Expansionskurs in Gefahr / Nicht alle Handelsketten halten sich an
Embargo / Händler erweitern Wertschöpfungskette
Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Der private Konsum war lange Zeit ein dynamischer Motor der
russischen Wirtschaft. Das ist jetzt vorbei. Die Reallöhne sinken und
damit die Kaufkraft der Einwohner. Der Lebensmitteleinzelhandel leidet
unter dem Embargo auf westliche Nahrungsmittel. Außerdem stehen die
Handelsketten wegen des schwachen Rubels massiv unter Druck. Sie
importieren Lebensmittel verstärkt in Eigenregie und investieren sogar
in die Nahrungsmittelerzeugung. Trotz der Krise setzen einige Ketten
ihre Expansion fort.
Die Sanktionen von Europäischer Union (EU) und USA gegen Russland
und die als Antwort von Russland verhängten Sanktionen auf Lebensmittel
wirken wie Gift auf die russische Wirtschaft. Unternehmen mangelt es an
Finanzierungen, sie kürzen ihre Budgets, entlassen Mitarbeiter, sparen
an allen Ecken und Enden. Für die privaten Haushalte heißt das: Sie
werden ärmer. Dies wirkt sich aus an den Ladentheken. Das russische
Wirtschaftsministerium rechnet 2015 mit einem Einbruch beim
Einzelhandelsumsatz um 3,8%.
Deutsche Produkte sind davon
besonders betroffen. Deutschland war eines der wichtigsten Lieferländer
für Nahrungsmittel. Noch 2013 importierte Russland deutsche
Nahrungsmittel für 1,6 Mrd. US$. Dieses Niveau dürfte auf Jahre nicht
mehr zu erreichen sein. Denn seit 7.8.2014 gilt ein Importverbot auf
Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse, Milch und Produkte daraus
aus der Europäischen Union, den USA, Kanada, Norwegen und Australien -
Länder, die Sanktionen gegen Russland wegen dessen Ukraine-Politik
verhängt haben.
Lebensmitteleinzelhandel im Umbruch
Nahrungsmittel
aus der EU und anderen Ländern mussten aus den russischen Regalen
verschwinden. Die Handelsketten waren gezwungen, ihr Sortiment neu zu
strukturieren. Sie suchten sich teils neue Zulieferer.
Nach
Untersuchungen der Wirtschaftszeitung "Expert" hält sich nur eine der
zehn größten Lebensmitteleinzelhandels-Gruppen, Magnit, bedingungslos an
die Embargo-Spielregeln. Neben Magnit gehören Diksi und Poluschka zu
den Lebensmittelketten, die sanktionierte Ware fast vollständig aus den
Regalen genommen haben. Kein Wunder: Sie sind im Niedrigpreissegment
aktiv. Importwaren sind durch den schwachen Rubel besonders teuer
geworden. Auch früher waren importierte Lebensmittel meist teurer als
russische Produkte, zu teuer für die typischen Magnit-Kunden.
Retailer halten sich nicht an Embargo
Anders
verhalten sich Retailer im Mittel- und Hochpreis-Segment. Perekrjostok,
Karusel, Viktoria oder Okey führen auch Monate nach dem Erlass der
russischen Gegensanktionen noch deutsche Seeberger-Nüsse oder
Tilsiter-Käse, verkaufen polnische Pommes frites oder lettischen Lachs.
Das hat das Wirtschaftsjournal "Expert" recherchiert und in seiner
Neujahrsausgabe veröffentlicht.
Am laxesten gehen scheinbar die
Einzelhändler in der Exklave Kaliningrad mit dem Lebensmittelembargo um.
Die Handelskette Viktoria, die dort rund ein Drittel Marktanteil hält,
verkauft nach wie vor Putenfilets aus Deutschland, Hühnerfleisch aus den
USA, dänische Schrimps und vieles mehr. Das Wirtschaftsjournal "Expert"
schlussfolgert daher, dass Kaliningrad ein Offshore-Areal ist, in dem
EU-Lebensmittel umetikettiert und weiter nach Zentralrussland geliefert
werden. Das bestätigte auch ein Mitarbeiter eines
Großhandelsunternehmens gegenüber dem Wirtschaftsblatt. Danach kämen die
Waren gegen Schmiergeldzahlungen ins Land.
Früher waren Polen und
Deutschland die wichtigsten Lieferländer für Lebensmittel. Heute ist
das Serbien, gefolgt von Belarus, der Türkei, der VR China und Thailand.
Dabei spielten diese Länder früher eine untergeordnete Rolle. Woher
kommen die erheblichen Steigerungen von Lebensmittelimporten aus
Serbien? Bei manchen Produkten haben sie sich verfünffacht, ja sogar
verzehnfacht. Das klingt unrealistisch. Gut möglich, dass Serbien bald
dasselbe Schicksal droht wie Mazedonien, Albanien und Belarus: Die
Kontrolleure der russischen Aufsichtsbehörde Rosselchosnadsor wollen
EU-Waren unter den Importen aus diesen Ländern ausfindig gemacht haben.
Sie beschränkten daraufhin die Lebensmittelimporte aus diesen drei
Ländern. Wohlgemerkt: Belarus ist Mitglied der Eurasischen
Wirtschaftsunion, im Grunde gibt es zwischen Russland und Belarus keine
Zollgrenzen mehr.
Rückzug aus der Ukraine
Einige
Handelsketten steuern aufgrund der Krise in die Pleite oder verschwinden
komplett vom Markt, andere nutzen die "Gunst der Stunde" für
Erweiterungen. Im März 2014 zog sich die Einzelhandelsgruppe X5 Retail
aus der Ukraine zurück. Ihre 13 Perekrjostok-Läden verkaufte X5 an
Donezker Geschäftsleute - samt Inventar und Lebensmittel-Restbeständen.
Dafür setzte Russlands größte Einzelhandelskette ihren Expansionskurs
auf heimischem Boden fort: X5 übernahm im Mai 2014 mehrere Läden der
Semja-Kette in Magnitogorsk und kaufte im Oktober 2014 die
Einzelhandelskette Pokupotschka aus Samara mit 116 Geschäften. In
Magnitogorsk und Samara entstanden dafür Pjatjorotschka-Läden.
Bestehende
Handelsflächen übernehmen - leicht. Neue Supermärkte bauen fällt jedoch
selbst den großen Ketten schwer. Seit 16. Dezember 2014 lag der
Leitzins zunächst bei 17%, seit 16. März 2015 bei 14%. Developer kommen
nur noch gegen sehr hohe Zinsen an frisches Kapital. Recherchen von
Germany Trade & Invest haben ergeben, dass Banken
Unternehmenskredite nur zwischen 24 und 30% effektivem Jahreszins
herauslegen.
Das trifft gerade die großen expansionsfreudigen
Handelsketten - von Magnit über X5 Retail bis hin zur französischen
Auchan. Die Franzosen wollen 2015 sieben bis zwölf Märkte eröffnen, bei
Magnit sollen es 100 sein. Bei der Finanzierung soll jetzt der russische
Fonds für Direktinvestitionen (RFPI) helfen. Russische
Wirtschaftszeitungen berichten, dass mehrere Ketten entsprechende
Gespräche mit dem Fonds führen. Es geht um viel Geld: So kostet ein
Metro Cash&Carry-Markt in Russland zwischen 20 Mio. und 22 Mio.
Euro, ein Auchan-Hypermarkt in einem großen Einkaufszentrum rund 800
Mio. Rubel (10,7 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 6.1.2014: 1 Euro = 74,91
Rubel).
Händler werden zu Produzenten
Ein weiterer Trend
im Lebensmitteleinzelhandel: Die Ketten importieren ihre Waren zunehmend
eigenständig - ohne Zwischenhändler. Vorreiter ist Russlands größte
Handelskette für Nahrungsmittel: Magnit. Die Magnit-Tochterfima, SAO
Tander, die sämtliche Einfuhren abwickelt, zählt mittlerweile zu den
zehn größten Importeuren Russlands. Der wichtigste Magnit-Konkurrent,
das Unternehmen X5, hat 2012 mit dem eigenständigen Lebensmittelimport
begonnen. Die Nummer drei in Russland, Diksi, importiert seit 2010
Früchte und Gemüse auf eigene Faust. Die französische Kette Auchan
führte im 1. Halbjahr 2014 Waren im Wert von 106 Mio. US$ ein, Metro
Cash&Carry von 82 Mio. $, Lenta von 77 Mio. $ und Okay von 31 Mio.
$.
Laut Branchenexperten zahlt sich diese Strategie in doppelter
Hinsicht aus. Zum einen drückt das selbst abgewickelte Importgeschäft
die Selbstkosten. Zum anderen heben sich die einzelnen Ketten mit den
Importwaren von der Konkurrenz ab. Allerdings müssen für den Import aus
dem Ausland eigens Kompetenzen aufgebaut werden.
Russische
Einzelhändler gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie treten nicht
nur als Importeure auf oder lassen Lebensmittel unter der eigenen Marke
produzieren. Sie investieren in die landwirtschaftliche Produktion und
die Lebensmittelverarbeitung. Vorreiter hierbei ist Russlands
Einzelhandelsgigant Magnit. In den kommenden zehn Jahren will der
Konzern über 40 Produktionsbetriebe eröffnen.
Lebensmittel-Einzelhandel Russlands nach Warengruppen (in Mio. Euro)
| Waren | 2012 | 2013 |
| Lebensmittel, darunter | 249,4 | 263,1 |
| .Fleisch | 18,9 | 18,9 |
| .Fleischprodukte, Würste | 21,3 | 21,7 |
| .Fisch | 10,2 | 10,5 |
| .Milch und Milchprodukte | 10,7 | 11,8 |
| .Gemüse | 9,6 | 10,6 |
| .Obst | 8,7 | 9,1 |
| .Backwaren | 11,6 | 12,4 |
| .Süßwaren | 16,1 | 16,6 |
| .alkohol. Getränke (inkl. Bier) | 39,4 | 41,4 |
| .Tabak | 8,8 | 10,3 |
Quelle: Statistikdienst der Russischen Föderation
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland