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Freitag, 20. Januar 2012

Verkehrsströme auf Russlands Nordostpassage wachsen

Ausbau der Infrastruktur entlang der arktischen Route / Moskau erhofft hohe Einnahmen durch Transitgebühren / Von Gerit Schulze

Moskau (gtai) - Russische und internationale Unternehmen nutzen verstärkt den Nördlichen Seeweg, um Güter nach Asien zu transportieren. Moskau will die arktische Route ausbauen und in den kommenden drei Jahren eine halbe Milliarde Euro in die Infrastruktur entlang der Strecke investieren. Erste ausländische Reedereien nutzen die Nordostpassage bereits als Transitroute. Einige Experten erwarten auf dem Seeweg bereits Verkehrsströme, welche die Kapazitäten der Transsibirischen Eisenbahn übertreffen könnten.

Russlands Staatsführung richtet den Blick nach Norden. In den lange Zeit vernachlässigten Regionen der Arktis will Moskau zukünftig wieder mehr investieren und Kapital aus der geographischen Lage schlagen. Umgerechnet 500 Mio. Euro fließen in den kommenden drei Jahren in den Ausbau der Infrastruktur für die Nordostpassage, erklärte Ministerpräsident Wladimir Putin Ende November 2011. Bislang fehlen vor allem moderne Telekommunikations- und Navigationssysteme sowie gut ausgebaute Häfen. Das gilt vor allem für den östlichen Teil der Nordostpassage.
Der russische Zivilschutz wird zehn Rettungszentren für etwa 25 Mio. Euro in den arktischen Regionen aufbauen. Ein erstes Pilotprojekt entsteht in der Stadt Dudinka am Unterlauf des Jenissej. Der Ort ist ein wichtiger Umschlagplatz für Seetransporte von Sibirien nach Murmansk.
Eine weitere Milliarde Euro will die Regierung bis 2014 für die Modernisierung der Eisbrecher-Flotte bereit stellen. Derzeit hat Russland sechs Atomeisbrecher sowie einen atomgetriebenen Barge-Container-Carrier für Fahrten in arktischen Gewässern im Einsatz. Bis 2020 sollen drei neue Atomeisbrecher und sechs neue dieselgetriebene Eisbrecher von der Werft "Baltijski sawod" (Sankt Petersburg) gebaut werden.
Damit macht sich Russland fit für einen möglichen Boom der Nordostpassage. In den arktischen Gewässern Barentssee und Karasee stehen riesige Offshore-Rohstoffprojekte an, für deren Erschließung und Abtransport ein regelmäßiger Schiffsverkehr notwendig ist. Daneben möchte Moskau Geld verdienen mit Transitverkehren entlang des Nördlichen Seewegs. Nach russischen Angaben sind Schiffe auf der Strecke Rotterdam - Yokohama (Japan) nur 20 Tage unterwegs, wenn sie die Nordostpassage wählen. Bei der Route durch den Indischen Ozean würde die Fahrt 33 Tage dauern.
Immer mehr Unternehmen nutzen die Strecke schon heute, um Güter von Europa nach Asien zu transportieren. Der zweitgrößte Gasproduzent Russlands, Nowatek, ließ 2011 zehn Tanker Richtung Südkorea, Thailand und China durch das Eis navigieren, um 600.000 Tonnen Gaskondensat an seine Kunden zu liefern - achtmal so viel wie ein Jahr zuvor. Auch die größte russische Reederei Sowkomflot und die Murmansker Reederei MSCO haben die Passage ausgiebig genutzt. Erstmals wurde dabei ein Tanker der Suezmax-Klasse mit 120.000 Tonnen Gaskondensat auf die Reise geschickt.
Die Sankt Petersburger Reederei Sewero-Sapadnoje parochodstwo (http://www.nwsc.spb.ru) hat 2011 rund 100.000 Tonnen Fracht auf dem Nördlichen Seeweg transportiert. Dazu gehörten Baustoffe und Pipelineröhren, die zu Baustellen auf der Jamal-Halbinsel und in Häfen der Barentssee gebracht wurden. Außerdem wurden 3.000 Tonnen Fracht zur Baustelle der Chemiefabrik Tobolsk-Polimer gebracht. Tobolsk befindet sich in Sibirien am Fluss Irtysch, der über die Karasee erreichbar ist.
Eine eigene Flotte eisfester Schiffe unterhält der Metallurgie-Konzern Norilski Nikel. Über die Häfen Dudinka und Dikson bringt das Unternehmen Nickel und Kupfer nach Asien und nimmt auf dem Rückweg Ausrüstungen und Konsumgüter mit in die Region Norilsk. Die Schiffe können die Strecke ohne Eisbrecher-Unterstützung bewältigen und sind bereits nach etwa 20 Tagen in Schanghai (über den Suezkanal in 65 Tagen).
In entgegengesetzter Richtung - von Russlands Fernem Osten nach Sankt Petersburg - wurden 2011 erstmals Fischprodukte auf der Nordostpassage transportiert. In einer Testfahrt hat die Reederei Dalrifer (http://dalreefer.ru) mit Kühlschiffen knapp 10.000 Tonnen aus Wladiwostok und Petropawlowsk-Kamtschatski in die Newa-Metropole gebracht. Die russische Regierung will die Transportgebühren für Fisch auf der Nordostpassage deutlich senken, so dass schon für 2012 mit einem Transportvolumen von 100.000 Tonnen gerechnet wird.
Nach Angaben von Rosatomflot - dem Betreiber der russischen Atomeisbrecher-Flotte - wurde 2011 ein neuer Rekord in der neueren Geschichte der Nordpassage aufgestellt. Bis Mitte November wurden 820.000 Tonnen Transitfracht transportiert (2010: 110.000 Tonnen) und 2 Mio. Tonnen im innerrussischen Verkehr. Die Zahl der Transitpassagen hat sich von vier auf 34 erhöht.
Damit kommt der Verkehr entlang des Nördlichen Seeweges wieder in Schwung. In den 1990er Jahren erreichten die Transportvolumina kaum mehr als 1,4 Mio. Tonnen pro Jahr; 2010 lag das Volumen bei 1,8 Mio. Tonnen. Der historische Rekord stammt aus Sowjetzeiten: Im Jahr 1987 wurden 6,7 Mio. Tonnen Güter durch die Arktis transportiert.
Für 2012 ist ein Frachtvolumen von 5 Mio. Tonnen geplant. Perspektivisch sind 60 Mio. bis 80 Mio. Tonnen möglich, glauben Regierungsvertreter. Damit würde der Nördliche Seeweg sogar der wichtigsten Verkehrsader Russlands - der Transsibirischen Eisenbahn - Konkurrenz machen. Auf dem Schienenstrang können pro Jahr rund 100 Mio. Tonnen Güter transportiert werden.
Ein ambitioniertes Bauvorhaben Russlands sieht vor, eine 1.200 Kilometer lange Eisenbahnstrecke von Perm über Syktywkar (Republik Komi) bis nach Archangelsk am Weißen Meer zu bauen. Das Vorhaben "Belkomur" kostet rund 10 Mrd. Euro und ist Bestandteil der russischen Transportstrategie bis 2030. Damit bekäme die Transsib direkten Anschluss an die Schifffahrtswege im Hohen Norden.
Durch die wachsende Bedeutung der Nordostpassage würde auch die Gebietshauptstadt Murmansk aufgewertet. Die Hafenstadt ist nicht nur Standort für die russische Atomeisbrecher-Flotte. Hier kommen auf dem Schienenweg auch die Öllieferungen aus Westsibirien an und werden auf Tanker umgeladen. Lukoil unterhält in Murmansk eine Filiale, die auf die Betankung von eisfesten Schiffen spezialisiert ist. Zweitwichtigster Hafen an der Nordostpassage ist Archangelsk. Dort müssen die Hafenbecken vertieft werden, um große Schiffe beladen zu können.
Anfang Dezember 2011 hat die Staatsduma ein Gesetz verabschiedet, das den rechtlichen Rahmen für die Nutzung der Nordostpassage abstecken soll. Das Gesetz stellt klar, dass der Schiffsverkehr in Russlands arktischen Gewässern ausschließlich von staatlichen Behörden autorisiert werden darf. Dafür wird eine neue Behörde gegründet, die auch für die Sicherheit des Schiffsverkehrs und für ökologische Fragen zuständig sein wird. Für die Durchfahrt soll eine sogenannte arktische Schiffsteuer erhoben werden. Außerdem müssen die Dienstleistungen der Eisbrecher- und Lotsenflotte bezahlt werden.
In dem Gesetz ist festgehalten, dass russische und ausländische Reedereien gleichermaßen Zugang zu den arktischen Seefahrtsrouten bekommen sollen. Die dänische Nordic Bulk Carriers (http://www.nordicbulkcarriers.com) war 2010 nach eigenen Angaben das erste westliche Schifffahrtsunternehmen, das den Nördlichen Seeweg als Transitstrecke für kommerzielle Transporte genutzt hat (70.000 Tonnen Eisenerzkonzentrat von Norwegen nach China). Die Strecke sei kürzer, sicherer und umweltfreundlicher als die Route über den Suezkanal, berichtet das Unternehmen. Allein 750 Tonnen Treibstoff wurden pro Strecke eingespart. Im Sommer 2011 hatte Nordic Bulk Carriers ein zweites Schiff mit 70.000 Tonnen Erzkonzentraten auf die Reise durch die Nordpassage geschickt.
Bei den Entwicklungsplänen für den arktischen Transit kommen Russland auch die Veränderungen des globalen Klimas zugute. Die Navigationsperiode entlang des Nördlichen Seeweges war 2011 einen ganzen Monat länger als im Jahr zuvor und dauerte von Juni bis November. Ein großer Vorteil gegenüber der Strecke durch den Suezkanal wird aber trotz globaler Erwärmung nicht so schnell dahin schmelzen: In den arktischen Gewässern sind noch keine Piraten gesichtet worden.

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