Fremdkapital durch Platzierung von Obligationen / Wechselkursrisiken werden minimiert / Von Stephanie Adam und Bernd Hones
Moskau (gtai) - Obligationen ausländischer Tochterfirmen in Russland
an der Moskauer Börse platzieren - das ist eine völlig neue Möglichkeit,
um im größten Flächenstaat der Welt Fremdkapital zu beschaffen. Der
Charme an dieser Finanzierungsform: sie minimiert Devisen- und
Wechselkursrisiken. Doch klar ist auch: Weil das Geschäft mit
Börsenobligationen noch sehr jung ist, gibt es einige
Anlaufschwierigkeiten.
Wie finanzieren ausländische Unternehmen Investitionen in Russland?
In den vergangenen Jahren gab es dafür zwei Möglichkeiten. Erstens: Das
Mutterunternehmen springt ein als Geldgeber und schickt Finanzmittel aus
der Heimat. Dies war und ist gerade zur und direkt nach der
Firmengründung eine beliebte Finanzierungsquelle. Alternativ leihen
deutsche Unternehmen Geld bei einer Bank in Russland - bisher ebenfalls
eine gängige Form der Finanzierung von Investitionsprojekten. Eine neue
Option, die bislang noch kein einziges der 6.000 in Russland aktiven
deutschen Unternehmen ins Auge gefasst hat - das ist der Gang zur
russischen Börse. Genauer gesagt: Die Ausgabe von Börsenobligationen.
Die größte Börse Russlands und des gesamten GUS-Raums ist die
Moskowskaja Meschbankowskaja Valjutnaja Birscha (Moskauer Interbanken
Valuta Börse). Sie gehört zu den 20 größten Handelsplätzen weltweit.
Seit die russische Volkswirtschaft sich erholt, wächst auch der
Finanzmarkt wieder kräftig. Börsenobligationen stellen auf diesem Markt
ein relativ neues Instrument dar, dessen Popularität jedoch rapide
zunimmt, sagte Sergei Sinkewitsch auf einer Fachkonferenz der
Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Der Vizepräsident des
Kundenzentrums der Moskauer Börse glaubt, dass das Volumen der
platzierten Papiere im Jahr 2011 auf 420 Mrd. Rubel (über 10 Mrd. Euro,
EZB-Wechselkurs vom 1 Euro = 39,86 Rubel) steigen wird. Das entspricht
einem Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts.
Ausländische Unternehmen sind jedoch noch schwach vertreten. Dabei
sei das Interesse - insbesondere an deutschen Emittenten - gewaltig,
sagte Sinkewitsch. Außerdem sei das Liquiditätsfenster mindestens noch
zwei Quartale offen und der Zeitpunkt für eine Emission somit ideal.
| Obligationen | Menge | 2008 | 2009 | 2010 | Januar-Mai 2011 |
| zugelassen, in Stück | Emittenten | 15 | 30 | 57 | 41 |
| Zahl der Ausgaben | 57 | 145 | 202 | 113 | |
| platziert, in Stück | Emittenten | 3 | 16 | 46 | 29 |
| Zahl der Ausgaben | 15 | 29 | 79 | 32 | |
| platziert, in Mrd. Rubel | 17 | 144 | 320 | 144 |
Quelle: Moskowskaja Meschbankowskaja Valjutnaja Birscha
Für deutsche Unternehmen kann die Ausgabe von Börsenobligationen eine
einfache Fremdkapitalquelle sein. Auch dem Mittelstand steht diese
Option offen: Nach Aussagen von Sergei Sinkewitsch lohnt sich die
Emission von Börsenobligationen schon ab einem Volumen von 50 Mio. Rubel
(1,25 Mio. Euro). Voraussetzung: Der Marktteilnehmer muss schon
mindestens drei Jahre in Russland aktiv sein. Die Emission läuft ähnlich
der Ausgabe von Unternehmensanleihen ab. Nur doppelt so schnell. Etwa
30 bis 60 Tage braucht der Vorgang. Ist der Entschluss zum Börsengang
einmal getroffen, muss das Unternehmen Bilanzen, Produktionskennzahlen,
Businesspläne und Kreditratings vorlegen und prüfen lassen sowie einen
Emissionsprospekt auflegen. Beim Listing helfen Market-Maker, die Spread
und Liquidität der Papiere garantieren.
Vermittlungstarife der Moskowskaja Meschbankowskaja Valjutnaja Birscha
| Summe | Börsenobligationen | Unternehmensanleihen |
| bis 120 Mio. Rubel | 0,05% des Ausgabevolumens | 0,01% des Ausgabevolumens |
| 120 Mio. Rubel bis 1 Mrd. Rubel | 60.000 Rubel + 0,05% des Anteils am Ausgabevolumen über 120 Mio. Rubel | 120.000 Rubel + 0,01% des Anteils am Ausgabevolumen über 120 Mio. Rubel |
| über 1 Mrd. Rubel | 104.000 Rubel + 0,0025% des Anteils am Ausgabevolumen über 1 Mrd. Rubel, aber nicht mehr als 150.000 Rubel | 208.000 Rubel + 0,005% des Anteils am Ausgabevolumen über 1 Mrd. Rubel, aber nicht mehr als 300.000 Rubel |
Quelle: Moskowskaja Meschbankowskaja Valjutnaja Birscha
Die Moskauer Börse ist im Vergleich zu anderen Finanzzentren relativ
jung. Es gibt noch einige Probleme: Die Investorenstrukturen sind nicht
sicher, genauso wenig wie der juristische Rahmen. Selbst bei der MMVB
spricht man von einer gewissen "Unzivilisiertheit". Auch die Inflation
sei bedenktlich. Darüber hinaus sprechen deutsche Unternehmen von einem
hohen administrativen Aufwand. Vor allem wenn Bürgschaften der
Muttergesellschaft für die russische Tochterfirma im Spiel sind. "Dann
sind die Informationspflichten der deutschen Gesellschaft sogar höher
als in Westeuropa oder den USA", kritisierten Teilnehmer des Komitees
für Finanzdienstleistungen bei der Deutsch-Russischen
Auslandshandelskammer.
Was anfänglich wie ein Nachteil aussieht, kann aber auch eine Chance
sein: Dass die juristischen Rahmenbedingungen noch nicht festgezurrt
sind, bedeutet beispielsweise, dass ausländische Unternehmen Gesetze,
Auflagen und Richtlinien noch mitgestalten und aktiv formen können.
Learning-by-doing - so entwickelt sich hier das Geschäft, sagte Andrei
Gontscharow, Komitee-Leiter und Repräsentant der DZ-Bank in Moskau.
Kontaktanschriften
SAO Moskowskaja Meschbankowskaja Valjutnaja Birscha (MMVB)
B. Kislowski pereulok 13, Moskau
Vize-Präsident Kundencenter: Sergei Sinkewitsch (007 495/234 24 77-12 91, E-Mail:
sinkevich@micex.com),
Leiter Verkauf Kundencenter: Nikolaj Orlow (007 495/234 23 77 30 61, E-Mail:
orlovNV@micex.com)
Internet:
www.micex.com
DZ Bank - Repräsentanz Moskau
Podkopajevski pereulok 4, 109028 Moskau
Tel: 007 495/721 31 60, Fax: -721 31 61
Repräsentant: Andrei Gontscharow (E-Mail:
andrej.gontscharow@dzbank.ru)
(Andrei Gontscharow ist Vorsitzender des Komitees für Finanzdienstleistungen der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer)
(H.B.)