Investitionen in der Petrochemie werden steigen / Staat verunsichert Konzerne / Von Bernd Hones
Moskau (gtai) - Ab 1.1.2015 darf in Russland nur noch Benzin nach Euro-Standard 5 getankt werden. Dazu müssen mehr als 80% aller Petrochemiewerke modernisiert werden. Einige neue Projekte sind unlängst abgeschlossen worden, andere folgen in wenigen Wochen und Monaten. Doch auch wenn es immer wieder einzelne Projekte gibt, die ganz große Modernisierungswelle bleibt bisher aus. Das könnte sich jedoch schon bald ändern: Russland setzt wieder dazu an, Europas größter Automobilmarkt für Neufahrzeuge zu werden. Und die wollen alle betankt werden.
Die russische Petrochemie sieht rosigen Zeiten entgegen: Die Nachfrage nach hochwertigem Sprit steigt von Jahr zu Jahr, die Importe müssen steigen, die Exporte werden sinken und selten waren Investitionen so sicher wie in dieser Branche. Die Kapitalanlagen im Bereich der Petrochemie lagen in den Jahren 2003 bis 2008 bereits bei rund 200 Mrd. Rbl. Zwischen 2009 und 2014 dürften sich diese versechsfachen und auf einem Niveau zwischen 1.200 Mrd. und 1.400 Mrd. Rbl liegen (circa 30 bis 34 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 2.5.11: 1 Euro = 40,62), prognostizierte etwa Wladimir Bulatnikow, Cheftechnologe des Unternehmens OAO WNII NP, auf einer Branchen-Konferenz des Chemieberatungsunternehmens Creon in Moskau.
Auch danach dürfte die Benzinproduktion weiter steigen. In den Jahren 2016 bis 2019 sollen in Russland vier oder fünf neue Anlagen mit Kapazitäten zur Pyrolyse von 1 Mio. t organischer Verbindungen gebaut werden, heißt es im Entwicklungsplan des Industrieministeriums. Außerdem sollen sechs Cluster für die Erdöl- und Erdgaschemie entstehen: in Westsibirien, in Ostsibirien, im Fernen Osten, an der Wolga, am Kaspischen Meer und im Nordwesten Russlands. Die Autoren der Entwicklungsstrategie versprechen sich von den neuen Clustern eine Vervierfachung der Produktion von Monomeren, 30.000 neue Arbeitsplätze und einen jährlichen Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt in Höhe von 16 Mrd. Euro.
Vom Moskauer Petrochemiewerk von Gasprom Neft bis zum Petrochemiekomplex von Rosneft in Sysran - Russlands Erdölverarbeiter investieren Milliarden in die Modernisierung ihrer Anlagen zur Herstellung höherwertigerer Produkte und in Umweltschutzmaßnahmen. Bis 2014 steigen die meisten Konzerne auf die Produktion von Treibstoffen nach Euro 4- oder Euro 5-Standard um. Allein die Modernisierung der Petrochemiewerke in den Regionen Moskau, Jaroslawl und Rjasan sollen laut Premierminister Wladimir Putin in den kommenden Jahren knapp 3 Mrd. Euro kosten. Der Lukoil-Konzern will 2011 den Benzin-Ausstoß um 23% erhöhen und erstmals auch Treibstoff nach Euro-5-Norm an seinen Tankstellen verkaufen.
Das bevorstehende Engagement der Mineralölkonzerne ist nicht ganz freiwillig. Der russische Staat nimmt Treibstoffhersteller, Tankstellen und Autofahrer vielmehr in die ökologische Pflicht. Seit 1.1.2011 darf nur noch Benzin verkauft werden, das mindestens dem Euro-Standard 3 entspricht, und ab 1.1.2012 nur noch Euro-4 oder höher. Diese Kategorie soll dann bis Ende 2014 befristet sein, danach darf in Russland nur noch Benzin nach dem Euro-Standard 5 verkauft und getankt werden.
| Euro-Standard | Höchstfristen zum Vertrieb in Russland |
| Euro-Standard Klasse 2 | 31.12.2010 |
| Euro-Standard Klasse 3 | 31.12.2011 |
| Euro-Standard Klasse 4 | 31.12.2014 |
| Euro-Standard Klasse 5 | keine Befristung |
Quelle: OAO WNII NP, Creon-Konferenz Benzine
In den vergangenen Monaten sind einige moderne Anlagen zur Benzinherstellung angelaufen - oder werden in Kürze an den Start gehen. Dazu zählen der FCC-Komplex mit Alkylierung im Petrochemiewerk Nischni Nowgorod sowie neue Isomerisierungsanlagen in den Erdölverarbeitungskomplexen in Omsk, Sysransk und Angarsk. Die Kapazität zur Produktion von Benzinen nach Eurostandards steigt dank dieser vier Projekte um 2,3 Mio. t.
Doch eigentlich sollten noch viel mehr neue Anlagen entstehen. Dazu lägen bereits seit Jahren Modernisierungs- und Erweiterungspläne der großen russischen Petrochemiekonzerne auf dem Tisch, so der Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Kortes, Michail Turukalow, im Interview mit Germany Trade and Invest. Doch viele Unternehmen zögerten noch mit den Investitionen. Ein Grund ist gewiss die Rechtsunsicherheit - zahlreiche Lobbygruppen torpedieren den Zeitplan. Außerdem verunsichert der Staat durch seine wankelmütige Politik der Akzisenerhöhung und -senkung auf schadstoffarme Treibstoffe Investoren. Außerdem setzt die Regierung immer wieder willkürliche Preisobergrenzen - angeblich, um geheime Absprachen unter den Mineralölkonzernen und Tankstellenketten zu unterbinden. Und natürlich hat sich die Wirtschaftskrise auf das Investitionsklima ausgewirkt. Viele Unternehmen haben für die Zeit von 2009 bis 2011 angekündigte Maßnahmen deswegen verschoben.
Dennoch sind die ersten Modernisierungsbemühungen bereits anhand der Produktionsstatistiken nachweisbar: Wurden 2006 erst 68,5% aller Benzine mit einer Oktanzahl von 92 oder höher erzeugt, waren es 2010 bereits 84,5%. Der Trend hin zu einer höheren Qualität lässt sich auch anhand der Produktion von Komponenten ablesen, die zur Herstellung von hochwertigem Treibstoff nach Euro-Norm benötigt werden. Das Verarbeitungsvolumen stieg im Vergleich zu 2007 um 77% auf 4,4 Mio. t. Entsprechend gab es auch Zuwächse bei der Herstellung Euro-Benzin mit einer Oktanzahl von mindestens 92: Wurden 2007 noch 2,3 Mio. t Benzin nach Euro-Standards produziert, waren es 2010 bereits 8,9 Mio. t beziehungsweise knapp ein Viertel der gesamten Benzinproduktion Russlands. Tendenz: steigend.
| Kennzahl | 2006 | 2010 | Veränderung 2010/2006 in % |
| Marktvolumen | 28,1 | 33,0 | 17,4 |
| .80 Oktan-Benzin | 8,4 | 4,3 | -48,8 |
| .Benzin (92-98 Oktan) | 19,7 | 28,7 | 45,7 |
| Produktion, davon | 34,2 | 36,2 | 5,8 |
| .80 Oktan-Benzin | 10,8 | 5,6 | -48,1 |
| .Normalbenzin (92 Oktan) | 18,8 | 23,4 | 24,5 |
| .Super (95 Oktan und höher) | 4,6 | 7,2 | 56,5 |
| Import 1) | 0,01 | 0,49 | Um das 49-Fache |
| Export | 6,11 | 3,69 | -39,6 |
| .80 Oktan-Benzin | 2,46 | 1,59 | -35,4 |
| .Benzin (92-98 Oktan) | 3,65 | 2,10 | -42,5 |
1) 2006 und 2010 wurde nur Benzin mit einer Oktanzahl von 92 oder höher importiert
Quellen: Kortes, Creon-Konferenz "Benzine"
Getrieben wird die Modernisierung der russischen Petrochemie aber nicht nur von Seiten des Staates. Die Nachfrage nach hochwertigen Treibstoffen wächst und wächst, allein 2010 um 7%. Die Anzahl ausländischer Fahrzeuge, die nur noch mit solchen Benzinen betankt werden können, steigt von Jahr zu Jahr. Bis 2020 dürften jährlich 4 Mio. Kfz verkauft werden, davon entfällt unterschiedlichen Schätzungen zufolge nur noch ein Viertel auf Automobile aus klassischer russischer Produktion. Den Rest des lukrativen Marktes werden Volkswagen, Renault, Ford, GM und Co. unter sich aufteilen - ganz zu schweigen von den in Russland immer beliebter werdenden Premiumfahrzeugen, die bereits heute nur mit 98er Superbenzin betankt werden sollten.
Doch selbst wenn immer mehr Fahrer bereit sind, mehr Rubel für hochwertigen Treibstoff zu löhnen, so werden sie diesen nicht flächendeckend bekommen. In Russland ist es keine Seltenheit, dass minderwertiger Treibstoff als schadstoffarmer Euro-Sprit ausgegeben wird. Solche Betrügereien sind vor allem in den Regionen an der Tagesordnung.
Kontaktanschrift
Creon
Uniwersitetski Prospekt 9, 119296 Moskau
Tel.: 007 495/797 49 07, Fax: -938 00 08
Internet: www.creon-online.ru
Ansprechpartner für deutsche Firmen: Fares Kilzie (Präsident, E-Mail: fk@creon-online.ru)