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Montag, 26. November 2012

Russland bezuschusst Bau von Gemüse-Treibhäusern

Importe dürften dennoch steigen / Schlechte Logistik und zu wenig Kühl- und Lagerräume verteuern Waren / Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Kartoffeln, Paprika, Tomaten - Russland muss 60% seines Gemüsekonsums mit Lieferungen aus dem Ausland decken. Dieser Anteil könnte noch steigen, denn eine desolate Logistik, fehlende Weiterverarbeitungskapazitäten und zu viele Zwischenhändler verteuern russische Gemüsesorten immens. Russlands Landwirtschaftsministerium steuert gegen und subventioniert Treibhäuser. In einigen Regionen entstehen bereits neue Projekte. Doch diese könnten letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein. 

Russland ist das größte Land der Welt mit riesigen Agrarflächen. Auch die Qualität vieler Böden - etwa in den Schwarzerdegebieten Russlands - ist ideal. Dennoch müssen viele Lebensmittel importiert werden. Das gilt für Rindfleisch und für Käse. Russland ist der größte Teeimporteur der Welt. Sogar der Import von Gemüse und Obst steigt von Jahr zu Jahr.

Kein Wunder: Denn in den vergangenen Jahren stieg der Verbrauch von Obst und Gemüse im Schnitt um 15 bis 20% auf zuletzt knapp 35 Mio. t. Ohne Kartoffeln dürfte das Volumen bei 17 Mio. bis 20 Mio. t gelegen haben. Laut Marktforschungsinstitut UK Finam Menedschment entsprach dies einem Wert von 7,5 Mrd. bis 10 Mrd. US$.
Russland bezieht einen Großteil des Obstes und Gemüses aus dem Ausland. Geerntet wurden 2011 lediglich 12 Mio. bis 13 Mio. t. Davon entfallen 70% auf Privatleute, rund 19% auf große Landwirtschaftsbetriebe und 11% auf private Bauern. Die beste Ernte gibt es in den Schwarzerderegionen Woronesch, Belgorod, Rostow am Don und Kursk. Günstige klimatische Bedingungen finden sich zudem im den Gebieten Krasnodar, Wolgograd, Astrachan und Stawropol.

Wegen der Trockenheit zum Sommeranfang und verringerter Anbauflächen dürfte der Ertrag in der Russischen Föderation 2012 geringer ausfallen. Die Folge: Gemüse wird teurer. Und zwar ganz gewaltig. Laut einer Expertenumfrage der Zeitung Ekonomika i Schisn dürften die Gemüsepreise in den Wintermonaten 2012/2013 um 50% steigen. Die Hersteller würden schlichtweg nicht mehr zu den bisherigen Preisen liefern. Einige Fachleute sind sogar sicher: Die Gemüsepreise könnten in diesem Jahr sogar die Inflationsrate beeinflussen.

Vor allem die geringere Anbaufläche dürfte 2012 zu einer niedrigeren Ernte führen. Das ist eine direkte Folge des schlechten Jahres 2010 mit extremer Dürre und der darauffolgenden Erntesteigerung 2011 um 44%. Viele Agrarbetriebe konnten 2011 wegen der allseits guten Ernte ihre Produkte nicht verkaufen. Deshalb verringerten viele Bauern, aber auch Privatleute 2012 die Aussaat. Das Landwirtschaftsministerium spricht von 0,7% weniger Anbaufläche, also insgesamt 0,7 Mio. Hektar.

Schuld an der Misere tragen unter anderem die komplizierten und langkettigen Vertriebsmodelle: Eine ganze Reihe von Zwischenhändlern verdient mit und treibt die Preise in die Höhe, die Bauern hingegen müssen sich mit Mini-Erlösen begnügen. Ein Kilo Wassermelone in Astrachan kostet 1 Rubel (2,5 Cent) und die Tomaten 5 Rubel pro Kilo (13 Cent). In Moskau verkaufen illegale Wanderarbeiter das Kilo Wassermelonen für 25 Rubel und die Tomaten ab 50 Rubel. Einfache Bauern können ihre günstige Ware nicht in die Megastädte Russlands transportieren und dort feilbieten. Das heißt: Entweder sie verkaufen sie vor Ort zu Billigpreisen oder die vitaminreiche Ware verrottet mangels Verkehrslogistik und Lagerhäusern.

Um die Margen der Zwischenhändler zu knacken, will die Einzelhandelskette Magnit mit über 5.700 Geschäften (SAO Tander) künftig eigenständig und das ganze Jahr über Gemüse anbauen. Im Kreis Slawjansk in der Region Krasnodar plant der Handelsgigant einen 200 Hektar großen Treibhauskomplex (Kostenpunkt: 10 Mrd. Rubel, rund 250 Mio. Euro). Die Kapazitäten sollen bei 67.000 t Gemüse im Jahr liegen - ein wahres Megaprojekt. Insgesamt investiert Magnit in den kommenden Jahren in der Kubanregion sogar 350 Mio. Euro in die Entwicklung der eigenen Landwirtschaft.

Das Unternehmen Iskusstwo semledelija will im Moskauer Gebiet eine Gemüseplantage aufbauen mit entsprechenden Verpackungskapazitäten. Dazu hat die Agrofirma mit der Verwaltung des Kreises Kolomenski eine Absichtserklärung unterzeichnet. Das Projekt soll 1 Mrd. Rubel (knapp 25 Mio. Euro; EZB-Kurs vom 1.10.12: 1 Euro = 40,22 Rubel) kosten. Zurzeit laufen die Projektierungsarbeiten, meldete die Nachrichtenagentur Prime Ende September 2012. Anfang September hat der Konzern im Gebiet Twer eine Produktions- und Logistikanlage zum Lagern, Waschen und Abpacken von Kartoffeln in Betrieb genommen - Kapazität: 40.000 t; zum Jahr 2014 soll diese sogar auf 80.000 t erhöht werden.

Das russische Agrounternehmen Russkoje moloko will künftig nicht nur Milch verkaufen. Im Jahr 2012 hat die Holding erstmals elf Hektar Kartoffeln angepflanzt, 2013 sollen es bereits 600 Hektar sein, 2014 sogar 1.500 bis 2.000 Hektar und perspektivisch bis zu 3.000 Hektar, sagte Firmeneigentümer Wasili Boiko-Weliki gegenüber der Nachrichtenagentur Prime. In drei bis fünf Jahren will der Unternehmer 10% des Moskauer Marktes für Gemüse erobern.

Im Juni 2012 hat die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung knapp 10% an dem Agrokonzern Belaja Datscha übernommen. Für 10 Mio. US$ will der Konzern jetzt die Salat-Produktionskapazitäten erhöhen. Seit Juli 2012 entwickelt Belaja Datscha einen neuen Komplex im Moskauer Gebiet, im August 2012 ging ein landwirtschaftlicher Großbetrieb in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in der Republik Tatarstan in Betrieb und 2013 beginnt der Bau einer Salatfarm bei Sankt Petersburg. Außerdem plant auch Belaja Datscha einen Treibhauskomplex im Süden Russlands (Kostenpunkt: 15 Mio. $).

Den Betreibern von Gewächshäusern winken nicht nur ausgezeichnete Gewinne und ein komfortabler Return on Investment, sondern auch Zuschüsse von Seiten der russischen Regierung. Diese erwägt die Erstattung von 20% aller Ausgaben auf Energieträger, die zum Betreiben von Gewächshäusern nötig sind. "Das erhöht die Rentabilität von Treibhäusern", so Minister Nikolai Fjodorow.
Russlands Markt für Gemüse
Gemüseverbrauch in Russland nach Sorte Anteil in %
Gesamt, davon 100
.Tomaten 43
.Gurken 22
.Wurzelfrüchte 16
.Kraut 13
.andere 6
Quelle: IA Agroonline

Im Jahr 2011 sind die Gemüseimporte nach Russland um 41% gestiegen. Das Volumen lag laut der Lebensmittel- und Agrofirma OON bei 2,31 Mrd. US$. Dabei sind die Länder der Europäischen Union die wichtigsten Lieferanten, allen voran die Niederlande. Mehr noch: Im Augenblick machen russische Firmen und Regierungsstellen sogar eine Verdrängung russischer Produkte durch Importwaren aus. Die Gründe: Fehlende Weiterverarbeitungskapazitäten in Russland sowie eine schlechte Logistik. Somit beträgt der Anteil von importiertem Gemüse in Russland rund 60%. Tendenz: steigend. Denn zum Jahr 2015 sinken die Importzölle auf Gemüse wegen des WTO-Beitritts um den Faktor 1,5 bis 2. Ein Beispiel: Auf Zwiebeln, Kartoffeln, Knoblauch, Rote Bete und Paprika entfällt dann noch ein 10-prozentiger Zollsatz. Zurzeit liegt dieser bei 15%. Deshalb könnte der Anteil importierter Waren in den kommenden Jahren sogar auf 80% steigen, befürchten viele Landwirte in Russland.

Kontaktanschriften:

Einzelhandelskonzern Magnit
ul. Solnetschnaja 15/5, 350072 Krasnodar
Tel.: 007 861/210 98 10
Iskusstwo Semledelija
ul. Iskry 17A, str. 2, 129344 Moskau
Tel./Fax: 007 499/922 66 29
Belaja Datscha
Janitschkin pr. 4, 140053 Kotelniki, Moskowskaja oblast
Tel.: 007 495/921 17 47, Fax: -947 17 49
RusskojeMoloko
ul. Bolschaja Wagankowskaja 3, 123022 Moskau
Tel.: 007 495/784 63 47, Fax; 007 499/790 04 86
(H.B.)


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