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Mittwoch, 30. März 2011

Russlands Lkw-Hersteller Kamaz setzt auf ausländische Partner

Gute Chancen für ausländische Komponentenhersteller / Millioneninvestitionen in Modernisierung / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - In der Wirtschaftskrise sind die Lkw-Verkäufe des größten russischen Nutzfahrzeugherstellers Kamaz eingebrochen. Rund 10.000 Mitarbeiter verloren seit 2008 ihren Arbeitsplatz. Jetzt steigt die Nachfrage wieder. Für das Jahr 2011 rechnet das Management am Produktionsstandort Nabereshnyje Tschelny mit einem Verkauf von 36.000 Lkw. Höhere Umweltstandards und gestiegene Verbraucheranforderungen zwingen den russischen Lkw-Riesen zu Kooperationen mit ausländischen Konzernen.

Kamaz erholt sich langsam von der Wirtschaftskrise. Knapp 32.300 Lkw hat der Konzern aus Nabereshnyje Tschelny (Republik Tatarstan) 2010 verkauft. Im Jahr 2011 sollen es 36.000 Stück sein, sagte Kamaz-Pressesprecher Oleg Afanasew gegenüber Germany Trade and Invest Mitte März 2011. Wenn es nach Firmenchef Sergei Kogogin geht, setzt sich dieser positive Trend in den Folgejahren fort. Bis 2015, so steht es in den Entwicklungsplänen des Konzerns, soll sich der Umsatz auf 198 Mrd. Rubel verdreifachen und der Lkw-Absatz auf 67.000 Einheiten ansteigen. Bis 2020 will der Unternehmenschef 100.000 Fahrzeuge verkaufen und damit einen Umsatz von 350 Mrd. Rubel erzielen.

Geschäftsentwicklung des russischen Automobilherstellers Kamaz
Kennzahlen2009 2010 2001 (Plan) 2015 (Plan) 2020 (Plan)
Verkauf, in Stück25.897 32.293 *) 36.000 67.000 100.000
Umsatz, in Mrd. Rubel51,0 64,6 k.A. 198 350
*) davon 28.254 in Russland und 4.039 außerhalb Russlands
Quelle: OAO Kamaz

Ein wichtiger Bestandteil der Kamaz-Verkäufe waren 2009 und 2010 staatliche Aufträge - für die Kommunalwirtschaft und für das Verteidigungsministerium. Kamaz hat da Wettbewerbsvorteile, weil staatliche Ausschreibungen in der Regel an einheimische Produzenten vergeben werden. Die Auflagen des Verteidigungsministeriums an Lkw-Hersteller erfordern die ausschließliche Verwendung russischer Komponenten. Produziert von Firmen ohne ausländische Beteiligung, erzählt ein Kamaz-Mitarbeiter. Kamaz findet damit einen Abnehmer seiner Lkw mit alten Motoren nach Euro-2-Standard.

Außerdem sind Lkw mit Motoren nach alter Bauart auch in den zentralasiatischen Ländern beliebt, weil diese nicht oder nicht flächendeckend Zugriff auf hochwertige Kraftstoffe haben. Derzeit werden rund 20% aller Kamaz-Lkw mit Motoren nach dem Euro-2-Standard ausgerüstet. Versuche der russischen Regierung, höhere Schadstoffnormen vorzuschreiben, wurden durch die russische Erdöllobby bis dato erfolgreich verschoben. Zumindest für Privatpersonen gelten seit 1.1.2011 die Euro-3-Standards. Laut Wirtschaftszeitung "Kommersant" gibt es Ausnahmen für juristische Personen (Unternehmen, staatliche Institutionen).

Auch wenn das Marktvolumen für schwere und mittelschwere Lkw in Russland von prognostizierten 100.000 Fahrzeugen (2011) in wenigen Jahren auf bis zu 170.000 Fahrzeuge steigen dürfte, so muss Kamaz dennoch erheblich effizienter werden, um dynamisch zuzulegen und mit der ausländischen Konkurrenz Schritt halten zu können. Im Schnitt stammen 80% aller Komponenten eines Kamaz-Lastkraftwagen von Kamaz selbst oder von Unternehmen mit Kamaz-Beteiligung.
Der Großteil (80%) der in Nabereshnyje Tschelny gebauten Fahrzeuge entspricht bereits dem Euro-3-Standard, sagt der Vize-Leiter der Kabinenproduktionslinie, Rinat Radyrow. Diese Lkw gehen in erster Linie an Industriefirmen und Speditionen. Genau in diesem Segment verzeichnete Kamaz allerdings zu Krisenzeiten, als die Bauwirtschaft in Russland dramatisch einbrach, die größten Rückgänge. Vor der Krise, so Pressesprecher Afanasew, kauften Baufirmen noch 40% der gesamten Kamaz-Produkte - 2007 dürften das rund 24.000 Lkw gewesen sein. "Dieser Sektor zieht momentan wieder an", so der Unternehmenssprecher.

Um von dieser Entwicklung zu profitieren, muss sich Kamaz einer immer stärker werdenden ausländischen Konkurrenz erwehren, die im Augenblick noch durch den 25%-Importzoll auf Neufahrzeuge und höhere Transportkosten benachteiligt ist. Aber mit einem WTO-Beitritt Russlands könnten diese Nachteile schnell schwinden und Kamaz ist dem freien Wettbewerb im Land voll ausgesetzt. Punkten kann Kamaz dann nur noch über den günstigeren Preis. Ein Durchschnitts-Lkw des russischen Herstellers kostet derzeit 41.000 Euro. Die Kamaz-Geschäftsleitung ist sich bewusst, dass sie den Betrieb modernisieren muss. Bis 2020 sollen 871 Mio. Euro investiert werden. Kamaz will dabei auch künftig auf namhafte Zulieferer setzen. Bereits in den vergangenen Jahren hat das Unternehmen erfolgreich mit dem Reengineering begonnen. Heute stammen viele Motoren und Getriebe von ausländischen Herstellern, einige Vorheizungen kommen von Webasto, Mann-Hummel liefert Brennstofffilter und Bosch Leuchten und Dieseleinspritzpumpen für einige Modelle.

Kamaz-Komponenten ausländischer Zulieferer
Internationale ZuliefererKfz-Teile für Kamaz-Lkw
ZFGetriebe
Deutz/CumminsMotoren
SchwitzerTurbokompressoren
BoschDieseleinspritzpumpen, Leuchten
WebastoVor- und Standheizungen
GWBEinbau Luftgebläse
Wabco/KnorrBremssysteme, ABS
RBL ZFHydrolenkungen
Borg-WarnerLüfterkupplung
MahleKurbelwellenlager
FederalKolbendichtring
Mann-HummelBrennstofffilter
ZF SteyrVerteilergetriebe
Quelle: Industrie- und Handelsministerium der Republik Tatarstan

Mit dem reinen Einkauf von Kfz-Teilen westlicher Hersteller gibt sich Kamaz längst nicht mehr zufrieden. Das Unternehmen von Sergei Kogogin ist in den vergangenen Jahren eine Reihe von Kooperationen und Joint-Ventures mit ausländischen Komponentenherstellern eingegangen. Im Gemeinschaftswerk von Knorr-Bremse und Kamaz werden Trommel- und Scheibenbremsen, Drehschwingungsdämpfer sowie automatische Trommelbremsverstellhebel hergestellt. Zusammen mit ZF montiert Kamaz Automatikgetriebe. Das Joint-Venture SAO Cummins-Kama produziert Motoren der Cummins Inc. für die russischen Lkw. Federal Mogul fertigt vor Ort Kolbendichtringe und andere Bestandteile der Kolbenbaugruppe. Die Daimler AG und Kamaz haben ein Gemeinschaftsunternehmen zur Herstellung von Lkw-Achsen gegründet, Daimler bezifferte die Anfangsinvestitionen auf 50 Mio. Euro.

Überhaupt ist die Daimler AG ein wichtiger Partner für Kamaz. An den Joint-Ventures Fuso Kamaz Trucks Rus und Mercedes-Benz Trucks Vostok halten die beiden Konzerne jeweils 50%. Im Juni 2010 haben die Stuttgarter ihr Aktienpaket an Kamaz auf 11% erhöht; die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) hält 4%. Während Daimler vom Händler- und Servicenetz des russischen Traditionsherstellers profitieren will, möchte man bei Kamaz vom deutschen Vorbild lernen. "Unsere Mitarbeiter fahren zur Ausbildung nach Stuttgart, oder es kommen Delegationen zu uns", erzählt Kamaz-Pressesprecher Afanasew. Außerdem bekomme Kamaz bald moderne Mercedes-Achsen. Drittens rechnet der Kamaz-Konzern dank Daimler mit einem günstigerem Zugang zu Komponenten.

Bis zum Jahr 2018, so schreibt das Wirtschaftsblatt "Wedomosti", ist angedacht, dass Kamaz komplett auf eigene Motoren verzichtet und Mercedes-Motoren einsetzt, die dann bereits dem Euro-Standard 6 entsprechen. Auch viele weitere Komponenten dürften von westlichen Herstellern kommen. Die Folge: Der Durchschnittspreis für Lkw wird von heute 41.000 auf 60.000 Euro steigen.
Die russische Regierung möchte ähnlich wie bei der Pkw-Abwrackprämie ein Anreizsystem für die Erneuerung des Lkw-Fuhrparks schaffen. Bei der Verschrottung eines alten Lastkraftwagens und dem Kauf eines Neuwagens soll es künftig 6.750 Euro geben. Das Programm soll 2012 starten. Es dürfte vor allem den preisgünstigen russischen Herstellern zu einem Absatzschub verhelfen, heißt es auf der Homepage des russischen Wirtschaftsverlages "Rosbisnesconsulting" ( www.rbc.ru).

Kontaktanschrift

OAO Kamaz
Pr. Awtosawodski 2, 423827 Nabereschnyje Tschelny
Tel.: 007 8552/45 24 44, Fax: -45 29 36
E-Mail: Internet: www.kamaz.ru
(H.B.)


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