Staat pumpt Milliardensummen in die Krankenhäuser / Ausländische Hersteller werden zu lokaler Fertigung gedrängt / Von Gerit Schulze
Moskau (gtai) - Russland wird als Absatzmarkt für Medizintechnik immer
interessanter. Das Industrieministerium rechnet bis 2020 mit jährlichen
Wachstumsraten von über 13%. Das Marktvolumen soll sich bis dahin
vervierfachen. Einheimische Hersteller müssen nach Vorstellung der
Regierung mehr in die Entwicklung von High-Tech-Produkten investieren.
Dabei bekommen sie Unterstützung von staatlicher Seite. Außerdem sollen
mehr ausländische Unternehmen eine Produktion in Russland aufbauen.
Russlands Markt für Medizintechnik könnte sich innerhalb des
nächsten Jahrzehnts mehr als vervierfachen, geht aus einer Prognose des
Ministeriums für Industrie und Handel hervor. Demnach habe das
Absatzvolumen im Jahr 2010 einen Wert von 106 Mrd. Rubel (2,63 Mrd.
Euro) erreicht. Für 2020 erwartet das Ressort einen Anstieg auf 450 Mrd.
Rubel.
Grund ist die Ausweitung der staatlichen Investitionen in
das russische Gesundheitswesen. Durch die Erhöhung der
Arbeitgeberbeiträge um zwei Prozentpunkte seit 1.01.2011 fließen zwei
Jahre lang zusätzlich 460 Mrd. Rubel (11,6 Mrd. Euro, Wechselkurs am
15.7.2011: 1 Euro = 39,82 Rubel) in die Gesundheitsfonds. Die
Mehreinnahmen sollen vor allem in die Modernisierung der Krankenhäuser
und in die Anschaffung von moderner Medizintechnik fließen. Ziel ist es,
die staatliche Gesundheitsversorgung bis Ende 2012 so effizient zu
machen, dass sie weitgehend durch die Einnahmen der
Pflicht-Krankenversicherung (OMS) finanziert werden kann.
Allerdings
standen die Gelder Mitte 2011 in den meisten Fällen noch gar nicht zur
Verfügung, so dass der Investitionsboom erst bevorsteht. "Es gibt viele
Projekte, aber oft noch keine Finanzierung", erklärt Ursula Wichert,
beim Thüringer Krankenhaus-Ausstatter AJZ Engineering zuständig für
Marketing und Absatz in Russland. Dennoch verzeichnet sie 2011 ein
deutlich verbessertes Auftragsvolumen im Vergleich zum Vorjahr.
Nach
Angaben von Premierminister Wladimir Putin kauft Russland bis Ende 2012
über 100.000 medizintechnische Geräte ein. Herstellern und Lieferanten
verschafft dieser beschleunigte Investitionsboom sonnige Aussichten. Vom
Wachstum sollen aber zunehmend russische Unternehmen profitieren.
Anfang 2011 hatte das Industrieministerium seine Pläne für den
Medizintechnik- und Pharmasektor präzisiert. Demnach sind bis 2020 rund
200 Mrd. Rubel (5 Mrd. Euro) Investitionen in Produktionsstätten
vorgesehen. Über die Hälfte der Finanzmittel kommt aus öffentlichen
Haushalten. Außerdem könnten sich nach den Vorstellungen der Regierung
die staatseigenen Holdings Vneschekonombank (Außenwirtschaftsbank),
Rostechnologii (Mischkonzern) und Rusnano (Nanotechnologie) an der
Finanzierung beteiligen.
Die Ziele der Regierung sind ambitioniert
und sehen einen Anteil einheimischer Hersteller am Inlandsbedarf
(wertmäßiges Volumen) von 40% bis 2020 vor. Heute kommen russische
Produzenten auf weniger als 20%. Dabei sind sie vor allem bei
Produktgruppen mit niedrigen Margen und wenig Technologie vertreten.
In
den nächsten zehn Jahren sollen mindestens 50 bis 100 Unternehmen in
Russland eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen betreiben und
dort weltmarktfähige Medizintechnik-Produkte entwerfen. Das
Exportvolumen soll sich nach den Vorstellungen des Industrieministeriums
verzehnfachen. Die aktuellen Zahlen zeichnen noch ein anderes Bild: Für
2010 verzeichnete die Zollbehörde einen Exportwert von 97 Mio. US$, ein
leichtes Minus von 1% gegenüber dem Jahr zuvor. Ein Drittel der
russischen Ausfuhren an Medizintechnik entfällt auf Röntgengeräte.
Laut
Industrie- und Handelsministerium gibt es in Russland derzeit etwa
1.800 Hersteller von Medizintechnik. Sie haben rund 20.000 verschiedene
Produkte registrieren lassen. Um mehr innovative Produkte auf den Markt
zu bringen, sind landesweit 17 Forschungszentren für die Entwicklung von
Pharmazeutika und Medizintechnik geplant.
Bei der Vermarktung
russischer Medizintechnik setzt der Staatskonzern Rostechnologii auf
eine Kooperation mit dem Pharma-Großhändler SIA International. Gemeinsam
wollen die beiden Unternehmen Produktionskapazitäten im Land aufbauen
und den Vertrieb einheimischer Technik professionalisieren. Zu SIA
International gehören bereits drei Werke. Rostechnologii will vor allem
die Kompetenzen seiner Tochterfirma RT-biotechprom (http://rt-biotechprom.ru) einbringen. Sie gilt als strategisches Staatsunternehmen für die Entwicklung der Medizintechnik-Industrie in Russland.
Änderungen
stehen bei öffentlichen Ausschreibungen teurer und komplexer
medizinischer Ausrüstungen an. Um unzuverlässige Bieter von den
öffentlichen Tender-Verfahren auszuschließen, muss künftig eine
Bankgarantie für bis zu 10% der Auftragssumme vorgelegt werden. Außerdem
sollen laut russischen Zeitungsberichten Wartung und Service der Geräte
für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren in dem Angebot enthalten
sein.
Außerdem will Russland sich das Recht vorbehalten, bei
Anschaffungen großer Partien, die umfangreiche Lieferungen über einen
längeren Zeitraum vorsehen, einen Lokalisierungspassus im Vertrag
einzubauen. Wenn ein ausländischer Hersteller den Zuschlag bekommt, soll
er sich verpflichten, Teile der Produktion dieser Geräte in Russland
anzusiedeln.
Noch eine andere Regelung benachteiligt ausländische
Anbieter von Medizintechnik. Bis zum Jahresende 2011 dürfen russische
Medizinprodukte bei öffentlichen Ausschreibungen bis zu 15% teurer sein
als vergleichbare Importgeräte und bekommen dennoch den Zuschlag. Diese
Regelung hat das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung mit seiner
Anordnung Nr. 217 im Mai 2011 verlängert. Allerdings gibt es für viele
Medizintechniksegmente wie Tomografen oder Strahlentherapie gar keine
russischen Anbieter.
Die staatlichen Tender sind über das zentrale Portal www.zakupki.gov.ru
einsehbar. Nach Schätzungen des russischen Industrieministeriums
entfallen auf öffentliche Beschaffungen rund 95% des Inlandsmarktes für
Medizintechnik. Präsident Dmitri Medwedjew hatte zu Jahresbeginn 2011
kritisiert, dass die Zuschläge oft zu Summen erfolgten, die um das Zwei-
bis Dreifache über den Herstellerpreisen liegen.
Die russische
Staatsanwaltschaft kontrolliert inzwischen verstärkt die öffentlichen
Beschaffungsvorgänge im Gesundheitssektor. Allein bei hochwertigen
Geräten wie Computertomografen wurden im Jahr 2010 in 68 Fällen
Ermittlungsverfahren wegen offensichtlich überhöhter Preise eingeleitet.
Besonders
für kleinere deutsche Hersteller von Medizintechnik lohnt sich die
Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen oft nicht. Sie brauchen dafür
eine russische Tochtergesellschaft oder sollten sich mit einem
einheimischen Partner zusammen tun. Gerade bei großen
Krankenhausprojekten bekommen in letzter Zeit meist russische
Generalauftragnehmer den Zuschlag. Deutsche Unternehmen, die bereits
Krankenhäuser in Russland gebaut haben, sind:
- Cadolto Fertiggebäude GmbH & Co KG, Cadolzburg (www.cadolto.com;
Für die Russische Föderation hat Cadolto 14 Hightech-Medizinzentren
realisiert, darunter das Föderale Zentrum für Kardiologie in Pensa),
- ADK Modulraum (www.adk-modulraum.de; Auftrag aus Nowosibirsk zum Bau einer Neurochirurgie im November 2010),
-
KBV-Gesellschaft für Krankenhaus-Beratung und -Versorgung mbH & Co
KG, Leipzig und Düsseldorf (Geschäftsführer: Klaus Siebert, www.kbv-leipzig.de; nur Projekte für private Unternehmen, z.B. UGMK Medicina).
Bei
den russischen oder ausländischen Generalauftragnehmern können sich
deutsche Anbieter von Medizintechnik als Subunternehmer empfehlen.
Fachmessen
"Bolniza" (Krankenhaus)
5. bis 7.10.2011, Sankt Petersburg
"Zdravoochranenie" (Gesundheitswesen)
Internationale Fachmesse für das Gesundheitswesen, Medizintechnik und Arzneimittel inklusive "Pharmindustrija" und "REHA"
5.-9.12.2011, Moskau
(S.Z.)