Landesweit rund 40 bis 50 Anlagen in Planung / Technologie kommt meist aus Westeuropa / Von Gerit Schulze
Moskau
(gtai) - Russland hat einen neuen Energieträger entdeckt: Biogas. Bis
Ende 2012 sollen über 40 Methangasprojekte gestartet werden. Selbst der
Erdgasriese Gasprom steigt in das Geschäft ein. Für große
Agrarunternehmen rechnen sich die Investitionen trotz fehlender
Einspeisevergütungen schon jetzt. Sie können sich unabhängig von
Stromlieferungen machen und Abfälle besser verwerten. Deutsche
Technologielieferanten für Biogasanlagen haben gute Chancen.
In Russland entstehen immer mehr Biogasanlagen zur
Energieerzeugung. Sie sollen vorwiegend große Agrarbetriebe mit Strom
und Wärme versorgen. Als Rohstoff werden dabei landwirtschaftliche
Reststoffe wie Schweine- und Rindergülle, Geflügelkot, Pflanzenreste und
Abfälle aus der Lebensmittelverarbeitung eingesetzt. Da es im Inland
noch keine Hersteller entsprechender Technologie gibt, kommen die
Anlagen meist aus Westeuropa.
Nach Angaben von Biogasenergostroi,
einem der führenden Projektentwickler und Investoren für
Biogas-Kraftwerke in Russland, fallen jährlich 625 Mio. Tonnen
organische Abfälle im Land an (225 Mio. Tonnen Trockengewicht). Das
Potenzial für die Stromerzeugung durch Biogas soll bei 150.000 GW
liegen. Das entspräche der Leistung von rund 100 Atommeilern.
Das
Thema Biogas ist inzwischen sogar in den Chefetagen des Erdgasriesen
Gasprom angekommen. Der Konzern hat im Herbst 2011 eine
Absichtserklärung mit dem niederländischen Gasnetzbetreiber Gasunie, mit
Biogasenergostroi sowie dem deutsch-russischen Landtechnikhersteller
Eurotechnika unterzeichnet. Gemeinsam wollen die vier Unternehmen ein
Joint Venture gründen, um Biogas in Russland zu gewinnen und nach
Westeuropa zu exportieren. Nach Schätzungen von Gasprom habe das Land
langfristig das Potenzial, jährlich bis zu 35 Mrd. Kubikmeter Biogas zu
produzieren. Das wären immerhin 5% der russischen Erdgasförderung und
ein Fünftel der russischen Gasexporte. Biogasenergostroi schätzt die
technisch mögliche Biogasproduktion im Land sogar auf 70 Mrd. Kubikmeter
pro Jahr.
Für Gasprom hätte die Gewinnung des "grünen Gases" den
Vorteil, dass es seine Pipelinekapazitäten besser auslasten und zugleich
neue Kundenschichten in Europa erreichen könnte, die Wert auf
erneuerbare Energiequellen legen.
Doch während solche Projekte für
den Rohstoffkonzern Gasprom kaum mehr als ein interessantes Hobby
werden dürften, hat die Biogasgewinnung für Russlands Agrarfirmen eine
ganz andere Bedeutung. Sie können so eine autarke Energieversorgung
aufbauen und - sobald es dazu eine rechtliche Regelung gibt -
überschüssigen Strom verkaufen.
Andreas Täuber, Direktor für
Strategieentwicklung bei Biogasenergostroi, nennt noch einen Vorteil:
"Die Agrarbetriebe in Russland wissen häufig nicht, wohin mit dem
Reststoff Gülle. Dieser wird meist in Sammelbecken gelagert und nicht
zur organischen Düngung der Ackerflächen genutzt." Durch den Einsatz in
Biogasanlagen verbessere sich der Düngewert der Gülle, die dann eine
Alternative zur teuren Mineraldüngung sein könne, so Agrarexperte
Täuber. In Russland wurde über ein Jahrzehnt lang kaum organischer
Dünger auf die Felder gebracht, was zu einer starken Bodendegradierung
geführt hat.
Von den Vorteilen einer Biogasgewinnung und -nutzung
lassen sich offenbar immer mehr russische Agrarunternehmen überzeugen.
Die erste größere Anlage ging 2009 in Doschino bei Kaluga in Betrieb. Im
Sommer 2011 hat die Firma Mortadel im Gebiet Wladimir eine 4 Mio. Euro
teure Anlage gestartet, die pro Jahr 1 Mio. Kubikmeter Methangas
produzieren kann. Die Ausrüstungen lieferte die belgische Euro
Industries.
Derzeit entstehen vor allem in Südrussland neue
Biogas-Kraftwerke. Das Gebiet Belgorod will die Stromversorger sogar zu
einer Einspeisevergütung für Strom aus Biogas verpflichten. Eine Anlage
mit 2,4 MW entsteht im Agrarbetrieb AgroBelGoria und soll 2012 in
Betrieb gehen. Einer der Technologielieferanten ist die deutsche BD
Agro. Der Gouverneur des Gebiets Belgorod, Jewgeni Sawtschenko, erklärte
im September 2011, dass langfristig alle 50 Schweinekomplexe der Region
mit Biogas-Kraftwerken ausgerüstet werden sollten.
Die deutsche
Unternehmensgruppe Tönnies Fleisch, die Hamburger KTG Agrar AG und
Biogasenergostroi wollen in den Gebieten Belgorod und Woronesch etwa 20
Biogasanlagen errichten (Gesamtleistung 40 MW, Investitionsvolumen 150
Mio. bis 200 Mio. Euro.
Angesichts solcher Pläne ist die Russische
Energieagentur REA optimistisch: Schon bis Ende 2012 könnten landesweit
etwa 40 Schweineställe, Geflügelfarmen und Rinderzuchtanlagen Energie
aus Biogas gewinnen. Derzeit sollen im Land zwölf solcher Biokraftwerke
entstanden sein, teilte REA-Vizedirektor Wladimir Baskow mit.
Die
REA hat insgesamt 50 Tierzucht-Betriebe in Russland untersucht, um
Möglichkeiten für den Aufbau einer Biogasgewinnung auszuloten. Doch die
meisten Projekte scheiterten an der Anschubfinanzierung. Von Baubeginn
bis Inbetriebnahme vergehen mindestens eineinhalb Jahre bis der erste
Strom produziert wird. Die Investitionen rentierten sich erst nach einem
- für Russland sehr langen - Zeitraum von zehn Jahren, schätzt die REA.
Neben
langfristigen Krediten für die Agrarbranche wäre eine gesicherte
Einspeiseregelung von Vorteil. Denn die meisten Viehzuchtbetriebe können
die generierte Energie nicht allein verbrauchen. Bei einem Verkauf der
überschüssigen Energieproduktion brächten die Investitionen außerdem
mehr Rendite.
Das Moskauer Biogasenergostroi will nicht nur mit
Tönnies und KTG Agrar kooperieren, sondern sucht weitere Projektpartner.
Landesweit will das Unternehmen bis zu 50 neue Biogasanlagen aufbauen.
Die Landesbank Berlin hat im Sommer 2011 ein Rahmenabkommen mit
Biogasenergostroi abgeschlossen. Es sieht vor, Biograsprojekte für bis
zu 750 Mio. Euro in Russland, der Ukraine und in Belarus zu finanzieren.
"Projekte
mit erneuerbaren Energien scheitern in Russland bislang an den
niedrigen Energiepreisen und der fehlenden Einspeisung ins öffentliche
Netz. Finanzielle Unterstützung von der Regierung, etwa in Form von
Einspeisevergütungen, gibt es noch nicht", beschreibt der
Repräsentanzleiter der Landesbank Berlin in Moskau, Friedhold Hermann,
die Lage. Anders sei dies bei Biogasanlagen. "Denn die Agrarunternehmen
sind meist groß genug, um die dort erzeugte Energie selbst zu
verbrauchen. Und dann rechnen sich die Projekte."
Laut
Finanzexperte Hermann kosten Biogasprojekte mit 3 bis 4 MW Kapazität in
Russland zwischen 5 Mio. und 10 Mio. Euro. Die Kredite können mit
Laufzeiten zwischen acht und zwölf Jahren vergeben werden. In dieser
Zeit rentierten sich die Projekte, auch eine Hermes-Deckung sei möglich.
Veranstaltungstipp
Am
20.1.2012 findet in Berlin im Rahmen des Global Forum for Food and
Agriculture (GFFA) ein "Investmentforum Biogas Russland" statt. Die
Veranstaltung wird organisiert von der Commit Group zusammen mit dem
Biogasrat e.V. und dem Russischen Verband für Bioenergie, Erneuerbare
Energien und Ökologie (Programm: http://www.commit-pp.com/__F173.php?id=3954).
"Investmentforum Biogas Russland"
20.1.2012, 15:30 bis 17:30 Uhr
Veranstaltungsort:
Messe Berlin, ICC, Saal 4/5
Neue Kantstraße / Ecke Messedamm
14057 Berlin
Kontaktanschriften
Korporazija Biogasenergostroi
Ansprechpartner: Dr. Andreas Täuber (Direktor für Strategieentwicklung)
109240 Moskau, Uliza Werchnjaja Radischtschewskaja 7, Gebäude 4
Tel.: 007 495 / 972 24 00, Fax: -915 56 89
E-Mail: a.taeuber@bioges.ru, Internet: http://www.bioges.ru
Rossijskoje Energetitscheskoje Agentstwo
(Russische Energieagentur / REA)
125009 Moskau, Nikitski pereulok 5, Gebäude 6
Tel.: 007 495 / 789 92 92 , Fax: -789 92 91
E-Mail: info@rosenergo.gov.ru. Internet: http://rosenergo.gov.ru
(S.Z.)
Zertifizierung GOST R TR EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln, Zulassung und Deklarierung für Russland