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Montag, 26. September 2011

Russlands Medizintechnik-Markt vervierfacht sich bis 2020

Staat pumpt Milliardensummen in die Krankenhäuser / Ausländische Hersteller werden zu lokaler Fertigung gedrängt / Von Gerit Schulze

Moskau (gtai) - Russland wird als Absatzmarkt für Medizintechnik immer interessanter. Das Industrieministerium rechnet bis 2020 mit jährlichen Wachstumsraten von über 13%. Das Marktvolumen soll sich bis dahin vervierfachen. Einheimische Hersteller müssen nach Vorstellung der Regierung mehr in die Entwicklung von High-Tech-Produkten investieren. Dabei bekommen sie Unterstützung von staatlicher Seite. Außerdem sollen mehr ausländische Unternehmen eine Produktion in Russland aufbauen.

Russlands Markt für Medizintechnik könnte sich innerhalb des nächsten Jahrzehnts mehr als vervierfachen, geht aus einer Prognose des Ministeriums für Industrie und Handel hervor. Demnach habe das Absatzvolumen im Jahr 2010 einen Wert von 106 Mrd. Rubel (2,63 Mrd. Euro) erreicht. Für 2020 erwartet das Ressort einen Anstieg auf 450 Mrd. Rubel.
Grund ist die Ausweitung der staatlichen Investitionen in das russische Gesundheitswesen. Durch die Erhöhung der Arbeitgeberbeiträge um zwei Prozentpunkte seit 1.01.2011 fließen zwei Jahre lang zusätzlich 460 Mrd. Rubel (11,6 Mrd. Euro, Wechselkurs am 15.7.2011: 1 Euro = 39,82 Rubel) in die Gesundheitsfonds. Die Mehreinnahmen sollen vor allem in die Modernisierung der Krankenhäuser und in die Anschaffung von moderner Medizintechnik fließen. Ziel ist es, die staatliche Gesundheitsversorgung bis Ende 2012 so effizient zu machen, dass sie weitgehend durch die Einnahmen der Pflicht-Krankenversicherung (OMS) finanziert werden kann.
Allerdings standen die Gelder Mitte 2011 in den meisten Fällen noch gar nicht zur Verfügung, so dass der Investitionsboom erst bevorsteht. "Es gibt viele Projekte, aber oft noch keine Finanzierung", erklärt Ursula Wichert, beim Thüringer Krankenhaus-Ausstatter AJZ Engineering zuständig für Marketing und Absatz in Russland. Dennoch verzeichnet sie 2011 ein deutlich verbessertes Auftragsvolumen im Vergleich zum Vorjahr.
Nach Angaben von Premierminister Wladimir Putin kauft Russland bis Ende 2012 über 100.000 medizintechnische Geräte ein. Herstellern und Lieferanten verschafft dieser beschleunigte Investitionsboom sonnige Aussichten. Vom Wachstum sollen aber zunehmend russische Unternehmen profitieren. Anfang 2011 hatte das Industrieministerium seine Pläne für den Medizintechnik- und Pharmasektor präzisiert. Demnach sind bis 2020 rund 200 Mrd. Rubel (5 Mrd. Euro) Investitionen in Produktionsstätten vorgesehen. Über die Hälfte der Finanzmittel kommt aus öffentlichen Haushalten. Außerdem könnten sich nach den Vorstellungen der Regierung die staatseigenen Holdings Vneschekonombank (Außenwirtschaftsbank), Rostechnologii (Mischkonzern) und Rusnano (Nanotechnologie) an der Finanzierung beteiligen.
Die Ziele der Regierung sind ambitioniert und sehen einen Anteil einheimischer Hersteller am Inlandsbedarf (wertmäßiges Volumen) von 40% bis 2020 vor. Heute kommen russische Produzenten auf weniger als 20%. Dabei sind sie vor allem bei Produktgruppen mit niedrigen Margen und wenig Technologie vertreten.
In den nächsten zehn Jahren sollen mindestens 50 bis 100 Unternehmen in Russland eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilungen betreiben und dort weltmarktfähige Medizintechnik-Produkte entwerfen. Das Exportvolumen soll sich nach den Vorstellungen des Industrieministeriums verzehnfachen. Die aktuellen Zahlen zeichnen noch ein anderes Bild: Für 2010 verzeichnete die Zollbehörde einen Exportwert von 97 Mio. US$, ein leichtes Minus von 1% gegenüber dem Jahr zuvor. Ein Drittel der russischen Ausfuhren an Medizintechnik entfällt auf Röntgengeräte.
Laut Industrie- und Handelsministerium gibt es in Russland derzeit etwa 1.800 Hersteller von Medizintechnik. Sie haben rund 20.000 verschiedene Produkte registrieren lassen. Um mehr innovative Produkte auf den Markt zu bringen, sind landesweit 17 Forschungszentren für die Entwicklung von Pharmazeutika und Medizintechnik geplant.
Bei der Vermarktung russischer Medizintechnik setzt der Staatskonzern Rostechnologii auf eine Kooperation mit dem Pharma-Großhändler SIA International. Gemeinsam wollen die beiden Unternehmen Produktionskapazitäten im Land aufbauen und den Vertrieb einheimischer Technik professionalisieren. Zu SIA International gehören bereits drei Werke. Rostechnologii will vor allem die Kompetenzen seiner Tochterfirma RT-biotechprom (http://rt-biotechprom.ru) einbringen. Sie gilt als strategisches Staatsunternehmen für die Entwicklung der Medizintechnik-Industrie in Russland.
Änderungen stehen bei öffentlichen Ausschreibungen teurer und komplexer medizinischer Ausrüstungen an. Um unzuverlässige Bieter von den öffentlichen Tender-Verfahren auszuschließen, muss künftig eine Bankgarantie für bis zu 10% der Auftragssumme vorgelegt werden. Außerdem sollen laut russischen Zeitungsberichten Wartung und Service der Geräte für einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren in dem Angebot enthalten sein.
Außerdem will Russland sich das Recht vorbehalten, bei Anschaffungen großer Partien, die umfangreiche Lieferungen über einen längeren Zeitraum vorsehen, einen Lokalisierungspassus im Vertrag einzubauen. Wenn ein ausländischer Hersteller den Zuschlag bekommt, soll er sich verpflichten, Teile der Produktion dieser Geräte in Russland anzusiedeln.
Noch eine andere Regelung benachteiligt ausländische Anbieter von Medizintechnik. Bis zum Jahresende 2011 dürfen russische Medizinprodukte bei öffentlichen Ausschreibungen bis zu 15% teurer sein als vergleichbare Importgeräte und bekommen dennoch den Zuschlag. Diese Regelung hat das Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung mit seiner Anordnung Nr. 217 im Mai 2011 verlängert. Allerdings gibt es für viele Medizintechniksegmente wie Tomografen oder Strahlentherapie gar keine russischen Anbieter.
Die staatlichen Tender sind über das zentrale Portal www.zakupki.gov.ru einsehbar. Nach Schätzungen des russischen Industrieministeriums entfallen auf öffentliche Beschaffungen rund 95% des Inlandsmarktes für Medizintechnik. Präsident Dmitri Medwedjew hatte zu Jahresbeginn 2011 kritisiert, dass die Zuschläge oft zu Summen erfolgten, die um das Zwei- bis Dreifache über den Herstellerpreisen liegen.
Die russische Staatsanwaltschaft kontrolliert inzwischen verstärkt die öffentlichen Beschaffungsvorgänge im Gesundheitssektor. Allein bei hochwertigen Geräten wie Computertomografen wurden im Jahr 2010 in 68 Fällen Ermittlungsverfahren wegen offensichtlich überhöhter Preise eingeleitet.
Besonders für kleinere deutsche Hersteller von Medizintechnik lohnt sich die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen oft nicht. Sie brauchen dafür eine russische Tochtergesellschaft oder sollten sich mit einem einheimischen Partner zusammen tun. Gerade bei großen Krankenhausprojekten bekommen in letzter Zeit meist russische Generalauftragnehmer den Zuschlag. Deutsche Unternehmen, die bereits Krankenhäuser in Russland gebaut haben, sind:
- Cadolto Fertiggebäude GmbH & Co KG, Cadolzburg (www.cadolto.com; Für die Russische Föderation hat Cadolto 14 Hightech-Medizinzentren realisiert, darunter das Föderale Zentrum für Kardiologie in Pensa),
- ADK Modulraum (www.adk-modulraum.de; Auftrag aus Nowosibirsk zum Bau einer Neurochirurgie im November 2010),
- KBV-Gesellschaft für Krankenhaus-Beratung und -Versorgung mbH & Co KG, Leipzig und Düsseldorf (Geschäftsführer: Klaus Siebert, www.kbv-leipzig.de; nur Projekte für private Unternehmen, z.B. UGMK Medicina).
Bei den russischen oder ausländischen Generalauftragnehmern können sich deutsche Anbieter von Medizintechnik als Subunternehmer empfehlen.

Fachmessen

"Bolniza" (Krankenhaus)
5. bis 7.10.2011, Sankt Petersburg
"Zdravoochranenie" (Gesundheitswesen)
Internationale Fachmesse für das Gesundheitswesen, Medizintechnik und Arzneimittel inklusive "Pharmindustrija" und "REHA"
5.-9.12.2011, Moskau
(S.Z.)