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Montag, 5. September 2011

Rekordernte stellt Russland vor Logistikprobleme

Getreidevolumen überfordert Infrastruktur / Regierung modernisiert Gemüsebau und Samenzucht / Von Edda Wolf und Stephanie Adam

Moskau (gtai) - Russland erwartet eine Rekordernte bei Getreide. Die Erträge des Vorjahres könnten um das Anderthalbfache übertroffen werden. Deshalb hat die Regierung das 2010 verhängte Exportverbot aufgehoben. Jetzt steht das Land vor einem Logistikproblem, denn die vorhandene Infrastruktur kann die produzierten Kornmengen nicht absorbieren. Der Staat will Abhilfe schaffen und setzt sich für entsprechende Investitionsprojekte ein. Auch Gemüsebau und Samenzucht sollen bis 2020 modernisiert werden.
Nach den schweren Waldbränden des vergangenen Jahres normalisiert sich die Lage der russischen Landwirtschaft wieder. Die Ernteaussichten sind rekordverdächtig: Das Landwirtschaftsministerium rechnet 2011 mit Erträgen zwischen 85 Mio. und 90 Mio. t. Im Vorjahr wurden nur knapp 61 Mio. t Getreide geerntet. Dazu kommen 13 Mio. t. Gemüse, 1 Mio. t mehr als im letzten Jahr.
Erst vor kurzem hob die Regierung eine Exportsperre für Getreide auf, die 2010 wegen der extremen Dürre verhängt worden war. Zu spät, wie viele denken, denn mittlerweile sind die meisten Abnehmerländer auf andere Lieferanten umgestiegen. Sie zögern, sich erneut mit Russland einzulassen - zu plötzlich kam im vergangenen Jahr die Nachricht vom Exportstopp. Zwar konnte Russland dennoch bis Ende Juli 1,5 Mio. t Getreide exportieren: in die Türkei, nach Ägypten, Aserbaidschan, Israel und in EU-Länder. Trotzdem stauen sich die Kornlaster in kilometerlangen Schlangen vor den Häfen.
Unter diesem Gesichtspunkt gewinnt der Bau neuer Kornspeicher und Infrastruktur in Russland höchste Priorität. Wie die Landwirtschaftsministerin Elena Borisowna der Tageszeitung "Rossiskaja Gazeta" in einem Interview mitteilte, subventioniert der Staat den Bau neuer Terminals für den Umschlag von Getreide. Insbesondere die Kapazitäten des Hafens Noworossijsk in Südrussland müssten erheblich erweitert werden, damit in zwei Jahren 30 Mio. t Getreide jährlich gelagert und verschifft werden könnten. Geht alles nach Plan könnten bis 2020 bis zu 40 Mio. t Getreide exportiert werden, hofft Frau Borisowna.
Auch Regionen und Unternehmen investieren, um das Infrastrukturproblem vom Tisch zu schaffen. Die Republik Tatarstan baut noch in diesem Jahr Kornspeicher mit 1 Mio. t Fassungsvermögen. Eine Milliarde Rubel (23,9 Mio. Euro, Wechselkurs nach russischer Zentralbank vom 20.8.11: 1 Euro = 41,87 Rubel) will sie dafür ausgeben. Unternehmen der Gruppe Agroterra planen pro 50.000 Hektar Boden neue Lagerkapazitäten in Höhe von 150.000 t zu bauen. Beispielsweise investiert die OOO Ucholowo Agro 220 Mio. Rubel (5,25 Mio. Euro) in neue Silos. Im Gebiet Tambowsk gibt die OOO Tambowski Bekon derweil 900 Mio. Rubel aus (21,5 Mio. Euro) für eine Futtermittelfabrik mit Getreidelager.
Ausgewählte Investitionsprojekte in Russland
Unternehmen Ort Projekt Kapazität in 1.000 t Investitionsvolumen in Mio. Rubel.
Agroterra Russlandweit Silos 150 pro 50.000 ha k.A.
OOO Ucholowo Agro Gebiet Rjasan Silo k.A. 220
OOO Tambowski Bekon Gebiet Tambowsk Silo, Fabrik für Futtermittel 100290 900
OAO Jugagroholding Gebiet Rostow Gewächshaus 2 310
ISK Aristocrat International GmbH Gebiet Rostow Gewächshaus 32 k.A.
Republik Tatarstan Republik Tatarstan Silos 1.000 1.000
Quellen: Prime-Tass, Kommersant, Unternehmensmeldungen
Die Entwicklung der Landwirtschaft genießt in Russland höchste Priorität. Die Regierung will ihre Abhängigkeit von Lebensmittelimporten drastisch verringern und investiert dementsprechend viel Geld in den Sektor. Allein im Jahr 2011 betragen die Finanzspritzen 111,8 Mrd. Rubel (2,67 Mrd. Euro). Das geplante Budget für das Jahr 2012 wurde erst kürzlich um 10% auf 130 Mrd. Rubel (3,1 Mrd. Euro) erhöht, meldet die Zeitung Ria Nowosti. Die Kreditvergabe an den Agrarsektor steigt: Im 1. Halbjahr 2011 erhöhte die russische Landwirtschaftsbank Rosselchosbank das Kreditvolumen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 21,3%.
Das Ministerium für ländliche Entwicklung will bis 2020 circa 310 Mrd. Rubel (7,4 Mrd. Euro) in den agro-industriellen Komplex investieren. Innerhalb von zwei Jahren sollen 17 von 19 Megaprojekten starten und 16.000 neue Arbeitsplätze entstehen, erklärte Minister Wiktro Basagrin. Das Landwirtschaftsministerium setzt sich unterdessen für den Gemüsebau und die Samenzucht ein.
Über 80 Mrd. Rubel (1,91 Mrd. Euro) werden im Rahmen des "Programms zur Entwicklung des Gemüse- und Gartenbaus bis zum Jahr 2020" investiert, um den Anbau in Gewächshäusern wettbewerbsfähiger zu machen. Noch ist dieser weder modern noch kommerziell orientiert und bleibt weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Bis 2020 will das Ministerium die Erträge pro Quadratmeter auf 36,9 kg verdoppeln und so das Produktionsvolumen auf 17 Mio. t Gemüse pro Jahr erhöhen.
Das ist dringend nötig. Denn in einigen Regionen Russlands ist der regionale Markt für Treibhausgemüse noch so gut wie leer, beispielsweise in Rostow. Für Unternehmen sind das erstklassige Investitionsmöglichkeiten. Diese Chancen hat die OAO Jugagroholding gewittert: Auf einer vier Hektar großen Fläche will sie ab 2013 rund um das Jahr bis zu 2.000 t Tomaten anbauen. Kostenpunkt: 310 Mio. Rubel (7,4 Mio. Euro). Auch das deutsche Unternehmen ISK Aristocrat International GmbH hat im Kreis Aksajsk 60 Hektar Grund angemietet, um ein Gewächshaus für Gemüse zu bauen. Ab 2013/2014 soll der Betrieb starten.
Für die Samenzucht hat das Landwirtschaftsministerium ebenfalls eine Entwicklungsstrategie aufgelegt. Geplante Ausgaben: 370,5 Mrd. Rubel (8,85 Mrd. Euro) bis 2020. Damit subventioniert der Staat in Zukunft die Bauern beim Kauf inländischen Saatgutes, Düngers und beim Erwerb von Pflanzenschutzmitteln. Momentan stammen lediglich 35% aller Samen der jährlichen Aussaat aus russischer Produktion, circa 30% davon sind qualitativ minderwertig. Auf dem Markt zirkulieren Sorten unbekannten Ursprungs und unbekannter Qualität, sodass die Ernteerträge bis zu 30% unterhalb des möglichen Niveaus liegen. Durch die Initiative des Ministeriums soll jetzt bis zu 90% der technischen und Materialbasis erneuert, und den Marktanteil heimischer Produkte auf 75% erhöht werden.
Damit die Entwicklung der Agrarwirtschaft auf allen Gebieten zügig voranschreitet, soll auch die landwirtschaftliche Nutzfläche in Russland ausgeweitet werden. Entsprechend gelten seit dem 1. Juli 2011 Gesetze, die bis zu 1 Mio. Hektar Land zurück in die Bewirtschaftung bringen können. Zudem werden Pacht und Kauf von Agrarflächen sowohl für Betriebe als auch für Privatbauern unbürokratischer. Zudem besitzen die lokalen Behörden ab sofort das Recht, brach liegende Flächen zu enteignen und einem produktiven Zweck zuzuführen.

Kontaktanschriften

Agroterra
Capital Tower, ul. 1-aja Brestskaja, dom 24, 4. Etage, 125047 Moskau
Tel.: 007 495/660 2182, Fax: 007 495/641 4455
E-Mail: , Internet: www.agroterra.ru
OOO Tambowski Bekon
ul. Internatsionalnaja 16a, 7. Etage, 392000 Tambow
\x{0422}el./Fax: 007 4752/70 0112
OAO Jugagroholding
Tekutschewa uliza 37, 344010 Rostow am Don
Tel.: 007 863/256 1952, Fax: -232 5630
Landwirtschaftsministerium der Republik Tatarstan
ul. Fedosejewskaja 36, 420014 Kasan
Tel.: 007 843/292 0382, Fax: -292 05 38
(E.W.)