Wirtschaftliche Erholung verliert an Dynamik / Ölpreis ist entscheidender Parameter für Staatseinnahmen / Von Edda Wolf
Moskau (gtai) - Das Wachstum der russischen Wirtschaft hat sich zur
Jahresmitte deutlich verlangsamt. Nach einem Plus von real 4,1% im 1.
Quartal 2011 betrug es im 2. Quartal nur 3,4%. Für das Gesamtjahr 2011
liegt die Prognose der Regierung derzeit bei 4,2%. Aber dieser Wert
rückt durch das schlechte Abschneiden im 2. Quartal und die Gefahren,
die aus den wirtschaftlichen Problemen in den USA und einigen EU-Staaten
erwachsen, immer mehr außer Reichweite: Der Zuwachs dürfte am
Jahresende nur 3,7% erreichen.
Die Erholung der russischen Wirtschaft setzt sich fort, verliert aber
an Dynamik. Die Krise in den USA und bestimmten EU-Ländern führt dazu,
dass sich auch in Russland die Angst vor einem erneuten
Konjunkturabschwung ausbreitet. Die Verunsicherung der Unternehmen über
die wirtschaftliche Entwicklung spiegelt sich im geringen Anstieg der
Bruttoanlageinvestitionen im 1. Halbjahr 2011 wider: nur +2,7%. Rund 20
große und mittlere russische Unternehmen haben ihre Gespräche zur
Finanzierung von Investitionen aufgrund der aktuellen Turbulenzen an den
Kapitalmärkten gestoppt, berichtete der Vize-Päsident des
Unternehmerverbandes "Delowaja Rossija", Anton Danilow-Daniljan. Noch zu
Jahresende 2010 hatte die Regierung ein Investitions-Feuerwerk nach der
Krise 2008/09 erwartet und ein Plus von 8,8% vorhergesagt. Im April
2011 senkte sie ihre Prognose auf +6,0% und wird sie weiter nach unten
korrigieren müssen, sollte sich die internationale Lage nicht
stabilisieren.
Maßgeblich hängt die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung Russlands
von der weltweiten Nachfrage nach Rohstoffen ab. Diese geht zum
Großteil von den USA, den EU-Ländern und der VR China aus. Das Wachstum
des Bruttoinlandsprodukts (BIP) der USA hat bereits von 1,9% im 1.
Quartal auf 0,4% im 2. Quartal 2011 nachgelassen. Auch die VR China
bleibt nicht unberührt - durch das Straucheln der USA - zweitgrößter
Abnehmer chinesischer Exporte (Anteil 2010: 18%) - und die Krise in der
EU - Hauptabnehmer chinesischer Exporte (19,7%). Ihr Wirtschaftswachstum
verringerte sich von 10,3 auf 8,7% - der niedrigste Wert seit 2008.
Bereits jetzt sagen Experten für das 2. Halbjahr 2011 definitiv eine
Abkühlung der Konjunktur im Reich der Mitte auf 9% oder darunter vorher.
Die Prognose für 2012 wurde auf 8,0% gesenkt. China drosselte seine
Öleinfuhr im Juli 2011 bereits um 1%.
Vor allem der Ölpreis ist ein Parameter für das Wohl und Wehe
Russlands. Denn einen Großteil seiner Einnahmen erzielt der Staat durch
Zölle, die er auf den Export von Erdöl und Ölprodukten, aber auch von
Erdgas und bestimmten Metallen erhebt. Das sind zugleich die
Hauptausfuhrgüter Russlands: Erdöl und Erdölprodukte hatten 2010 einen
Anteil an der Gesamtausfuhr von 53,4%. Je höher der Preis für Öl der
Sorte Urals, desto höher die Staatseinnahmen und damit der finanzielle
Spielraum für Investitionen der öffentlichen Hand. Die Umsetzung der
Modernisierungsstrategie der Regierung mit ihren Investitionsprogrammen
hängt davon ab, wie gut die Kasse von Finanzminister Kudrin gefüllt ist.
Experten des russischen Finanzministeriums haben angesichts der
jüngsten Panik an den Finanzmärkten berechnet, ab welchem Ölpreis die
Lage für Russland kritisch wird. Ein Sinken des Preises für Erdöl der
Sorte Urals an der Börse um 10 US$ je Barrel bedeutet einen Verlust an
Einnahmen für das Staatsbudget von 500 Mrd. Rubel (rund 12,5 Mrd. Euro),
so ihr Ergebnis. Sollte der Ölpreis von aktuell 114 $ je Barrel auf um
die 100 $ fallen - und damit um 5 $ unter den im Etatplan 2011
angesetzten Wert von 105 $ je Barrel (2012: 93 $, 2013: 95 $, 2014: 97
$) liegen, würde das Budgetdefizit um 1% des BIP steigen. Das wäre noch
kein Drama für Russland. Bei einem Ölpreis von 75 $ je Barrel sähe es
schon anders aus, denn dann würde das Haushaltsdefizit auf 3,6%
anwachsen. Aber sollte der Ölpreis im schlimmsten Fall auf 60 $ je
Barrel abstürzen und im Jahresverlauf auf diesem Niveau verharren, würde
das Haushaltsdefizit auf 5% des BIP empor schnellen. Für den Zeitraum
Januar bis Juli 2011 lag der durchschnittliche Preis je Barrel Öl der
Sorte Urals bei 109,7 $.
Deutsche Bank und Barclays Capital gehen nicht von einem Totalabsturz
des Ölpreises aus. Die Nachfrage nach Erdöl aus den sich entwickelnden
Schwellenländern hält an, die Förderkapazitäten sind durch die Unruhen
im Mittleren Osten beschränkt und die OPEC-Staaten werden den Ölpreis
auf alle Fälle stützen. Allen voran Saudi-Arabien, dass aufgrund seiner
gestiegenen Sozial- und Rüstungsausgaben einen Ölpreis von 100 $ pro
Barrel für ein ausgeglichenes Budget benötigt. Die Experten von Citi
sind pessimistischer. Das Wachstum der Weltwirtschaft wird sich ihrer
Meinung nach von 4,2 auf unter 3% pro Jahr verlangsamen. Dann würde der
Ölpreis auf ein Niveau von 80 $ je Barrel fallen. Als Folge sänken der
BIP-Zuwachs in Russland im Jahr 2012 auf 2% und der Rubel-Wechselkurs
auf 35 Rubel für einen 1 US-Dollar, während die Inflation auf 16% und
das Budgetdefizit auf 4% ansteigen würden.
Quellen: Föderales Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung (Stand: April 2011), Recherchen von Germany Trade & Invest
Noch schlägt der zunehmende Pessimismus der Unternehmensmanager
bezüglich der Zukunft nicht auf die Industrieproduktion (inklusive
Bergbau und Strom-, Gas-, Wasserversorgung) in Russland durch. Diese
legte im 1. Halbjahr 2011 um 5,3% zu. Dabei entwickelte sich vor allem
die verarbeitende Industrie sehr positiv mit einem Plus von 8,0%.
Für den Einzelhandel haben die Verunsicherung der Bürger, der
deutliche Anstieg der Verbraucherpreise um 9,5% im 1. Halbjahr 2011 und
die relativ niedrigen Zinsen für Bankeinlagen sogar einen Vorteil. Viele
Russen und Russinnen reagieren auf die Unsicherheit damit, dass sie das
Geld lieber für werthaltige Konsumgüter ausgeben, als abzuwarten und
zusehen zu müssen, wie der Nennwert der Rubel-Scheine von der Inflation
aufgezehrt wird (vorsichtigere Gemüter schichten ihre Spareinlagen auf
Valuta-Konten um). So konnten sich die russischen Einzelhändler im 1.
Halbjahr 2011 über ein Umsatzwachstum von 5,3% freuen.
| Verarbeitende Industrie | 1. Hj. 2011/1. Hj. 2010 | 2010/09 | 2009/08 |
| Verarbeitende Industrie insgesamt | +8,0 | +11,8 | -15,2 |
| Transportmittel und -ausrüstungen | +34,9 | +32,2 | -38,0 |
| Gummi- und Kunststofferzeugnisse | +18,0 | +21,5 | -12,2 |
| Maschinen und Ausrüstungen | +11,8 | +12,2 | -28,4 |
| Nicht-metallische mineralische Erzeugnisse (vor allem Baustoffe) | +11,0 | +10,7 | -24,8 |
| Leder, Lederwaren, Schuhe | +10,3 | +18,7 | -2,0 |
| Chemische Erzeugnisse | +6,9 | +14,6 | -5,4 |
| Holzverarbeitung, Holzwaren | +6,6 | +11,4 | -17,7 |
| Elektrotechnik, Elektronik, Optik | +6,5 | +22,8 | -31,6 |
| Textilen und Bekleidung | +5,3 | +12,1 | -15,8 |
| Koks, Erdölprodukte | +3,9 | +5,0 | -0,6 |
| Metallurgie, fertige Metallwaren | +3,0 | +12,4 | -13,9 |
| Nahrungsmittel, Getränke, Tabak | +1,2 | +5,4 | -0,5 |
| Zellulose-Papier, Verlage, Druckereien | +/-0 | +5,9 | -12,8 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat
Noch rasanter schnellten die Importe der Russischen Föderation nach
oben - um nominal 47,4% auf 140,0 Mrd. $ im 1. Halbjahr 2011. Hier
schlug sich der Aufholbedarf nach der 2009er Krise in den Zahlen
deutlich nieder (im Gegensatz zu den Anlageinvestitionen). Das Wachstum
beruht hauptsächlich auf einer Zunahme der Menge der importierten Waren
um rund 30%, während deren Preise um 9,8% stiegen. Dabei kletterten die
Einfuhren aus der GUS um nominal 47,7% auf 21,3 Mrd. $ und die Einfuhren
aus dem sonstigen Ausland um 47,3% auf 118,7 Mrd. $. Die deutschen
Lieferungen stiegen überdurchschnittlich um 55,3%. Damit konnte
Deutschland seinen Anteil am russischen Außenhandelsumsatz um 0,5
Prozentpunkte auf 8,6% steigern. Allerdings baute auch die VR China
ihren Anteil von 9,0 auf 9,6% aus und behauptet so ihre im Vorjahr
erstmals eroberte Position als wichtigster Lieferant Russlands.
| Lieferland | Import 1. Hj. 2010 (Mio. US$) | Import 1. Hj. 2011 (Mio. US$) | Veränderung in % | Anteil am Außenhandels-umsatz 1. Hj. 2010 (in %) | Anteil am Außenhandels-umsatz 1. Hj. 2011 (in %) |
| Gesamt | 95.956,2 | 139.953,5 | +47,4 | 100,0 | 100,0 |
| VR China | 15.663,3 | 21.324,5 | +36,1 | 9,0 | 9,6 |
| Deutschland | 10.770,7 | 16.725,2 | +55,3 | 8,1 | 8,6 |
| Ukraine | 5.916,5 | 9.239,8 | +56,2 | 5,6 | 6,5 |
| Frankreich | 3.834,9 | 6.690,5 | +74,5 | 3,4 | 3,9 |
| Japan | 3.901,8 | 6.664,1 | +70,8 | 3,3 | 3,6 |
| USA | 4.361,5 | 6.414,3 | +47,1 | 3,4 | 3,5 |
| Italien | 3.922,2 | 5.852,6 | +49,2 | 6,3 | 5,3 |
| Belarus | 4.427,1 | 6.330,2 | +43,0 | 4,4 | 4,6 |
| Korea (Rep.) | 2.919,1 | 4.693,2 | +60,8 | 2,8 | 2,9 |
| Kasachstan | 2.664,2 | 4.081,5 | +53,2 | 2,8 | 2,9 |
Anmerkung: Anteil von Maschinen und Ausrüstungen (inklusive Transportmittel) am Import: 43,8%
Quelle: Föderaler Zolldienst
(E.W.)