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Donnerstag, 7. Juni 2012

Russland reaktiviert den zivilen Flugzeugbau

Staat konsolidierte die Branche / Finanzen auf wenige Projekte fokussiert / Rückschlag nach Absturz in Indonesien

Moskau (gtai) - Der zivile Flugzeugbau Russlands rückt durch den Absturz eines Suchoi Superjet 100 in Indonesien ungewollt in das Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Prompt wurden bis zur Klärung der Unfallursache erste Bestellungen zurückgezogen. Die Rückkehr an den Markt wird für Russlands Flugzeugwerften damit länger als geplant dauern.

Die heimische Flugzeugindustrie wird vom föderalen Ministerium für Industrie und Handel gestützt durch die politische Flankierung von Exportbemühungen und über die Industrie- und Forschungspolitik. Erklärtes Ziel ist es, unter den russischen Akteuren Synergieeffekte zu erzielen und den technologischen Abstand zu den internationalen Luftfahrtkonzernen zu verkürzen. Da der Industriezweig als fester Bestandteil der nationalen Sicherheit definiert wurde, fallen die Staatshilfen erheblich aus.

Die 2006 erfolgte Gründung des Staatskonsortiums Obedinjonnaja Awiastroitelnaja Korporazija (OAK / engl.: United Aircraft Corporation, UAC) hat zur Konsolidierung der Branche beigetragen. Dabei wurden die Flugzeugbauer Iljuschin, Tupolew, IRKUT, Suchoi und Mikojan-Gurewitsch unter einem gemeinsamen Dach neu aufgestellt. OAK ist zu 5% am europäischen Luftfahrtkonzern EADS beteiligt. EADS besitzt wiederum 10% der Kapitalanteile an IRKUT. Am zivilen Teil des Herstellers Suchoi ist die italienische Alenia Aeronautica zu 25% kapitalmäßig engagiert.

IRKUT signalisierte Interesse, mit EADS ein Gemeinschaftsunternehmen zur Montage der A320 zu gründen - ein Anliegen, das von der russischen Regierung unterstützt wird. So sollen Flugzeuge des Herstellers Airbus, die von russischen Luftfahrtunternehmen geordert werden, im Land hergestellt werden. Dabei wird auf die recht erfolgreiche Praxis in der Automobilindustrie verwiesen, wo Hersteller zoll- und steuerliche Stimuli erhalten, wenn sie örtliche Montagen oder gar komplette Produktionen aufziehen.

Die Montage der europäischen Flugzeuge könnte dann in den Hallen von IRKUT stattfinden. Zwar hat dieses Anliegen im März 2012 durch eine Anweisung des stellvertretenden Ministerpräsidenten Dmitrij Rogozin an das föderale Ministerium für Industrie und Handel und die OAK noch einmal Nachdruck erhalten. Dennoch hat sich das Ministerium bislang nicht offiziell an EADS gewandt.

Wie ein Ministerialsprecher der Tageszeitung "Izwestija" mitteilte, sei die in Russland abgesetzte Stückzahl von fünfzig A320 noch nicht groß genug, um Airbus für eine örtliche Montage interessieren zu können. Zugleich seien die russischen Flugzeugwerften mit der Durchführung eigener Programme ausreichend ausgelastet. So soll die Zahl der Passagierflugzeuge aus russischer Produktion von 20 (Stand 2011) auf 50 (Planung für 2013) steigen.

Gefertigt werden unter anderem das Regionalflugzeug Suchoi Superjet 100 (SSJ-100) sowie Prototypen des Mittelstreckenflugzeugs MS-21. Die MS-21 dürfte nach angelaufener Serienfertigung im direkten Wettbewerb mit der A320 stehen - ein Grund mehr für Airbus, sich gegenüber einer Montage in Russland reserviert zu zeigen.

Entwickelt wird die SSJ-100 durch den Hersteller Graschdanskije Samoljoty Suchowo (Zivilflugzeuge Suchoi / GSS) in Zusammenarbeit mit Alenia Aeronautica (Italien), Snecma (Frankreich) und Boeing (USA). Komponenten werden von 30 Herstellern aus dem In- und Ausland bezogen, darunter auch aus Deutschland. In die Entwicklungsarbeiten sind bislang 34 Mrd. Rubel (0,87 Mrd. Euro) geflossen, davon 16 Mrd. Rubel (0,4 Mrd. Euro) in Form öffentlicher Zuschüsse.

Nach dem Unglück in Indonesien muss höchstwahrscheinlich finanziell noch einmal nachgelegt werden, schon um das internationale Vertrauen in die Sicherheit des Flugzeugs zurückzugewinnen. Die Ratingagentur Fitch geht in einer ersten Stellungnahme zwar von einem Rückgang der Bestellungen aus. Doch von keiner Rückstufung des Kreditratings für den Flugzeugbauer GSS - hier verharrt Fitch bei "BB mit stabiler Prognose".

Bis zur endgültigen Klärung der Absturzursache hat die indonesische Fluggesellschaft Kartika Airlines ihre 30 Bestellungen zurückgezogen. Die russische Aeroflot versicherte dagegen, alle 30 georderten Maschinen übernehmen zu wollen, wovon 7 sogar schon ausgeliefert wurden. Ähnlich positiv wie Aeroflot äußerte sich die armenische Armavia, wogegen sich die russische Fluggesellschaft Jakutia reserviert zeigt.

Vor der Katastrophe lagen 168 Bestellungen für den SSJ-100 vor. Perspektivisch will GSS sogar 800 Maschinen bauen, etwa 70 Stück pro Jahr. Auf dem russischen Markt soll die SSJ-100 die in die Jahre gekommene TU-134 ersetzen und im Ausland mit einem moderaten Stückpreis überzeugen, neben ihrer modernen technischen Ausstattung. Unmittelbare Wettbewerber in dieser Flugzeugklasse sind die brasilianische Embraer und die kanadische Bombardier.

Erst im Mai 2012 hat Suchoi mit dem Flugzeugbauer Aviastar-SP aus Uljanowsk eine Vereinbarung geschlossen, wonach Aviastar-SP die Innenmontage der Fluggastkabinen übernimmt. Zu diesem Zweck fliegen halbfertige SSJ-100 von der Flugzeugwerft in Komsomolsk-am-Amur zum Einbau der Innenausstattung nach Uljanowsk.

Auf dem Firmengelände von Aviastar-SP befindet sich auch das Unternehmen Spektr-Avia, das am Ende des Fertigungsprozesses die Außenhaut nach den Vorgaben der übernehmenden Fluggesellschaft farblich gestaltet. Im Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen den Standorten Komsomolsk-am-Amur und Uljanowsk werden die Produktion zeitlich verkürzt und die Kapazitäten besser fokussiert.

Das föderale Ministerium für Industrie und Handel sieht den Schwerpunkt der internationalen Zusammenarbeit weniger in der Montage ganzer Flugzeuge, sondern eher in der Fertigung von Komponenten. Auf diese Art könnten russische Hersteller ihr technologisches Niveau wesentlich schneller auf einen international vergleichbaren Standard anheben, zum Beispiel im Triebwerksbau.

Auch könnten sich russische Komponentenhersteller in die Strategie großer Konzerne, unter anderem von Boeing, einordnen. Das US-Unternehmen montiert Flugzeuge ausschließlich in den USA, bezieht dafür aber Komponenten aus mehreren Ländern. Das Kooperationspotenzial mit russischen Zulieferern schätzt Boeing für die kommenden 30 Jahre auf 27 Mrd. US$.

Die Entwicklung russischer Leichtflugzeuge ist zum Teil ins Stocken geraten. Mit einem ermittelten Bedarf von circa 100 Maschinen pro Jahr, deren Absatz zudem durch Staatsgarantien gedeckt werden müsste, würden sich die Entwicklungskosten nicht rentieren. Für einen Vorstoß auf ausländische Märkte steht wiederum kein perspektivreiches Modell aus eigener Entwicklung zur Verfügung.

Einziger Hoffnungsträger ist das russische Modell Rysatschok mit Sitzplätzen für 16 Passagiere, das derzeit den Prozess der Zertifizierung durchläuft. Verläuft dieser erfolgreich, könnte das Flugzeug beim Verkauf auf staatliche Zuschüsse von 30% des Herstellerpreises rechnen, der etwa 1,5 Mio. US$ beträgt. Ein entsprechendes Programm zur Förderung von regionalen Flugverbindungen wurde bereits aufgelegt. Gebaut wird die Rysatschok durch das Unternehmen ZSKB-Progress am Standort Samara.

Ausländische Hersteller von leichten Flugzeugen für Regionalstrecken rechnen sich unterdessen gute Absatzchancen aus. Dazu gehört die französische Gruppe GECI mit dem Modell Skylander SK-105, ausgelegt für 19 Passagiere. Bis zu 300 Flugzeuge könnte der russische Markt nach Anschauungen des Herstellers in der Perspektive aufnehmen, zumal Vorverkaufsverträge für 17 Maschinen unterzeichnet wurden. So sollen von 2014 bis 2018 zehn Flugzeuge an die Regionalgesellschaft Vertikal-T und sieben weitere an Delta-K gehen.

Unabhängige Experten bezeichnen die Zukunftspläne von GECI als überambitioniert - Regionalfluglinien würden die für den Kauf notwendigen Mittel nur in Einzelfällen aufbringen können. Vom Bedarf her hätten die Franzosen jedoch recht: Von den registrierten 1700 Leichtflugzeugen mit Sitzen für 3 bis 19 Passagieren sind nur 587 einsatzbereit. Vom gesamten Bestand sind 82% der Flugzeuge über 20 Jahre alt.

Um eine Zertifizierung bemüht sich ebenfalls Bombardier. Der kanadische Hersteller will das Mittelstreckenflugzeug Dash 8Q-400 auf den russischen Markt bringen. Das Modell würde dann direkt gegen die bereits fliegende ATR-72 konkurrieren. (U.U.)

Kontaktanschrift

Obedinjonnaja Awiastroitelnaja Korporazija (OAK)
Ulanskij pereulok 22, 101000 Moskau, Russische Föderation
Tel.: 007/495/926 14 20, Fax: -926 14 21

Publikationshinweis

Branchenanalyse "Russland - Flugzeugindustrie"
Hrsg.: Germany Trade & Invest, 52 Seiten, September 2011


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland