sie unbedingt erhalten will. Im Jahr 2007 wurden daher wichtige Werften in einer Holding zusammen gefasst, die bis heute zu 100% dem Staat gehört. Zu dieser Vereinigten Schiffbau-Gesellschaft (russische Abkürzung: OSK) gehören 39 Schiffbaubetriebe und Reparaturwerften sowie neun Konstruktionsbüros. Auf die Holding entfallen 70% der russischen Werftindustrie. Seit Herbst 2011 verwaltet der Konzern außerdem die beiden Sankt Petersburger Großwerften Baltijski sawod und Sewernaja werf. Diese gehörten bislang zur Industrieholding OPK, gerieten aber wegen ausbleibender Staatsaufträge in finanzielle Schwierigkeiten. Experten erwarten, dass die beiden Betriebe unter das Dach der OSK schlüpfen. Außerdem strebt die OSK die Kontrollmehrheit am Schiffbaubetrieb OAO Wyborgski sudostroitelny sawod an.
Als nächsten Schritt will Russland den einheimischen Werften Vergünstigungen gewähren, damit sie am Weltmarkt bestehen können. Am 7.11.2011 hat Präsident Dmitri Medwedjew das Föderale Gesetz Nr. 305-FS zur Unterstützung des Schiffbaus und der Schifffahrt unterzeichnet. Geplant ist unter anderem, Sonderwirtschaftszonen auf die Werftgelände auszudehnen und den Residenten für zehn Jahre die Boden- und Vermögensteuer zu erlassen.
Außerdem werden Schiffseigentümer, die einheimische Wasserfahrzeuge anschaffen, von der Gewinnsteuer befreit, die sie durch den Betrieb oder späteren Verkauf dieser Fahrzeuge erzielen. Die Reedereien müssen im Zeitraum 2012 bis 2017 für ihre Mitarbeiter keine Arbeitgeberbeiträge in die staatliche Renten- und Krankenversicherung einzahlen, wenn sie ihre Schiffe in Russland registrieren.
"In den nächsten zehn Jahren ist geplant, für die Entwicklung der Schifffahrt und des Schiffbaus aus föderalen Quellen mindestens 400 Mrd. Rubel (9,58 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 28.11.2011: 1 Euro = 41,75 Rubel) bereitzustellen", sagte Premierminister Putin am 8.11.2011 während der Konferenz "Transport Rossii". Allein für die Entwicklung des Schiffbaus sind im Zeitraum 2012 bis 2014 rund 140 Mrd. Rubel (3,35 Mrd. Euro) vorgesehen, so das Dokument "Prognose der sozio-ökonomischen Entwicklung für 2012 und den Planungszeitraum 2013-2014" des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung.
Produktionsvolumina des russischen Schiffbaus
Schiffstyp 2009 2010
Passagierschiffe für die Binnenschifffahrt 60 43
Flussfähren 1 1
Hochseetanker 10 11
Seetankschiffe, nicht selbstfahrend - 1
Fracht- und Passagierschiffe 16 9
Trockenfrachter (für Meereseinsatz) 3 1
Trockenfrachter, nicht selbstfahrend (für Binnengewässer) 9 8
Fischverarbeitungsschiffe 1 9
Fangschiffe (für Meereseinsatz) - 7
Fischereischiffe (Seiner) - 7
Fischereihilfsschiffe 1 2
Schlepper und Schubschiffe 16 12
Schwimmkräne und -bagger, Feuerschiffe, Löschboote 54 35
Ausflugs- und Sportboote, Ruderboote, Kanus 150.486 116.315
Sportsegelboote - 2
Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat
Der russische Schiffbau befindet sich seit einigen Jahren zwar wieder im Aufschwung. Dennoch ist das Produktionsvolumen angesichts der riesigen Betriebe gering. So hat die Schiffbauholding OSK im Jahr 2010 nur rund 20 größere zivile Schiffe und Ölplattformen gebaut. Außerdem gingen Neuaufträge für sechs Tanker und Frachter ein. Auftraggeber sind überwiegend staatliche Behörden oder (ebenfalls staatlich kontrollierte) Öl- und Gaskonzerne. Triebkräfte für die Entwicklung des Schiffbaus in den kommenden Jahren werden sein: (1) Anstieg der Staatsausgaben für die Verteidigung, (2) Ausweitung der militärisch-technischen Zusammenarbeit, (3) Umsetzung von Projekten im zivilen Schiffbau, insbesondere der Bau von Schiffen für den Bedarf von OAO Sovkomflot, OAO Rosneft, OAO GMK Norilsk Nikel, FGUP Rosmorport und FGU Gidrometflot (Hydrometflot).
Portfolio des zivilen Schiffbaus der OSK-Holding 2010 (Auswahl)
Werft / Region Auftraggeber Schiffstyp Anzahl
Dalnewostotschny sawod Swesda / Primorje Ölkonzern Rosneft Tanker, 3.100 t 2
Dalnewostotschny sawod Swesda / Primorje Ölkonzern Rosneft Spezialschiffe für Ölunfälle 2
Chabarowski sudostroitelny sawod / Chabarowsk Ölkonzern Rosneft Schlepper, 3.500 PS 2
Chabarowski sudostroitelny sawod / Chabarowsk Ölkonzern Rosneft Schlepper, 5.400 PS 2
Amurski sudostroitelny sawod / Chabarowsk Behörde zur Entwicklung des Seetranportes (FGU DGS) Spezialschiff für Havarie- und Rettungseinsätze 1
Amurski sudostroitelny sawod / Chabarowsk Reederei Sovkomflot Chemietanker, 18.500 t 2
Amurski sudostroitelny sawod / Chabarowsk Gasprom Versorgungsschiff für Bohrinseln 2
Admiralitejskie werfi / Sankt Petersburg Reederei Sovkomflot Shuttletanker (Eisbrecher), 70.000 t 2
Admiralitejskie werfi / Sankt Petersburg Gidrometzentr Rossii Forschungsschiff für Wettermessungen 1
PO Sewmasch / Archangelsk Gasprom Meeresplattform für Einsatz in polaren Gewässern 1
Zentr sudoremonta Swesdotschka (Zentrum für Schiffsreparatur) / Archangelsk Gasprom Bohrinsel für Einsatz in polaren Gewässern 1
"sudostroitelny sawod" - Schiffbau-Werk, "werf" - Werft
Quelle: Schiffbauholding OSK (Jahresbericht 2010)
OSK-Präsident Roman Trozenko erwartet für 2011 einen Umsatz von mindestens 200 Mrd. Rubel (4,8 Mrd. Euro). Das wäre ein zweistelliges Plus gegenüber dem Vorjahr. Die Gewinne sollen knapp 500 Mio. Euro erreichen. Trozenko rechnet für die kommenden Jahre mit Umsatzsprüngen von jeweils rund 20%. Einer der wichtigsten Auftraggeber ist zwar immer noch das russische Verteidigungsministerium. Daneben hofft OSK aber auf neue Aufträge für Eisbrecher und Tanker, die bei der Rohstoff-Erschließung in den arktischen Gewässern des Landes eingesetzt werden.
Im Zusammenhang mit der Erschließung des arktischen Schelfs erwägt die OAO Rosgeologija, welche die staatlichen geologischen Unternehmen vereint, die Schaffung einer eigenen Flotte. Generaldirektor Sergej Donskoi hält es für notwendig, mindestens zwei Schiffe der Arctic-Klasse zur Durchführung von Explorationsarbeiten zu kaufen, sagte er am Rande der Konferenz Don "Sachalin Öl und Gas 2011".
Für den Abtransport von Flüssiggas aus der Lagerstätte Schtokman in der Barentssee wären nach Schätzungen der Reederei Sovkomflot ab 2017 etwa 20 Gastanker mit einer Ladekapazität von 170.000 cbm nötig. OSK rechnet sich gute Chancen aus, von diesem Großauftrag über 4 Mrd. US$ einen guten Teil abzubekommen. OSK-Präsident Trozenko hat der Regierung sogar vorgeschlagen, bei der Lizenzvergabe für Lagerstätten im arktischen Schelf eine Klausel einzubauen, dort vorrangig russische Meerestechnik für Erschließung und Transport einzusetzen.
Auch im Bereich Fischfang warten neue Geschäfte. So hat der russische Fischverarbeiter OAO GK Russkoje morje 2011 bei OSK zehn Fabrikschiffe im Wert von 900 Mio. US$ geordert. Diese Fang- und Verarbeitungsschiffe sollen innerhalb von fünf Jahren ausgeliefert werden.
OSK will sich künftig verstärkt global orientieren und am internationalen Schiffbaumarkt mitmischen. Dafür soll unter anderem eine neue Leasinggesellschaft gegründet werden. In Finnland hat der Konzern 2010 das Joint Venture Arctech Helsinki Shipyard Oy gegründet und ist damit auch an der STX Helsinki Shipyard beteiligt.
Außerdem kooperiert der Staatskonzern mit internationalen Herstellern, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Ende November 2011 kündigte OSK an, künftig mit der finnischen Wartsila Schiffskupplungen, Antriebswellen und Ruderpropeller zu produzieren. Diese Ausrüstung wird laut OSK-Chef Trozenko vor allem bei Schiffen eingebaut, die für den Einsatz in den arktischen Meeren vorgesehen sind. Als Produktionsstandorte sind Archangelsk und Sankt Petersburg im Gespräch. Die Investitionssumme soll rund 20 Mio. Euro betragen.
Neben der Modernisierung der bestehenden Werften laufen in Russland einige große Neubauvorhaben. Auf der Insel Kotlin im Finnischen Meerbusen will die Schiffbauholding OSK zusammen mit der südkoreanischen STX Anfang 2014 mit den Bauarbeiten für die Werft "Nowo-Admiralitejskaja werf" (Neue Admiralitätswerft) beginnen. Dort sollen zivile Schiffe mit einer Wasserverdrängung bis 200.000 t gebaut werden. Die Projektkosten gibt OSK mit mindestens 1 Mrd. US$ an, die Bauzeit mit 40 Monaten. Nach Fertigstellung der neuen Werft ist geplant, die bislang im Stadtgebiet von Sankt Petersburg gelegene Admiralitätswerft ("Admiralitejskie werfi") zu schließen und auf dem riesigen Produktionsgelände Platz für Wohn- und Geschäftsgebäude zu schaffen. Insgesamt plant die OSK die Schaffung eines Schiffbau-Clusters in Sankt Petersburg. Bestehende Werften und Zulieferbetriebe sollen modernisiert und weitere Schiffbau-Ausrüster angesiedelt werden.
Im Gebiet Kaliningrad entsteht ein neuer Schiffbaubetrieb für Fischfang- und Forschungsschiffe sowie Jachten. Das Unternehmen Sapadnaja werf (http://west-verf.ru) will in der Ortschaft Wsmorje 2012 mit den Bauarbeiten beginnen und insgesamt 8 Mrd. Rubel (191,6 Mio. Euro) investieren. Das Projekt wird unter anderem von der Vneschekonombank unterstützt.
Bei Wladiwostok im Fernen Osten Russlands geht außerdem bis Ende 2013 die neue Werft Bolschoi Kamen in Betrieb. Das Projekt wird zusammen mit der südkoreanischen Daewoo Shipbuilding and Marine Engineering realisiert. Geplant ist dort, große Tanker bis 160 dead weight tonnage (dwt) vom Stapel laufen zu lassen. Im Ort Bolschoi Kamen ist bereits der Schiffbaubetrieb Swesda vertreten, der auf die Reparatur und Ausrüstung von U-Booten spezialisiert ist, zuletzt aber auch kleinere Fischfang- und Kühlschiffe gebaut hat.
Ferner will die OSK innerhalb der kommenden vier Jahre rund 5 Mrd. Rubel (119,8 Mio. Euro) in die Modernisierung des Schiffbaubetriebs OAO Sawod "Krasnoe Sormowo" in Nishni Nowgorod stecken. Hierzu wird die OSK bis Jahresende ihren Aktienanteil bis zur Kontrollmehrheit aufstocken. Bei Krasnoe Sormowo werden Schiffe für die kombinierte See-Fluss-Schifffahrt auf dem Kaspischen Meer gebaut.
Während die OSK investiert, erwägt die Universal Cargo Logistics Holding (UCL Holding, http://www.uclholding.ru) zwei ihrer Werften - OAO Okskaja sudowerf (Nishni Nowgorod) und OOO Newski sudostroitelno-sudoremontny sawod (bei Sankt Petersburg) - im 1. Halbjahr 2012 zu veräußern, wenn sich ein Käufer findet. UCL will sich stärker auf das Kerngeschäft "Transportdienstleistungen" konzentrieren und deshalb Aktiva abstoßen, die nicht unmittelbar hierzu gehören.
Zur Kontaktaufnahme empfiehlt sich das internationale Forum "Morskaja Industrija Rossii" (Seeindustrie Russlands), das vom 16. bis 18.5.2012 im Moskauer Ausstellungszentrum Gostiny dwor stattfindet (http://www.mir-forum.ru).

Kontaktanschrift und Internetlinks

Objedinennaja sudostroitelnaja korporazija
(Vereinigte Schiffbauholding OSK)
123242 Moskau, Sadowaja-Kudrinskaja uliza 11
Tel.: 007 495/617-33 00, Fax: -34 00
E-Mail: info@oaoosk.ru, Internet: http://www.oaoosk.ru
OAO Baltijski sawod: http://www.bz.ru
OAO Sudostroitelny sawod "Sewernaja werf": http://www.nordsy.spb.ru/sv2/
OAO sawod "Krasnoe Sormovo": http://www.krsormovo.nnov.ru
OAO Wyborgski sudostroitelny sawod: http://vyborgshipyard.ru/
(S.Z./E.W.)

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