Pro-Kopf-Verbrauch fast fünfmal höher als in Deutschland / Größter Teeimporteur weltweit / Von Bernd Hones
Moskau (gtai) - Der russische Teemarkt ist seit Jahren stabil - und zwar auf höchstem Niveau. Der Durchschnittsbürger in Russland konsumiert Jahr für Jahr über 1,2 Kilo Tee. Damit trinkt er fast fünfmal so viel Tee wie ein Deutscher. Weil gleichzeitig die heimische Produktion im südlich gelegenen Gebiet Krasnodar kaum eine Rolle spielt, ist Russland der größte Teeimporteur der Welt. Die Importe sind 2010 um 12% gestiegen. Seit Jahrhunderten präferieren russische Teeliebhaber schwarze Teesorten.
Die Nachfrage nach Tee lag in den vergangenen Jahren stabil bei 160.000 bis 170.000 Tonnen. Im Jahr 2009 dürfte sich das Marktvolumen auf etwa 170.000 Tonnen belaufen haben, sagt Tamas Tschanturia, Leiter der Russischen Assoziation der Kaffee- und Teehersteller Rostschaikofe. Vorläufige Schätzungen gehen davon aus, dass die Nachfrage 2010 leicht auf 173.000 t gestiegen ist. Ein Wachstum von 2 bis 3% - mehr sei auch in Zukunft nicht realistisch, wird etwa Igor Lisinenko, Generaldirektor des russischen Teekonzerns Mai, im Wirtschaftsjournal "Expert" zitiert. Aber bereits das Ausgangsniveau ist gigantisch. Denn russische Bürgerinnen und Bürger konsumieren jährlich 1,2 kg Tee pro Einwohner. Nur in Kasachstan liegt der Pro-Kopf-Verbrauch höher, schreibt das Fachjournal "Magasin". Hinsichtlich des absoluten Marktvolumens belegt der russische Markt den vierten Platz, an erster Stelle steht Indien.
In Russland wird nur im Süden in einer Gegend bei Krasnodar Tee angebaut. Die Produktionsvolumina sind unbedeutend und es dürfte sehr schwer werden, dieses Niveau wieder zur heben, glaubt Zoran Bodrozic, Leiter der Niederlassung von Hälssen and Lyon in Moskau. Die Folge: Russland ist auf Importe angewiesen. Mehr noch: Russland ist der größte Teeimporteur der Welt, heißt es bei Rostschaikofe. Aufgrund der gewaltigen Handelsmengen erzielen russische Unternehmen auf den Weltmärkten ausgezeichnete Abnehmerpreise. Ab einem Importvolumen von mehr als 3 kg sind die Teeeinfuhren zudem kostenlos. Trotzdem ist Markentee - vergleichbar dem in der Bundesrepublik Deutschland - in Russland um 20 bis 50% teurer, erzählt Teeexperte Bodrozic. Das liegt vor allem an den hohen Transportkosten.
Die Importe haben 2010 wertmäßig um 12% zugelegt und beliefen sich auf 563,1 Mio. US$. Es wurden über 180.000 Tonnen importiert, das sind etwas weniger als vor einem Jahr. Der Grund für den starken Wertzuwachs liegt in den gestiegenen Preisen. Und darin, dass immer mehr Qualitätstees nach Russland geliefert werden.
| Lieferland | Importvolumen in Mio. US$ |
| Importvolumen gesamt, davon aus | 563,1 |
| .Sri Lanka | 239,7 |
| .Indien | 124,6 |
| .VR China | 48,1 |
| .Indonesien | 30,1 |
| .Kenia | 44,8 |
| .Vietnam | 29,8 |
| .Deutschland | 12,7 |
| .Aserbaidschan | 8,7 |
Quelle: UN Comtrade
| Teesorte | 2008 | 2009 | 2010 |
| Importvolumen gesamt, davon | 510,8 | 500,5 | 563,1 |
| .grüner Tee, Verpackung bis 3 kg | 23,7 | 14,0 | 17,9 |
| .grüner Tee, Verpackung ab 3 kg | 29,7 | 26,3 | 36,1 |
| .schwarzer Tee, Verpackung bis 3 kg | 138,8 | 110,2 | 121,4 |
| .schwarzer Tee, Verpackung ab 3 kg | 318,7 | 349,9 | 387,6 |
Quelle: UN Comtrade
Russland ist ein klassisches Schwarztee-Trinkerland. Schwarzer Tee zum Frühstück, nach dem Mittag- und Abendessen sowie zwischendurch - das hat in Russland Tradition. Am besten aus dem Samowar, dem klassischen russischen Teekocher. Traditionell wählen die Russinnen und Russen tendenziell günstige Teesorten. Aber das ändert sich allmählich. "Die Verbraucher experimentieren immer öfter", erzählt Bodrozic. Grüne Tees, aromatisierte Tees und Früchtetees - vor allem in den russischen Großstädten geben die Menschen zunehmend mehr Geld für Innovationen aus.
Aber diese Trendwende vollzieht sich sehr langsam. "Nach wie vor mögen die Russen gerne starken Schwarztee - das wird sich so schnell nicht ändern", sagt Teeexperte Bodrozic. Darum verkaufen sich tiefwachsende, kräftige Teesorten in Russland immer noch besonders gut. Größerer Beliebtheit erfreuen sich Beuteltees. Der Anteil in Moskau ist sogar höher als der von losen Tees, auch wenn Teebeutel etwas teurer sind. Russlandweit wird fast die Hälfte des kompletten Umsatzes an Tees in Beuteln verkauft. Den praktischen Beutelchen haben Teeliebhaber selbst zu Krisenzeiten nicht abgeschworen. Jedoch haben viele größere Packungen gekauft, um auf diese Weise etwas Geld zu sparen. Wichtiger als der Grammpreis scheint die praktische Handhabe zu sein. Auch Beutelpyramiden aus Nylon gewinnen langsam aber sicher Marktanteile.
| Teesorte | Anteil |
| Schwarztee | 82,8 |
| Grüner Tee | 12,4 |
| Andere | 4,8 |
Quelle: MA Step by Step
Weil der Markt kaum wächst, wird der Wettbewerbsdruck unter den Herstellern immer heftiger. Wer erhält den besten Platz im Supermarktregal? Wer positioniert sich mit welcher Werbung? Wer beschäftigt die besten Mitarbeiter? Das Management steht vor großen Herausforderungen. Um Preisvorteile zu erzielen, geht der Trend zum Abpacken der Tees in Russland. Circa 85% der nach Russland gelieferten Tees werden dort momentan verpackt. Die entsprechenden Teeblätter und Zusatzstoffe wie Aromen, Blüten oder Früchte werden auch künftig aus dem Ausland geliefert werden. Deutsche Exporteure können vor allem mit Innovationen und qualitativ hochwertigen Produkten punkten.
Der Teemarkt gilt als eine der am stärksten konsolidierten Branchen in Russland. Die vier größten Unternehmen - Unilever (Brands Lipton, Brook Bond, Beseda), Mai (Maiski, Lisma und Curtis), Orimi Trade (Greenfield, Tess, Prinzessy) und SDS Foods (Händler der Ahmed-Marke) - teilen sich mehr als 70% des Marktes. Insgesamt gibt es, je nach Schätzung, 50 bis 70 Teeunternehmen in Russland.
Das Hamburger Traditionsunternehmen Hälssen & Lyon etwa will in den russischen Markt "tea to go" einführen, also Tee für unterwegs. Im Augenblick verkaufen die Hanseaten ihre Tees über Distributeure vor allem an Hotels, Restaurant und Cafes. "In etwa jedem vierten von insgesamt 8.500 Moskauer Gastronomieunternehmen sind unsere Tees erhältlich", so Bodrozic. Tendenz: steigend.
Im März 2010 hat der Unilever-Konzern in Sankt Petersburg ein Unternehmen zum Abpacken von Tees eröffnet. Kostenpunkt: 11 Mio. Euro. Dort können jährlich 27.000 Tonnen Tee in Pakete abgefüllt werden. Mittlerweile liefert das Unternehmen seine Produkte nicht nur in die russischen Regionen, sondern exportiert die Tees auch ins Ausland.
| Teemarken | Anteil in % |
| Greenfield | 25,9 |
| Lipton | 24,8 |
| Ahmad | 23,4 |
| Maiski | 6,5 |
| Nuri | 4,9 |
| Riston | 3,9 |
| Dilmah | 3,6 |
| Akbar | 3,0 |
| Tess | 2,1 |
| Brook Bond | 1,8 |
Quelle: Online Market Intelligence
| Verkaufskanal | Anteil in % |
| Hyper-, Supermärkte | 38,8 |
| Verkaufstheken | 24,3 |
| Miniläden | 19,2 |
| Kiosks, offene Märkte | 17,7 |
Quelle: MA Step by Step
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