Marktexperten prognostizieren Einbruch bei süßen und halbsüßen Billigweinen / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Der Weinkonsum in Russland wird sich in den kommenden fünf
Jahren voraussichtlich sehr dynamisch entwickeln. Experten
prognostizieren vor allem im mittleren und im Premium-Segment einen
stabilen Nachfragezuwachs. Russen suchen zu Hause im Supermarkt, was sie
auf Urlaubsreisen lieb gewonnen haben. Hoch im Kurs stehen
französische, italienische und spanische Weine. Auch wenn deutsche Weine
im mittleren und oberen Preissegment eine gute Reputation haben - es
gibt kaum Importeure mit einem hochwertigen Sortiment.
Russinnen und Russen trinken immer mehr Wein. Seit 1995 hat sich
der Verbrauch in Russland verdoppelt auf 6,2 Liter pro Einwohner.
Tendenz: weiter steigend - und das noch mindestens die kommenden fünf
Jahre, prognostiziert das Marktforschungsinstitut Impact Databank. Zum
einen nimmt die Kaufkraft in Russland zu. Während im Jahr 2010 noch
13,1% der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebten, dürften es 2012 nur
noch 11,3% sein, sagt Jelena Porman, Direktorin der Moscow Wine Expo.
Das heißt: Rund 3 Millionen Russen mehr könnten sich künftig ab und an
eine Flasche qualitativ hochwertigen Weines kaufen.
Zum anderen
wächst die Nachfrage nach Qualitätswein, davon ist Wladislaw Roi von der
Firma Winberri überzeugt. Sowohl die Kaufkraft als auch die Kultur beim
Genuss von Alkoholika steigen. Das jährliche Wachstum bei
Elite-Alkoholika prognostiziert Roi je nach Segment auf 2 bis 4%. Die
Nachfrage nach Weinen nehme stabil zu, so der Geschäftsmann im Interview
mit der Wirtschaftszeitung "Wedomosti". Dieser Trend werde mindestens
drei bis fünf Jahre anhalten.
Auch Uwe Rößler, Geschäftsführer des
Selbstbedienungs-Großhandelsunternehmens Selgros, bestätigt den Trend
weg von süßen und halbtrockenen Weinen hin zu trockenen Weinen im
mittleren Preissegment zwischen 10 und 15 Euro. Dazu greifen immer mehr
Arbeitnehmer mit einem Einkommen zwischen 1.000 und 2.000 Euro pro
Monat, so Rößler. Und davon gebe es eine immer größere Anzahl. Das führe
dazu, dass der Markt stark umkämpft sei. Die Nase vorne haben bei
Selgros französische, italienische und spanische Weine. Aber die
Konkurrenz aus Übersee schläft nicht.
Im hochpreisigen Segment
zählen bei Selgros vor allem Franzosen und Italiener zu den Lieblingen
der russischen Konsumenten. Das kommt laut Rößler nicht von ungefähr.
"Russen sind sehr reisefreudig", sagt Rößler. "Weine, die sie im Urlaub
trinken, suchen sie auch zu Hause." Weil viele auf Deutschland-Reisen
schon einmal einen Burgunder oder einen Riesling probiert haben, hätten
deutsche Weine einen guten Ruf. "Aber es gibt keinen Importeur, der ein
vernünftiges Sortiment anbietet", kritisiert Rößler. Egal ob bei den
gehobenen Einzelhandelsketten Asbuka Wkusa und Perekrjostok, beim
Großhändler Metro oder den Hypermärkten Real und Globus - deutsche Weine
im mittleren oder Premium-Preissegment sind dort kaum vertreten. "Um
das zu ändern, müsste man deutsche Weine richtig promoten", meint der
Großhandelsexperte.
Genau dieses Ziel verfolgt Hans-Dieter
Weingärtner von der Wein-Managementfirma NomisGroup. "Die russischen
Verbraucher orientieren sich weg von süßen Billigweinen hin zu
mittelpreisigen trockenen Weinen", berichtet er von seinen Erfahrungen
bei Degustationen. Grau- oder Weißburgunder kämen ausgezeichnet an, aber
es gebe schlichtweg zu wenig deutsche Weine im mittleren Preissegment.
Im Gegensatz zu Billigweinen. Fast jeder Discounter führe süße oder
halbtrockene Weißweine aus Deutschland, wie etwa Liebfrauenmilch. Um in
Russland zu beweisen, dass Deutschland weit mehr zu bieten hat, bietet
die NomisGroup etwa auf der Nahrungsmittelmesse "Prodexpo"
Weinverköstigungen an.
Bislang dominieren jedoch Billigweine den
russischen Weinmarkt (nach Volumen gerechnet). Drei Viertel aller in
Russland verkauften Weine gehen zum Preis von bis zu 110 Rubel (rund
2,80 Euro; EZB-Kurs vom 7.2.2012: 1 Euro = 39,29 Rubel) über die
Ladentheke, wobei 45% bis zu 90 Rubel (rund 2,30 Euro) kosten, heißt es
beim Marktforschungsinstitut Ziffra.
Drei Viertel der in Russland
gekauften Weine sind süß oder halbsüß. Der Rest der Nachfrage entfällt
auf Tafelweine. Nur noch ein Zehntel ist hochprozentiger Portwein. Doch
das Verhältnis dürfte sich nicht nur aufgrund von Nachfrageänderungen
hin zu hochwertigen Tafelweinen verschieben, sondern auch aufgrund
gesetzlicher Änderungen. Seit November 2011 fallen halbsüße Weine nicht
mehr unter die Rubrik "Wein", sondern in die Kategorie "Weingetränke".
Zum 1. Juli 2012 wird die Akzise auf diese "Weingetränke" verfünffacht.
Die Folge: Der Abgabepreis dürfte von 110 auf 170 Rubel pro Flasche
steigen. Damit entfällt der Preisvorteil gegenüber manchen Tafelweinen.
Mehr
als ein Drittel der in Russland nachgefragten Weine werden importiert.
Damit ist das größte Land der Welt der viertgrößte Weinimporteur - nach
der Bundesrepublik Deutschland, Großbritannien und den USA. Russlands
wichtigster Weinlieferant ist Frankreich (gemessen am Wert). Im Jahr
2010 hat Frankreich Weine für knapp 140 Mio. US$ nach Russland
geliefert. Dahinter folgen Italien, Spanien, die Ukraine, die Republik
Moldau, Chile und Deutschland. Deutschland exportierte 2010 über 23 Mio.
Liter Wein nach Russland für 33,8 Mio. US$. Damit belief sich der dem
Zoll gemeldete Warenwert deutscher Weine im Schnitt auf 1,44 Euro.
Spitzenreiter Frankreich etwa hat (nur) doppelt so viel Wein nach
Russland exportiert, aber einen viermal so hohen Preis erzielt. Der
Liter französischen Weines wurde durchschnittlich auf einen Wert von
2,80 Euro taxiert.
Import von Weinen - wichtige Lieferländer
| 2009 (Mio. Liter) | 2009 (Mio. US$) | 2010 (Mio. Liter) | 2010 (Mio. US$) | |
| Natürliche Weine (HS-Codes 2204.21+2204.29) | 340,42 | 490,9 | 384,47 | 596,19 |
| davon aus: | ||||
| Frankreich | 35,8 | 104,0 | 49,7 | 139,4 |
| Italien | 47,4 | 76,5 | 106,5 | 126,3 |
| Spanien | 69,4 | 61,5 | 143,1 | 105,4 |
| Ukraine | 46,1 | 40,5 | 57,6 | 51,2 |
| Republik Moldau | 27,3 | 38,6 | 39,0 | 44,9 |
| Chile | 14,1 | 32,8 | 15,0 | 40,8 |
| Deutschland | 19,6 | 31,0 | 23,4 | 33,8 |
| Bulgarien | 27,2 | 32,0 | 23,6 | 27,6 |
Quelle: UN Comtrade
Ein Blick auf den beliebten Internetshop http://www.utkonos.ru
zeigt den Unterschied im Sortiment zwischen deutschen und französischen
Weinen. Der teuerste deutsche Wein kommt von der Mosel und ist für 6
Euro zu haben. Für den edelsten "Franzosen", einen Chateau Margaux aus
dem Jahr 2001, hat der anspruchsvolle Russe 27.419 Rubel zu zahlen. Das
sind umgerechnet knapp 700 Euro. Auch spanische, italienische oder
chilenische Weine sind in einer höheren Preiskategorie angesiedelt als
die Auswahl deutscher Weine bei Utkonos.
In Russland stellen 87
Betriebe selbst Wein her und decken mit Ihrer Produktion 70% des Marktes
ab. Allerdings produzieren sie laut russischem
Landwirtschaftsministerium nur rund 20 Mio. Dekaliter auf Basis eigener
Weintrauben. Den Rest der Inhaltsstoffe importieren sie unter der
Warenbezeichnung "Weinmaterial", um dieses in Russland zu Wein zu
verarbeiten.
Die Weinernte ist im Jahr 2011 um 11% auf 360.000 t
gestiegen, nach einem Plus von knapp 9% im Vorjahr. Davon kommen 80% aus
den beiden südrussischen Regionen Krasnodar und Dagestan. Auf die
Weinherstellung hat die größere Traubenernte jedoch keinen positiven
Einfluss genommen. Die Produktion von Tafelwein sank 2011 um 10,3% auf
40,4 Mio. Dekaliter und damit auf das Niveau von 2009 (nach Angaben der
russischen Statistikbehörde Rosstat). Der Präsident des Verbandes der
Russischen Winzer und Weinproduzenten, Leonid Popowitsch, führt das auf
den Mangel an Lizenzen zurück. Denn im Jahr 2011 liefen bei den meisten
Herstellern und Distributoren die 5-Jahres-Lizenzen für Alkohol aus. "Es
gab viele Fälle, in denen Unternehmen monatelang keine Erlaubnis
hatten. Das war am Jahresende nicht wieder aufzuholen", so Popowitsch
gegenüber der Wirtschaftszeitung "Kommersant". Außerdem sei die
Nachfrage 2011 um rund 5% gesunken.
Laut Informationen des
Marktforschungszentrums für föderale und regionale Alkoholmärkte
(ZIFRRA) werden in Russland auf gerade einmal 30.000 Hektar (ha) Wein
angebaut. Über das größte Anbaugebiet verfügt das Unternehmen Kuban Wino
mit 7.500 ha, dahinter folgt der Produzent Fanagorija mit 2.500 ha. Der
Agrobetrieb Sauk-Dere verfügt über 137 ha Rebfläche und will weitere
800 ha bepflanzen. Das Winzer-Unternehmen Nowokrymskoje hat erst im
April 2011 die Alkohollizenz erhalten. Mit Kapazitäten von 30.000
Dekaliter und 70 ha Weinanbaufläche nimmt sich der Betrieb für russische
Verhältnisse recht klein aus. Doch bis 2013 sollen die Rebfläche auf
200 ha und die Kapazitäten für Schaumweine auf 100.000 Dekaliter
erweitert werden.
Der ehemalige Landwirtschaftsminister Wiktor
Semjonow, Eigentümer des Gemüseproduzenten Belaja Datscha, hat im
Südosten Frankreichs einen 4 ha großen Weinberg übernommen. Beim
Partnerunternehmen Chateau de Roubine stellt seine Firmen jährlich
30.000 Flaschen Rotwein her. Davon werden 10.000 unter der Marke Blanche
Villa de Provence bei Metro Cash & Carry sowie bei Stockmann zum
Preis von knapp 20 Euro die Flasche vertrieben. "Mein Leben hätte nicht
ausgereicht, um in Russland guten Wein anzubauen", rechtfertigte der
Agrarinvestor sein Auslandsengagement gegenüber der Wirtschaftszeitung
"Wedomosti".
Kontaktanschrift
Sojus winogradarei i winodelow Rossi
(Union der Russischen Winzer und Weinproduzenten)
Orlikow pereulok 1/11, ofis 204, 107139 Moskau
Tel./Fax: 007 495/411 83 57
E-Mail: info@svvr.ru; Internet: http://www.svvr.ru
(H.B.)
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Messmitteln, Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für
Russland