Zugpferde sind die Bau- und die nach wie vor sehr starke Automobilindustrie / Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Russlands Wirtschaft wird 2012 und 2013 voraussichtlich
weniger dynamisch wachsen als 2011. Großveranstaltungen wie die Fußball
WM 2018 und die Entwicklungsprogramme in vielen Branchen bieten trotzdem
gute Geschäftschancen. Eine wichtige Rolle spielt der WTO-Beitritt, von
dem Impulse besonders für die russischen Düngemittelfabrikanten
erwartet werden. In der Petrochemie führt die Einführung des
Euro-3-Standards bei Treibstoffen ab 2013 voraussichtlich zu Engpässen
und steigenden Spritkosten.
Die russische Chemieproduktion ist laut Föderalem Statistikdienst
der Russischen Föderation in den ersten sieben Monaten 2012 im
Vergleich zum Vorjahr um 1,8% gestiegen. Im Juli 2012 lag das
Produktionsergebnis um 5,9% über dem Ergebnis von Juli 2011. Neue
Projekte gibt es in den Bereichen Petrochemie, Kunststoffe und
Kautschuk.
Der Erdölproduzent Tatneft will seine Reifensparte
massiv ausbauen. Zum Jahr 2015 sollen bereits 15 Mio. Reifen hergestellt
werden, sagte Generaldirektor Schafagat Tachautdinow Ende August 2012.
Im Werk OOO Nischnekamski Sawod Schin ZMK würden 2012 rund 1,2 Mio.
Reifen und bei Kama-Evro 2013 rund 3 Mio. Reifen produziert. Um die
Kapazitäten auf 15 Mio. Reifen auszubauen, investiert Tatneft 35 Mrd.
Rubel (knapp 860 Mio. Euro), so der Firmenchef.
Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Russland 2011
| Erzeugnis | 2011 (in 1.000 t) | Veränderung 2011/2010 (in %) |
| Schwefelsäure | 10.704 | 3,3 |
| Kalzinierte Soda | 2.822 | 4,6 |
| Natriumhydroxid | 1.047 | -2,5 |
| Synthetisches Ammoniak, wasserfrei | 13.919 | 4,7 |
| Mineraldünger (umgerechnet in 100%-Nährstoffgehalt), davon | 18.791 | 5,1 |
| .Stickstoffdünger | 7.920 | 4,7 |
| .Phosphatdünger | 3.241 | 3,6 |
| .Kalidünger | 7.630 | 6,2 |
| Kunststoffe, davon | 5.396 | 9,0 |
| .Polystyrol und Styrolcopolymere | 348 | 14,1 |
| .PVC-Harze und Vinylpolymere | 636 | 6,4 |
| .Polyethylen | 1.653 | 8,0 |
| .Polypropylen | 722 | 12,3 |
| Synthetische Farben und Farblacke | 15,3 | -0,8 |
| Synthetischer Kautschuk | 1.447 | 4,9 |
| Styrol | 486 | 2,6 |
| Benzol | 1.100 | 0,1 |
| Phenol | 251 | 6,1 |
| Ethylen | 2.468 | 3,7 |
| Pflanzenschutzmittel | 43.931 | 31,3 |
| Farben und Lacke | 231 | 11,9 |
| Lack- und Farbmaterialien auf Polymerbasis | 831 | 1,9 |
| Synthetische Fasern | 115 | 1,6 |
| Kunstfasern und -garne | 20,4 | 6,9 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)
Während
die Produktion von Pflanzenschutzmitteln von Januar bis Juli 2012 um
13% zulegte, sank die Herstellung von Düngemitteln im selben Zeitraum um
1,4% auf 10,8 Mio. t. Es wurden 4,78 Mio. t Stickstoffdüngemittel
(+1,7%), 1,8 Mio. t Phosphordünger (-2,9%) und 4,2 Mio. t Kalidünger
produziert. Jahrelang war der Output gestiegen. Allerdings waren die
Zuwächse schon seit geraumer Zeit rückläufig. In den ersten sieben
Monaten 2012 stand nun erstmals ein Produktionsminus zu Buche.
Produktion von Düngemitteln in Russland von Januar bis Juli 2012 (in 1.000 t)
| Produkt | Produktionsvolumen Januar bis Juli 2012 | Veränderung Januar bis Juli 2012 / Januar bis Juli 2011 (in %) |
| Düngemittel gesamt, davon | 10.792 | -1,4 |
| .Stickstoff | 4.777 | 1,7 |
| .Phosphor | 1.821 | -2,9 |
| .Kali | 4.191 | -4,0 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)
Der
weltweit größte Hersteller von Chlorkali, OAO Uralkali, will in den
kommenden zehn Jahren 6 Mrd. US$ investieren. Jahr für Jahr sollen rund
400 Mio. US$ für neue Projekte und Lagerstätten sowie 200 Mio. US$ in
die Erweiterung und Renovierung bestehender Kapazitäten ausgegeben
werden. Uralkali wird 2012 rund 10 Mio. t Kalidüngemittel produzieren.
Das
Unternehmen OAO OChK Uralchim, ebenfalls einer der größten russischen
Düngemittelproduzenten, will von 2012 bis 2014 jährlich zwischen 150
Mio. und 200 Mio. US$ investieren. Das sagte der stellvertretende
Vorstandsvorsitzende des Unternehmens, Dmitri Osipow, Ende Juni 2012 in
Sankt Petersburg. Laut Osipow fließen die kompletten Gelder in die
Erweiterung der Produktionskapazitäten und Modernisierung der Ausrüstung
- verteilt auf alle Fabriken des Konzerns. Dazu zählt auch die Permer
Tochter "Permskije Minudobrenija", für die 2013 ein Teil der Gelder
bestimmt ist. Ziel von Uralchim sei die Erweiterung der
Ammoniak-Produktion auf 630.000 t pro Jahr, so Osipow.
Der
Beitritt Russlands zur Welthandelsorganisation birgt für kaum eine
Branche so viel Entwicklungspotenzial wie für die russischen
Düngemittelfabrikanten. Schließlich zählen sie seit jeher zu wichtigen
Exporteuren auf die Weltmärkte. Doch für einen der weltweit größten
Konzerne, OAO Fosagro, dürfte sich durch den Beitritt kaum etwas ändern.
Schließlich produziere sein Konzern heute bereits am Limit, sagte
Generaldirektor Maksim Wolkow Ende August 2012. Probleme oder Barrieren,
die den Export auf die Weltmärkte behinderten, gebe es kaum.
Die
Produktion von Farben und Lacken in Russland legte in den ersten sieben
Monaten 2012 um knapp 13% zu. Der Bereich Industrielacke bildet rund ein
Viertel des Marktes. Die Nachfrage nach diesen Industrielacken ist auch
im 1. Quartal 2012 wieder ordentlich gewachsen - um 10% auf 61.000 t.
Im Jahr 2011 wurden 307.500 t verkauft. Das war fast ein Viertel mehr
als im Jahr 2010. Es wurden 147.000 t Industrielacke nach Russland
eingeführt. Damit lag die Importquote bei fast 50%, sagte Wiktoria
Tschernowa, Expertin der Fachzeitschrift Chimkurier auf der 3.
Internationalen Creon-Konferenz "Industrielacke 2012" in Moskau. Die
Nachfrage dürfte auf Jahressicht 2012 um 10 bis 11% zulegen,
prognostizierte Tschernowa.
Industrielacke in Russland
| Kennziffern | 2011 (in 1.000 t) | Veränderung 2011/2010 (in %) | 1. Quartal 2012 (in 1.000 t) | Veränderung 1. Quartal 2012 / 1. Quartal 2011 (in %) |
| Produktion | 165,8 | 11 | 33,2 | 9 |
| Export | 5,4 | 81 | 0,6 | -51 |
| Import | 147,1 | 41 | 28,4 | 8 |
| Nachfrage | 307,5 | 123 | 61,0 | 10 |
Quellen: Chimkurier, Creon
Die
wichtigsten Hersteller von Industrielacken in Russland sind die Firmen
Russkije kraski mit einem Marktanteil von 7%, Jarli (6%), Kronos SPB
(4%), Petrokom-Lipezk (4%), Wega (4%), Jarowslawskaja lakokrasotschnaja
kompanija (3%) und Empils (3%). Dennoch sind die Firmen Akzo Nobel und
der deutsche BASF-Konzern dank starker Exporte nach Russland die
wichtigsten Anbieter am Markt.
Die wichtigsten ausländischen Lieferanten von Industrielacken nach Russland
| Unternehmen | Anteil am russischen Gesamtimport (in %) |
| BASF | 14 |
| Akzo Nobel | 13 |
| Becker | 5 |
| Jotun | 5 |
| PPG | 5 |
| Du Pont | 5 |
| Valspar | 4 |
| Helios | 4 |
| PPG-Helios | 3 |
| Hempel | 3 |
| Andere | 39 |
Quellen: Chimkurier, Creon
Die
Nachfrage nach Kunststoffen in Russland steigt weiter auf breiter Basis.
Auch die Produktion hat 2011 kräftig zugelegt - um 9% auf 5,4 Mio. t.
Das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht. In den kommenden
Jahren werden eine Reihe weiterer Werke in Betrieb genommen. In den
ersten sieben Monaten hingegen gab es einen leichten Dämpfer: Die
Produktion von Kunststoffen sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um
2,5%. Während der Output von Polystyrol und Polyvinylchlorid zweistellig
zulegte, ging die Produktion von Polyethylen um fast 13% zurück, die
von Polypropylen um 9%.
Die Produktion von Kunststoffen in Russland 2011
| Kunststofftyp | Produktion 2011 (in 1.000 t) | Veränderung 2011/2010 (in %) |
| Kunststoffe, davon | 5.400 | 9,0 |
| .Polyethylen | 1.650 | 8,0 |
| .Polystyrol | 348 | 14,1 |
| .Polyvinylchlorid | 636 | 6,4 |
| .Polyester und Polycarbonate | 512 | 0,1 |
| .Polypropylen | 722 | 12,3 |
| .Polyamid | 147 | 20,4 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation
Das
Unternehmen Techstroi aus Tatarstan plant ein neues Werk zur Produktion
von Polyethylenrohren im Gebiet Nowosibirsk. Das meldet die
Nachrichtenagentur Prime. Die Investitionen belaufen sich auf bis zu 12
Mio. Euro. Hergestellt werden sollen nicht nur Kunststoffrohre, sondern
auch Profile und Platten.
Das russische Chemieunternehmen
Uralchimplast hat in den ersten sieben Monaten 2012 die Produktion von
Kunststoffen um ein Viertel erhöht. Für das laufende Jahr plant der
Chemieriese Investitionen in Höhe von 114 Mio. Euro. Das Geld fließt in
die Modernisierung bestehender Anlagen. Außerdem will das Unternehmen
mit dem Bau einer neuen Gießharzanlage sowie einer Anlage für
Formaldehyd mit einer Kapazität von 50.000 t beginnen. Über die
Tochterfirma Uralmetanolgroup soll noch 2012 der Bau eines Werkes zur
Produktion von 600.000 t Methanol pro Jahr beginnen; Kostenpunkt: 300
Mio. Euro.
Die Lukoil-Tochter Stawrolen will im Industriepark
Kislowodsk in der Region Stawropol (Stawropolski krai) ein riesiges
Gasverarbeitungswerk errichten. Das erste nordkaukasische Werk zur
Produktion von Ethylen, Polyethylen und Polypropylen soll rund 110 Mrd.
Rubel kosten; das sind rund 2,7 Mrd. Euro. Im Jahr 2016 soll der Komplex
in Betrieb gehen. Ein erster Resident hat sich auf dem Industriepark
bereits ein Gewerbegrundstück gesichert: Dabei handelt es sich um das
Unternehmen OOO Polypropylen. Das Unternehmen will 12 Mio. Euro
investieren und ein Werk für Polypropylenrohre und Verpackungssäcke aus
Polyethylen und Papier herstellen.
Im August 2012 hat Gazprom von
der Bank of Scottland und der Sberbank einen weiteren Kredit in Höhe von
830 Mio. US$ erhalten. Das Geld wird für die Fertigstellung des
Gaschemiekomplexes Nowyurengoi benötigt. Das Werk für 400.000 t
Polyethylen soll 2013 fertig gestellt werden. Damit würde ein Drama zu
Ende gehen. Denn der Beschluss zum Bau des Werkes wurde 1993 gefasst,
die komplette Ausrüstung in den Folgejahren geliefert. Doch wegen eines
Finanzierungsengpasses stoppte Gazprom das Projekt 1996. Wie es heute
heißt, könnten die Kapazitäten in einer zweiten Ausbaustufe auf 1 Mio. t
Polymere steigen.
Erwartete Kapazitätserweiterungen für PVC in Russland (in 1.000 t)
| Unternehmen | Kapazitäten 2010 | geplante Kapazitäten 2015 |
| Kapazitäten insgesamt, davon | 642 | 1.489 |
| .Sibur-Neftechim | 42 | 42 |
| .Kaustik | 200 | 400 |
| .Plastkard | 90 | 120 |
| .Sajanskchimplast | 280 | 400 |
| .Chimprom | 30 | 197 |
| .RusVinil | - | 330 |
Quelle: Creon "9. Internationale PVC-Konferenz" in Moskau
Russland
verabschiedet sich mit der Brechstange von schlechtem Sprit. Ab 1.1.13
dürfen an Russlands Zapfsäulen nur noch Treibstoffe nach Euro-3-Standard
verkauft werden. Das hat die russische Antimonopolbehörde FAS Ende
August 2012 noch einmal bekräftigt. Doch bereits heute ist klar: Nicht
alle Erdölverarbeiter werden die neuen Normen fristgerecht einhalten
können. Viele schaffen es nicht, alle Raffinerien zum besagten Stichtag
zu modernisieren. Doch auch wenn Engpässe und ein massiver Anstieg der
Spritpreise die Folge sein werden - die russischen Wettbewerbshüter
wollen hart bleiben.
Einige große Konzerne sind bereits mit gutem
Beispiel vorangegangen, haben Milliarden investiert. Gazprom Neft und
TNK-BP haben ihre Petrochemiefabrik Jaroslawnefteorgsintes am 1.7.12 auf
Euro-5 umgestellt. Dasselbe gilt für die Anlage SNPS in Saratow.
Baschneft verkauft an seinen knapp 500 Tankstellen nur noch Diesel und
Benzin nach dem Euro-Standard 5. Der Erdölriese Lukoil hat sich
ebenfalls komplett von Euro-4 und niedriger verabschiedet.
Dennoch
dürften 2013 rund 600.000 t Treibstoff der Euro-3-Norm fehlen, glauben
Experten. In jenen Regionen, die der Modernisierung hinterherhinken,
dürften die Treibstoffkosten entsprechend ansteigen. Vielleicht werden
die Defizite aber auch geringer ausfallen. Denn einige russische Städte
wollen den Verbrauch von Diesel und Benzin insgesamt drosseln. So will
etwa die Stadt Tscheljabinsk im Ural den Busfuhrpark komplett auf Methan
als Treibstoff umstellen.
Das Unternehmen Objedinjonnaja
neftechimitscheskaja kompanija (Vereinigte Petrochemische Gesellschaft),
ein Gemeinschaftsunternehmen von Baschneft und Petrochemical Holding,
will in Ufa und Dserschinsk zehn bis zwölf Erdölchemieunternehmen
gründen. Von 2013 bis 2018 beabsichtigt der Konzern rund 5 Mrd. US$ zu
investieren.
Der staatliche Erdölkonzern Rosneft will in den
kommenden drei Jahren eine neue Raffinerie im Moskauer Gebiet bauen;
Kostenpunkt: 7 Mrd. US$. Die Kapazitäten sollen bei 12 Mio. t liegen.
Das gab der Konzern Ende Juni 2012 auf dem Internationalen Petersburger
Wirtschaftsforum bekannt. Die Produktion soll 2015, spätestens aber 2016
aufgenommen werden.
Die Firma Omsktechuglerod hat einen Kredit
über 10 Mio. US$ erhalten. Damit will das Omsker Unternehmen die
Produktionskapazitäten erhöhen. Künftig sollen in dem Betrieb 265.000 t
technische Kohlenstoffe hergestellt werden. Momentan liegen die
Kapazitäten bei 203.000 t. Zu den Abnehmern von Omsktechuglerod gehören
Konzerne wie Sibur-Holding, Nokian Tyres, Michelin, Continental und
Pirelli.
Der Konzern TNK-BP will für die Modernisierung der
Reinigungsanlage im Erdölverarbeitungswerk Saratow bis 2016 rund 40 Mio.
US$ investieren. Dort werden jährlich 6 Mio. t des schwarzen Goldes
verarbeitet. Dank der Modernisierung sollen die Abwässer (als
Brauchwasser) später wieder im Produktionsprozess bei TNK-BP verwendet
werden können. Außerdem soll die Umweltbelastung sinken.
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland