Weltweit die größten Vorräte / Gewinnung und Weiterverarbeitung auf sehr niedrigem Niveau / Von Gerit Schulze
Moskau (gtai) - Russland will seine reichen Torfvorkommen künftig verstärkt zur Energieerzeugung, als Kultursubstrat in der Landwirtschaft und zur Produktion von Dämmstoffen nutzen. Vorbild ist dabei Finnland, das bereits ein Zehntel seines Energiebedarfs aus Torf deckt. In den Regionen ohne eigene Öl- und Gasvorkommen gibt es erste Beispiele der Produktion von Torfgranulat, das in umgerüsteten Heizkesseln zum Einsatz kommt.Die verheerenden Wald- und Moorbrände im Sommer 2010 haben Russland wieder auf einen Rohstoff aufmerksam gemacht, der billig, leicht abbaubar und in großen Mengen im Land verfügbar ist - Torf. Nach Angaben des Osteuropäischen Instituts für die Torfwirtschaft (Sitz in Twer) verfügt Russland über 37% der weltweiten Torfvorräte. Das entspricht einem Volumen von 175 Mrd. Tonnen - bei einem Feuchtigkeitsgrad von 40%. Davon sollen 18,5 Mrd. Tonnen für energetische Zwecke einsetzbar sein.
Doch tatsächlich nutzt Russland nur ein Bruchteil dieses Torfreichtums. Die Jahresfördermenge liegt nach Berechnungen des Energieministeriums zwischen 2 Mio. und 2,5 Mio. Tonnen. Damit ist Russland weit von den Volumina der 1970er und 1980er Jahre entfernt, als in der Sowjetunion jährlich mehr als 55 Mio. Tonnen Torf gewonnen wurden. Im Jahr 2010 war Russland mit 2,7 Mio. Tonnen nach Finnland, Irland und Belarus der weltweit viertgrößte Torferzeuger. Aktuell sollen rund 30 Unternehmen im Land Torf industriell abbauen.
| Land | Torf-Lagerstätten in Mio. ha | In % der Landesfläche | Torfvorräte in Mrd. t (bei 40%igem Feuchtigkeitsgrad) |
| GUS und Baltikum | 86,0 | 3,8 | 200 (davon Russland rund 175) |
| Indonesien | 26,0 | 13,6 | 79 |
| USA | 10,2 | 1,1 | 36 |
| Kanada | 13,0 | 1,2 | 35 |
| Finnland | 10,0 | 30,6 | 35 |
| VR China | 4,2 | 0,4 | 27 |
| Malaysia | 2,4 | 7,0 | 12 |
| Schweden | 7,0 | 14,0 | 11 |
Investoren halten sich bislang in diesem Sektor sehr zurück, weil die Absatzaussichten unklar und die Gesetzeslage beim Thema Torf widersprüchlich sind. Auch die hohen Steuern auf die Gewinnung von Rohstoffen schrecken Investoren ab. Die bestehenden Betriebe weisen einen hohen Verschleißgrad ihrer Fördertechnik auf, Fachkräfte sind Mangelware, Geld für Forschung und Entwicklung fehlt.
Die Regierung will deshalb der Branche wieder auf die Sprünge helfen und arbeitet an einer Konzeption zur Entwicklung der russischen Torfindustrie. Investitionen sollen durch Zins- und Steuervergünstigungen unterstützt werden. Neben Fördertechnik muss auch Technologie zum Trocknen des Torfes und zum Verpacken von Torfgranulat angeschafft werden.
Torf wird in Russland als nachwachsender Rohstoff angesehen. Jährlich wachsen die Vorkommen laut dem russischen Brennstoff-Unternehmen Rostopprom um 250 Mio. Tonnen. In 39 Regionen des Landes gibt es ausreichend große Lagerstätten, die eine wirtschaftliche Verwendung dieses Rohstoffes sinnvoll erscheinen lassen.
Laut Russlands Energiestrategie bis zum Jahr 2020 ist vorgesehen, landesweit neue Stromerzeugungs- und Heizungsanlagen auf Torfbasis mit Kapazitäten zwischen 20 und 30 MW zu errichten. Dafür würden pro Jahr 4 Mio. Tonnen Torf-Brennstoff benötigt. Weitere 3 Mio. Tonnen sollen als Granulat Einsatz in kleineren Heizkesseln finden. Außerdem sollen 1 Mio. Tonnen Torfbriketts produziert werden. Damit würde sich die russische Torfproduktion in den nächsten Jahren auf über 8 Mio. Tonnen vervierfachen.
Derzeit wird Torf in den Gebieten Kostroma, Kirow und Twer in größeren Kraftwerken verfeuert (jährlich 220.000 Tonnen Brennstoff-Äquivalent). Experten des Berginstituts Sankt Petersburg ( www.spmi.ru) haben errechnet, dass etwa 12.000 der rund 72.000 Heizkesselanlagen in Russland auf Torfbrennstoff umgestellt werden können. Sinnvoll wäre ein Einsatz in dezentralen Heizkraftwerken mit einer Leistung von 0,5 bis 10,0 MW. Da der Anschluss von Eigenheimen an das Gasnetz in Russland sehr teuer ist und bis zu 10.000 Euro kosten kann, wären Heizkessel auf Torfbrikett-Basis konkurrenzfähig.
Das russische Brennstoff-Unternehmen Rostopprom kümmert sich im Auftrag der Regierung um die Gewinnung und energetische Nutzung von Torf in Russland. Ziel ist es, Regionen, die weit entfernt von Kohle- und Gaslagerstätten liegen, eine günstige Alternative beim Befeuern von Heizkesselanlagen zu bieten. Rostopprom hat dafür Verträge mit zwölf Gebietskörperschaften abgeschlossen, darunter Karelien, Twer, Smolensk und das Leningrader Gebiet.
Die Hälfte der russischen Torfproduktion entfällt heute auf die Region Kirow. Die dortige Gebietsverwaltung will den Anteil des Energieträgers an der Brennstoffbilanz des Gebiets bis 2013 von 3 auf 14% steigern. Die Regionalregierung rechnet damit, dass der Torfbedarf dann 5 Mio. Tonnen erreichen wird. Die Hälfte davon soll in den Kraftwerksblöcken des Stromerzeugers TGK-5 (KES-Holding, www.tgc5.ru) verbraucht werden. Um die Rohstoffversorgung sicherzustellen, hat TGK-5 bereits den örtlichen Torfproduzenten Wjatkatorf übernommen.
Zu einer Pilotregion für die energetische Nutzung von Torf in Russland soll das Gebiet Twer werden. Es verfügt nach eigenen Angaben über 2 Mrd. Tonnen gesicherter Vorkommen. Bislang lag die Förderung nur bei rund 100.000 Tonnen pro Jahr. Nach Planungen der Gebietsverwaltung sollen schon 2013 fast 570.000 Tonnen Torf in der Region Twer gewonnen werden. Angedacht ist, Pelletierungswerke und Kesselanlagen zur Befeuerung mit Torfpellets zu errichten. In Twer hat das Osteuropäische Institut für die Torfwirtschaft (INSTORF) seinen Sitz.
Die Gebietsverwaltung will Unternehmen mit einer Reihe von Anreizen dazu bewegen, in die Gewinnung von Torf zu investieren. So sollen in den ersten drei Jahren die Steuer auf die Förderung von Bodenschätzen (russisch: NDPI) und die Gewinnsteuer entfallen, wenn neue Lagerstätten erschlossen werden. Die Torfmoore selbst werden zu einem sehr niedrigen Satz oder gar kostenlos verpachtet. Außerdem sind Subventionen aus dem regionalen Haushalt für Investitionsprojekte vorgesehen.
Anfang 2011 waren im Gebiet Twer sieben Unternehmen mit der Förderung von Torf beschäftigt. Eines davon ist die Twerskaja topliwno-energetitscheschkaja kompanija, die im Februar 2011 eine erste Produktionslinie für Torfbriketts in Betrieb genommen hat. Dort können jährlich 7.500 Tonnen hergestellt werden. Weitere vier Linien sind bereits in Planung, so dass der Jahresausstoß auf 35.000 Tonnen steigen wird.
Neben Twer wird die Republik Karelien als aussichtsreichste Region für den Einsatz von Torf angesehen. Bislang müssen konventionelle Brennstoffe wie Öl, Kohle und Gas sehr kostenaufwändig in die Nordwest-Region transportiert werden. Dabei verfügt Karelien über ähnlich große Torfvorkommen wie das Gebiet Twer.
Im Gebiet Wladimir plant die OOO Rbk Wladimir ( www.rbc-vladimir.ru), in den nächsten Jahren rund 10 Mio. Euro in die Gewinnung und Weiterverarbeitung von Torf zu stecken. Die Region verfügt über Vorräte von 180 Mio. Tonnen; jährlich werden aber nur 25.000 Tonnen gefördert.
Eines der großen Probleme der russischen Torfwirtschaft sind die ständigen Brände auf den Torffeldern im Sommer. Die Brandanfälligkeit der Torfmoore ist sehr hoch, die riesigen Flächen sind nur schwer zu kontrollieren und Schwelbrände kaum zu löschen. Künftig soll das russische Satelliten-Navigationssystem Glonass zur besseren Überwachung der Sümpfe genutzt werden, um Feuer früh zu erkennen und zu bekämpfen.
Kontaktanschriften
Wostotschno-Jewropejski institut torfjanowo dela(Osteuropäisches Institut für die Torfwirtschaft / INSTORF)
Geschäftsführer: Wladimir Wladimirowitsch Panow
170023 Twer, uliza Akademitscheskaja 12
Tel.: 007 4822/44 93 91
E-Mail: vvpanov@inbox.ru, Internet: www.instorf.ru
Administrazija Twerskoi oblasti
(Verwaltung des Gebiets Twer)
Departament für Industrieproduktion, Handel und Dienstleistungen
Leiter: Andrej Sujasow
Prospekt Pobedy 53, 170037 Twer
Tel.: 007 4822/328 16 6, Fax: -328 16 8
E-Mail: dep_prom@web.region.tver.ru, Internet: www.tverpromtorg.ru
OAO Rostopprom
107996 Moskau, Sadowaja-Tschernogrjasskaja uliza 8, Gebäude 1
Tel.: 007 495/607 23 32, Fax: -607 23 50
E-Mail: info@rostop\x{0440}rom.ru, Internet: www.rostop\x{0440}rom.ru
(S.Z.)