Verursacher von Schmutzwasser stärker zur Kasse gebeten / Große Investitionen in Leitungen und Kläranlagen / Von Gerit Schulze
Moskau
(gtai) - Mit einem neuen Gesetz hat Russland den rechtlichen Rahmen für
die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung abgesteckt. Darin sind
Fragen zur Wasserqualität, Tarifgestaltung oder zum Zugang für private
Investoren geklärt. Verursacher von Schmutzwasser sollen künftig stärker
an den Reinigungskosten beteiligt werden. Der Kapitalbedarf zur
Modernisierung der Anlagen ist enorm. Die Branche bleibt attraktiv für
in- und ausländische Investoren.
Die Wasserwirtschaft ist für Russlands Regierung eines der
vorrangigen Modernisierungsprojekte. Immerhin gilt ein Drittel des
Leitungsnetzes als verschlissen. Jede dritte Trinkwasserprobe erfüllt
nicht die sanitären Standards. Mit dem neuen Gesetz Nr. 416-FS vom
7.12.2011 "Über die Wasserversorgung und Wasserentsorgung" sollen nun
einige Lücken geschlossen werden, die einer umfassenden Erneuerung der
Branche bislang im Wege standen.
Das Gesetz verfolgt mehrere
Ziele: Verbesserung der Lebensqualität und Gesundheit der Bevölkerung,
effizienterer Wasserverbrauch, bessere Abwasserreinigung, Aufbau einer
zentralisierten Warm- und Kaltwasserversorgung sowie einer zentralen
Kanalisation. Darüber hinaus sollen der Fachkräftemangel in der Branche
bekämpft und mehr private Investoren angelockt werden.
Das
Dokument regelt die Zuständigkeiten für die Wasserwirtschaft. Während
auf Bundesebene die allgemeinen Rahmenbedingungen für die
Wasserwirtschaft definiert werden, gehören zu den Aufgaben der
Föderationssubjekte (Oblast, Krai, Republik) Tarifgestaltung,
Ausarbeitung von Investitionsprojekten und Qualitätskontrolle. Die
Kommunen und Gemeinden sind dann in der Praxis für die Organisation der
Wasserver- und -entsorgung sowie für Genehmigungsverfahren neuer Anlagen
zuständig.
Künftig ist klar festgelegt, dass der Verursacher von
Verschmutzungen für die Reinigung des Wassers zahlen muss. Unternehmen,
die erhebliche Mengen stark verschmutzten Wassers produzieren, sollen
lokale Kläranlagen installieren, um eine Vorabreinigung durchzuführen.
Das gilt besonders für solche Verunreinigungen, die von den zentralen
Klärwerken kaum oder nur schwer zu beseitigen sind. Zur Stimulierung
solcher Investitionen in die lokale Abwasserreinigung werden die Abgaben
für ungereinigte Industrieabwässer kräftig erhöht.
Wenn ein
Verursacher die zulässigen Verschmutzungsnormen für die Einleitung von
Schmutzwasser in das zentrale Netz überschreitet oder seinen
Verpflichtungen zum Bau lokaler Vorreinigung nicht nachkommt, kann er
laut dem neuen Gesetz von der Wasserver- und -entsorgung abgetrennt
werden (Artikel 21, Absatz 3).
Das neue Gesetz verbietet zwar die
Privatisierung der zentralen Wasserversorgungs- und Abwassersysteme
(Artikel 9). Dafür ist ausdrücklich vorgesehen, den Betrieb der
Wasserwirtschafts-Anlagen in private Hände zu legen und dafür
Konzessionsverträge abzuschließen. Die Tarife sollen dann so gestaltet
werden, dass sich die Investitionen für private Betreiber innerhalb
eines bestimmten Zeitraumes rentieren.
Neben dem Anschluss an die
Strom- und Gasversorgung ist auch der Anschluss an das zentrale Wasser-
und Kanalisationsnetz für Investoren in Russland häufig eine hohe Hürde.
Im neuen Gesetz Nr. 416-FS ist daher festgelegt, dass die
Versorgungsunternehmen den Anschluss neuer Fabriken und Gebäude nicht
ablehnen dürfen, wenn der Anschluss technisch möglich ist und
Kapazitäten zur Verfügung stehen (Artikel 18, Absatz 4). Fehlen diese
Voraussetzungen, müssen die Wasserwerke sich künftig stärker um Abhilfe
bemühen.
Das Gesetz tritt am 1.1.2013 in Kraft. Ausnahmen sind der
Artikel 9 (tritt bereits ab 1.1.2012 in Kraft) und Abschnitt 2 des
Artikels 40 (ab 1.1.2014). Russlands Kommunen haben bis 1.1.2014 Zeit,
ihr gesamtes Wasserwirtschaftssystem unter die Lupe zu nehmen, zu
inventarisieren und ein modernes Betreiberkonzept zu erstellen.
Nach
Schätzungen des Regionalministeriums sind Investitionen von 1,9
Billionen Rubel (45 Mrd. Euro) nötig, um die russische Wasserwirtschaft
so zu modernisieren, dass sie den geltenden Normen entspricht. Im Rahmen
ihres Sonderprogramms "Sauberes Wasser" hatte die Regierung 2011 etwa 3
Mrd. Rubel (70 Mio. Euro) für Sanierungsarbeiten bereit gestellt.
Angesichts
dieser geringen öffentlichen Förderung ist Russland auf Investitionen
aus der Wirtschaft angewiesen. Private Betreiber investieren schon jetzt
große Summen in die Branche. Eines der wichtigsten Unternehmen ist
Roswodokanal, das im November 2011 einen neuen Kreditvertrag mit der
Osteuropabank EBRD über umgerechnet 35 Mio. Euro unterzeichnet hat.
Damit sollen vorrangig Wasserentnahme-Anlagen und Klärwerke in den
Regionen Tjumen, Twer und Orenburg saniert werden.
Der
französische Konzern Veolia will im sibirischen Tomsk bis 2015 rund 1,2
Mrd. Rubel (fast 30 Mio. Euro, 1 Euro = 41,90 Rubel) in den örtlichen
Wasserbetrieb Tomskwodokanal investieren. Die Franzosen hatten Ende 2010
eine Ausschreibung gewonnen und dürfen 30 Jahre lang die
Wasserversorgung und Abwasserreinigung in Tomsk organisieren. Sie müssen
bis dahin Reinigungssysteme erneuern, 20 Brunnen modernisieren,
Pumpstationen bauen und mindestens 20 Kilometer Kanalisationsleitungen
austauschen. Ab 2012 sollen die Tarife in Tomsk um 8 bis 10% angehoben
werden. Verbraucher zahlen dann für einen Kubikmeter Frischwasser
durchschnittlich 1,90 Rubel (4,5 Eurocent), für einen Kubikmeter
Abwasser 1,1 Rubel (2,6 Eurocent).
Tipp
Das Gesetz "Über die Wasserversorgung und Wasserentsorgung" ist im Internet abrufbar unter http://www.rg.ru/2011/12/08/voda-site-dok.html
Kontaktanschriften
Nazionalny sojus wodokanalow
(Nationale Union der Wasserwirtschaftsbetriebe, NSW)
uliza Mischina 56, Gebäude 2, 127083 Moskau
Tel.: 007 495/649 88 09
E-Mail: info@vodokanals.ru, Internet: http://www.vodokanals.ru
Mitglieder: http://www.vodokanals.ru/text.php?page=5
Rossijskaja assoziazija wodosnabschenija i wodootwedenija
(Russischer Verband der Wasserversorgung und Wasserentsorgung, RAWW)
119334 Moskau, Leninski prospekt 38, Gebäude 2
Tel./Fax: 007 495/939 19 36
E-Mail: info@raww.ru, Internet: http://www.raww.ru
Mitglieder: http://www.raww.ru/register
(S.Z.)
Zertifizierung, Registrierung. Zulassung und Deklarierung für Russland