Ausbau der Infrastruktur entlang der arktischen Route / Moskau erhofft hohe Einnahmen durch Transitgebühren / Von Gerit Schulze
Moskau
(gtai) - Russische und internationale Unternehmen nutzen verstärkt den
Nördlichen Seeweg, um Güter nach Asien zu transportieren. Moskau will
die arktische Route ausbauen und in den kommenden drei Jahren eine halbe
Milliarde Euro in die Infrastruktur entlang der Strecke investieren.
Erste ausländische Reedereien nutzen die Nordostpassage bereits als
Transitroute. Einige Experten erwarten auf dem Seeweg bereits
Verkehrsströme, welche die Kapazitäten der Transsibirischen Eisenbahn
übertreffen könnten.
Russlands Staatsführung richtet den Blick nach Norden. In den
lange Zeit vernachlässigten Regionen der Arktis will Moskau zukünftig
wieder mehr investieren und Kapital aus der geographischen Lage
schlagen. Umgerechnet 500 Mio. Euro fließen in den kommenden drei Jahren
in den Ausbau der Infrastruktur für die Nordostpassage, erklärte
Ministerpräsident Wladimir Putin Ende November 2011. Bislang fehlen vor
allem moderne Telekommunikations- und Navigationssysteme sowie gut
ausgebaute Häfen. Das gilt vor allem für den östlichen Teil der
Nordostpassage.
Der russische Zivilschutz wird zehn
Rettungszentren für etwa 25 Mio. Euro in den arktischen Regionen
aufbauen. Ein erstes Pilotprojekt entsteht in der Stadt Dudinka am
Unterlauf des Jenissej. Der Ort ist ein wichtiger Umschlagplatz für
Seetransporte von Sibirien nach Murmansk.
Eine weitere Milliarde
Euro will die Regierung bis 2014 für die Modernisierung der
Eisbrecher-Flotte bereit stellen. Derzeit hat Russland sechs
Atomeisbrecher sowie einen atomgetriebenen Barge-Container-Carrier für
Fahrten in arktischen Gewässern im Einsatz. Bis 2020 sollen drei neue
Atomeisbrecher und sechs neue dieselgetriebene Eisbrecher von der Werft
"Baltijski sawod" (Sankt Petersburg) gebaut werden.
Damit macht
sich Russland fit für einen möglichen Boom der Nordostpassage. In den
arktischen Gewässern Barentssee und Karasee stehen riesige
Offshore-Rohstoffprojekte an, für deren Erschließung und Abtransport ein
regelmäßiger Schiffsverkehr notwendig ist. Daneben möchte Moskau Geld
verdienen mit Transitverkehren entlang des Nördlichen Seewegs. Nach
russischen Angaben sind Schiffe auf der Strecke Rotterdam - Yokohama
(Japan) nur 20 Tage unterwegs, wenn sie die Nordostpassage wählen. Bei
der Route durch den Indischen Ozean würde die Fahrt 33 Tage dauern.
Immer
mehr Unternehmen nutzen die Strecke schon heute, um Güter von Europa
nach Asien zu transportieren. Der zweitgrößte Gasproduzent Russlands,
Nowatek, ließ 2011 zehn Tanker Richtung Südkorea, Thailand und China
durch das Eis navigieren, um 600.000 Tonnen Gaskondensat an seine Kunden
zu liefern - achtmal so viel wie ein Jahr zuvor. Auch die größte
russische Reederei Sowkomflot und die Murmansker Reederei MSCO haben die
Passage ausgiebig genutzt. Erstmals wurde dabei ein Tanker der
Suezmax-Klasse mit 120.000 Tonnen Gaskondensat auf die Reise geschickt.
Die Sankt Petersburger Reederei Sewero-Sapadnoje parochodstwo (http://www.nwsc.spb.ru)
hat 2011 rund 100.000 Tonnen Fracht auf dem Nördlichen Seeweg
transportiert. Dazu gehörten Baustoffe und Pipelineröhren, die zu
Baustellen auf der Jamal-Halbinsel und in Häfen der Barentssee gebracht
wurden. Außerdem wurden 3.000 Tonnen Fracht zur Baustelle der
Chemiefabrik Tobolsk-Polimer gebracht. Tobolsk befindet sich in Sibirien
am Fluss Irtysch, der über die Karasee erreichbar ist.
Eine
eigene Flotte eisfester Schiffe unterhält der Metallurgie-Konzern
Norilski Nikel. Über die Häfen Dudinka und Dikson bringt das Unternehmen
Nickel und Kupfer nach Asien und nimmt auf dem Rückweg Ausrüstungen und
Konsumgüter mit in die Region Norilsk. Die Schiffe können die Strecke
ohne Eisbrecher-Unterstützung bewältigen und sind bereits nach etwa 20
Tagen in Schanghai (über den Suezkanal in 65 Tagen).
In
entgegengesetzter Richtung - von Russlands Fernem Osten nach Sankt
Petersburg - wurden 2011 erstmals Fischprodukte auf der Nordostpassage
transportiert. In einer Testfahrt hat die Reederei Dalrifer
(http://dalreefer.ru) mit Kühlschiffen knapp 10.000 Tonnen aus
Wladiwostok und Petropawlowsk-Kamtschatski in die Newa-Metropole
gebracht. Die russische Regierung will die Transportgebühren für Fisch
auf der Nordostpassage deutlich senken, so dass schon für 2012 mit einem
Transportvolumen von 100.000 Tonnen gerechnet wird.
Nach Angaben
von Rosatomflot - dem Betreiber der russischen Atomeisbrecher-Flotte -
wurde 2011 ein neuer Rekord in der neueren Geschichte der Nordpassage
aufgestellt. Bis Mitte November wurden 820.000 Tonnen Transitfracht
transportiert (2010: 110.000 Tonnen) und 2 Mio. Tonnen im
innerrussischen Verkehr. Die Zahl der Transitpassagen hat sich von vier
auf 34 erhöht.
Damit kommt der Verkehr entlang des Nördlichen
Seeweges wieder in Schwung. In den 1990er Jahren erreichten die
Transportvolumina kaum mehr als 1,4 Mio. Tonnen pro Jahr; 2010 lag das
Volumen bei 1,8 Mio. Tonnen. Der historische Rekord stammt aus
Sowjetzeiten: Im Jahr 1987 wurden 6,7 Mio. Tonnen Güter durch die Arktis
transportiert.
Für 2012 ist ein Frachtvolumen von 5 Mio. Tonnen
geplant. Perspektivisch sind 60 Mio. bis 80 Mio. Tonnen möglich, glauben
Regierungsvertreter. Damit würde der Nördliche Seeweg sogar der
wichtigsten Verkehrsader Russlands - der Transsibirischen Eisenbahn -
Konkurrenz machen. Auf dem Schienenstrang können pro Jahr rund 100 Mio.
Tonnen Güter transportiert werden.
Ein ambitioniertes Bauvorhaben
Russlands sieht vor, eine 1.200 Kilometer lange Eisenbahnstrecke von
Perm über Syktywkar (Republik Komi) bis nach Archangelsk am Weißen Meer
zu bauen. Das Vorhaben "Belkomur" kostet rund 10 Mrd. Euro und ist
Bestandteil der russischen Transportstrategie bis 2030. Damit bekäme die
Transsib direkten Anschluss an die Schifffahrtswege im Hohen Norden.
Durch
die wachsende Bedeutung der Nordostpassage würde auch die
Gebietshauptstadt Murmansk aufgewertet. Die Hafenstadt ist nicht nur
Standort für die russische Atomeisbrecher-Flotte. Hier kommen auf dem
Schienenweg auch die Öllieferungen aus Westsibirien an und werden auf
Tanker umgeladen. Lukoil unterhält in Murmansk eine Filiale, die auf die
Betankung von eisfesten Schiffen spezialisiert ist. Zweitwichtigster
Hafen an der Nordostpassage ist Archangelsk. Dort müssen die Hafenbecken
vertieft werden, um große Schiffe beladen zu können.
Anfang
Dezember 2011 hat die Staatsduma ein Gesetz verabschiedet, das den
rechtlichen Rahmen für die Nutzung der Nordostpassage abstecken soll.
Das Gesetz stellt klar, dass der Schiffsverkehr in Russlands arktischen
Gewässern ausschließlich von staatlichen Behörden autorisiert werden
darf. Dafür wird eine neue Behörde gegründet, die auch für die
Sicherheit des Schiffsverkehrs und für ökologische Fragen zuständig sein
wird. Für die Durchfahrt soll eine sogenannte arktische Schiffsteuer
erhoben werden. Außerdem müssen die Dienstleistungen der Eisbrecher- und
Lotsenflotte bezahlt werden.
In dem Gesetz ist festgehalten, dass
russische und ausländische Reedereien gleichermaßen Zugang zu den
arktischen Seefahrtsrouten bekommen sollen. Die dänische Nordic Bulk
Carriers (http://www.nordicbulkcarriers.com)
war 2010 nach eigenen Angaben das erste westliche
Schifffahrtsunternehmen, das den Nördlichen Seeweg als Transitstrecke
für kommerzielle Transporte genutzt hat (70.000 Tonnen
Eisenerzkonzentrat von Norwegen nach China). Die Strecke sei kürzer,
sicherer und umweltfreundlicher als die Route über den Suezkanal,
berichtet das Unternehmen. Allein 750 Tonnen Treibstoff wurden pro
Strecke eingespart. Im Sommer 2011 hatte Nordic Bulk Carriers ein
zweites Schiff mit 70.000 Tonnen Erzkonzentraten auf die Reise durch die
Nordpassage geschickt.
Bei den Entwicklungsplänen für den
arktischen Transit kommen Russland auch die Veränderungen des globalen
Klimas zugute. Die Navigationsperiode entlang des Nördlichen Seeweges
war 2011 einen ganzen Monat länger als im Jahr zuvor und dauerte von
Juni bis November. Ein großer Vorteil gegenüber der Strecke durch den
Suezkanal wird aber trotz globaler Erwärmung nicht so schnell dahin
schmelzen: In den arktischen Gewässern sind noch keine Piraten gesichtet
worden.
Kontaktanschrift
Federalnoje agentstwo morskowo i retschnowo transporta
(Föderale Agentur für See- und Flusstransporte)
125993 Moskau, uliza Petrowka 3/6
Tel.: 007 495 / 626 11 00, Fax: -626 15 62
Internet: http://www.morflot.ru
(S.Z.)
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