Bedarf an moderner Technik ist hoch / Investitionsprojekte stagnieren
Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Finanzsanktionen und Turbulenzen am Ölmarkt lassen Russland in
die Wirtschaftskrise schlittern. Die Kapitalflucht nimmt bedrohlich zu.
Dabei sind massive Investitionen in die Industrie mehr als notwendig.
In der Lebensmittelverarbeitung tätige Unternehmen blicken sorgenvoll in
die Zukunft. Zwar sind zahlreiche Projekte geplant, aber durch den
schwachen Rubel, das unsichere Investitionsklima und die hohen
Kreditzinsen gerät deren Umsetzung ins Stocken.
Russland hat den Import von Fleisch, Wurst, Fisch, Gemüse und
Früchten sowie weiterer Lebensmittel aus der EU verboten und will sich
künftig stärker selbst versorgen. Dazu bedarf es neuer, moderner
Kapazitäten zur Verarbeitung und Verpackung der Lebensmittel. Die
Regierung unterstützt den Landwirtschafts- und Lebensmittelsektor 2015
mit 190 Mrd. Rubel (Rbl; etwa 2,8 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom
24.12.14: 1 Euro = 66,87 Rbl).
In Russland gibt es eine ganze
Reihe vertikal integrierter Mast- und Schlachtbetriebe. Eine Kette
solcher Betriebe zur Rindermast und Produktion von
Halbfertigerzeugnissen will der italienische Cremonini-Konzern bauen.
Mitte November 2014 eröffnete Cremonini in Orenburg den ersten Betrieb.
Als nächste Region hat das Unternehmen die Republik Tatarstan im Visier,
weitere sollen folgen. Zurzeit gibt es mindestens ein Dutzend großer
Schweinemastprojekte mit angeschlossener Fleischverarbeitung. Dasselbe
gilt für Rindfleisch.
Üblicherweise produziert ein russischer
Betrieb Futtermittel und Fleisch in Eigenregie und verarbeitet dieses
auch selbst weiter. Manchmal vertreiben diese Unternehmen ihre Produkte
sogar unter eigenem Label und in eigenen Metzgerläden. Dasselbe gilt für
Milchbetriebe. Milch verarbeiten viele Unternehmen gleich selbst zu
Joghurt, Quark und Butter und verkaufen diese Erzeugnisse regional,
manchmal sogar überregional.
Zahlreiche Projekte in der Nahrungsmittelproduktion und -verarbeitung
Im
Bereich Milchprodukte ist die Projektliste lang. Danone investiert bis
2017 rund 400 Mio. Euro in Molkerei-Aktiva. Damate erweitert zwei
Milchfarmen auf je 20.000 Rinder und baut in Pensa einen neuen
Milchviehbetrieb mit Käserei. Solotaja Niwa investiert in der Region
Smolensk in eine Farm für 4.800 Milchkühe. In der Nachbarschaft baut SAO
Nascha Schitniza einen Betrieb für 1.200 Milchkühe. Ähnliche Projekte
sind auf der Insel Sachalin sowie in den Regionen Pensa, Woronesch,
Moskau und Samara geplant. Der größte Milcherzeuger Russlands ist das
Unternehmen Ekoniva mit dem deutschen Geschäftsführer Stefan Dürr. Auch
Ekoniva plant weitere Investitionen.
Nachdem Russland aktuell auch
den Gemüseanbau in Gewächshäusern fördert, ist künftig mit
Investitionen in Verarbeitungswerke zu rechnen. Belaja Datscha, der
größte Hersteller von frischen Fertigsalaten für Fast-Food-Ketten und
Supermärkte in Russland, will bis Ende 2015 bis zu zehn neue Werke in
Nowosibirsk, Omsk und anderen sibirischen Städten bauen. Pro Werk
investiert das Unternehmen 10 Mio. bis 20 Mio. US$. Es beliefert auch
McDonalds.
Aktuelle Projekte zur Produktion und Verarbeitung von Lebensmitteln
| Unternehmen | Projekt | Anmerkung |
| Cremonini | Kette von Mast- und Schlachtanlagen für Rinder in verschiedenen russischen Regionen | http://www.cremonini.it |
| Miratorg | Schweinemast- und Schlachtbetrieb mit Futtermittelproduktion im Gebiet Kursk für 1,5 Mrd. Euro | http://www.miratorg.ru |
| Tscherkisowo *) | Schweinekomplexe in Lipezk und Woronesch für 200 Mio. Euro | http://www.cherkizovo-group.ru |
| Atria (Finnland) | Investitionen in die Fleischproduktion in Sankt Petersburg für 4,5 Mio. Euro | http://www.atriagroup.com |
| Damate | Milchviehbetrieb und Käserei in Pensa | http://www.acdamate.com |
| OOO Baltiski Bereg | Zucht und Verarbeitung von Welsen in der Region Krasnodar für 25 Mio. Euro | Fischkonserven, Trockenfisch, etc.; http://www.baltbereg.com |
| Sucden (Frankreich) | Zuckerfabrik für 1.700 t Zucker pro Tag; 200 Mio. Euro | http://www.sucden.ru |
| SAO Belaja Datscha Trading | Bau von bis zu 10 neuen Werken zur Verarbeitung von frischen Salaten in Nowosibirsk, Omsk und anderen sibirischen Städten bis Ende 2015 (Investition pro Werk: 10 Mio. bis 20 Mio. US$) | Generaldirektor: Anton Semenov; http://www.bdsalads.ru |
*) Tscherkisowo ist vor allem als Wurstmarke bekannt
Quellen: russische Wirtschaftszeitungen, Recherche von Germany Trade & Invest
Trotz
zahlreicher Projekte haben Sanktionen und Gegensanktionen jedoch nicht
zu einem wahren Investitionsboom im Lebensmittelverarbeitungssektor
geführt. Branchenriesen wie Miratorg klagen darüber, dass sich ihre
Businesspläne in Luft aufgelöst haben. Schuld daran sei der volatile
Wechselkurs, sagt Miratorg-Vizepräsident Aleksandr Nikitin. Das sei
entscheidend für den Einkauf importierter Lebensmittelmaschinen, von
Samen, genetischen Zusatzstoffen sowie von importierten Additiven.
Waleri Pokornjak vom Nudelproduzent Altan spricht im Experten-Interview
sogar von einem wirtschaftlichen Knock-Out für die
Lebensmittelindustrie, der die russische Regierung durch ihr Embargo
eigentlich neues Leben einhauchen wollte. "Diese Effekte seien sofort
verpufft", sagt ein Marktexperte.
Deutsche Maschinen- und
Anlagenbauer sowie Projektmanager pflichten bei: Selbst im
Lebensmittelverarbeitungsbereich stocken Projekte. Und zwar nicht nur im
privaten Sektor, sondern auch bei staatlich geförderten Projekten laufe
es nicht mehr rund. Schuld daran seien das unsichere Investitionsklima
und die exorbitant hohen Kreditzinsen. In der Nacht zum 15. Dezember hat
die Zentralbank den Leitzins auf 17% erhöht. Russische Unternehmer
berichten, dass sie nunmehr für frische Kredite 25 bis 30% Jahreszins zu
zahlen hätten.
Produktionsvolumen ausgewählter Nahrungs- und Genussmittel (Veränderungen in %)
| Produkt | 2013 | Veränderung 2013/12 | Veränderung Januar-Oktober 2014/Januar-Oktober 2013 |
| Fleischkonserven (in Mio. Doseneinheiten) | 624 | 5,7 | 0,2 |
| Gekühlte Halbfertigerzeugnisse aus Fleisch (in 1.000 t) | 858 | 14,8 | 11,7 |
| Naturfischkonserven (in Mio. Doseneinheiten) | 203 | -1,4 | -9,2 |
| Gemüse-und Obstsäfte (in 1.000 Doseneinheiten) | 2.571 | 1,6 | 1,6 |
| Backwaren (in 1.000 t) | 6.288 | -2,6 | 5,3 |
| Milch (in 1.000 t) | 5.345 | 1,5 | 2,9 |
| Rübenzucker (in Mio.t) | 4,4 | -8,1 | 20,7 |
| Weizen- und Roggenmehl (in 1.000 t) | 9.114 | -1,5 | -2,1 |
| Reis (in 1.000 t) | 362 | -21,1 | k.A. |
| Gemüse-und Pilzkonserven (in Mio. Doseneinheiten) | 342 | -0,5 | 16,7 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst (Rosstat)
Hersteller alkoholischer Getränke stehen unter Druck
Russlands
größte Brauerei Baltika will zwar die Kapazitäten nicht mehr erhöhen,
wird aber auch 2015 weiter in die eigene Produktion investieren. Das gab
Isaak Scheps, Carlsberg-Vizepräsident für Osteuropa Anfang Dezember
2014 bekannt. Seit Carlsberg vor 15 Jahren auf den russischen Markt
gekommen war, hat das Unternehmen rund 13 Mrd. US$ investiert. Die
Carlsberg-Tochter Baltika betreibt in Russland 10 Brauereien mit einer
Kapazität von 51 Mio. Dekalitern (dkl).
Seit Jahren sinkt in
Russland der Bierkonsum. Schuld daran sind steigende Akzisen und ein
sich änderndes Gesundheitsbewusstsein. Dem nicht genug - der Branche
drohen weitere Einbußen. Die staatliche Aufsichtsbehörde
Rosalkoholregulirowanije will Russlands Brauereien in das staatliche
Kontrollsystem EGAIS zwingen. Bierhersteller mit mehr als 300.000 dkl
pro Jahr müssten ihre Werke mit speziellen Zählern ausrüsten. Auch die
Importeure müssen entsprechende Nachweise erbringen. Für harte
Spirituosen gilt die EGAIS-Pflicht seit Anfang 2006 und kostete die
Branche seither mindestens 1 Mrd. US$.
Die Alkohol-Akzisen lagen
2009 noch bei 173,5 Rbl pro Liter reinen Alkohols und stiegen bis 2014
auf 500,0 Rbl. Auf diesem Niveau bleiben die Alkohol-Abgaben der
Hersteller auch 2015 und 2016. Erst 2017 ist ein Anstieg auf 523 Rbl
geplant. Das ist auch der Grund, weshalb Wodkaproduzenten 2015 mit einem
leichten Umsatzplus rechnen. Dafür dürfte der Verkauf von illegal
hergestelltem Wodka sinken. Auf diesen Sektor entfallen rund 60% des
Gesamtmarktes. Im Jahr 2013 wurden 94 dkl Wodka und Liköre in Russland
gebrannt, 2009 waren es noch 113. Der Verkauf ging von 170 Mio. dkl im
Jahr 2009 auf 135 Mio. dkl im Jahr 2013 zurück. Seit 1.8.14 liegt der
Mindestpreis für eine Flasche Wodka im Einzelhandel in Russland bei 220
Rbl, Anfang 2010 waren es noch 89 Rbl. Das hat den Schwarzmarkt zuletzt
stark befördert.
Produktionsvolumen ausgewählter alkoholischer Getränke in Russland (Veränderungen in %)
| Produkt | 2013 | Veränderung 2013/12 | Veränderung Januar-Oktober 2014/Januar-Oktober 2013 |
| Wodka (in Mio. dkl) | 85,7 | -12,3 | -13,5 |
| Tafelwein (in Mio. dkl) | 33,9 | -7,7 | -6,6 |
| Helles Bier (in Mio. dkl) | 890,0 | -8,5 | -6,4 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst (Rosstat)
Steigendes Gesundheitsbewusstsein fördert den Absatz alkoholfreier Getränke
Während
Alkoholproduzenten in Russland seit Jahren unter Druck stehen, läuft es
für die Hersteller alkoholfreier Getränke sehr gut. Im Jahr 2013 wurden
12,3 Mrd. l Wasser, Saft, Limonade und andere Getränke ohne Alkohol für
knapp 500 Mrd. Rbl verkauft. Volumenmäßig entsprach das einem Plus von
4%, wertmäßig sogar von 12%. Besonders gut entwickelt sich zurzeit der
Verkauf von stillem Wasser. Marktexperten führen das auf die schlechte
Wasserqualität vor allem in den russischen Großstädten zurück.
Leitungswasser werde immer ungenießbarer, heißt es in einem Report des
Marktforschungsinstitutes Euromonitor International. Die Marktforscher
sehen sogar einen direkten Zusammenhang zu dem Rückgang bei
alkoholischen Getränken. Die Menschen in Russland lebten zunehmend
gesundheitsbewusster und Heilwasser werde immer beliebter. Aber auch die
Hersteller von Limonade erhöhen ihre Absätze auf dem russischen Markt
und bleiben optimistisch.
Am schwächsten entwickelt sich dagegen
der Markt für Säfte - er stagniert. In diesem Segment kam es 2014 zu
einigen Umstrukturierungen. So hat Coca-Cola zwei "Nidan"-Werke
geschlossen. Insgesamt rechnen die Analysten von Euromonitor
International in den kommenden Jahren mit einem Wachstum von bis zu 3%
auf dem Markt für nichtalkoholische Getränke.
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland