Anzahl russischer Rentner wird steigen / Staatlicher Pensionsfonds verzeichnet Milliardendefizit / Von Lukas Jakob und Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Die Lebenserwartung in Russland steigt - und damit die Zahl
der Rentner. Doch deren mickrige Bezüge decken kaum noch den
Lebensunterhalt. Zurzeit werden verschiedene Möglichkeiten diskutiert,
die Renten zu erhöhen ohne den staatlichen Pensionsfond zu überlasten.
Im Gespräch ist ein höheres Renteneintrittsalter. Wegen des
demographischen Wandels wird aber selbst dann der Anteil der Rentner an
der gesamten Kaufkraft der Bevölkerung steigen.
Unabhängig vom individuellen Anstieg der Bezüge werden
Ruheständler im größten Land der Welt eine immer wichtigere Rolle
spielen. Frauen werden im Schnitt 75 Jahre, Männer 63 Jahre alt - das
ist wesentlich mehr als noch vor fünf Jahren. Durch die sich wieder
positiv entwickelnde Lebenserwartung steigt die relative Kaufkraft der
älteren Bevölkerungsschicht. Wenn dann auch noch die Bezüge steigen,
wirkt sich das direkt auf den Konsum aus, denn die Sparquote der
Senioren in Russland ist extrem gering. Vor allem die Pharmabranche und
die Lebensmittelindustrie können von dem demographischen Trend
profitieren. Teure Konsumgüter und Reisen bleiben für den
durchschnittlichen russischen Rentner aber weiterhin unerschwinglich.
Nur
wenige der 39 Mio. russischen Rentner verbringen einen finanziell
entspannten Lebensabend. Zwar existiert mit dem Pensionnyi Fond
Rossiskoi Federazi (Pensionsfonds der Russischen Föderation) bereits
seit 1990 ein staatlicher Rentenfonds. Ein Rentner erhält im Schnitt
8.700 Rubel (207 Euro, Wechselkurs nach Bundesbank vom 24.11.11: 1Rubel =
0,0238 Euro) pro Monat.
Das Renteneintrittsalter liegt für Männer
bei 60 Jahren, Frauen können bereits mit 55 aus dem Berufsleben
ausscheiden. Im Jahr 2012 werden die durchschnittlichen Bezüge laut der
Nachrichtenagentur Prime um 14% auf 10.000 Rubel (238 Euro) steigen und
somit etwas über der Inflationsrate liegen. Der Konsumentenpreisindex
lag 2009 und 2010 jeweils bei 8,8% und dürfte 2011 nur unwesentlich
niedriger ausfallen.
Renten in der Russischen Föderation (in Euro pro Monat)
| 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | 2012*) | 2014*) | |
| Höhe der Durchschnittsrente im Monat | 89 | 115 | 118 | 186 | 238 | 286 |
*) Prognose
Quellen: Rosstat, Staatlicher Rentenfonds (zitiert von Nachrichtenagentur Prime)
Der
Anteil an Rentnern ist in Russland stark von der Region abhängig. Einen
sehr hohen Anteil haben dabei die Städte Moskau und Sankt Petersburg,
sowie die Ballungsregionen im europäischen Teil des Landes. In diesen
Gebieten ist Rosstat zufolge jeder vierte Einwohner im Rentenalter,
teils sogar noch mehr. Rekordhalter ist die Region Tula mit einer
Rentenquote von 27,4%. Periphere Gebiete des Landes wie der nördliche
Teil Sibiriens oder Teile des Kaukasus verzeichnen mit unter zehn
Prozent die geringste Quote. Die Gründe für diese ungleiche Verteilung
sind zahlreich. Für den niedrigen Anteil an Rentnern von 8,6% beim
Spitzenreiter Tschetschenien ist vor allem eine sehr hohe Geburtenrate
verantwortlich. In den Randgebieten Sibiriens und des Fernen Ostens
sorgen die harten und unangenehmen Lebensbedingungen für Abwanderung in
die Regionen Zentralrusslands.
Das russische Rentensystem steckt
seit Jahren in großen finanziellen Schwierigkeiten. Sozialpolitiker
streben eingreifende Reformen an. Insbesondere die rasant steigenden
Lebenshaltungskosten machen Rentnern das Leben schwer. Höhere Bezüge
können aber durch den staatlichen Rentenfond in Zeiten unsicherer
Ölpreise kaum bezahlt werden. Dieser verschlingt im Jahr 2012 bereits
9,7% des russischen BIP.
Dennoch wird derzeit heftig über eine
Erhöhung der Renten diskutiert. Um den enormen Lebenshaltungskosten in
der Hauptstadt nachzukommen, hatte der Moskauer Oberbürgermeister Sergei
Sobjanin bereits Ende 2010 angekündigt, kein Moskauer Rentner werde
künftig weniger als 11.000 Rubel (262 Euro) erhalten. Bezahlt werden die
erhöhten Bezüge durch Zuschüsse der Stadtregierung.
Der Ausschuss
zur Rentenreform "Strategie 2020" schlägt ein System basierend auf
einem freiwilligen Aufschub des Eintrittsalters vor. Das meldete die
Nachrichtenagentur Prime. Männer, die das 60. Lebensjahr, und Frauen,
die das 55. Lebensjahr erreichen, sollen die Wahl haben: Entweder sie
beziehen ihre Rente auf Höhe des Grundtarifes sofort, oder sie
verzichten freiwillig für einen Zeitraum zwischen einem und fünf Jahren
und erhalten anschließend eine höhere Rente. Die Bezüge könnten dadurch
um bis zu 57% steigen. Eine durchschnittliche weibliche Rentnerin könnte
also noch fünf Jahre bis zum Bezugsbeginn im Alter von 60 Jahren
weiterarbeiten. Dadurch würde sich ihre Rente auf 22.400 Rubel (533
Euro) erhöhen. Zum Vergleich: Würde sie mit 55 Jahren in Rente gehen,
stünden ihr gerade einmal 8.700 Rbl (207 Euro) zu. Selbst Rentner, die
bereits Bezüge erhalten, sollen in der Lage sein, nachträglich an diesem
Programm teilzunehmen.
Das Meinungsforschungsinstitut
Obschestwennoje Mneniie fand bei einer Befragung von 2.500 kurz vor der
Pensionierung stehenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern heraus, dass
55% auch nach Erreichen des Eintrittsalters weiterarbeiten wollen. Fast
zwei Drittel der in insgesamt 61 Regionen ansässigen Arbeitnehmer
hoffen dies an ihrem derzeitigen Arbeitsplatz zu tun. Diese Arbeitnehmer
seien momentan in der Lage, ohne staatliche Bezüge zu leben. Viele von
ihnen würden die Möglichkeit nutzen, ihre Kaufkraft drastisch zu
erhöhen, dafür aber auf den Rentenanspruch ab 55 bzw. 60 Jahre zu
verzichten, argumentiert der Ausschuss "Strategie 2020". Im
Gesundheitsministerium steht man dem Vorschlag nicht ablehnend, aber
dennoch verhalten gegenüber. "Alle Initiativen und Vorschläge müssen
sorgfältig geprüft werden", heißt es aus Kreisen des Ministeriums.
Ebenfalls
positiv auf die Kaufkraft dürfte sich ein weiterer Vorschlag des
Ausschusses "Strategie 2020" auswirken. Wie Prime meldet, empfiehlt die
Gruppe die Bemessungsgrenze für Besserverdienende auf 720.000 Rubel
(17.136 Euro) Jahresgehalt anzuheben. Das dürfte die Zahl der Personen
mit Beitragspflicht zum und Bezugsansprüchen aus dem staatlichen
Rentenfond deutlich erhöhen. Momentan fällt die Mittelklasse im größten
Land der Welt aus dem Rentenfonds, da ihr Einkommen zu hoch ist. Diese
Menschen sorgen in der Regel privat vor. Beispielsweise durch den Kauf
von Immobilien.
Weitere Belastungen für die leeren Pensionskassen
entstehen ab 2012 durch eine Reform der Sozialversicherungsbeiträge, die
in Russland allein die Unternehmen zu bezahlen haben. Sie werden von
aktuell 34 auf 30% gesenkt. Für Angestellte, deren Jahresverdienst
512.000 Rubel (12.185 Euro) übersteigt, fallen weitere 10% Beitrag an.
Auch hier kommt der Staat den Unternehmen entgegen, denn momentan ist
der Zuschlag von 10% bereits bei einem Gehalt von 463.000 Rubel (11.019
Euro) fällig.
Die demografische Entwicklung wird die Bedeutung der
russischen Ruheständler in Zukunft erhöhen. Laut Sergei Wasin, Forscher
am demographischen Institut der Moskauer Universität Higher School of
Economics, wird auf die Gesamtbevölkerung bezogen der Anteil alter
Menschen in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Bis ins Jahr 2008
profitierte die russische Wirtschaft von einer so genannten
demographischen Dividende. Deren Effekt war zu Beginn des neuen
Jahrtausends zu spüren. In diesem Zeitraum erreichten die
geburtenschwachen Jahrgänge des Zweiten Weltkriegs das Rentenalter und
entlasteten die Pensionsfonds. Außerdem profitierte die russische
Regierung und damit der Pensionsfonds in diesem Zeitraum von den
steigenden Ölpreisen.
Diese Phase sei jedoch vorbei, da die
geburtenschwachen Jahrgänge der neunziger Jahre zu einer Verringerung
der arbeitsfähigen Bevölkerung führen werden, so Wasin. Eine bloße
Erhöhung des Eintrittsalters hält der Rentenexperte nicht für sinnvoll,
da die Lebenserwartung dieser momentan noch nicht gerecht werde und das
Problem der unzureichenden Altersversorgung nur durch einen
fundamentalen, Sektor übergreifenden Reformprozess gelöst werden könne.
Klar
ist, dass eine Entscheidung nicht mehr lange auf sich warten lässt.
Gleich nach den Präsidentschaftswahlen im März 2012 soll feststehen, wie
das Defizit der Pensionskassen abgebaut und ob das Renteneintrittsalter
erhöht wird. Gesetzlich verbrieft werden soll die Reform noch Ende
2012. Kein Wunder, denn das Defizit des russischen Pensionssystems
dürfte sich 2011 auf 875 Mrd. Rubel belaufen (über 20 Mrd. Euro).
Kontaktanschrift
Nazionalnaja assoziazija pensionnych fondow
(Nationaler Verband der Pensionsfonds)
123022 Moskau, ul. Btoraja Swenigorodskaja 13, Gebäude 42
Tel.: 007 495/287 85 78
E-Mail: info@napf.ru, Internet: http://www.napf.ru
(H.B)
Zertifizierung, Registrierung. Zulassung und Deklarierung für Russland