Fünf Abkommen über strengere industrielle Montage geschlossen / Produktion steigt weiter / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Ob Volkswagen, Renault-Nissan, General Motors oder Ford -
ausländische Kfz-Hersteller haben sich gegenüber Russland zu einem
massiven Ausbau ihrer Kapazitäten in Russland verpflichtet. Dafür dürfen
sie im Gegenzug Komponenten zollfrei ins Land bringen. Während 2011 in
Russland 1,7 Mio. Pkw gebaut wurden, dürften es 2020 bereits 3 Mio.
Stück sein. Von den klassischen russischen Herstellern wird kaum noch
etwas übrig bleiben. Die Konkurrenz aus dem Ausland dominiert bereits
heute den Markt.
Alle 103 Sekunden läuft in Kaluga ein Volkswagen oder ein Skoda
vom Band - rund um die Uhr. Wenn es nach den Volkswagenmanagern geht,
wird die Taktung sogar noch steigen. Zum Jahr 2018 sollen in Russland
über 350.000 Kfz produziert und 450.000 Fahrzeuge verkauft werden. Dabei
hat VW erst 2008 mit der SKD-Montage in Kaluga begonnen. Mittlerweile
produziert Europas größter Automobilkonzern dort die Modelle VW Polo
Sedan, VW Tiguan, Skoda Octavia und Skoda Fabia. Insgesamt 135.000 Pkw
waren es im Jahr 2011 - Tendenz: steigend.
"Wir schaffen
Kapazitäten für 350.000 Fahrzeuge in Russland, dazu haben wir uns
verpflichtet", sagt Marcus Osegowitsch, Geschäftsführer der Volkswagen
Group Rus. Dabei arbeitet die Volkswagen Rus-Gruppe mit einem russischen
Partner zusammen: der Gruppe GAZ aus Nischni Nowgorod. Dort sollen
Kapazitäten für 110.000 Fahrzeuge entstehen. Gebaut werden der Skoda
Yeti, der VW Jetta sowie der Skoda Octavia. Zum Jahr 2015 oder
spätestens 2016 soll ein neues Motorenwerk in Betrieb genommen werden.
Denn künftig sollen nicht nur 60% der Wertschöpfung in Russland
erfolgen, sondern knapp ein Drittel aller Automobile von einem in
Russland gefertigten Motor angetrieben werden.
Dafür importiert
Volkswagen weiterhin die restlichen Komponenten ohne Zoll zahlen zu
müssen. Nach demselben Prinzip wollen vier weitere Konzerne
beziehungsweise Allianzen in Russland punkten: Ford - Sollers,
Renault-Nissan und AwtoWAZ, General Motors (GM) und Awtotor - Magna.
Gemeinsam wollen Renault-Nissan und AwtoWAZ zum Jahr 2016 insgesamt 1,6
Mio. Personenkraftwagen bauen und rund 40% des russischen
Automobilmarktes beherrschen, der bis dahin der größte Kfz-Markt Europas
sein könnte. Bereits 2014 soll ein neues Motorenwerk in Togliatti
anlaufen und zum Jahr 2017 die volle Produktionskapazität von 450.000
Motoren erreichen. Ebenfalls bis 2014 will der japanische Nissan-Konzern
seine Kapazitäten am Werk in Sankt Petersburg auf 100.000 Fahrzeuge pro
Jahr verdoppeln. Experten rechnen, dass dafür Investitionen in Höhe von
70 Mio. bis 100 Mio. US$ notwendig sind.
Auf einen Ausstoß von
350.000 Automobilen pro Jahr will auch das Kaliningrader Montagewerk von
Awtotor in Kooperation mit dem kanadisch-österreichischen Konzern Magna
kommen. Der erste Projektabschnitt für 200.000 Automobile soll zum
1.1.2016 realisiert werden, der zweite bis 2018. Allein für die
Industrieanlagen werden Investitionen in Höhe von 2,5 Mrd. Euro
veranschlagt, sagte Awtotor-Generaldirektor Wladimir Schtscherbakow
gegenüber der Nachrichtenagentur Prime Tass. Auf den
Awtotor-Montagelinien werden BMW, Kia, Opel und Chevrolet von General
Motors gefertigt. Für 500 Mio. Euro soll darüber hinaus eine Kleinstadt
für 50.000 Bürgerinnen und Bürger im Kaliningrader Gebiet gebaut werden -
mit Wohnungen für 20.000 Beschäftigte der neuen Betriebe und ihre
Familien. Damit könnte Kaliningrad Russlands drittgrößte Automobilstadt
werden, nach Togliatti und Sankt Petersburg.
Vereinbarungen über industrielle Montage in Russland
| Konzern / Allianz | Produktionsstätte | Geplante Kapazitäten | Investitionssumme |
| Allianz AwtoWAZ / Renault-Nissan | Togliatti, Ishewsk, Moskau | über 1 Mio. Fahrzeuge | k.A. |
| Ford / Sollers | St. Petersburg | 300.000 | 1,2 Mrd. US$ |
| Volkswagen / GAZ | Kaluga, Nischni Nowgorod | 300.000 bis 310.000 | 900 Mio. US$ |
| General Motors | Sankt Petersburg, Togliatti | 350.000 (bis 2015), | 1 Mrd. US$ (2012 bis 2015) |
| Awtotor / Magna *) | Kaliningrad | 350.000 | 2,5 Mrd. Euro |
*) Montage von BMW, Kia, Hyundai, Chevrolet, Cadillac, Opel, Land Rover, Subaru, und anderen
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest
Der
japanische Mazda-Konzern investiert in Russland zu den alten
Bedingungen: 30% Lokalisierung und Kapazitäten für mindestens 25.000
Fahrzeuge. Dasselbe gilt für Fiat: die Italiener gründen zusammen mit
Chrysler und der russischen Sberbank ein Joint Venture zur Produktion
von Jeep und verschiedenen Chrysler-Modellen. Die Kapazitäten im
geplanten Werk in Sankt Petersburg sollen 120.000 Fahrzeuge erreichen;
die Investitionen belaufen sich auf 850 Mio. US$. Die Sberbank wird
einen 20%-Anteil an dem Gemeinschaftsunternehmen halten. Viereinhalb
Jahre nach Start der Vollproduktion muss der lokale Anteil an den
Automobilen auf 30% steigen.
Im Gegensatz zu Volkswagen und den
anderen Unterzeichnern des Dekretes Nr. 166 "Über die industrielle
Montage in Russland" geht das Gemeinschaftsunternehmen PSMA Rus mit den
Firmen Peugeot, Citroen und Mitsubishi eigene Wege. Sie produzieren
bereits seit 2010 in einem neu gebauten Werk in Kaluga. Dort rollten im
Jahr 2011 rund 44.000 Fahrzeuge vom Band. Das Werk läuft auf Hochtouren,
die zweite Ausbaustufe steht an. Für 320 Mio. US$ soll die Kapazität
von derzeit 40.000 bis 50.000 auf 125.000 Einheiten erhöht werden. Dabei
soll es auch bleiben, heißt es bei PSMA.
Auch der Toyota-Konzern
hat kein Abkommen zur industriellen Montage abgeschlossen. Dennoch
investieren die Japaner einem Bericht der Nachrichtenagentur Prime Tass
zufolge 2,7 Mrd. Rubel (knapp 70 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom
16.4.2012: 1 Euro = 38,67 Rubel) in eine neue Halle zum Stanzen von
Metallteilen und in eine Produktionslinie zur Herstellung verschiedener
Kunststoffteile. Beide Anlagen sollen im Jahr 2014 fertig werden. Die
Kapazitäten im Werk Sankt Petersburg liegen bei 20.000 Toyota Camry pro
Jahr.
Das Engagement der internationalen Kfz-Schmieden in Russland
zahlt sich aus. Nach einem beispiellosen Einbruch des Automobilmarktes
im Krisenjahr 2009 auf unter 2 Mio. Fahrzeuge, sind die Verkäufe wieder
rasant gestiegen. Der Markt für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge (Nfz)
legte 2011 um 40% auf über 2,6 Mio. Automobile zu. Im 1. Quartal 2012
stiegen die Verkaufszahlen immerhin um 19% im Vergleich zum
entsprechenden Vorjahreszeitraum. Zu diesem Ergebnis kam das Komitee der
Automobilhersteller bei der Association of European Businesses. Laut
russischem Industrieministerium lag die Dynamik bei Personenkraftwagen
(ohne leichte Nfz) im 1. Quartal 2012 sogar bei 22%.
Der russische
Automobilmarkt wird von Jahr zu Jahr attraktiver: Im Jahr 2011 wuchs
das Marktvolumen laut PwC um 70% auf 59 Mrd. US$. Der Durchschnittspreis
pro Pkw stieg von 591.435 Rubel im Jahr 2010 auf knapp 691.000 Rubel
(circa 17.870 Euro) im Jahr 2011. Das Produktionsvolumen ausländischer
Marken in Russland legte 2011 um 70% zu. Doch zählen dazu in erster
Linie preisgünstigere Modelle. Denn mit den 840.000 Importfahrzeugen
erzielten ausländische Kfz-Hersteller einen Umsatz von 28,3 Mrd. US$ -
und damit deutlich mehr als mit ihren in Russland gefertigten
Fahrzeugen.
Russlands Pkw-Markt in Zahlen
| Kategorie | Absatz 2010 (1.000 Stück) | Absatz 2011 (1.000 Stück) | Veränderung 2011/2010 in % | Verkäufe 2011 (Mrd. US$) |
| Gesamt, davon | 1.780 | 2.500 | 40 | 58,9 |
| Pkw ausländischer Marken (in Russland produziert) | 610 | 1.040 | 70 | 23,7 |
| Pkw-Importe | 610 | 840 | 38 | 28,3 |
| Pkw russischer Marken | 560 | 620 | 11 | 6,9 |
Quelle: PwC
Es ist fraglich, was von
Russlands Traditionsherstellern in fünf bis sechs Jahren noch übrig ist.
Sie entwickeln sich wesentlich träger als die ausländische Konkurrenz
und sind daher anfällig für Übernahmen. Klar ist, dass Renault-Nissan
seine Anteile bei AwtoWAZ weiter aufstocken will. Gut möglich, dass es
2020 noch Lada-Modelle gibt, aber dann voraussichtlich mit einem
französischen Design. (H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland