Immenses Potenzial / Immer mehr Projekte in Sibirien, im Fernen Osten und im Süden des Landes / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Russland will bis 2020 mehr als 11 Gigawatt Kraftwerksleistung
auf Basis erneuerbarer Energiequellen schaffen. Die Kosten dafür
dürften sich auf 25 Mrd. Euro belaufen. Die wichtigste Rolle dabei
spielt die Windenergie, danach kommen Solarstrom und Wasserkraft. In
Mordowien entsteht derzeit Russlands bislang größte Biogasanlage,
Windkrafträder sollen abgelegene Ortschaften im Fernen Osten Russlands
und in Sibirien mit Strom versorgen.
Die Russische Föderation hinkt bei der Nutzung alternativer
Energiequellen noch weit hinterher. Dabei verfügt das flächenmäßig
größte Land der Welt über ein riesiges Potenzial. Würde es diese
Möglichkeiten umfassend nutzen, könnte es damit das 4,5-Fache des
eigenen Energieverbrauches decken. Das entspräche etwa 4,6 Mrd. t
fossiler Brenn- oder Treibstoffe. Zu diesem Schluss kommt Sergei
Jesjakow, Vorsitzender der Staatsduma-Arbeitsgruppe "Sowjet Rynka". Noch
sind die technischen Möglichkeiten nicht ausgereift, um das Potenzial
komplett auszuschöpfen, aber dennoch sei die wirtschaftliche Bedeutung
erneuerbarer Energien enorm. Jesjakow glaubt, dass Russland bereits
heute ein Äquivalent von 300 Mio. t Brennstoffen in Form von
alternativen Energien generieren könnte.
Bereits vor Jahren - noch
unter dem ehemaligen Präsidenten Dmitri Medwedew - hatte das
Energieministerium die Vorgabe erhalten, bis 2020 den Anteil
alternativer Energie an der russischen Erzeugung von derzeit 1,0 auf
4,5% zu erhöhen. Unter dem neuen Präsidenten Wladimir Putin wurde die
Messlatte auf 1,9% gesenkt. Dennoch sind dafür nach Berechnungen der im
Auftrag des russischen Energieministeriums arbeitenden Experten-Gruppe
gewaltige Investitionen über 1 Bio. Rbl (rund 25 Mrd. Euro;
EZB-Wechselkurs vom 8.10.12: 1 Euro = 40,35 Rbl) nötig. Der Schwerpunkt
liegt beim Aufbau von Windanlagen, gefolgt von Solar- und kleinen
Wasserkraftanlagen mit einer Kapazität von bis zu 25 Megawatt (MW).
Geplante Kapazitäten erneuerbarer Energien in Russland bis 2020 (in Gigawatt)
| Energiequelle | Geplante Kapazitäten (in GW) |
| erneuerbare Energien insgesamt, davon | 11,03 |
| .Wind | 6,15 |
| .Sonne | 2 |
| .Wasserkraft | 1,97 |
| .Biomasse | 0,6 |
| .Biogas | 0,3 |
Quelle: Staatsduma-Arbeitsgruppe "Sowjet Rynka", zitiert in den Wirtschaftszeitungen Kommersant und Wedomosti
Laut
der Arbeitsgruppe Sowjet Rynka liegen die Kosten für die Installation
von Windrädern bei 1.375 US$ pro Kilowattstunde (kWh), bei
Biomasseanlagen sind es 2.327 $, bei Photovoltaikanlagen 2.519 $ und bei
kleinen Wasserkraftwerken 2.887 $. Das Betreiben solcher Anlagen kostet
im Schnitt rund 90 Euro pro kWh. Damit kommt grüne Energie Russland
wesentlich teurer zu stehen als fossile und dürfte ab 2020 zu steigenden
Verbraucherpreisen führen. Das Energieministerium will Investoren wie
in Westeuropa über garantierte Einspeisevergütungen gewinnen. Endkunden
müssten daher 1,7 bis 2,0% mehr für den Strom bezahlen.
Ein
Katalysator für die Herstellung und Verwendung von Biotreibstoffen in
Russland könnte der WTO-Beitritt sein. Russland wird in den kommenden
Jahren die Erdgaspreise schrittweise auf das Niveau in Westeuropa
anheben. Damit verringert sich der Kostenvorteil fossiler Brennstoffe im
Vergleich zu alternativen Energiequellen.
An manchen Orten in
Russland zahlt sich erneuerbare Energie bereits heute aus. In der
Republik Magadan sollen zum Beispiel in abgelegenen Dörfern Windräder
zur Stromerzeugung genutzt werden. Dort sorgen bislang Dieselaggregate
für Strom und Wärme. Im Dorf Batamai in der Republik Sacha-Jakutien,
etwa 200 km von der Hauptstadt Jakutsk entfernt, wurde im Juli 2012 eine
30 KW-Solaranlage aufgestellt. Dank dieser Anlage spart das Dorf jedes
Jahr 8% Diesel beziehungsweise 200.000 Rbl (rund 5.000 Euro). In sieben
Jahren wird sich die Investition amortisiert haben.
Auf der
Halbinsel Kamtschatka will die RAO ES Wostok-Tochter Peredwischnaja
Energetika künftig dutzende Windanlagen aufstellen, elf Windräder in
Ust-Kamtschatsk, elf in der Siedlung Tilitschiki und jeweils fünf in den
Siedlungen Ossora, Manily und Pachatschy. Das größere Dorf Palan darf
mit sieben Windrädern rechnen. Der Energieerzeuger will 45% Diesel
sparen.
Was Wind und Sonne für den Fernen Osten sind, könnte
Biogas für die Schwarzerderegion Belgorod werden - eine effiziente
alternative Energiequelle. Das Unternehmen Altenergo hat Premierminister
Dmitri Medwedew Ende August 2012 den Vorschlag unterbreitet, 100
Biogasanlagen für umgerechnet 1,5 Mrd. Euro zu bauen. Die Kapazität der
Anlagen soll bei 230 MW liegen und jährlich 9,6 Mio. kWh Elektroenergie
sowie 18.200 Gigakalorien (Gcal) Wärmeenergie erzeugen. Die Region ist
deshalb günstig, weil es dort rund 1.000 Schweine- und Geflügelfarmen
gibt. Die sorgen für 15 Mio. t Kot pro Jahr. Damit können laut
Altenergo-Chef Woktor Filatow mehr als 1 Mio. Bürgerinnen und Bürger der
Region mit Wärmeenergie und Strom versorgt werden. Desweiteren
entstünden 67.000 t organische Düngemittel, die anstelle von Chemikalien
wieder auf den Feldern in der Region ausgebracht werden können. Doch
bislang gibt es keine Meldungen dazu, wie sich das Projekt finanzieren
lässt. Die russische Sberbank hat für ein Pilotprojekt im Gebiet
Belgorod einen Kredit über 480 Mio. Rbl herausgelegt. Altenergo betreibt
dort eine 2,4 MW-Anlage.
Das bisher größte Biogasprojekt
Russlands hat das Unternehmen Biogasenergostroi in der Republik
Mordowien in Angriff genommen. Bis 2014 soll dort eine 4,4 MW-Anlage für
25 Mio. bis 30 Mio. Euro entstehen. Etwa 15% sind Eigenkapital der
Firma, 85% kommen von der Berliner Landesbank, schreibt die
Wirtschaftszeitung Wedomosti unter Berufung auf Angaben von
Biogasenergostroi. Das soll aber nicht das Ende der Fahnenstange sein.
Bis zu 30 weiterer Anlagen in unterschiedlichen Regionen Russlands
könnten über die Jahre gebaut werden. Die Kosten würden sich auf 750
Mio. Euro belaufen. Bereits 2011 hatten sich das russische Unternehmen
und die Berliner Landesbank auf einen Kredit über 750 Mio. Euro mit
einer Laufzeit von 18 Jahren geeinigt. In Russland existieren derzeit
zehn Biogasanlagen, in Deutschland sind es 10.000.
Die Agroholding
Jug Rusi will Biotreibstoff erzeugen. Dazu sollen in das Werk
Nowoschachtinsk 200 Mio. US$ investiert werden. Damit können täglich
1.000 t grüner Diesel hergestellt werden. Produktionsstart ist in
spätestens drei Jahren geplant.
Eine Wind-Sonnen-Anlage versorgt
seit Herbst 2012 ein abgelegenes Dorf im Gebiet Irkutsk mit Strom. Eine
Photovoltaikanlage beliefert in Anapa den ersten russischen Bahnhof mit
Elektroenergie und bei Astrachan entsteht gerade ein Solarkraftwerk als
Pilotprojekt. Russlands Regionen sind in Sachen alternativer Energie
experimentierfreudig. Und dennoch - von einer groß angelegten Strategie
zum systematischen Ausbau erneuerbarer Energie ist Russland weit
entfernt.
Geplante Kraftwerke auf Basis alternativer Energiequellen in Russland
| Projekt / Betreiber | Region | Kapazitäten (in MW) | Investitionssumme / Zeitraum |
| Windpark / Falkon Capital | Kalmückien | 35,4 | 600 Mio. Euro / bis Ende 2012 |
| Solarpark / Fortum | Tscheljabinsk | 100 | k.A. |
Quelle: Recherchen von Germany Trade & Invest
Russland
will künftig nicht nur Ausrüstungen zur Erzeugung von grüner Energie
aus dem Ausland beziehen, sondern selbst produzieren. Ende 2012 wird
Russlands größte Solarmodul-Produktion in Nowotscheboksarsk in der
Republik Tschuwaschien anlaufen. Das Unternehmen OOO Chewel plant, dort
Jahr für Jahr mehr als 1 Mio. Solarmodule zu produzieren. Das entspricht
einer Leistung von 130 MW.
Die Staatsholding Rosatom will künftig
Ausrüstungen für Windkrafträder herstellen, hat der erste
stellvertretende Generaldirektor des Konzerns, Aleksandr Lokschin,
angekündigt. Jetzt ist die Rosatomtochter SAO Atomenergomasch auf der
Suche nach einem geeigneten Technologie-Übernahmekandidaten aus
Westeuropa für die jüngst gegründete SAO WetroOGK.
Kontaktanschriften:
Peredwischnaja Energetika
Ul. Obraszowa 21, str. A, 127018 Moskau
Tel.: 007 495/287 67-03, Fax: -02
E-Mail: rao-esv@rao.esv.ru, Internet: http://www.rao-esv.ru
Altenergo
5-j Sawodskoj per. 17, 308023 Belgorod
Tel.: 007 4722/78-81 77, Fax: -83 31
E-Mail: posta@altenergo.su, Internet: http://www.altenergo.ru
Jug Rusi
1-ja Lugowaja 7 A, 344007 Rostow-na-Donu
Tel.: 007 863/2 99 01 27
E-Mail: contact@grain.ru, Internet: http://www.goldenseed.ru
OOO Hevel
Ul. KrasnajaPresnja 22, 123022 Moskau
Tel.: 007 495/662 35-45, Fax: -38
E-Mail: info@hevelsolar.com, Internet: http://www.hevelsolar.com
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland