Moskau (gtai) - Russlands Hauptstadtregion steht wieder einmal vor einem gigantischen Investitionsboom. Präsident Dmitri Medwedjew hat auf dem "Internationalen Investitionsforum" in Sankt Petersburg angekündigt, dass Moskau über die bisherigen Stadtgrenzen hinauswachsen und der gesamte Regierungsapparat verlegt werden soll. Dafür muss ein neues Büroviertel für 20.000 Beamte entstehen. Auch das Parlament und der Finanzdistrikt sollen umziehen.
Präsident Medwedjew nutzt das Petersburger Wirtschaftsforum gern für spektakuläre Ankündigungen. Dieses Mal überraschte er Mitte Juni 2011 mit dem Vorschlag, einen neuen hauptstädtischen Föderalbezirk zu schaffen und damit die bisherigen Stadtgrenzen Moskaus zu sprengen. Ein großer Teil der föderalen Behörden soll hinter den äußeren Autobahnring MKAD verlegt werden. Die neue Megaregion erhält den Status eines Föderalbezirks (bislang gibt es in Russland acht Föderalbezirke).
Mit diesem Schritt will Medwedjew die Lebensqualität in der Hauptstadt verbessern, die Verkehrsprobleme bekämpfen und somit die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Moskau eines Tages tatsächlich - wie angestrebt - ein Internationales Finanzzentrum wird. Gleichzeitig werde das Stadtzentrum attraktiver für Touristen, erläuterte Präsidentenberater Arkadi Dworkowitsch in einer Pressekonferenz die Pläne des Kremlchefs.
Bisher sei die Abstimmung zwischen Moskau und der Umlandregion Moskauer Gebiet sehr unzureichend, so Dworkowitsch. Kompetenzstreitigkeiten, persönliche und politische Ambitionen der Akteure verhinderten bislang eine sinnvolle Abstimmung der beiden Regionen. Wichtige Infrastrukturbauten würden oft unabhängig voneinander geplant und seien entsprechend ineffizient. Von der Verschmelzung Moskaus mit einem Teil des umliegenden Gebietes erhofft sich die Regierung eine bessere Verwaltung der Hauptstadtregion, sagte Dworkowitsch. "Das Antlitz Moskaus wird sich entscheidend ändern. Hunderte Gebäude werden für eine neue Nutzung frei."
Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin begrüßt die Pläne des Präsidenten. Seine Stadt fühle sich heute angesichts der ungenutzten Potenziale "wie ein Flaschengeist", weil es zu wenig Platz für Investitionen gebe. Die Konzentration von Behörden und Arbeitsplätzen im Stadtzentrum verursache kolossale Spannungen, die durch eine Verlagerung hinter die bisherigen Stadtgrenzen verringert werden könnten.
Bei der Umsetzung des ambitionierten Vorhabens will die Politik offenbar keine Zeit verlieren. Schon innerhalb der nächsten zwei Wochen soll eine Arbeitsgruppe festlegen, wo das neue Behördenviertel künftig platziert werden soll. Beobachter rechnen mit einem Standort in der Nähe der drei internationalen Flughäfen. Dabei muss das Moskauer Gebiet die betreffenden Flächen kostenlos zur Verfügung stellen, stellte Moskaus Bürgermeister Sobjanin fest.
Dennoch erhofft sich auch die Umlandregion Vorteile von der Ausdehnung der Moskauer Stadtgrenzen. Bislang konzentrieren sich die Investitionen in dem Gebiet auf einen Radius von 50 Kilometern rund um die Hauptstadt. Wenn Moskau künftig größer werde, könnten auch die weiter entlegenen Kommunen attraktiver für Investoren werden, erklärte Sobjanin.
Neben dem Regierungsapparat wird eventuell auch das geplante Parlamentszentrum Russlands hinter den bisherigen Moskauer Stadtgrenzen entstehen. Wie ein Duma-Vertreter gegenüber der Presse erklärte, soll die Volksvertretung innerhalb der nächsten fünf Jahre in ein neues Gebäude umziehen.
Ebenso ist angedacht, den neuen Moskauer Finanzdistrikt, Kern des geplanten internationalen Finanzzentrums, im Speckgürtel zu etablieren. Das sagte Sberbank-Chef German Gref beim Sankt Petersburger Wirtschaftsforum. Allerdings ist unklar, was dann aus dem Wolkenkratzerviertel Moscow-City im Stadtzentrum wird.
Zu den Kosten der Verlegung wichtiger Behörden gibt es bislang nur Schätzungen. Finanzminister Aleksej Kudrin behauptet, auf den Steuerzahler kämen keine zusätzliche Belastungen zu. Die Wirtschaftszeitung Kommersant hat errechnen lassen, dass die Immobilien der bisherigen föderalen Ämter in Moskau rund 40 Mrd. bis 50 Mrd. US$ wert seien. Die Errichtung eines Bürokomplexes im Speckgürtel der Hauptstadt für 20.000 Beamte würde samt der nötigen Infrastruktur weitaus weniger kosten.
Es ist damit zu rechnen, dass die Dominanz der Hauptstadtregion innerhalb der russischen Wirtschaft durch eine Ausweitung der Stadtgrenzen weiter zunimmt. Derzeit entsteht hier über ein Viertel des Bruttoinlandsproduktes des Landes. Nach Moskau und in das umliegende Gebiet fließt fast die Hälfte aller ausländischen Direktinvestitionen (2010: 43%). Ebenso wird ein Großteil der russischen Handelsumsätze in der Metropolregion erzielt. Beim Wohnungsbauvolumen hat das Moskauer Gebiet die Hauptstadt seit Jahren hinter sich gelassen, weil dort einfach mehr Baugrundstücke zur Verfügung stehen.
| Kennziffer | Russland insgesamt | Stadt Moskau | Moskauer Gebiet | Anteil der Hauptstadtregion am russischen Gesamtvolumen in % |
| Bruttoregionalprodukt (2009), in Mrd. Rubel | 32.070 | 7.160 | 1.530 | 27 |
| Bruttoanlageinvestitionen, in Mrd. Rubel | 9.150 | 630 | 350 | 11 |
| Ausländische Direktinvestitionen (Zufluss), in Mio. US$ | 13.800 | 3.800 | 2.200 | 43 |
| Bauleistungen, in Mrd. Rubel | 4.210 | 520 | 230 | 18 |
| Wohnungsbau, in 1.000 qm | 58.100 | 1.770 | 7.700 | 16 |
| Umsatz des Einzelhandels, in Mrd. Rubel | 16.440 | 2.880 | 1.010 | 24 |
| Großhandelsumsätze, in Mrd. Rubel | 25.670 | 10.560 | 2.710 | 52 |
| Produktionsvolumen der verarbeitenden Industrie, in Mrd. Rubel | 17.550 | 1.700 | 1.220 | 17 |
Anmerkung: Jahresdurchschnitskurs 2010: 1 Euro = 40,27 Rubel
Quelle: Rosstat
(S.Z.)