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Freitag, 27. März 2015

Hohes Zinsniveau bereitet russischen Lebensmittelketten große Probleme

Expansionskurs in Gefahr / Nicht alle Handelsketten halten sich an Embargo / Händler erweitern Wertschöpfungskette
Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Der private Konsum war lange Zeit ein dynamischer Motor der russischen Wirtschaft. Das ist jetzt vorbei. Die Reallöhne sinken und damit die Kaufkraft der Einwohner. Der Lebensmitteleinzelhandel leidet unter dem Embargo auf westliche Nahrungsmittel. Außerdem stehen die Handelsketten wegen des schwachen Rubels massiv unter Druck. Sie importieren Lebensmittel verstärkt in Eigenregie und investieren sogar in die Nahrungsmittelerzeugung. Trotz der Krise setzen einige Ketten ihre Expansion fort.

Die Sanktionen von Europäischer Union (EU) und USA gegen Russland und die als Antwort von Russland verhängten Sanktionen auf Lebensmittel wirken wie Gift auf die russische Wirtschaft. Unternehmen mangelt es an Finanzierungen, sie kürzen ihre Budgets, entlassen Mitarbeiter, sparen an allen Ecken und Enden. Für die privaten Haushalte heißt das: Sie werden ärmer. Dies wirkt sich aus an den Ladentheken. Das russische Wirtschaftsministerium rechnet 2015 mit einem Einbruch beim Einzelhandelsumsatz um 3,8%.

Deutsche Produkte sind davon besonders betroffen. Deutschland war eines der wichtigsten Lieferländer für Nahrungsmittel. Noch 2013 importierte Russland deutsche Nahrungsmittel für 1,6 Mrd. US$. Dieses Niveau dürfte auf Jahre nicht mehr zu erreichen sein. Denn seit 7.8.2014 gilt ein Importverbot auf Lebensmittel wie Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse, Milch und Produkte daraus aus der Europäischen Union, den USA, Kanada, Norwegen und Australien - Länder, die Sanktionen gegen Russland wegen dessen Ukraine-Politik verhängt haben.

Lebensmitteleinzelhandel im Umbruch

Nahrungsmittel aus der EU und anderen Ländern mussten aus den russischen Regalen verschwinden. Die Handelsketten waren gezwungen, ihr Sortiment neu zu strukturieren. Sie suchten sich teils neue Zulieferer.

Nach Untersuchungen der Wirtschaftszeitung "Expert" hält sich nur eine der zehn größten Lebensmitteleinzelhandels-Gruppen, Magnit, bedingungslos an die Embargo-Spielregeln. Neben Magnit gehören Diksi und Poluschka zu den Lebensmittelketten, die sanktionierte Ware fast vollständig aus den Regalen genommen haben. Kein Wunder: Sie sind im Niedrigpreissegment aktiv. Importwaren sind durch den schwachen Rubel besonders teuer geworden. Auch früher waren importierte Lebensmittel meist teurer als russische Produkte, zu teuer für die typischen Magnit-Kunden.

Retailer halten sich nicht an Embargo

Anders verhalten sich Retailer im Mittel- und Hochpreis-Segment. Perekrjostok, Karusel, Viktoria oder Okey führen auch Monate nach dem Erlass der russischen Gegensanktionen noch deutsche Seeberger-Nüsse oder Tilsiter-Käse, verkaufen polnische Pommes frites oder lettischen Lachs. Das hat das Wirtschaftsjournal "Expert" recherchiert und in seiner Neujahrsausgabe veröffentlicht.

Am laxesten gehen scheinbar die Einzelhändler in der Exklave Kaliningrad mit dem Lebensmittelembargo um. Die Handelskette Viktoria, die dort rund ein Drittel Marktanteil hält, verkauft nach wie vor Putenfilets aus Deutschland, Hühnerfleisch aus den USA, dänische Schrimps und vieles mehr. Das Wirtschaftsjournal "Expert" schlussfolgert daher, dass Kaliningrad ein Offshore-Areal ist, in dem EU-Lebensmittel umetikettiert und weiter nach Zentralrussland geliefert werden. Das bestätigte auch ein Mitarbeiter eines Großhandelsunternehmens gegenüber dem Wirtschaftsblatt. Danach kämen die Waren gegen Schmiergeldzahlungen ins Land.

Früher waren Polen und Deutschland die wichtigsten Lieferländer für Lebensmittel. Heute ist das Serbien, gefolgt von Belarus, der Türkei, der VR China und Thailand. Dabei spielten diese Länder früher eine untergeordnete Rolle. Woher kommen die erheblichen Steigerungen von Lebensmittelimporten aus Serbien? Bei manchen Produkten haben sie sich verfünffacht, ja sogar verzehnfacht. Das klingt unrealistisch. Gut möglich, dass Serbien bald dasselbe Schicksal droht wie Mazedonien, Albanien und Belarus: Die Kontrolleure der russischen Aufsichtsbehörde Rosselchosnadsor wollen EU-Waren unter den Importen aus diesen Ländern ausfindig gemacht haben. Sie beschränkten daraufhin die Lebensmittelimporte aus diesen drei Ländern. Wohlgemerkt: Belarus ist Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion, im Grunde gibt es zwischen Russland und Belarus keine Zollgrenzen mehr.

Rückzug aus der Ukraine

Einige Handelsketten steuern aufgrund der Krise in die Pleite oder verschwinden komplett vom Markt, andere nutzen die "Gunst der Stunde" für Erweiterungen. Im März 2014 zog sich die Einzelhandelsgruppe X5 Retail aus der Ukraine zurück. Ihre 13 Perekrjostok-Läden verkaufte X5 an Donezker Geschäftsleute - samt Inventar und Lebensmittel-Restbeständen. Dafür setzte Russlands größte Einzelhandelskette ihren Expansionskurs auf heimischem Boden fort: X5 übernahm im Mai 2014 mehrere Läden der Semja-Kette in Magnitogorsk und kaufte im Oktober 2014 die Einzelhandelskette Pokupotschka aus Samara mit 116 Geschäften. In Magnitogorsk und Samara entstanden dafür Pjatjorotschka-Läden.

Bestehende Handelsflächen übernehmen - leicht. Neue Supermärkte bauen fällt jedoch selbst den großen Ketten schwer. Seit 16. Dezember 2014 lag der Leitzins zunächst bei 17%, seit 16. März 2015 bei 14%. Developer kommen nur noch gegen sehr hohe Zinsen an frisches Kapital. Recherchen von Germany Trade & Invest haben ergeben, dass Banken Unternehmenskredite nur zwischen 24 und 30% effektivem Jahreszins herauslegen.

Das trifft gerade die großen expansionsfreudigen Handelsketten - von Magnit über X5 Retail bis hin zur französischen Auchan. Die Franzosen wollen 2015 sieben bis zwölf Märkte eröffnen, bei Magnit sollen es 100 sein. Bei der Finanzierung soll jetzt der russische Fonds für Direktinvestitionen (RFPI) helfen. Russische Wirtschaftszeitungen berichten, dass mehrere Ketten entsprechende Gespräche mit dem Fonds führen. Es geht um viel Geld: So kostet ein Metro Cash&Carry-Markt in Russland zwischen 20 Mio. und 22 Mio. Euro, ein Auchan-Hypermarkt in einem großen Einkaufszentrum rund 800 Mio. Rubel (10,7 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 6.1.2014: 1 Euro = 74,91 Rubel).

Händler werden zu Produzenten

Ein weiterer Trend im Lebensmitteleinzelhandel: Die Ketten importieren ihre Waren zunehmend eigenständig - ohne Zwischenhändler. Vorreiter ist Russlands größte Handelskette für Nahrungsmittel: Magnit. Die Magnit-Tochterfima, SAO Tander, die sämtliche Einfuhren abwickelt, zählt mittlerweile zu den zehn größten Importeuren Russlands. Der wichtigste Magnit-Konkurrent, das Unternehmen X5, hat 2012 mit dem eigenständigen Lebensmittelimport begonnen. Die Nummer drei in Russland, Diksi, importiert seit 2010 Früchte und Gemüse auf eigene Faust. Die französische Kette Auchan führte im 1. Halbjahr 2014 Waren im Wert von 106 Mio. US$ ein, Metro Cash&Carry von 82 Mio. $, Lenta von 77 Mio. $ und Okay von 31 Mio. $.

Laut Branchenexperten zahlt sich diese Strategie in doppelter Hinsicht aus. Zum einen drückt das selbst abgewickelte Importgeschäft die Selbstkosten. Zum anderen heben sich die einzelnen Ketten mit den Importwaren von der Konkurrenz ab. Allerdings müssen für den Import aus dem Ausland eigens Kompetenzen aufgebaut werden.

Russische Einzelhändler gehen sogar noch einen Schritt weiter. Sie treten nicht nur als Importeure auf oder lassen Lebensmittel unter der eigenen Marke produzieren. Sie investieren in die landwirtschaftliche Produktion und die Lebensmittelverarbeitung. Vorreiter hierbei ist Russlands Einzelhandelsgigant Magnit. In den kommenden zehn Jahren will der Konzern über 40 Produktionsbetriebe eröffnen.
Lebensmittel-Einzelhandel Russlands nach Warengruppen (in Mio. Euro)
Waren 2012 2013
Lebensmittel, darunter 249,4 263,1
.Fleisch 18,9 18,9
.Fleischprodukte, Würste 21,3 21,7
.Fisch 10,2 10,5
.Milch und Milchprodukte 10,7 11,8
.Gemüse 9,6 10,6
.Obst 8,7 9,1
.Backwaren 11,6 12,4
.Süßwaren 16,1 16,6
.alkohol. Getränke (inkl. Bier) 39,4 41,4
.Tabak 8,8 10,3
Quelle: Statistikdienst der Russischen Föderation
(H.B.)


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