Getreidevolumen überfordert Infrastruktur / Regierung modernisiert Gemüsebau und Samenzucht / Von Edda Wolf und Stephanie Adam
Moskau (gtai) - Russland erwartet eine Rekordernte bei Getreide. Die
Erträge des Vorjahres könnten um das Anderthalbfache übertroffen werden.
Deshalb hat die Regierung das 2010 verhängte Exportverbot aufgehoben.
Jetzt steht das Land vor einem Logistikproblem, denn die vorhandene
Infrastruktur kann die produzierten Kornmengen nicht absorbieren. Der
Staat will Abhilfe schaffen und setzt sich für entsprechende
Investitionsprojekte ein. Auch Gemüsebau und Samenzucht sollen bis 2020
modernisiert werden.
Nach den schweren Waldbränden des vergangenen Jahres normalisiert
sich die Lage der russischen Landwirtschaft wieder. Die Ernteaussichten
sind rekordverdächtig: Das Landwirtschaftsministerium rechnet 2011 mit
Erträgen zwischen 85 Mio. und 90 Mio. t. Im Vorjahr wurden nur knapp 61
Mio. t Getreide geerntet. Dazu kommen 13 Mio. t. Gemüse, 1 Mio. t mehr
als im letzten Jahr.
Erst vor kurzem hob die Regierung eine Exportsperre für Getreide auf,
die 2010 wegen der extremen Dürre verhängt worden war. Zu spät, wie
viele denken, denn mittlerweile sind die meisten Abnehmerländer auf
andere Lieferanten umgestiegen. Sie zögern, sich erneut mit Russland
einzulassen - zu plötzlich kam im vergangenen Jahr die Nachricht vom
Exportstopp. Zwar konnte Russland dennoch bis Ende Juli 1,5 Mio. t
Getreide exportieren: in die Türkei, nach Ägypten, Aserbaidschan, Israel
und in EU-Länder. Trotzdem stauen sich die Kornlaster in
kilometerlangen Schlangen vor den Häfen.
Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt der Bau neuer Kornspeicher und
Infrastruktur in Russland höchste Priorität. Wie die
Landwirtschaftsministerin Elena Borisowna der Tageszeitung "Rossiskaja
Gazeta" in einem Interview mitteilte, subventioniert der Staat den Bau
neuer Terminals für den Umschlag von Getreide. Insbesondere die
Kapazitäten des Hafens Noworossijsk in Südrussland müssten erheblich
erweitert werden, damit in zwei Jahren 30 Mio. t Getreide jährlich
gelagert und verschifft werden könnten. Geht alles nach Plan könnten bis
2020 bis zu 40 Mio. t Getreide exportiert werden, hofft Frau Borisowna.
Auch Regionen und Unternehmen investieren, um das
Infrastrukturproblem vom Tisch zu schaffen. Die Republik Tatarstan baut
noch in diesem Jahr Kornspeicher mit 1 Mio. t Fassungsvermögen. Eine
Milliarde Rubel (23,9 Mio. Euro, Wechselkurs nach russischer Zentralbank
vom 20.8.11: 1 Euro = 41,87 Rubel) will sie dafür ausgeben. Unternehmen
der Gruppe Agroterra planen pro 50.000 Hektar Boden neue
Lagerkapazitäten in Höhe von 150.000 t zu bauen. Beispielsweise
investiert die OOO Ucholowo Agro 220 Mio. Rubel (5,25 Mio. Euro) in neue
Silos. Im Gebiet Tambowsk gibt die OOO Tambowski Bekon derweil 900 Mio.
Rubel aus (21,5 Mio. Euro) für eine Futtermittelfabrik mit
Getreidelager.
| Unternehmen | Ort | Projekt | Kapazität in 1.000 t | Investitionsvolumen in Mio. Rubel. |
| Agroterra | Russlandweit | Silos | 150 pro 50.000 ha | k.A. |
| OOO Ucholowo Agro | Gebiet Rjasan | Silo | k.A. | 220 |
| OOO Tambowski Bekon | Gebiet Tambowsk | Silo, Fabrik für Futtermittel | 100290 | 900 |
| OAO Jugagroholding | Gebiet Rostow | Gewächshaus | 2 | 310 |
| ISK Aristocrat International GmbH | Gebiet Rostow | Gewächshaus | 32 | k.A. |
| Republik Tatarstan | Republik Tatarstan | Silos | 1.000 | 1.000 |
Quellen: Prime-Tass, Kommersant, Unternehmensmeldungen
Die Entwicklung der Landwirtschaft genießt in Russland höchste
Priorität. Die Regierung will ihre Abhängigkeit von Lebensmittelimporten
drastisch verringern und investiert dementsprechend viel Geld in den
Sektor. Allein im Jahr 2011 betragen die Finanzspritzen 111,8 Mrd. Rubel
(2,67 Mrd. Euro). Das geplante Budget für das Jahr 2012 wurde erst
kürzlich um 10% auf 130 Mrd. Rubel (3,1 Mrd. Euro) erhöht, meldet die
Zeitung Ria Nowosti. Die Kreditvergabe an den Agrarsektor steigt: Im 1.
Halbjahr 2011 erhöhte die russische Landwirtschaftsbank Rosselchosbank
das Kreditvolumen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 21,3%.
Das Ministerium für ländliche Entwicklung will bis 2020 circa 310
Mrd. Rubel (7,4 Mrd. Euro) in den agro-industriellen Komplex
investieren. Innerhalb von zwei Jahren sollen 17 von 19 Megaprojekten
starten und 16.000 neue Arbeitsplätze entstehen, erklärte Minister
Wiktro Basagrin. Das Landwirtschaftsministerium setzt sich unterdessen
für den Gemüsebau und die Samenzucht ein.
Über 80 Mrd. Rubel (1,91 Mrd. Euro) werden im Rahmen des "Programms
zur Entwicklung des Gemüse- und Gartenbaus bis zum Jahr 2020"
investiert, um den Anbau in Gewächshäusern wettbewerbsfähiger zu machen.
Noch ist dieser weder modern noch kommerziell orientiert und bleibt
weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Bis 2020 will das Ministerium
die Erträge pro Quadratmeter auf 36,9 kg verdoppeln und so das
Produktionsvolumen auf 17 Mio. t Gemüse pro Jahr erhöhen.
Das ist dringend nötig. Denn in einigen Regionen Russlands ist der
regionale Markt für Treibhausgemüse noch so gut wie leer, beispielsweise
in Rostow. Für Unternehmen sind das erstklassige
Investitionsmöglichkeiten. Diese Chancen hat die OAO Jugagroholding
gewittert: Auf einer vier Hektar großen Fläche will sie ab 2013 rund um
das Jahr bis zu 2.000 t Tomaten anbauen. Kostenpunkt: 310 Mio. Rubel
(7,4 Mio. Euro). Auch das deutsche Unternehmen ISK Aristocrat
International GmbH hat im Kreis Aksajsk 60 Hektar Grund angemietet, um
ein Gewächshaus für Gemüse zu bauen. Ab 2013/2014 soll der Betrieb
starten.
Für die Samenzucht hat das Landwirtschaftsministerium ebenfalls eine
Entwicklungsstrategie aufgelegt. Geplante Ausgaben: 370,5 Mrd. Rubel
(8,85 Mrd. Euro) bis 2020. Damit subventioniert der Staat in Zukunft die
Bauern beim Kauf inländischen Saatgutes, Düngers und beim Erwerb von
Pflanzenschutzmitteln. Momentan stammen lediglich 35% aller Samen der
jährlichen Aussaat aus russischer Produktion, circa 30% davon sind
qualitativ minderwertig. Auf dem Markt zirkulieren Sorten unbekannten
Ursprungs und unbekannter Qualität, sodass die Ernteerträge bis zu 30%
unterhalb des möglichen Niveaus liegen. Durch die Initiative des
Ministeriums soll jetzt bis zu 90% der technischen und Materialbasis
erneuert, und den Marktanteil heimischer Produkte auf 75% erhöht werden.
Damit die Entwicklung der Agrarwirtschaft auf allen Gebieten zügig
voranschreitet, soll auch die landwirtschaftliche Nutzfläche in Russland
ausgeweitet werden. Entsprechend gelten seit dem 1. Juli 2011 Gesetze,
die bis zu 1 Mio. Hektar Land zurück in die Bewirtschaftung bringen
können. Zudem werden Pacht und Kauf von Agrarflächen sowohl für Betriebe
als auch für Privatbauern unbürokratischer. Zudem besitzen die lokalen
Behörden ab sofort das Recht, brach liegende Flächen zu enteignen und
einem produktiven Zweck zuzuführen.
Kontaktanschriften
Agroterra
Capital Tower, ul. 1-aja Brestskaja, dom 24, 4. Etage, 125047 Moskau
Tel.: 007 495/660 2182, Fax: 007 495/641 4455
E-Mail:
info@agroterra.ru, Internet:
www.agroterra.ru
OOO Tambowski Bekon
ul. Internatsionalnaja 16a, 7. Etage, 392000 Tambow
\x{0422}el./Fax: 007 4752/70 0112
E-Mail:
info@tambecon.ru, Internet:
www.rusagrogroup.ru/ru/node/734
OAO Jugagroholding
Tekutschewa uliza 37, 344010 Rostow am Don
Tel.: 007 863/256 1952, Fax: -232 5630
Landwirtschaftsministerium der Republik Tatarstan
ul. Fedosejewskaja 36, 420014 Kasan
Tel.: 007 843/292 0382, Fax: -292 05 38
E-Mail:
agro@tatar.ru, Internet:
http://agro.tatarstan.ru
(E.W.)