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Mittwoch, 18. Januar 2012

Russische IT-Firmen rollen Weltmarkt von hinten auf

Exporte von Standardsoftware steigen um ein Drittel / Start für elektronische Universalkarte verzögert sich / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Zweistellige Wachstumsraten im Inland, Top-Image auf den Weltmärkten und Produktneuheiten am laufenden Band - Russlands IT-Branche zählt zu den Vorzeigesektoren des Landes. Der Bereich gilt als relativ wenig reguliert und ist hoch wettbewerbsfähig. Der beste Beweis sind die sagenhaften Wachstumsraten der Exporte. In einigen Nischen liegen diese bei 30%. Die Kehrseite: Staatliche IKT-Programme kommen kaum voran und Produktpiraterie ist allgegenwärtig.

Computer, IT-Dienstleistungen und Software - der russische IT-Markt wächst und wächst. Im 3. Quartal 2011 legten die Verkäufe von Computern im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 12,1% auf 3,82 Mio. Stück zu. Die beliebtesten Marken waren Asus, HP, Samsung, Acer und Lenovo. Am dynamischsten entwickelte sich der Verkauf von Laptops: er stieg um 17,3% auf 2,7 Mio. Stück. Der Absatz von Personalcomputern lag bei 1,14 Mio. Stück.
Der russische Servermarkt hat im 3. Quartal 2011 im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum um 18,5% auf 247 Mio. US$ zugelegt, so das Marktforschungsinstitut IDC. "Kein Wunder, dass das Interesse sowohl ausländischer wie auch russischer Akteure an dem Wachstumsmarkt steigt", zitiert die Nachrichtenagentur Prime den IDC-Marktforscher Aleksandr Sagnetko.
Doch Russland ist nicht nur als Absatzmarkt für internationale IT-Konzerne interessant. Russlands Tüftler und Programmierer nutzen längst ihre Chancen auf Auslandsmärkten. Software "made in Russia" ist ein Exportschlager. Seit Jahren steigen die Ausfuhren mit zweistelligen Wachstumsraten. Die Exporte von speziell auf einen Kunden zugeschnittener Software legten 2010 um 14% auf 1,6 Mrd. US$ zu. Noch dynamischer entwickelten sich die Ausfuhren von Standard-Computerprogrammen. Deren Ausfuhrwert stieg auf 1,35 Mrd. US$ - 30% mehr als noch vor einem Jahr, heißt es bei Russoft. In zwei oder drei Jahren dürfte diese sogenannte boxed software in der Außenhandelsbilanz bereits eine größere Rolle spielen als Spezialprogramme. Russische Programmierzentren dürften 2010 an den Entwicklungen für ausländische Softwarefirmen 350 Mio. US$ verdient haben.
Wie die Wirtschaftszeitung "Vedomosti" berichtet, ist der Antiviren-Hersteller Laboratorija Kasperskogo (Kaspersky Labs) der erfolgreichste IT-Konzern im Ausland. Das Unternehmen erwirtschaftete im Jahr 2010 Umsätze in Höhe von 538 Mio. US$, davon 80% im Ausland. Aber auch andere Produzenten von standardisierten Computerprogrammen verzeichnen gehörige Exportzuwächse. Dazu zählen Firmen wie Parallels, Acronis, Transas Technologies, Cboss, Abbyy, Paragon Software Group und Spirit DSP. Der Exportumsatz des Herstellers von Übersetzungsprogrammen Abbyy etwa lag im Oktober 2011 um 35% über den Erlösen im Oktober 2010. Im kommenden Jahr 2012 will Abbyy-Geschäftsführer Sergei Andrejew im Ausland erneut um ein Drittel wachsen, sagte er im Vedomosti-Interview. Das zeigt: Russlands Softwareschmieden strotzen vor Selbstvertrauen.
Prognose für die Entwicklung russischer Softwareexporte (in Mrd. US$)

2011 2012 2013
Exporterlöse russischer Softwarefirmen 3,30 4,00 4,75
Quelle: Nichtkommerzieller Verband Russoft
Aber es gibt auch Schattenseiten. Der Anteil von Computergeschäften, in denen Verkäufer ihren Kunden Piratensoftware empfehlen, liegt russlandweit bei 23%. Dies geht aus einer Erhebung des US-amerikanischen Softwaregiganten Microsoft hervor. In Städten wie Ulan-Ude, Lipezk, Bratsk oder Noworossisk spielten verhältnismäßig viele Computerhändler kopierte Programme ohne Lizenzvertrag direkt im Laden auf. In Pskow, Surgut und Krasnojarsk bieten Verkäufer ihren Kunden sogar Piratensoftware zum Kauf an. Laut Microsoft empfiehlt noch heutzutage jedes dritte Geschäft in Moskau Plagiate.
Der russische IKT-Markt dürfte 2011 ein Volumen von rund 1.770 Mrd. Rubel erreichen (knapp 43 Mrd. Euro; EZB-Wechselkurs vom 1.12.2011: 1 Euro = 41,47 Rubel). Das ist zwar aus russischer Sicht ein sattes Ergebnis, doch das sind lediglich 1,8% der weltweiten Umsätze in diesem Sektor. Im Klartext: Russland ist im internationalen Vergleich noch ein Zwerg im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien. Und das, obwohl die Branche 2009 in den Kreis jener Sektoren gehoben wurde, in denen Präsident Dmitri Medwedew die Modernisierung mit Nachdruck vorantreiben will. Es gehe um nichts geringeres als die Vorrangstellung im Bereich IKT, gab der erste Mann im Staat damals als Ziel aus.
Modernisierungsziele der russischen Regierung im IKT-Sektor bis 2020 (Anteil in %)

Anteil in % zum Jahr 2020
Anteil der Bevölkerung, die staatliche Dienstleistungen elektronisch in Anspruch nimmt 85
Anteil der Radiofrequenzen, die von Bürgern genutzt werden können 18
Anteil der Haushalte mit Internetanschluss 85
Anteil des elektronischen Dokumentenaustausches zwischen Behörden 70
Quelle: Minister für Netze und Telekommunikation
Um den Rest der Welt im IKT-Sektor zu überflügeln, vertraute Medwedew nicht nur auf die vielen privat geführten, kreativen und wettbewerbsfähigen Firmen im eigenen Land. Ein umfangreiches staatliches Modernisierungsprogramm sollte die Nachfrage nach IKT-Produkten zusätzlich stimulieren. Beispielsweise soll im Frühling 2012 der Bau eines eigenen IT-Städtchens in der Republik Tatarstan beginnen. Auf einer 1.200 Hektar großen Fläche sollen rund 20.000 Computer-Spezialisten leben und arbeiten.
Zu den Lieblingsprojekten der Modernisierungsoffensive von Medwedew gehört die elektronische Universalkarte. Doch Mitte November 2011 und damit eineinhalb Monate bevor die Karte 142 Millionen Russinnen und Russen das Leben leichter machen und die Bürokratie im Lande verringern sollte, wurde das Projekt um ein Jahr verschoben. Die Staatsduma hat am 17.11.2011 einer Gesetzesänderung zugestimmt, wonach die Karte erst ab 2013 erhältlich sein wird.
Mit der neuen Universalkarte sollen Russlands Bürgerinnen und Bürger überall im größten Land der Welt für staatliche Dienstleistungen, wie etwa Kommunalgebühren, zahlen können. Sie sollen Zuwendungen aus dem Staatshaushalt bekommen oder dorthin Geld einzahlen können. Jede Russin und jeder Russe wird die Karte wie eine EC-Karte nutzen und damit Geld abheben oder einzahlen können. Dabei soll man die Karte entweder am Bankautomaten, an einem Bezahlterminal oder am Heimcomputer nutzen können. Die Kosten für die Kommunikation der Bürger mit dem Staat sollen minimiert werden - wie auch Korruptionsgelegenheiten. Angeblich mangelt es noch am Ausbau des E-Government in den Regionen. Mit anderen Worten: Die Verknüpfung der russischen Behörden untereinander steht noch nicht. Derzeit sind laut dem Ministerium für Netze und Massenkommunikation lediglich 38 Regionen an das System angeschlossen.
Der Grund für die Verzögerung dürfte wohl bei der Finanzierung liegen. Im Juni 2011 hatte die Wirtschaftszeitung "Kommersant" bereits berichtet, dass die geplanten 10 Mrd. bis 30 Mrd. Rubel aus dem föderalen Budget für die Karte nicht zugeteilt werden. Doch bis 2016 sollten für den Ausbau Systems über 100 Mrd. Rubel bereitgestellt werden. Wirtschaftsministerin Elwira Nabiullina sprach sogar von 135 Mrd. bis 170 Mrd. Rubel.

Kontaktanschriften

Parallels
Altufjewsloje schosse 44, Bisneszentr "Alteza", 127566 Moskau
Tel.: 007 495/783 29 77
Acronis
Altufjewskoje schosse 48, korpus 1, 127566 Moskau
Tel./Fax: 007 495/988 22 68
Transas Technologies
Malyi prospekt 54-4, W.O.,199178 Sankt-Peterburg
Tel.: 007 812/325 31-31, Fax: -32
CBOSS
Starokalushskoje schosse 62, str. 1, 117630 Moskau
Tel.: 007 495/363 44-60, Fax: -61
ABBYY
a/ja 32, kompanija ABBYY, 127273 Moskau
Paragon Software Group, Russia/CIS
P.O. 6, 127644 Moskau
Tel./Fax: 007 495/789 63 64
Spirit DSP/Moskau
Tel.: 007 499/518 87 25, Fax: -518 87 24
Laboratoria Kasperskogo
1-j Wolokolamski projesd 47, str. 3,
123060 Moskau
Tel.: 007 495/797 87 00, Fax: -645 79 39
(H.B.)


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