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Freitag, 10. Februar 2012

Russlands Agrarbetriebe setzen immer mehr auf Biogas

Landesweit rund 40 bis 50 Anlagen in Planung / Technologie kommt meist aus Westeuropa / Von Gerit Schulze

Moskau (gtai) - Russland hat einen neuen Energieträger entdeckt: Biogas. Bis Ende 2012 sollen über 40 Methangasprojekte gestartet werden. Selbst der Erdgasriese Gasprom steigt in das Geschäft ein. Für große Agrarunternehmen rechnen sich die Investitionen trotz fehlender Einspeisevergütungen schon jetzt. Sie können sich unabhängig von Stromlieferungen machen und Abfälle besser verwerten. Deutsche Technologielieferanten für Biogasanlagen haben gute Chancen.

In Russland entstehen immer mehr Biogasanlagen zur Energieerzeugung. Sie sollen vorwiegend große Agrarbetriebe mit Strom und Wärme versorgen. Als Rohstoff werden dabei landwirtschaftliche Reststoffe wie Schweine- und Rindergülle, Geflügelkot, Pflanzenreste und Abfälle aus der Lebensmittelverarbeitung eingesetzt. Da es im Inland noch keine Hersteller entsprechender Technologie gibt, kommen die Anlagen meist aus Westeuropa.
Nach Angaben von Biogasenergostroi, einem der führenden Projektentwickler und Investoren für Biogas-Kraftwerke in Russland, fallen jährlich 625 Mio. Tonnen organische Abfälle im Land an (225 Mio. Tonnen Trockengewicht). Das Potenzial für die Stromerzeugung durch Biogas soll bei 150.000 GW liegen. Das entspräche der Leistung von rund 100 Atommeilern.
Das Thema Biogas ist inzwischen sogar in den Chefetagen des Erdgasriesen Gasprom angekommen. Der Konzern hat im Herbst 2011 eine Absichtserklärung mit dem niederländischen Gasnetzbetreiber Gasunie, mit Biogasenergostroi sowie dem deutsch-russischen Landtechnikhersteller Eurotechnika unterzeichnet. Gemeinsam wollen die vier Unternehmen ein Joint Venture gründen, um Biogas in Russland zu gewinnen und nach Westeuropa zu exportieren. Nach Schätzungen von Gasprom habe das Land langfristig das Potenzial, jährlich bis zu 35 Mrd. Kubikmeter Biogas zu produzieren. Das wären immerhin 5% der russischen Erdgasförderung und ein Fünftel der russischen Gasexporte. Biogasenergostroi schätzt die technisch mögliche Biogasproduktion im Land sogar auf 70 Mrd. Kubikmeter pro Jahr.
Für Gasprom hätte die Gewinnung des "grünen Gases" den Vorteil, dass es seine Pipelinekapazitäten besser auslasten und zugleich neue Kundenschichten in Europa erreichen könnte, die Wert auf erneuerbare Energiequellen legen.
Doch während solche Projekte für den Rohstoffkonzern Gasprom kaum mehr als ein interessantes Hobby werden dürften, hat die Biogasgewinnung für Russlands Agrarfirmen eine ganz andere Bedeutung. Sie können so eine autarke Energieversorgung aufbauen und - sobald es dazu eine rechtliche Regelung gibt - überschüssigen Strom verkaufen.
Andreas Täuber, Direktor für Strategieentwicklung bei Biogasenergostroi, nennt noch einen Vorteil: "Die Agrarbetriebe in Russland wissen häufig nicht, wohin mit dem Reststoff Gülle. Dieser wird meist in Sammelbecken gelagert und nicht zur organischen Düngung der Ackerflächen genutzt." Durch den Einsatz in Biogasanlagen verbessere sich der Düngewert der Gülle, die dann eine Alternative zur teuren Mineraldüngung sein könne, so Agrarexperte Täuber. In Russland wurde über ein Jahrzehnt lang kaum organischer Dünger auf die Felder gebracht, was zu einer starken Bodendegradierung geführt hat.
Von den Vorteilen einer Biogasgewinnung und -nutzung lassen sich offenbar immer mehr russische Agrarunternehmen überzeugen. Die erste größere Anlage ging 2009 in Doschino bei Kaluga in Betrieb. Im Sommer 2011 hat die Firma Mortadel im Gebiet Wladimir eine 4 Mio. Euro teure Anlage gestartet, die pro Jahr 1 Mio. Kubikmeter Methangas produzieren kann. Die Ausrüstungen lieferte die belgische Euro Industries.
Derzeit entstehen vor allem in Südrussland neue Biogas-Kraftwerke. Das Gebiet Belgorod will die Stromversorger sogar zu einer Einspeisevergütung für Strom aus Biogas verpflichten. Eine Anlage mit 2,4 MW entsteht im Agrarbetrieb AgroBelGoria und soll 2012 in Betrieb gehen. Einer der Technologielieferanten ist die deutsche BD Agro. Der Gouverneur des Gebiets Belgorod, Jewgeni Sawtschenko, erklärte im September 2011, dass langfristig alle 50 Schweinekomplexe der Region mit Biogas-Kraftwerken ausgerüstet werden sollten.
Die deutsche Unternehmensgruppe Tönnies Fleisch, die Hamburger KTG Agrar AG und Biogasenergostroi wollen in den Gebieten Belgorod und Woronesch etwa 20 Biogasanlagen errichten (Gesamtleistung 40 MW, Investitionsvolumen 150 Mio. bis 200 Mio. Euro.
Angesichts solcher Pläne ist die Russische Energieagentur REA optimistisch: Schon bis Ende 2012 könnten landesweit etwa 40 Schweineställe, Geflügelfarmen und Rinderzuchtanlagen Energie aus Biogas gewinnen. Derzeit sollen im Land zwölf solcher Biokraftwerke entstanden sein, teilte REA-Vizedirektor Wladimir Baskow mit.
Die REA hat insgesamt 50 Tierzucht-Betriebe in Russland untersucht, um Möglichkeiten für den Aufbau einer Biogasgewinnung auszuloten. Doch die meisten Projekte scheiterten an der Anschubfinanzierung. Von Baubeginn bis Inbetriebnahme vergehen mindestens eineinhalb Jahre bis der erste Strom produziert wird. Die Investitionen rentierten sich erst nach einem - für Russland sehr langen - Zeitraum von zehn Jahren, schätzt die REA.
Neben langfristigen Krediten für die Agrarbranche wäre eine gesicherte Einspeiseregelung von Vorteil. Denn die meisten Viehzuchtbetriebe können die generierte Energie nicht allein verbrauchen. Bei einem Verkauf der überschüssigen Energieproduktion brächten die Investitionen außerdem mehr Rendite.
Das Moskauer Biogasenergostroi will nicht nur mit Tönnies und KTG Agrar kooperieren, sondern sucht weitere Projektpartner. Landesweit will das Unternehmen bis zu 50 neue Biogasanlagen aufbauen. Die Landesbank Berlin hat im Sommer 2011 ein Rahmenabkommen mit Biogasenergostroi abgeschlossen. Es sieht vor, Biograsprojekte für bis zu 750 Mio. Euro in Russland, der Ukraine und in Belarus zu finanzieren.
"Projekte mit erneuerbaren Energien scheitern in Russland bislang an den niedrigen Energiepreisen und der fehlenden Einspeisung ins öffentliche Netz. Finanzielle Unterstützung von der Regierung, etwa in Form von Einspeisevergütungen, gibt es noch nicht", beschreibt der Repräsentanzleiter der Landesbank Berlin in Moskau, Friedhold Hermann, die Lage. Anders sei dies bei Biogasanlagen. "Denn die Agrarunternehmen sind meist groß genug, um die dort erzeugte Energie selbst zu verbrauchen. Und dann rechnen sich die Projekte."
Laut Finanzexperte Hermann kosten Biogasprojekte mit 3 bis 4 MW Kapazität in Russland zwischen 5 Mio. und 10 Mio. Euro. Die Kredite können mit Laufzeiten zwischen acht und zwölf Jahren vergeben werden. In dieser Zeit rentierten sich die Projekte, auch eine Hermes-Deckung sei möglich.

Veranstaltungstipp

Am 20.1.2012 findet in Berlin im Rahmen des Global Forum for Food and Agriculture (GFFA) ein "Investmentforum Biogas Russland" statt. Die Veranstaltung wird organisiert von der Commit Group zusammen mit dem Biogasrat e.V. und dem Russischen Verband für Bioenergie, Erneuerbare Energien und Ökologie (Programm: http://www.commit-pp.com/__F173.php?id=3954).
"Investmentforum Biogas Russland"
20.1.2012, 15:30 bis 17:30 Uhr
Veranstaltungsort:
Messe Berlin, ICC, Saal 4/5
Neue Kantstraße / Ecke Messedamm
14057 Berlin

Kontaktanschriften

Korporazija Biogasenergostroi
Ansprechpartner: Dr. Andreas Täuber (Direktor für Strategieentwicklung)
109240 Moskau, Uliza Werchnjaja Radischtschewskaja 7, Gebäude 4
Tel.: 007 495 / 972 24 00, Fax: -915 56 89
Rossijskoje Energetitscheskoje Agentstwo
(Russische Energieagentur / REA)
125009 Moskau, Nikitski pereulok 5, Gebäude 6
Tel.: 007 495 / 789 92 92 , Fax: -789 92 91
(S.Z.)

Zertifizierung GOST R TR EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Zulassung und Deklarierung für Russland