Moskau (gtai) - Das Marktvolumen an Medizintechnik ist in Russland
2010 um 15% auf 3,9 Mrd. US$ gestiegen. Krankenhäuser und Polikliniken
des Landes schieben einen gewaltigen Investitionsstau vor sich her, der
auf Jahre hinaus gute Absatzmöglichkeiten verspricht. Seit 2011 stehen
den Gesundheitseinrichtungen des Landes deutlich mehr Mittel für
Neuanschaffungen zur Verfügung. Allerdings drängt Moskau internationale
Hersteller verstärkt zu einer lokalen Produktion.
Marktentwicklung/-bedarf
Der russische Markt bietet für deutsche Hersteller von Medizintechnik
ein enormes Potenzial. Etwa 50 bis 80% der Ausrüstungen in den 6.500
Krankenhäusern sind verschlissen. Bedarf besteht vor allem an
hochwertigen Geräten, mit denen die Effizienz der Diagnostik und
Behandlung verbessert werden kann.
Das Marktvolumen ist 2010 nach dem starken Einbruch im Jahr zuvor auf
rund 3,9 Mrd. US$ gestiegen. Deutsche Hersteller berichten von
zweistelligen Wachstumsraten im Russlandgeschäft. Der Trend hält weiter
an, weil die Krankenhäuser in den nächsten Jahren deutlich mehr Mittel
für Neuanschaffungen bekommen. Grund sind die Krankenkassenbeiträge, die
2011 um zwei Prozentpunkte gestiegen sind. Die dadurch erwarteten
Zusatzeinnahmen von rund 15 Mrd. US$ fließen in den kommenden zwei
Jahren direkt in das Gesundheitssystem, zum großen Teil in die
Modernisierung der staatlichen Kliniken. Laut Regierung müssen vier von
zehn Krankenhäusern generalüberholt werden.
| Kennziffer | 2009 | 2010 | Veränderung 2010/09 |
| Lokale Produktion 1) | 505 | 567 | 12 |
| Import 2) | 3.000 | 3.400 | 13 |
| Export 2) | 98 | 97 | -1 |
| Marktvolumen 3) | 3.400 | 3.900 | 15 |
1) Position "Medizintechnik und Teile" laut Statistikamt Rosstat; 2)
gemäß Abgrenzung der Tabelle im Abschnitt "Außenhandel"; 3) rechnerisch:
lokale Produktion + Import - Export (Abweichungen durch Rundung)
Quellen: Rosstat, Zollstatistik, Berechnungen von Germany Trade & Invest
Langfristige Impulse bekommt Russlands Markt für Medizintechnik durch
den demografischen Faktor. Die starken Rückgänge der Bevölkerungszahl
sind vorerst gestoppt. Dank verbesserter Gesundheitsversorgung ist die
durchschnittliche Lebenserwartung in den vergangenen Jahren deutlich
gestiegen. Die alternde Bevölkerung erhöht den Bedarf an medizinischen
Dienstleistungen. Gleichzeitig soll mehr Augenmerk auf die medizinische
Versorgung von Neugeborenen und Kleinkindern gelegt werden. Ein neuer
Trend ist die stark wachsende Nachfrage nach Ausrüstungen für Menschen
mit körperlichen Behinderungen (Rollstühle etc.).
Das russische Ministerium für Industrie und Handel (Minpromtorg)
sieht das Marktpotenzial für Medizintechnik bis 2020 bei 16 Mrd. US$.
Besonders große Wachstumsraten erwartet die Behörde bei Ausrüstungen für
die Nuklearmedizin, bei Therapiegeräten, Labordiagnostik und
Telemedizin sowie in der Neuro- und Kardiochirurgie. Für die
Krebsvorsorge und -behandlung steht bis 2016 ein Sonderfonds über 1,2
Mrd. US$ zur Verfügung.
Nach Schätzungen des russischen Industrieministeriums entfallen auf
öffentliche Beschaffungen rund 95% des Inlandsmarktes für
Medizintechnik. Über die Krankenhausbudgets wird immer öfter dezentral
entschieden, beobachten Marktteilnehmer. Auch in Zukunft dürfte die
Rolle der Regionen bei den Neuanschaffungen zunehmen. Interessanter
Abnehmer für Medizintechnik sind die Krankenhäuser großer Unternehmen
wie die Eisenbahngesellschaft RZhD (
www.rzd.ru) oder die Rohstoffkonzerne Gazprom (
www.gazprom.ru ) und Norilsk Nickel (
www.nornik.ru) . Sie schaffen in der Regel sehr hochwertige Technik an.
| Indikator | Wert (Jahr) |
| Einwohnerzahl (Mio.) | 142,8 (1.5.11) |
| Bevölkerungswachstum (% p.a.) | -1,4 (2010/09) |
| Altersstruktur der Bevölkerung | |
| ..Anteil der unter 15-Jährigen (%) | 15,1 (1.1.10) |
| ..Anteil der über 65-Jährigen (%) | 12,9 (1.1.10) |
| Durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt (Jahre, Prognose) | 69,4 (2011) |
| ..Männer | 63,4 (2011) |
| ..Frauen | 75,4 (2011) |
| Durchschnittseinkommen pro Kopf (US$/Monat) | 652 (5/2011) |
| BIP pro Kopf (US$/Jahr) | 10.400 (2010) |
| Gesundheitsausgaben pro Kopf (US$/Jahr) | 420 (2010) |
| Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP (%) | 4,1 (2010) |
| Ärzte/100.000 Einwohner | 501 (2009) |
| Zahnärzte/100.000 Einwohner | 42 (2009) |
| Krankenhausbetten/100.000 Einwohner | 968 (2009) |
Quellen: Rosstat, Zeitungsmeldungen
Produktion/Branchenstruktur
Nach Angaben des russischen Industrieministeriums gibt es rund 1.800
Branchenunternehmen im Land, die etwa 20.000 verschiedene Produkte
registriert haben. Die Fertigung von Medizintechnik und Teilen ist 2010
laut Statistikbehörde um 12% auf etwa 570 Mio. US$ gestiegen. Der
Produktionswert betrug im 1. Halbjahr 2011 umgerechnet rund 307 Mio.
US$. Das entsprach auf Rubelbasis einem realen Plus von 2% gegenüber dem
Vorjahreswert.
Vier Fünftel des Medizintechnikbedarfs in Russland wird durch
Einfuhren gedeckt. Erklärtes Ziel der Regierung ist es, den Marktanteil
der Inlandshersteller auf mindestens 50% zu erhöhen. So sollen
Investoren und ausländische Hersteller unter anderem mit langfristigen
Verträgen bei der Belieferung von Polikliniken und Krankenhäusern
angelockt werden. Bei öffentlichen Ausschreibungen kann russische
Medizintechnik mit Präferenzen rechnen. Für Importprodukte, die
Inlandsherstellern Konkurrenz machen, sollen Zollbarrieren aufgebaut
werden. Gleichzeitig schlägt das Industrieministerium vor, Zubehör und
Teile für eine Produktion in Russland zollfrei zu stellen.
Bisher agieren die einheimischen Branchenunternehmen vor allem im
Niedrigpreissegment. Eine gute Marktposition haben sie bei
Verbrauchsmaterialien sowie bei Röntgengeräten und in der
Nuklearmedizin. Nach Auskunft von Marktkennern hinkt die Qualität der
russischen Technik weit hinter westlichen Standards zurück. Den
Herstellern fehlt es an Know-how bei Marketing, Vertrieb und
After-Sales-Service. Bei öffentlichen Ausschreibungen haben lokale
Produzenten dennoch einen "Heimbonus", der künftig eine größere Rolle
spielen könnte. Noch bis Jahresende 2011 können staatliche Beschaffer
den Zuschlag auch dann an russische Produkte erteilen, wenn diese bis zu
15% teurer als Importwaren sind.
Einige westliche Hersteller wie GE oder Philips haben mit der lokalen
Fertigung von Diagnostikgeräten in Russland begonnen. Sie kooperieren
dabei mit renommierten einheimischen Herstellern. Außerdem engagiert
sich der Staatskonzern Rusnano stark beim Aufbau von Produktionsstätten
für Medizintechnik (Diagnostikapparate, Plasmapherese, Lasergeräte).
| Unternehmen/Standort | Spezialisierung | Umsatz 2009 | Umsatz 2010 | Internetadresse |
| NIPK Elektron/Sankt Petersburg | Röntgengeräte, Brustscreening | 37,24 | 53,88 | www.elektron.ru |
| Jelatomski priborny sawod/Gebiet Rjasan | Apparate für Magnet- und Physiotherapie, UV-Desinfektionsgeräte | 26,53 | 34,66 | http://elamed.com |
| Tambowmasch/Tambow | Beatmungsgeräte, Filter | 19,05 | 28,34 | www.tambovmash.ru |
| OOO Kampo/Orechowo-Sujewo, Moskauer Gebiet | Beatmungsgeräte | 24,07 | 21,58 | www.kampo.ru |
| OAO TZMOI/Tjumen | Sterilisatoren | 22,52 | 22,66 | www.tzmoi.ru |
| SAO Rentgenprom/Istra, Moskauer Gebiet | Röntgengeräte | 12,10 | 17,43 | www.roentgenprom.ru |
| SAO Chromatek/Joschkar-Ola, Mari El | Analysegeräte, Chromatographie | 11,15 | 16,89 | www.chromatec.ru |
| Medstalkonstrukzija/Baschkortostan | Medizinische Möbel | 11,29 | 16,29 | www.megi.ru |
Quellen: Rosstat, GTAI-Recherchen
Außenhandel
Nach dem starken Einbruch 2009 sind Russlands Importe an
Medizintechnik 2010 wieder zweistellig um 13% gestiegen. Der positive
Trend hält auch im Jahresverlauf 2011 an.
In Deutschland kauft Russland rund ein Viertel seiner
Medizintechnikeinfuhren ein. Die stärkste Konkurrenz kommt aus Japan,
den USA und der Schweiz. Immer aktiver drängen chinesische Unternehmen
in den Markt.
| HS | Produktgruppe | 2009 | 2010 | Davon aus Deutschland (2010) |
| 9018.11-.20 | Elektrodiagnoseapparate und -geräte | 535,87 | 583,01 | 84,26 |
| 9022 | Röntgenapparate etc. | 840,02 | 723,63 | 164,65 |
| 8419.20 | Sterilisierapparate | 34,26 | 45,99 | 7,39 |
| 8713 | Rollstühle | 18,03 | 24,66 | 6,34 |
| 9018.41,49 | Zahnmedizinische Instrumente; a.n.g. | 85,66 | 119,26 | 29,15 |
| 9018.31-.39 | Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc. | 192,72 | 219,18 | 72,19 |
| 9018.50 | Ophthalmologische Instrumente | 44,59 | 62,22 | 19,14 |
| 9018.90 | Andere Instrumente, Apparate und Geräte | 595,67 | 815,87 | 280,99 |
| 9019, 9020 | Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc. | 278,50 | 390,59 | 135,36 |
| 9402 | Medizinmöbel etc. | 48,51 | 80,08 | 20,58 |
| 9021 | Orthopädietechnik, Prothesen etc. | 307,04 | 377,23 | 58,28 |
Quellen: Russische Zollbehörde, UN Comtrade
Geschäftspraxis
Staatliche Krankenhäuser schreiben große Anschaffungen öffentlich aus (zentrales Portal:
www.zakupki.gov.ru).
Allerdings sind die Tender oft schon auf ein konkretes Markenprodukt
zugeschnitten. Eine frühe Kontaktaufnahme zu den Entscheidern ist
angeraten. Wichtiger Ansprechpartner in den Kliniken ist der Chefarzt.
Juristische Personen, die sich an den Ausschreibungen beteiligen
wollen, müssen in Russland registriert sein und über mindestens drei
Jahre Markterfahrung verfügen. Häufig wird eine Bankgarantie von 10% der
Auftragssumme verlangt. Außerdem wird verstärkt darauf geachtet, dass
Wartungs- und Servicedienste für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren
bereits im Angebot enthalten sind.
Gute Chancen auf einen Zuschlag haben Anbieter, die dem
Krankenhauspersonal schon vor der Auftragsvergabe Schulungen an den
Geräten anbieten. Symposien und Fachkonferenzen für Entscheider aus den
Krankenhäusern können ein Wettbewerbsvorteil bringen. Zudem sorgen
Werksbesichtigungen in Deutschland oder Einladungen zu den großen
Fachmessen (Medica in Düsseldorf) für Pluspunkte bei den Einkäufern.
Die Zolltarife für Medizintechnik sind moderat und liegen in der
Regel bei 5% vom Einfuhrwert. Für viele Produktgruppen wurden die Zölle
sogar auf Null gesetzt (zum Beispiel Sterilisierapparate oder
Beatmungsgeräte). Allerdings kommen noch Gebühren für die Zollabwicklung
hinzu sowie die Kosten für Zollbroker, ohne die die Abwicklung meist
langwierig und kompliziert ist.
Für den Marktzugang ist eine Registrierung der Medizinprodukte nötig.
Dabei sind bei verschiedenen russischen Instituten technische,
toxikologische und klinische Prüfungen zu durchlaufen, die ab 10.000
Euro pro Produkt kosten. Derzeit wird ein neues technisches Reglement
"Über die Sicherheit von medizinischen Erzeugnissen" erarbeitet, das für
die gesamte Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Belarus gelten
soll. Grundsätzlich orientieren sich die Autoren dabei an
internationalen Standards.
Kontaktadressen
| Bezeichnung | Internetadresse | Anmerkungen |
| AHK Russland | http://russland.ahk.de | Anlaufstelle für deutsche Unternehmen |
| Ministerium für Gesundheit und soziale Entwicklung | www.minzdravsoc.ru | Legt den gesetzlichen Rahmen für das Gesundheitswesen fest |
| Föderaler Aufsichtsdienst für das Gesundheits- und Sozialwesen (Rossdrawnadsor) | www.roszdravnadzor.ru | Aufsichtsorgan für Hersteller von Pharmaprodukten und medizintechnischen Erzeugnissen |
| Russischer Verband der Händler und Reparaturbetriebe für Medizintechnik (RAPMED) | www.rapmed.ru | Verband mit ca. 85 Mitgliedern |
| Vereinigung der 1.000-Betten-Kliniken | www.hospital-1000.ru | Zusammenschluss von 60 großen Krankenhäusern |
| Vereinigung der privaten Gesundheitseinrichtungen und Kliniken | www.privatmed.ru | Mitte 2011 waren zwölf regionale Verbände Mitglied |
| Verband der internationalen Hersteller von Medizinartikeln | www.imeda.ru | Zusammenschluss von 25 Anbietern von Medizintechnik und Verbrauchsmaterial |
| Medprom.ru | www.medprom.ru | Branchenportal |
| Medwestnik | www.medvestnik.ru | Fachzeitung für Ärzte |
| Messe Sdrawoochranenije | www.zdravo-expo.ru | Führende Fachmesse für das Gesundheitswesen, nächster Termin 5.-9.12.11 in Moskau |