Importe dürften dennoch steigen / Schlechte Logistik und zu wenig Kühl- und Lagerräume verteuern Waren / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Kartoffeln, Paprika, Tomaten - Russland muss 60% seines
Gemüsekonsums mit Lieferungen aus dem Ausland decken. Dieser Anteil
könnte noch steigen, denn eine desolate Logistik, fehlende
Weiterverarbeitungskapazitäten und zu viele Zwischenhändler verteuern
russische Gemüsesorten immens. Russlands Landwirtschaftsministerium
steuert gegen und subventioniert Treibhäuser. In einigen Regionen
entstehen bereits neue Projekte. Doch diese könnten letztlich nur ein
Tropfen auf den heißen Stein sein.
Russland ist das größte Land der Welt mit riesigen Agrarflächen.
Auch die Qualität vieler Böden - etwa in den Schwarzerdegebieten
Russlands - ist ideal. Dennoch müssen viele Lebensmittel importiert
werden. Das gilt für Rindfleisch und für Käse. Russland ist der größte
Teeimporteur der Welt. Sogar der Import von Gemüse und Obst steigt von
Jahr zu Jahr.
Kein Wunder: Denn in den vergangenen Jahren stieg
der Verbrauch von Obst und Gemüse im Schnitt um 15 bis 20% auf zuletzt
knapp 35 Mio. t. Ohne Kartoffeln dürfte das Volumen bei 17 Mio. bis 20
Mio. t gelegen haben. Laut Marktforschungsinstitut UK Finam Menedschment
entsprach dies einem Wert von 7,5 Mrd. bis 10 Mrd. US$.
Russland
bezieht einen Großteil des Obstes und Gemüses aus dem Ausland. Geerntet
wurden 2011 lediglich 12 Mio. bis 13 Mio. t. Davon entfallen 70% auf
Privatleute, rund 19% auf große Landwirtschaftsbetriebe und 11% auf
private Bauern. Die beste Ernte gibt es in den Schwarzerderegionen
Woronesch, Belgorod, Rostow am Don und Kursk. Günstige klimatische
Bedingungen finden sich zudem im den Gebieten Krasnodar, Wolgograd,
Astrachan und Stawropol.
Wegen der Trockenheit zum Sommeranfang
und verringerter Anbauflächen dürfte der Ertrag in der Russischen
Föderation 2012 geringer ausfallen. Die Folge: Gemüse wird teurer. Und
zwar ganz gewaltig. Laut einer Expertenumfrage der Zeitung Ekonomika i
Schisn dürften die Gemüsepreise in den Wintermonaten 2012/2013 um 50%
steigen. Die Hersteller würden schlichtweg nicht mehr zu den bisherigen
Preisen liefern. Einige Fachleute sind sogar sicher: Die Gemüsepreise
könnten in diesem Jahr sogar die Inflationsrate beeinflussen.
Vor
allem die geringere Anbaufläche dürfte 2012 zu einer niedrigeren Ernte
führen. Das ist eine direkte Folge des schlechten Jahres 2010 mit
extremer Dürre und der darauffolgenden Erntesteigerung 2011 um 44%.
Viele Agrarbetriebe konnten 2011 wegen der allseits guten Ernte ihre
Produkte nicht verkaufen. Deshalb verringerten viele Bauern, aber auch
Privatleute 2012 die Aussaat. Das Landwirtschaftsministerium spricht von
0,7% weniger Anbaufläche, also insgesamt 0,7 Mio. Hektar.
Schuld
an der Misere tragen unter anderem die komplizierten und langkettigen
Vertriebsmodelle: Eine ganze Reihe von Zwischenhändlern verdient mit und
treibt die Preise in die Höhe, die Bauern hingegen müssen sich mit
Mini-Erlösen begnügen. Ein Kilo Wassermelone in Astrachan kostet 1 Rubel
(2,5 Cent) und die Tomaten 5 Rubel pro Kilo (13 Cent). In Moskau
verkaufen illegale Wanderarbeiter das Kilo Wassermelonen für 25 Rubel
und die Tomaten ab 50 Rubel. Einfache Bauern können ihre günstige Ware
nicht in die Megastädte Russlands transportieren und dort feilbieten.
Das heißt: Entweder sie verkaufen sie vor Ort zu Billigpreisen oder die
vitaminreiche Ware verrottet mangels Verkehrslogistik und Lagerhäusern.
Um
die Margen der Zwischenhändler zu knacken, will die Einzelhandelskette
Magnit mit über 5.700 Geschäften (SAO Tander) künftig eigenständig und
das ganze Jahr über Gemüse anbauen. Im Kreis Slawjansk in der Region
Krasnodar plant der Handelsgigant einen 200 Hektar großen
Treibhauskomplex (Kostenpunkt: 10 Mrd. Rubel, rund 250 Mio. Euro). Die
Kapazitäten sollen bei 67.000 t Gemüse im Jahr liegen - ein wahres
Megaprojekt. Insgesamt investiert Magnit in den kommenden Jahren in der
Kubanregion sogar 350 Mio. Euro in die Entwicklung der eigenen
Landwirtschaft.
Das Unternehmen Iskusstwo semledelija will im
Moskauer Gebiet eine Gemüseplantage aufbauen mit entsprechenden
Verpackungskapazitäten. Dazu hat die Agrofirma mit der Verwaltung des
Kreises Kolomenski eine Absichtserklärung unterzeichnet. Das Projekt
soll 1 Mrd. Rubel (knapp 25 Mio. Euro; EZB-Kurs vom 1.10.12: 1 Euro =
40,22 Rubel) kosten. Zurzeit laufen die Projektierungsarbeiten, meldete
die Nachrichtenagentur Prime Ende September 2012. Anfang September hat
der Konzern im Gebiet Twer eine Produktions- und Logistikanlage zum
Lagern, Waschen und Abpacken von Kartoffeln in Betrieb genommen -
Kapazität: 40.000 t; zum Jahr 2014 soll diese sogar auf 80.000 t erhöht
werden.
Das russische Agrounternehmen Russkoje moloko will künftig
nicht nur Milch verkaufen. Im Jahr 2012 hat die Holding erstmals elf
Hektar Kartoffeln angepflanzt, 2013 sollen es bereits 600 Hektar sein,
2014 sogar 1.500 bis 2.000 Hektar und perspektivisch bis zu 3.000
Hektar, sagte Firmeneigentümer Wasili Boiko-Weliki gegenüber der
Nachrichtenagentur Prime. In drei bis fünf Jahren will der Unternehmer
10% des Moskauer Marktes für Gemüse erobern.
Im Juni 2012 hat die
Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung knapp 10% an dem
Agrokonzern Belaja Datscha übernommen. Für 10 Mio. US$ will der Konzern
jetzt die Salat-Produktionskapazitäten erhöhen. Seit Juli 2012
entwickelt Belaja Datscha einen neuen Komplex im Moskauer Gebiet, im
August 2012 ging ein landwirtschaftlicher Großbetrieb in der
Sonderwirtschaftszone Alabuga in der Republik Tatarstan in Betrieb und
2013 beginnt der Bau einer Salatfarm bei Sankt Petersburg. Außerdem
plant auch Belaja Datscha einen Treibhauskomplex im Süden Russlands
(Kostenpunkt: 15 Mio. $).
Den Betreibern von Gewächshäusern winken
nicht nur ausgezeichnete Gewinne und ein komfortabler Return on
Investment, sondern auch Zuschüsse von Seiten der russischen Regierung.
Diese erwägt die Erstattung von 20% aller Ausgaben auf Energieträger,
die zum Betreiben von Gewächshäusern nötig sind. "Das erhöht die
Rentabilität von Treibhäusern", so Minister Nikolai Fjodorow.
Russlands Markt für Gemüse
| Gemüseverbrauch in Russland nach Sorte | Anteil in % |
| Gesamt, davon | 100 |
| .Tomaten | 43 |
| .Gurken | 22 |
| .Wurzelfrüchte | 16 |
| .Kraut | 13 |
| .andere | 6 |
Quelle: IA Agroonline
Im Jahr 2011
sind die Gemüseimporte nach Russland um 41% gestiegen. Das Volumen lag
laut der Lebensmittel- und Agrofirma OON bei 2,31 Mrd. US$. Dabei sind
die Länder der Europäischen Union die wichtigsten Lieferanten, allen
voran die Niederlande. Mehr noch: Im Augenblick machen russische Firmen
und Regierungsstellen sogar eine Verdrängung russischer Produkte durch
Importwaren aus. Die Gründe: Fehlende Weiterverarbeitungskapazitäten in
Russland sowie eine schlechte Logistik. Somit beträgt der Anteil von
importiertem Gemüse in Russland rund 60%. Tendenz: steigend. Denn zum
Jahr 2015 sinken die Importzölle auf Gemüse wegen des WTO-Beitritts um
den Faktor 1,5 bis 2. Ein Beispiel: Auf Zwiebeln, Kartoffeln, Knoblauch,
Rote Bete und Paprika entfällt dann noch ein 10-prozentiger Zollsatz.
Zurzeit liegt dieser bei 15%. Deshalb könnte der Anteil importierter
Waren in den kommenden Jahren sogar auf 80% steigen, befürchten viele
Landwirte in Russland.
Kontaktanschriften:
Einzelhandelskonzern Magnit
ul. Solnetschnaja 15/5, 350072 Krasnodar
Tel.: 007 861/210 98 10
E-Mail: info@gw.tander.ru, Internet: http://www.magnit-info.ru
Iskusstwo Semledelija
ul. Iskry 17A, str. 2, 129344 Moskau
Tel./Fax: 007 499/922 66 29
Internet: http://www.agro-art.ru
Belaja Datscha
Janitschkin pr. 4, 140053 Kotelniki, Moskowskaja oblast
Tel.: 007 495/921 17 47, Fax: -947 17 49
Internet: http://www.belaya-dacha.ru, http://www.bdsalads.ru
RusskojeMoloko
ul. Bolschaja Wagankowskaja 3, 123022 Moskau
Tel.: 007 495/784 63 47, Fax; 007 499/790 04 86
E-Mail: sales@rusmoloko.ru, Internet: http://www.russkoe-moloko.ru
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland