Stadt erwirbt Straßenbahnen / Aeroexpress schreibt Doppelstockwaggons aus / Kauf von U-Bahn-Zügen erfolgt 2013 / Von Ullrich Umann
Moskau (gtai) - Hersteller von Schienenfahrzeugen
finden in Moskau einen aufnahmefähigen, wenn auch nicht leicht zu
erschließenden Markt. Ergebnisse öffentlicher Ausschreibungen gemäß dem
Föderalen Gesetz Nr. 94 werden nicht selten angefochten, zum Teil mit
Erfolg. Die deutsche Wirtschaft ist in jüngster Zeit indirekt an
Techniklieferungen nach Russland beteiligt, etwa über die deutschen
Werke von Bombardier und Alstom, in denen Straßenbahnen, S-Bahnen und
Komponenten gefertigt werden.
Bombardier gewann gemeinsam mit seinem Konsortialpartner, OAO
Uralwagonzawod (UWZ), die durch Skandale erzwungene Wiederholung einer
Ausschreibung seitens der Stadt Moskau zur Lieferung von 120
Niederflur-Straßenbahnzügen. Im Auftrag der beiden genannten Hersteller
gab die OAO Uraltransmasch ein knapp kalkuliertes Angebot im Wert von
8,46 Mrd. Rubel (211,5 Mio. Euro) ab und erhielt am 14.12.2012 prompt
den Zuschlag.
Der einzige noch übriggebliebene Wettbewerber, ein
Konsortium aus Transmaschholding und Alstrom, in dessen Namen wiederum
die OOO TransRus ein Angebot über 8,5 Mrd. Rubel unterbreitete, ging
leer aus. Die ausschreibende Stelle, die Stadt Moskau, hatte kurz zuvor
die finanzielle Obergrenze für Offerten von 9,2 Mrd. auf 9 Mrd. Rubel
gesenkt.
Von den 120 Straßenbahnen werden 70 Züge bis 2014
ausgeliefert und die verbleibenden 50 im Folgejahr. Bestellt wurden
geräuscharme Niederflurzüge, die über moderne Heizungen und Klimaanlagen
sowie ein Ortungssystem verfügen, das auf dem russischen
Satellitenortungssystem GLONASS basiert. Diese Züge sollen eine
Geschwindigkeit von bis zu 75 km/h entwickeln können.
Alstom ging
zwar aus dieser Ausschreibung ohne Auftrag heraus, beteiligt sich
aktuell aber an einem noch umfangreicheren Tender von Aeroexpress zur
Lieferung von 140 Doppelstockwaggons im Wert von 25 Mrd. Rubel (625 Mio.
Euro). Diese sollen auf den Verbindungsstrecken der Schnellbahn
Aeroexpress zwischen drei Moskauer Bahnhöfen und den Flughäfen
Domodedowo, Scheremetjewo und Wnukowo zum Einsatz kommen. Mit der
Zuschlagserteilung für die Lieferung des rollenden Materials wird für
den 10.2.2013 gerechnet.
Die Entscheidung zum Austausch der ein-
durch zweistöckige Waggons wurde auf Grund des steigenden
Passagieraufkommens gefällt. Derzeit nutzen etwa 14 Mio. Menschen pro
Jahr die Schnellbahn, mit steigender Tendenz. Von den ursprünglich acht
Herstellern, die im Sommer 2012 ihre Angebote eingereicht hatten, sollen
es lautt Wirtschaftsnachrichtenagentur Prime die französische Alstom,
die Schweizer Stadler und die tschechische Skoda auf die Shortlist
geschafft haben.
Zum Gesamtpaket gehören 112 Waggons als fester
Bestandteil im Wert von 20 Mrd. Rubel und weitere 34 Waggons als Option,
inklusive Ersatzteile sowie Ausbildung und Schulung des Personals. Ob
die Option auf 34 Waggons wahrgenommen wird, hängt vom tatsächlichen
Passagieraufkommen zum endgültigen Auslieferungstermin ab. Wegen der im
Tagesverlauf schwankenden Passagierzahlen sollen die Züge zudem mit
einer flexibel anpassbaren Anzahl von Waggons fahren können.
Wie
ein Sprecher von Aeroexpress mitteilte, muss das Gesamtgeschäft
fremdfinanziert werden. Aus diesem Grund macht es sich für die
Hersteller erforderlich, dem Bieterpaket günstige Kredite beizufügen.
Dies könnte sich letztendlich sogar als entscheidend für die
Zuschlagserteilung erweisen, wie es aus Kreisen um Aeroexpress hieß.
Sobald der Gewinner und damit die zu erwerbende Technologie feststeht,
wird Aeroexpress zusätzlich die Reparatur- und Wartungsdepots
modernisieren.
Aeroexpress betreibt neben Moskau ähnlich geartete
Strecken in Sotschi, Kazan und Wladiwostok. Gegründet wurde das
Unternehmen seitens der staatlichen Eisenbahngesellschaft OAO RZD (50%
Anteile) gemeinsam mit der Transgroup AS (25%) sowie den Privatleuten
Andrej Bokarew (7,5%) und Iskander Machmudow (17,5%). Dem Vernehmen nach
hat RZD vor, 25% seiner Anteile zu verkaufen.
Für 2013 wird eine
Ausschreibung zur Lieferung von 360 U-Bahn-Waggons erwartet. Eine
inoffizielle Vorankündigung wurde seitens der Stadt Moskau lanciert. Das
Ausschreibungsvolumen wird dabei auf 9 Mrd. Rubel (225 Mio. Euro)
geschätzt. Es kann davon ausgegangen werden, dass dann erneut die beiden
Konsortien aus Bombardier und Uralwagonzawod sowie Transmaschholding
und Alstrom in den Ring steigen werden.
Für Bombardier und
Uralwagonzawod, bei denen Kapazitäten zum Bau der 120 Straßenbahnzüge
gebunden sind, könnten im Falle des erneuten Zuschlags zur Herstellung
der U-Bahn-Waggons aber finanzielle Risiken entstehen, zumal noch nicht
einmal alle notwendigen lokalen Zulieferer gefunden wurden, wie das
Wirtschaftsblatt "Kommersant" berichtete. Sollten zur Realisierung eines
möglichen U-Bahn-Kontraktes zusätzliche Investitionen notwendig werden,
könnte das Konsortium schnell in die roten Zahlen rutschen.
Es
muss abgewartet werden, ob die Stadt Moskau die daraus resultierenden
Konsequenzen bei der Erfüllung des Straßenbahn- und U-Bahn-Projektes auf
sich nehmen möchte oder doch eher auf Liefersicherheit setzt. Dazu wäre
bei der Zuschlagserteilung eine Diversifizierung der Lieferanten
notwendig.
Internetadressen:
Aeroexpress
Internet: http://www.aeroexpress.ru/en/
Ausschreibungsportal der Stadt Moskau
Internet: http://tender.mos.ru/newdsgn/
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland