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Aktuelle Beiträge

Freitag, 23. September 2011

"Branche kompakt" Russland - Medizintechnik

Moskau (gtai) - Das Marktvolumen an Medizintechnik ist in Russland 2010 um 15% auf 3,9 Mrd. US$ gestiegen. Krankenhäuser und Polikliniken des Landes schieben einen gewaltigen Investitionsstau vor sich her, der auf Jahre hinaus gute Absatzmöglichkeiten verspricht. Seit 2011 stehen den Gesundheitseinrichtungen des Landes deutlich mehr Mittel für Neuanschaffungen zur Verfügung. Allerdings drängt Moskau internationale Hersteller verstärkt zu einer lokalen Produktion.

Marktentwicklung/-bedarf

Der russische Markt bietet für deutsche Hersteller von Medizintechnik ein enormes Potenzial. Etwa 50 bis 80% der Ausrüstungen in den 6.500 Krankenhäusern sind verschlissen. Bedarf besteht vor allem an hochwertigen Geräten, mit denen die Effizienz der Diagnostik und Behandlung verbessert werden kann.
Das Marktvolumen ist 2010 nach dem starken Einbruch im Jahr zuvor auf rund 3,9 Mrd. US$ gestiegen. Deutsche Hersteller berichten von zweistelligen Wachstumsraten im Russlandgeschäft. Der Trend hält weiter an, weil die Krankenhäuser in den nächsten Jahren deutlich mehr Mittel für Neuanschaffungen bekommen. Grund sind die Krankenkassenbeiträge, die 2011 um zwei Prozentpunkte gestiegen sind. Die dadurch erwarteten Zusatzeinnahmen von rund 15 Mrd. US$ fließen in den kommenden zwei Jahren direkt in das Gesundheitssystem, zum großen Teil in die Modernisierung der staatlichen Kliniken. Laut Regierung müssen vier von zehn Krankenhäusern generalüberholt werden.
Markt für Medizintechnik in Russland (in Mio. US$; Veränderung in %)
Kennziffer 2009 2010 Veränderung 2010/09
Lokale Produktion 1) 505 567 12
Import 2) 3.000 3.400 13
Export 2) 98 97 -1
Marktvolumen 3) 3.400 3.900 15
1) Position "Medizintechnik und Teile" laut Statistikamt Rosstat; 2) gemäß Abgrenzung der Tabelle im Abschnitt "Außenhandel"; 3) rechnerisch: lokale Produktion + Import - Export (Abweichungen durch Rundung)
Quellen: Rosstat, Zollstatistik, Berechnungen von Germany Trade & Invest
Langfristige Impulse bekommt Russlands Markt für Medizintechnik durch den demografischen Faktor. Die starken Rückgänge der Bevölkerungszahl sind vorerst gestoppt. Dank verbesserter Gesundheitsversorgung ist die durchschnittliche Lebenserwartung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Die alternde Bevölkerung erhöht den Bedarf an medizinischen Dienstleistungen. Gleichzeitig soll mehr Augenmerk auf die medizinische Versorgung von Neugeborenen und Kleinkindern gelegt werden. Ein neuer Trend ist die stark wachsende Nachfrage nach Ausrüstungen für Menschen mit körperlichen Behinderungen (Rollstühle etc.).
Das russische Ministerium für Industrie und Handel (Minpromtorg) sieht das Marktpotenzial für Medizintechnik bis 2020 bei 16 Mrd. US$. Besonders große Wachstumsraten erwartet die Behörde bei Ausrüstungen für die Nuklearmedizin, bei Therapiegeräten, Labordiagnostik und Telemedizin sowie in der Neuro- und Kardiochirurgie. Für die Krebsvorsorge und -behandlung steht bis 2016 ein Sonderfonds über 1,2 Mrd. US$ zur Verfügung.
Nach Schätzungen des russischen Industrieministeriums entfallen auf öffentliche Beschaffungen rund 95% des Inlandsmarktes für Medizintechnik. Über die Krankenhausbudgets wird immer öfter dezentral entschieden, beobachten Marktteilnehmer. Auch in Zukunft dürfte die Rolle der Regionen bei den Neuanschaffungen zunehmen. Interessanter Abnehmer für Medizintechnik sind die Krankenhäuser großer Unternehmen wie die Eisenbahngesellschaft RZhD ( www.rzd.ru) oder die Rohstoffkonzerne Gazprom ( www.gazprom.ru ) und Norilsk Nickel ( www.nornik.ru) . Sie schaffen in der Regel sehr hochwertige Technik an.
Rahmendaten zum Gesundheitssystem in Russland
Indikator Wert (Jahr)
Einwohnerzahl (Mio.) 142,8 (1.5.11)
Bevölkerungswachstum (% p.a.) -1,4 (2010/09)
Altersstruktur der Bevölkerung
..Anteil der unter 15-Jährigen (%) 15,1 (1.1.10)
..Anteil der über 65-Jährigen (%) 12,9 (1.1.10)
Durchschnittliche Lebenserwartung bei Geburt (Jahre, Prognose) 69,4 (2011)
..Männer 63,4 (2011)
..Frauen 75,4 (2011)
Durchschnittseinkommen pro Kopf (US$/Monat) 652 (5/2011)
BIP pro Kopf (US$/Jahr) 10.400 (2010)
Gesundheitsausgaben pro Kopf (US$/Jahr) 420 (2010)
Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP (%) 4,1 (2010)
Ärzte/100.000 Einwohner 501 (2009)
Zahnärzte/100.000 Einwohner 42 (2009)
Krankenhausbetten/100.000 Einwohner 968 (2009)
Quellen: Rosstat, Zeitungsmeldungen

Produktion/Branchenstruktur

Nach Angaben des russischen Industrieministeriums gibt es rund 1.800 Branchenunternehmen im Land, die etwa 20.000 verschiedene Produkte registriert haben. Die Fertigung von Medizintechnik und Teilen ist 2010 laut Statistikbehörde um 12% auf etwa 570 Mio. US$ gestiegen. Der Produktionswert betrug im 1. Halbjahr 2011 umgerechnet rund 307 Mio. US$. Das entsprach auf Rubelbasis einem realen Plus von 2% gegenüber dem Vorjahreswert.
Vier Fünftel des Medizintechnikbedarfs in Russland wird durch Einfuhren gedeckt. Erklärtes Ziel der Regierung ist es, den Marktanteil der Inlandshersteller auf mindestens 50% zu erhöhen. So sollen Investoren und ausländische Hersteller unter anderem mit langfristigen Verträgen bei der Belieferung von Polikliniken und Krankenhäusern angelockt werden. Bei öffentlichen Ausschreibungen kann russische Medizintechnik mit Präferenzen rechnen. Für Importprodukte, die Inlandsherstellern Konkurrenz machen, sollen Zollbarrieren aufgebaut werden. Gleichzeitig schlägt das Industrieministerium vor, Zubehör und Teile für eine Produktion in Russland zollfrei zu stellen.
Bisher agieren die einheimischen Branchenunternehmen vor allem im Niedrigpreissegment. Eine gute Marktposition haben sie bei Verbrauchsmaterialien sowie bei Röntgengeräten und in der Nuklearmedizin. Nach Auskunft von Marktkennern hinkt die Qualität der russischen Technik weit hinter westlichen Standards zurück. Den Herstellern fehlt es an Know-how bei Marketing, Vertrieb und After-Sales-Service. Bei öffentlichen Ausschreibungen haben lokale Produzenten dennoch einen "Heimbonus", der künftig eine größere Rolle spielen könnte. Noch bis Jahresende 2011 können staatliche Beschaffer den Zuschlag auch dann an russische Produkte erteilen, wenn diese bis zu 15% teurer als Importwaren sind.
Einige westliche Hersteller wie GE oder Philips haben mit der lokalen Fertigung von Diagnostikgeräten in Russland begonnen. Sie kooperieren dabei mit renommierten einheimischen Herstellern. Außerdem engagiert sich der Staatskonzern Rusnano stark beim Aufbau von Produktionsstätten für Medizintechnik (Diagnostikapparate, Plasmapherese, Lasergeräte).
Führende russische Medizintechnikunternehmen (Umsatz in Mio. US$)
Unternehmen/Standort Spezialisierung Umsatz 2009 Umsatz 2010 Internetadresse
NIPK Elektron/Sankt Petersburg Röntgengeräte, Brustscreening 37,24 53,88 www.elektron.ru
Jelatomski priborny sawod/Gebiet Rjasan Apparate für Magnet- und Physiotherapie, UV-Desinfektionsgeräte 26,53 34,66 http://elamed.com
Tambowmasch/Tambow Beatmungsgeräte, Filter 19,05 28,34 www.tambovmash.ru
OOO Kampo/Orechowo-Sujewo, Moskauer Gebiet Beatmungsgeräte 24,07 21,58 www.kampo.ru
OAO TZMOI/Tjumen Sterilisatoren 22,52 22,66 www.tzmoi.ru
SAO Rentgenprom/Istra, Moskauer Gebiet Röntgengeräte 12,10 17,43 www.roentgenprom.ru
SAO Chromatek/Joschkar-Ola, Mari El Analysegeräte, Chromatographie 11,15 16,89 www.chromatec.ru
Medstalkonstrukzija/Baschkortostan Medizinische Möbel 11,29 16,29 www.megi.ru
Quellen: Rosstat, GTAI-Recherchen

Außenhandel

Nach dem starken Einbruch 2009 sind Russlands Importe an Medizintechnik 2010 wieder zweistellig um 13% gestiegen. Der positive Trend hält auch im Jahresverlauf 2011 an.
In Deutschland kauft Russland rund ein Viertel seiner Medizintechnikeinfuhren ein. Die stärkste Konkurrenz kommt aus Japan, den USA und der Schweiz. Immer aktiver drängen chinesische Unternehmen in den Markt.
Einfuhr ausgewählter medizintechnischer Produkte nach Russland (in Mio. US$)
HS Produktgruppe 2009 2010 Davon aus Deutschland (2010)
9018.11-.20 Elektrodiagnoseapparate und -geräte 535,87 583,01 84,26
9022 Röntgenapparate etc. 840,02 723,63 164,65
8419.20 Sterilisierapparate 34,26 45,99 7,39
8713 Rollstühle 18,03 24,66 6,34
9018.41,49 Zahnmedizinische Instrumente; a.n.g. 85,66 119,26 29,15
9018.31-.39 Spritzen, Nadeln, Katheter, Kanülen etc. 192,72 219,18 72,19
9018.50 Ophthalmologische Instrumente 44,59 62,22 19,14
9018.90 Andere Instrumente, Apparate und Geräte 595,67 815,87 280,99
9019, 9020 Therapiegeräte, Atmungsgeräte etc. 278,50 390,59 135,36
9402 Medizinmöbel etc. 48,51 80,08 20,58
9021 Orthopädietechnik, Prothesen etc. 307,04 377,23 58,28
Quellen: Russische Zollbehörde, UN Comtrade

Geschäftspraxis

Staatliche Krankenhäuser schreiben große Anschaffungen öffentlich aus (zentrales Portal: www.zakupki.gov.ru). Allerdings sind die Tender oft schon auf ein konkretes Markenprodukt zugeschnitten. Eine frühe Kontaktaufnahme zu den Entscheidern ist angeraten. Wichtiger Ansprechpartner in den Kliniken ist der Chefarzt.
Juristische Personen, die sich an den Ausschreibungen beteiligen wollen, müssen in Russland registriert sein und über mindestens drei Jahre Markterfahrung verfügen. Häufig wird eine Bankgarantie von 10% der Auftragssumme verlangt. Außerdem wird verstärkt darauf geachtet, dass Wartungs- und Servicedienste für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren bereits im Angebot enthalten sind.
Gute Chancen auf einen Zuschlag haben Anbieter, die dem Krankenhauspersonal schon vor der Auftragsvergabe Schulungen an den Geräten anbieten. Symposien und Fachkonferenzen für Entscheider aus den Krankenhäusern können ein Wettbewerbsvorteil bringen. Zudem sorgen Werksbesichtigungen in Deutschland oder Einladungen zu den großen Fachmessen (Medica in Düsseldorf) für Pluspunkte bei den Einkäufern.
Die Zolltarife für Medizintechnik sind moderat und liegen in der Regel bei 5% vom Einfuhrwert. Für viele Produktgruppen wurden die Zölle sogar auf Null gesetzt (zum Beispiel Sterilisierapparate oder Beatmungsgeräte). Allerdings kommen noch Gebühren für die Zollabwicklung hinzu sowie die Kosten für Zollbroker, ohne die die Abwicklung meist langwierig und kompliziert ist.
Für den Marktzugang ist eine Registrierung der Medizinprodukte nötig. Dabei sind bei verschiedenen russischen Instituten technische, toxikologische und klinische Prüfungen zu durchlaufen, die ab 10.000 Euro pro Produkt kosten. Derzeit wird ein neues technisches Reglement "Über die Sicherheit von medizinischen Erzeugnissen" erarbeitet, das für die gesamte Zollunion zwischen Russland, Kasachstan und Belarus gelten soll. Grundsätzlich orientieren sich die Autoren dabei an internationalen Standards.

Kontaktadressen


Bezeichnung Internetadresse Anmerkungen
AHK Russland http://russland.ahk.de Anlaufstelle für deutsche Unternehmen
Ministerium für Gesundheit und soziale Entwicklung www.minzdravsoc.ru Legt den gesetzlichen Rahmen für das Gesundheitswesen fest
Föderaler Aufsichtsdienst für das Gesundheits- und Sozialwesen (Rossdrawnadsor) www.roszdravnadzor.ru Aufsichtsorgan für Hersteller von Pharmaprodukten und medizintechnischen Erzeugnissen
Russischer Verband der Händler und Reparaturbetriebe für Medizintechnik (RAPMED) www.rapmed.ru Verband mit ca. 85 Mitgliedern
Vereinigung der 1.000-Betten-Kliniken www.hospital-1000.ru Zusammenschluss von 60 großen Krankenhäusern
Vereinigung der privaten Gesundheitseinrichtungen und Kliniken www.privatmed.ru Mitte 2011 waren zwölf regionale Verbände Mitglied
Verband der internationalen Hersteller von Medizinartikeln www.imeda.ru Zusammenschluss von 25 Anbietern von Medizintechnik und Verbrauchsmaterial
Medprom.ru www.medprom.ru Branchenportal
Medwestnik www.medvestnik.ru Fachzeitung für Ärzte
Messe Sdrawoochranenije www.zdravo-expo.ru Führende Fachmesse für das Gesundheitswesen, nächster Termin 5.-9.12.11 in Moskau