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Dienstag, 27. September 2011

Russische Insel Sachalin setzt voll auf Rohstoffe

Neue Hafenterminal geplant / Erdgas, Erdöl und Kohle bleiben wichtigster Wirtschaftsmotor der Region / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Dank erfolgreicher Erdöl- und Gasprojekte auf und vor der Insel Sachalin hat die Region reichlich Eigenkapital für Investitionen. Dabei ist und bleibt der Rohstoffsektor das wichtigste Zugpferd. Bis 2025 sollen vier neue Gas- und Ölvorkommen vor der Küste erschlossen werden. Außerdem will die Regionalregierung noch mehr Kohlelager ausbeuten. Daneben möchte Sachalin unabhängiger werden von Lebensmittelimporten bei Fleisch und Milch.

Aus wirtschaftlicher Sicht ist die russische Insel Sachalin vor allem wegen der küstennahen Erdöl- und Erdgaslagerstätten bekannt. Die Exploration dieser Vorkommen trägt zu einem wesentlichen Teil zum Bruttoregionalprodukt (2010: 455,2 Mrd. Rubel) der Insel bei. Das Unternehmen Sachalin Energy schätzt die Vorräte der Kohlenwasserstoffe im Schelf auf 45 Mrd. Barrel Erdöläquivalent. Damit entsprechen die Reserven in etwa denen der Nordsee. Die Sachalin-Lagerstätten wurden in sechs Projektabschnitte aufgeteilt.
Im Feld "Sachalin 1" werden 256 Mio. t Erdöl sowie 460 cbm Gas vermutet; bisher wurden davon 39 Mio. t Öl und 34 Mrd. cbm Gas gefördert. Das Feld "Sachalin 2" wird vom Unternehmen Sachalin Energy betrieben - eine Kooperation zwischen Gasprom, Shell und den beiden koreanischen Unternehmen Mitsui und Mitsubishi. Dort lagern 170 Mio. t Erdöl und 653 Mrd. cbm Gas. Seit Beginn der Exploration wurden 26,2 Mio t Öl und 27,1 Mrd. cbm Gas gefördert. Ein Teil dieses Gases wird nur wenige Kilometer südlich der Regionshauptstadt Juschno-Sachalinsk im Komplex "Prigorodnoje" zu Flüssiggas verarbeitet. In dem Werk werden 5% des weltweit produzierten Flüssiggases hergestellt.
Rohstoffförderung auf der Insel Sachalin im Jahr 2010
Rohstoff Fördervolumen
Erdöl, in Mio. t 14,8
Erdgas, in Mrd. cbm 24,3
Kohle, in Mio. t 3,7
Quelle: Wirtschaftsministerium der Region Sachalin
Allein der Ausbau des Projektes Sachalin 2 mit der LNG-Anlage, den Tanks, den Häfen, Bohrtürmen und Erdgas- und Erdölleitungen dürfte 14 Mrd. bis 16 Mrd. Euro gekostet haben. Künftig sollen weitere Investitionen fließen - in die Erschließung und Exploration von vier weiteren Schelf-Projekten rund um die Insel: Sachalin 3, 5, 6 und 8. Bis zum Jahr 2025 soll die Förderung auf 23 Mio. Barrel Erdöl und 75 Mrd. cbm Erdgas jährlich gesteigert werden. Dazu sollen vier neue Blöcke errichtet werden: Lagerstätten Sewero-Weninskoje, Nowo-Weninskoje und Juschno-Kirinskoje (alle Sachalin 3) sowie Kaigansko-Wasjukanskoje-More (Sachalin 5).
Von Sachalin aus sollen künftig weite Teile des Fernen Ostens direkt mit Gas beliefert werden, die Exporte dürften steigen und damit auch die Einnahmen. Davon soll möglichst bald eine Erdgas- und Petrochemiefabrik nahe des Hafens Ilinski entstehen. Außerdem ist ein Trainings- und Forschungszentrum geplant. Dort sollen fortschrittliche Technologien zur Erschließung des Schelfs ausgearbeitet, Mitarbeiter geschult und ökologische Risiken eingeschätzt werden.
Neben Erdöl und Erdgas ist Sachalin auch reich an Kohle. Deren Förderung soll ebenfalls steigen - von 3,7 Mio. t im Jahr 2010 auf circa 4,5 Mio. t im Jahr 2014. Südlich von Uglegorsk soll der neue Tagebau Solnzewskoje-2 entstehen; benachbarte Lagerstätten werden erweitert. Dazu muss aber nicht nur in bessere Bergwerkstechnologien investiert werden, sondern auch in die Verkehrsinfrastruktur und die Stromversorgung. Ein erster Schritt ist die Modernisierung des Hafens Uglegorsk; dort entsteht ein neues Kohleterminal. Dasselbe ist in den Häfen Cholmsk und Korsakow geplant.
Zwischen den Städten Ilinsk und Uglegorsk baut die russische Staatsbahn RZhD eine 143 lange Bahnstrecke. Die meisten Bahnstrecken im südlichen Teil der Insel Sachalin wurden noch vor 1945 von Japan gebaut und sind entsprechend renovierungsbedürftig. Dasselbe gilt für das Elektrizitätssystem der Insel. Nicht selten fällt im Zehnminutentakt der Strom aus. In Uglegorsk soll daher ein neues, regionales Kraftwerk gebaut werden. Das Kraftwerk in der Hauptstadt Juschno-Sachalinsk wird auf Gas umgestellt. Durch entsprechende Kapazitätsreserven sollen Stromausfälle künftig vermieden werden.
Eine neue Aluminiumhütte, daneben ein völlig neues Kraftwerk, eine zweite Flüssiggasanlage sowie ein Petrochemiewerk - rund um den Hafen Poranaiski sind Milliardeninvestitionen geplant. Der Hafen selbst soll künftig höchsten Standards genügen. Jahr für Jahr sollen von dort 2 Mio. t Erdölprodukte, 2 Mio. t Kohle, 1 Mio. t Torf und 50.000 t Fischprodukte umgeschlagen werden. Dazu muss der Hafen selbst entsprechend ausgebaut werden. Auch aus der Luft soll die Insel im Ochotskoje-Meer zukünftig besser erreichbar sein. Im Transportministerium des Gebietes Sachalin bereiten die Mitarbeiter den Bau eines zweiten, wesentlich größeren Passagierterminals vor - obwohl auf der Insel weniger als 500.000 Menschen leben. Doch mit dem Ausbau trägt Minister Wladimir Degtjarjow der steigenden wirtschaftlichen Bedeutung der Region und der zunehmenden Zahl von Geschäftsreisen Rechnung.
Auch die lokale Bevölkerung soll ein Stück vom Kuchen abbekommen. Neben der Energieversorgung, besseren Straßen und Schienen soll sich auch die Wohnqualität erhöhen und die Preise dabei erschwinglich bleiben. Hierzu setzt die Regierung auf zusätzlichen Wohnraum: 250.000 qm Wohnfläche sollen im Jahr 2011 fertig gestellt werden, sagte Wirtschaftsminister Karpenko. Das wäre ein Viertel mehr als noch im Vorjahr. Damit nicht genug: In zwei oder drei Jahren sollten über 350.000 qm Wohnfläche pro Jahr entstehen, so Karpenko.
Fertigstellung von Wohnflächen (in 1.000 qm)

2007 2008 2009 2010 2011 *)
Fertig gestellte Wohnfläche, in 1.000 qm 106 149 165 200 250
*) Prognose
Quelle: Wirtschaftsministerium der Region Sachalin
Während Sachalin Rohstoffe im Überfluss hat, ist es nach wie vor stark auf Lebensmittelimporte angewiesen. Nur mit Eiern, Kartoffeln und Gemüse kann sich das Gebiet selbst versorgen. Der Rest muss ins Land gebracht werden. Das soll sich ändern: Geplant sind neue Geflügelfarmen und Mastanlagen. Außerdem ist ein neues Werk für Fleisch- und Gemüsekonserven vorgesehen. Bereits heute nutzen bestehende Firmen deutsche Technik - von Erntegeräten bis hin zu Fleischverarbeitungsanlagen. Das gilt etwa für die Firma Sachalinski Bekon (Sachaliner Schinken). Das Unternehmen führt einen Mastbetrieb mit 7.000 Schweinen. Mästen, schlachten und zu Fleisch verarbeiten - das Unternehmen hat eine enorme Verarbeitungstiefe und braucht daher jede Menge Ausrüstung. Die würden Agrarbetriebe aus der Region Sachalin am liebsten direkt bei deutschen Herstellern einkaufen.

Kontaktanschrift

Wirtschaftsministerium der Region Sachalin
Minister: Sergei Karpenko
Kommunistitscheski prospekt 39, 693011 Juschno-Sachalinsk
Tel.: 007 4242/46 92 96, Fax: -72 39 42
(H.B.)