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Dienstag, 17. Januar 2012

Russische Behörden wollen Alter für Renteneintritt erhöhen

Anzahl russischer Rentner wird steigen / Staatlicher Pensionsfonds verzeichnet Milliardendefizit / Von Lukas Jakob und Bernd Hones

Moskau (gtai) - Die Lebenserwartung in Russland steigt - und damit die Zahl der Rentner. Doch deren mickrige Bezüge decken kaum noch den Lebensunterhalt. Zurzeit werden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, die Renten zu erhöhen ohne den staatlichen Pensionsfond zu überlasten. Im Gespräch ist ein höheres Renteneintrittsalter. Wegen des demographischen Wandels wird aber selbst dann der Anteil der Rentner an der gesamten Kaufkraft der Bevölkerung steigen.

Unabhängig vom individuellen Anstieg der Bezüge werden Ruheständler im größten Land der Welt eine immer wichtigere Rolle spielen. Frauen werden im Schnitt 75 Jahre, Männer 63 Jahre alt - das ist wesentlich mehr als noch vor fünf Jahren. Durch die sich wieder positiv entwickelnde Lebenserwartung steigt die relative Kaufkraft der älteren Bevölkerungsschicht. Wenn dann auch noch die Bezüge steigen, wirkt sich das direkt auf den Konsum aus, denn die Sparquote der Senioren in Russland ist extrem gering. Vor allem die Pharmabranche und die Lebensmittelindustrie können von dem demographischen Trend profitieren. Teure Konsumgüter und Reisen bleiben für den durchschnittlichen russischen Rentner aber weiterhin unerschwinglich.
Nur wenige der 39 Mio. russischen Rentner verbringen einen finanziell entspannten Lebensabend. Zwar existiert mit dem Pensionnyi Fond Rossiskoi Federazi (Pensionsfonds der Russischen Föderation) bereits seit 1990 ein staatlicher Rentenfonds. Ein Rentner erhält im Schnitt 8.700 Rubel (207 Euro, Wechselkurs nach Bundesbank vom 24.11.11: 1Rubel = 0,0238 Euro) pro Monat.
Das Renteneintrittsalter liegt für Männer bei 60 Jahren, Frauen können bereits mit 55 aus dem Berufsleben ausscheiden. Im Jahr 2012 werden die durchschnittlichen Bezüge laut der Nachrichtenagentur Prime um 14% auf 10.000 Rubel (238 Euro) steigen und somit etwas über der Inflationsrate liegen. Der Konsumentenpreisindex lag 2009 und 2010 jeweils bei 8,8% und dürfte 2011 nur unwesentlich niedriger ausfallen.
Renten in der Russischen Föderation (in Euro pro Monat)

2007 2008 2009 2010 2012*) 2014*)
Höhe der Durchschnittsrente im Monat 89 115 118 186 238 286
*) Prognose
Quellen: Rosstat, Staatlicher Rentenfonds (zitiert von Nachrichtenagentur Prime)
Der Anteil an Rentnern ist in Russland stark von der Region abhängig. Einen sehr hohen Anteil haben dabei die Städte Moskau und Sankt Petersburg, sowie die Ballungsregionen im europäischen Teil des Landes. In diesen Gebieten ist Rosstat zufolge jeder vierte Einwohner im Rentenalter, teils sogar noch mehr. Rekordhalter ist die Region Tula mit einer Rentenquote von 27,4%. Periphere Gebiete des Landes wie der nördliche Teil Sibiriens oder Teile des Kaukasus verzeichnen mit unter zehn Prozent die geringste Quote. Die Gründe für diese ungleiche Verteilung sind zahlreich. Für den niedrigen Anteil an Rentnern von 8,6% beim Spitzenreiter Tschetschenien ist vor allem eine sehr hohe Geburtenrate verantwortlich. In den Randgebieten Sibiriens und des Fernen Ostens sorgen die harten und unangenehmen Lebensbedingungen für Abwanderung in die Regionen Zentralrusslands.
Das russische Rentensystem steckt seit Jahren in großen finanziellen Schwierigkeiten. Sozialpolitiker streben eingreifende Reformen an. Insbesondere die rasant steigenden Lebenshaltungskosten machen Rentnern das Leben schwer. Höhere Bezüge können aber durch den staatlichen Rentenfond in Zeiten unsicherer Ölpreise kaum bezahlt werden. Dieser verschlingt im Jahr 2012 bereits 9,7% des russischen BIP.
Dennoch wird derzeit heftig über eine Erhöhung der Renten diskutiert. Um den enormen Lebenshaltungskosten in der Hauptstadt nachzukommen, hatte der Moskauer Oberbürgermeister Sergei Sobjanin bereits Ende 2010 angekündigt, kein Moskauer Rentner werde künftig weniger als 11.000 Rubel (262 Euro) erhalten. Bezahlt werden die erhöhten Bezüge durch Zuschüsse der Stadtregierung.
Der Ausschuss zur Rentenreform "Strategie 2020" schlägt ein System basierend auf einem freiwilligen Aufschub des Eintrittsalters vor. Das meldete die Nachrichtenagentur Prime. Männer, die das 60. Lebensjahr, und Frauen, die das 55. Lebensjahr erreichen, sollen die Wahl haben: Entweder sie beziehen ihre Rente auf Höhe des Grundtarifes sofort, oder sie verzichten freiwillig für einen Zeitraum zwischen einem und fünf Jahren und erhalten anschließend eine höhere Rente. Die Bezüge könnten dadurch um bis zu 57% steigen. Eine durchschnittliche weibliche Rentnerin könnte also noch fünf Jahre bis zum Bezugsbeginn im Alter von 60 Jahren weiterarbeiten. Dadurch würde sich ihre Rente auf 22.400 Rubel (533 Euro) erhöhen. Zum Vergleich: Würde sie mit 55 Jahren in Rente gehen, stünden ihr gerade einmal 8.700 Rbl (207 Euro) zu. Selbst Rentner, die bereits Bezüge erhalten, sollen in der Lage sein, nachträglich an diesem Programm teilzunehmen.
Das Meinungsforschungsinstitut Obschestwennoje Mneniie fand bei einer Befragung von 2.500 kurz vor der Pensionierung stehenden Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern heraus, dass 55% auch nach Erreichen des Eintrittsalters weiterarbeiten wollen. Fast zwei Drittel der in insgesamt 61 Regionen ansässigen Arbeitnehmer hoffen dies an ihrem derzeitigen Arbeitsplatz zu tun. Diese Arbeitnehmer seien momentan in der Lage, ohne staatliche Bezüge zu leben. Viele von ihnen würden die Möglichkeit nutzen, ihre Kaufkraft drastisch zu erhöhen, dafür aber auf den Rentenanspruch ab 55 bzw. 60 Jahre zu verzichten, argumentiert der Ausschuss "Strategie 2020". Im Gesundheitsministerium steht man dem Vorschlag nicht ablehnend, aber dennoch verhalten gegenüber. "Alle Initiativen und Vorschläge müssen sorgfältig geprüft werden", heißt es aus Kreisen des Ministeriums.
Ebenfalls positiv auf die Kaufkraft dürfte sich ein weiterer Vorschlag des Ausschusses "Strategie 2020" auswirken. Wie Prime meldet, empfiehlt die Gruppe die Bemessungsgrenze für Besserverdienende auf 720.000 Rubel (17.136 Euro) Jahresgehalt anzuheben. Das dürfte die Zahl der Personen mit Beitragspflicht zum und Bezugsansprüchen aus dem staatlichen Rentenfond deutlich erhöhen. Momentan fällt die Mittelklasse im größten Land der Welt aus dem Rentenfonds, da ihr Einkommen zu hoch ist. Diese Menschen sorgen in der Regel privat vor. Beispielsweise durch den Kauf von Immobilien.
Weitere Belastungen für die leeren Pensionskassen entstehen ab 2012 durch eine Reform der Sozialversicherungsbeiträge, die in Russland allein die Unternehmen zu bezahlen haben. Sie werden von aktuell 34 auf 30% gesenkt. Für Angestellte, deren Jahresverdienst 512.000 Rubel (12.185 Euro) übersteigt, fallen weitere 10% Beitrag an. Auch hier kommt der Staat den Unternehmen entgegen, denn momentan ist der Zuschlag von 10% bereits bei einem Gehalt von 463.000 Rubel (11.019 Euro) fällig.
Die demografische Entwicklung wird die Bedeutung der russischen Ruheständler in Zukunft erhöhen. Laut Sergei Wasin, Forscher am demographischen Institut der Moskauer Universität Higher School of Economics, wird auf die Gesamtbevölkerung bezogen der Anteil alter Menschen in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Bis ins Jahr 2008 profitierte die russische Wirtschaft von einer so genannten demographischen Dividende. Deren Effekt war zu Beginn des neuen Jahrtausends zu spüren. In diesem Zeitraum erreichten die geburtenschwachen Jahrgänge des Zweiten Weltkriegs das Rentenalter und entlasteten die Pensionsfonds. Außerdem profitierte die russische Regierung und damit der Pensionsfonds in diesem Zeitraum von den steigenden Ölpreisen.
Diese Phase sei jedoch vorbei, da die geburtenschwachen Jahrgänge der neunziger Jahre zu einer Verringerung der arbeitsfähigen Bevölkerung führen werden, so Wasin. Eine bloße Erhöhung des Eintrittsalters hält der Rentenexperte nicht für sinnvoll, da die Lebenserwartung dieser momentan noch nicht gerecht werde und das Problem der unzureichenden Altersversorgung nur durch einen fundamentalen, Sektor übergreifenden Reformprozess gelöst werden könne.
Klar ist, dass eine Entscheidung nicht mehr lange auf sich warten lässt. Gleich nach den Präsidentschaftswahlen im März 2012 soll feststehen, wie das Defizit der Pensionskassen abgebaut und ob das Renteneintrittsalter erhöht wird. Gesetzlich verbrieft werden soll die Reform noch Ende 2012. Kein Wunder, denn das Defizit des russischen Pensionssystems dürfte sich 2011 auf 875 Mrd. Rubel belaufen (über 20 Mrd. Euro).

Kontaktanschrift

Nazionalnaja assoziazija pensionnych fondow
(Nationaler Verband der Pensionsfonds)
123022 Moskau, ul. Btoraja Swenigorodskaja 13, Gebäude 42
Tel.: 007 495/287 85 78
E-Mail: info@napf.ru, Internet: http://www.napf.ru
(H.B)

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