Deutsche Exporte 2011 stark gestiegen / Wachsende Bedeutung der Region für Ernährung der Weltbevölkerung / Von Fabian Nemitz
Bonn
(gtai) - Die Länder der GUS sind wichtige Abnehmer der deutschen
Landtechnik-Industrie. Dies gilt insbesondere für Russland, die Ukraine
und Kasachstan. Nachdem die Nachfrage vor allem wegen
Finanzierungsproblemen im Zuge der Wirtschaftskrise eingebrochen ist,
haben die deutschen Exporte 2011 kräftig zugelegt. Der
Mechanisierungsbedarf der Landwirtschaft ist immer noch groß. Es gibt
viel ungenutztes Potenzial. Die Region wird eine wichtige Rolle für die
Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung spielen.
Nachdem die Nachfrage nach Landtechnik in der Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten (GUS) im Krisenjahr 2009 eingebrochen ist, gehört
die Region 2011 zu den größten Gewinnern. Auch für 2012 sind die
Aussichten positiv. Laut einer Umfrage des VDMA-Fachverbands Landtechnik
von September 2011 schätzen die befragten Unternehmer ihre
Absatzchancen in Osteuropa in den kommenden zwölf Monaten weltweit mit
Abstand am besten ein. Eine positive Entwicklung erwarten sie auch in
Ost- und Südostasien, Lateinamerika, Mitteleuropa sowie in Zentral- und
Südasien. In Westeuropa rechnen sie mit geringen Einbußen, während die
Nachfrage in Nordamerika und Afrika deutlicher zurückgehen dürfte.
Dank
der wieder kräftig gestiegenen Nachfrage hat sich Russland im
Exportranking der deutschen Landtechnikhersteller 2011 nach Frankreich
wieder an die zweite Stelle geschoben, nachdem das Land 2009 auf den
sechsten Platz abgerutscht war. Im laufenden Jahr 2011 dürften heimische
Hersteller Landtechnik im Wert von rund 600 Mio. Euro nach Russland
geliefert haben (2010: 392 Mio. Euro).
Im Krisenjahr 2009 ist der
russische Landtechnikmarkt um 40% geschrumpft. Noch heftiger brachen die
Importe ein (-70%). Gründe hierfür waren die niedrigen Preise für
Agrarprodukte, schlechte Ernten wegen Trockenheit, stark eingeschränkte
Finanzierungsmöglichkeiten und höhere Importbarrieren.
Seit dem 2.
Halbjahr 2010 haben sich die Lage in der Landwirtschaft und das
Investitionsklima wieder gebessert. Die Preise für landwirtschaftliche
Erzeugnisse zogen an und die üppiger sprudelnden Einnahmen aus dem
Rohstoffsektor stehen für Investitionen - unter anderem in die
Landwirtschaft - bereit. Gleichzeitig hat sich nach Angaben des VDMA die
Kreditklemme gelöst. Eine Rolle spielten hierbei auch nationale und
regionale Förderprogramme. Außerdem seien für importierte Landmaschinen
wieder Darlehen erhältlich, wenn auch meist keine Förderdarlehen.
Im
Jahr 2011 dürfte der Absatz von Landtechnik in Russland nach
Einschätzung des VDMA um etwa 50% gestiegen sein. Allerdings verlieren
die Importe von kompletten Maschinen immer mehr an Bedeutung. Der Grund
hierfür ist, dass die internationalen Hersteller sowie einige
Mittelständler inzwischen eigene Produktionsstätten in Russland
aufgebaut haben. Entsprechend machten Teile und Komponenten bereits ein
Viertel des Exportvolumens nach Russland aus. Bei dieser Entwicklung
spielen die Vorgaben der Politik eine Rolle, den Anteil der heimischen
Wertschöpfung zu erhöhen (Lokalisierung). Hinzu kommen höhere Zollsätze
für komplette Maschinen. Es besteht aber Hoffnung, dass die zuletzt
erfolgten Zollanhebungen im Zuge des angestrebten Beitritts zur
Welthandelsorganisation (WTO) wieder teilweise rückgängig gemacht
werden. So war der Zollsatz auf selbstfahrende Erntemaschinen
(Mähdrescher und Feldhäcksler) Anfang 2009 von 5 auf 15% beziehungsweise
mindestens 120 Euro je kW Motorleistung heraufgesetzt worden.
Nicht
nur vor dem Hintergrund der guten Ernteergebnisse im Jahr 2011 sind die
Aussichten für 2012 auf dem russischen Markt positiv. So rechnet der
Händlerverband ASCHOD (http://www.acxod.ru)
mit weiterem Wachstum, vor allem im Bereich der Erntetechnik
(Mähdrescher, Feldhäcksler, Pressen, Mähwerke). Das Potenzial der
russischen Landwirtschaft ist gewaltig. Um es besser zu nutzen, besteht
weiterhin ein erheblicher Mechanisierungs- und Modernisierungsbedarf,
der aufgrund der Investitionszurückhaltung in den letzten zwei Jahren
nun umso höher ausfällt. Entsprechend geben in Umfragen des VDMA erst
30% der Landwirte in Russland an, dass ihr Maschinenpark den aktuellen
Bedarf abdecke. Hinzu kommt, dass die Maschinen in Russland viel stärker
beansprucht werden als in Westeuropa. Folglich benötigen sie eine
intensivere Wartung und müssen in der Regel schneller ersetzt werden.
Deutsche Ausfuhr von Landmaschinen und Schleppern nach Russland (in Mio. Euro)
| Warenart (HS) | 2008 | 2009 | 2010 | Januar - August 2011 | Veränderung *) |
| 8432 Landmaschinen (Bodenbearbeitung, Feldbestellung) | 115,2 | 34,3 | 58,6 | 88,8 | 91,7 |
| 8433 Landmaschinen (Mähen, Ernten, Dreschen, Reinigen, Sortieren) | 335,8 | 81,3 | 111,9 | 182,9 | 87,7 |
| 8434 Melkmaschinen | 21,2 | 14,8 | 18,0 | 10,8 | 69,2 |
| 8435 Pressen | 0,5 | 0,1 | 0,1 | 0,3 | 179,9 |
| 8436 Maschinen und Ausrüstungen für die Futterbereitung, Geflügel- und Bienenhaltung | 171,7 | 140,9 | 189,0 | 174,7 | 62,4 |
| 8701.90 Radschlepper (Acker- und Forstschlepper), neu und gebraucht | 54,5 | 7,0 | 9,4 | 10,5 | 59,7 |
| Summe | 699,0 | 278,3 | 387,1 | 467,9 | 77,0 |
*) Veränderung in % gegenüber Januar - August 2010
Quelle: Eurostat
Auch
in der Ukraine ist die Nachfrage nach Landtechnik im Krisenjahr 2009
heftig eingebrochen. Nach Angaben des VDMA schrumpfte der
Agrartechnikmarkt um zwei Drittel. Hierzu trugen neben der Kreditklemme
und fehlenden staatlichen Stützungsprogrammen auch die politischen
Unsicherheiten bei. Im Jahr 2010 konnte der Absatz wieder um 40%
zulegen, blieb aber immer noch deutlich unter dem Niveau der Boomjahre
2006 bis 2008. Der Aufwärtstrend hat sich 2011 beschleunigt und dabei,
laut VDMA, "selbst die optimistischsten Prognosen übertroffen". So haben
sich die deutschen Landtechnikexporte im Zeitraum Januar bis August
2011 fast verdoppelt. Nachgefragt wurden insbesondere Mähdrescher, Sä-
und Bodenbearbeitungstechnik, Melkanlagen und Ausrüstungen für die
Innenwirtschaft.
Als Hauptgründe für diese Entwicklung nennt der
VDMA die politische Stabilität und eine verbesserte Finanzkraft der
Betriebe. Dies gilt insbesondere für die Großbetriebe und Agroholdings,
die sich Mittel über die Emission von Aktien beschafft oder reiche
Investoren als Anteilseigner gewinnen konnten. Es sind vor allem diese
Betriebe, die wieder kräftig investieren, hauptsächlich in modernste
westliche Technik. Insgesamt bewirtschaften die Großbetriebe
mittlerweile rund ein Drittel der Ackerflächen des Landes, mit
steigender Tendenz. Dagegen leiden die kleinen und mittelgroßen Betriebe
weiterhin unter der Kreditklemme. Prekär ist insbesondere die Lage der
kleinen Bauernhöfe, die kaum Kredite erhalten, mit einer veralteten
Technik wirtschaften und wenig Zukunftsperspektiven haben.
Anders
als in Russland sind die deutschen Hersteller in der Ukraine bislang
kaum mit eigenen Produktionsstätten vertreten. Der Bedarf des Landes an
Landtechnik wird überwigend über Importe gedeckt, wobei westliche Firmen
dominieren. Nur wenige lokale Produzenten haben den
Transformationsprozess erfolgreich gemeistert.
Für Verunsicherung
in der Branche sorgt laut VDMA ein aktueller Vorstoß der ukrainischen
Regierung, die ausländischen Hersteller zu einer Produktion oder Montage
vor Ort zu bewegen. Der Verband sieht dies skeptisch: So gebe es kaum
Zulieferer vor Ort, die den Qualitätsansprüchen genügten. Es fehle an
Fachkräften und der Markt sei noch nicht groß genug für eine
wirtschaftliche Produktion oder Montage. Die aktuelle Hochkonjunktur sei
mehr auf den Nachholbedarf der Großbetriebe zurückzuführen. Für den
Bedarf der kleinen und mittelgroßen Betriebe fehle es an
Förderprogrammen. Entsprechend sei die Ukraine weit davon entfernt, ihr
landwirtschaftliches Potenzial auch nur annäherungsweise zu nutzen.
Deutsche Ausfuhr von Landmaschinen und Schleppern in die Ukraine (in Mio. Euro)
| Warenart (HS) | 2008 | 2009 | 2010 | Januar - August 2011 | Veränderung *) |
| 8432 Landmaschinen (Bodenbearbeitung, Feldbestellung) | 40,5 | 10,6 | 16,6 | 28,6 | 121,7 |
| 8433 Landmaschinen (Mähen, Ernten, Dreschen, Reinigen, Sortieren) | 160,7 | 48,7 | 70,6 | 115,1 | 91,2 |
| 8434 Melkmaschinen | 2,6 | 1,7 | 1,3 | 4,2 | 353,1 |
| 8435 Pressen | 0,2 | 0,0 | 0,0 | 0,0 | 25,5 |
| 8436 Maschinen und Ausrüstungen für die Futterbereitung, Geflügel- und Bienenhaltung | 34,7 | 19,5 | 10,9 | 14,2 | 151,7 |
| 8701.90 Radschlepper (Acker- und Forstschlepper), neu und gebraucht | 29,6 | 9,3 | 10,7 | 12,7 | 56,4 |
| Summe | 268,3 | 89,8 | 110,2 | 175,0 | 99,1 |
*) Veränderung in % gegenüber Januar - August 2010
Quelle: Eurostat
Deutlich
unter seinem Potenzial bleibt bislang auch Kasachstan. Zwar zeigt die
landwirtschaftliche Produktion in den letzten Jahren kontinuierlich nach
oben. Mit mehr moderner Landtechnik und mehr Know-how ließe sich der
Ertrag jedoch noch stark steigern. Laut Galina Musenowa, der
Vize-Präsidentin des Kasachischen Instituts für die Entwicklung der
Industrie, verfügt Kasachstan nur über vier Mähdrescher je 1.000 ha
Ackerfläche. Zum Vergleich: In Deutschland seien es 20.
Zwar haben
sich die Landtechnik-Importe 2010 leicht erholt, doch verharren sie
noch immer auf einem niedrigem Niveau und weit unter dem möglichen
Potenzial. Die Übernahme der höheren russischen Einfuhrzölle auf
Landtechnik mit dem Beginn der Zollunion am 1.7.10 und die immer noch
erschwerten Finanzierungsbedingungen bremsen die Nachfrage. Hinzu kommt,
dass die Förderprogramme der Regierung bislang wenig Wirkung gezeigt
hätten, was die Anschaffung moderner Technik angeht. Der VDMA ist jedoch
zuversichtlich, dass die Importe bald wieder stärker steigen.
Verbesserte die Kreditkonditionen und höhere Einnahmen dank der
Rekordernte 2011 dürften dazu beitragen.
Bislang verfügt
Kasachstan kaum über eine eigene Produktion von Landtechnik, ist jedoch
stark an einem Engagement ausländischer Hersteller vor Ort interessiert.
Dafür will das Land bestimmte Förderbedingungen, wie die Bevorzugung
von Produkten "made in Kazakhstan" schaffen. Hinzu kommt der gemeinsame
Wirtschaftraum in der Zollunion mit Belarus und Russland mit rund 170
Mio. Verbrauchern als Absatzmarkt. Der bislang geforderte Anteil von 50%
lokaler Wertschöpfung gilt Fachleuten jedoch als zu hoch. Der VDMA ist
im Dialog mit der kasachischen Regierung. Unter anderem hat sich der
Verband bereit erklärt, anhand eines Fragenkatalogs zu prüfen, welche
Voraussetzungen für ein Engagement deutscher Hersteller gegeben sein
müssten.
Deutsche Ausfuhr von Landmaschinen und Schleppern nach Kasachstan (in Mio. Euro)
| Warenart (HS) | 2008 | 2009 | 2010 | Januar - August 2011 | Veränderung *) |
| 8432 Landmaschinen (Bodenbearbeitung, Feldbestellung) | 7,3 | 4,5 | 3,3 | 6,0 | 97,0 |
| 8433 Landmaschinen (Mähen, Ernten, Dreschen, Reinigen, Sortieren) | 76,0 | 22,4 | 17,2 | 19,6 | 41,5 |
| 8434 Melkmaschinen | 1,3 | 0,9 | 3,1 | 1,4 | 12,2 |
| 8435 Pressen | 0,0 | 0,0 | 0,1 | 0,0 | -100,0 |
| 8436 Maschinen und Ausrüstungen für die Futterbereitung, Geflügel- und Bienenhaltung | 8,4 | 8,8 | 20,8 | 7,1 | -36,1 |
| 8701.90 Radschlepper (Acker- und Forstschlepper), neu und gebraucht | 13,3 | 6,2 | 1,6 | 2,0 | 56,9 |
| Summe | 106,3 | 42,9 | 45,9 | 36,1 | 18,0 |
*) Veränderung in % gegenüber Januar - August 2010
Quelle: Eurostat
Die
drei GUS-Staaten Kasachstan, Russland und Ukraine verfügen über ein
riesiges, in großen Teilen noch ungenutztes Potenzial zur Steigerung der
landwirtschaftlichen Produktion. Allein die Ukraine könnte ihre
Erzeugung um 50 bis 100% steigern. Viele Flächen liegen in den Ländern
brach, der Grad der Mechanisierung ist immer noch niedrig, vielfach
fehlt es an Know-how und die Ausbildung verläuft zu wenig praxisnah.
Um
das Qualifikationsniveau zu erhöhen, hat eine Initiative aus Industrie,
Politik, Wissenschaft und Praxis im Februar 2009 in der Ukraine ein
Deutsches Agrarzentrum gegründet (http://www.daz-ukraine.net).
Das Projekt wird finanziell unterstützt im Rahmen des
Kooperationsprogramms des Bundesministeriums für Ernährung,
Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) und von einer
Trägerorganisation führender Firmen der Agrarindustrie.
Das
Zentrum bietet Schulungsmaßnahmen und Kurse für Mitarbeiter
landwirtschaftlicher Betriebe an. Feldtage und Maschinenvorführungen
bieten die Möglichkeit, Produkte und Produktionsverfahren vorzustellen.
Mitte September 2011 wurde in Tschaglinka nahe der Stadt Kökschetau im
Norden Kasachstans ein Deutsches Agrarzentrum in Kasachstan gegründet (http://www.daz-kasachstan.net).
Mit
dem schnellen Anstieg der Weltbevölkerung wird die Versorgung mit
Nahrungsmitteln zu einer der größten Herausforderungen für die
Menschheit. Im Zeitraum von 1999 bis November 2011 ist die
Weltbevölkerung um 1 Mrd. auf nun 7 Mrd. gestiegen. Laut einer Prognose
der UN werden 2050 bereits 9,3 Mrd. Menschen den Planeten bevölkern. Um
diese Herausforderungen zu meistern, sind weitere Fortschritte in der
Landtechnik nötig. Gerade die GUS-Staaten können mit ihrem enormen
landwirtschaftlichen Potenzial einen großen Beitrag leisten. Die
deutschen Landtechnik-Hersteller, die heute Exportweltmeister sind,
würden langfristig von dieser Entwicklung profitieren.
Um sich
einen Überblick über die Entwicklungen auf dem weltweiten
Landtechnikmarkt zu verschaffen, bietet sich ein Besuch der
internationalen Branchenleitmesse "Agritechnica" in Hannover an. Von 13.
bis 19.11.11 zogen 2.700 Aussteller aus 48 Ländern rund 419.000
Besucher an, davon 100.000 aus dem Ausland. Der Großteil der
ausländischen Besucher kommt aus den Nachbarländern Deutschlands. Seit
Jahren steigt aber auch die Zahl der Besucher aus Osteuropa (2011: rund
18.000; +25% gegenüber 2009). Zum Messeprogramm gehörte 2011 unter
anderem die Konferenz "Durch Modernisierung zum Global Player auf den
Weltagrarmärkten - Welchen Beitrag können Russland und die Ukraine zur
Sicherung der Welternährung leisten?". Die nächste "Agritechnica" findet
von 10. bis 16.11.13 statt (Exklusivtage 10. und 11.11.13). (N.M.)
Zertifizierung, Registrierung. Zulassung und Deklarierung für Russland