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Freitag, 18. Januar 2013

Russland ist der viertgrößte Exportmarkt für deutsche Maschinen

Programm zur Entwicklung der Industrie bis 2020 / WTO-Beitritt erhöht Druck auf russische Unternehmen zu modernisieren / Von Edda Wolf und Bernd Hones

Moskau (gtai) - Russland ist für deutsche Maschinenbauer der viertgrößte Exportmarkt - nach der VR China, den USA und Frankreich. Die deutschen Maschinenlieferungen betrugen im 1. Halbjahr 2012 mehr als 4 Mrd. Euro. Das ist ein Plus von 14% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. "Die Chancen, dass der Exportrekord des Jahres 2008 von knapp 8,1 Mrd. Euro eingestellt wird, stehen gut", kommentierte Dr. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbandes der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), die Angaben von Destatis.

"Die Geschäftschancen für deutsche Maschinenbauer in Russland sind ausgezeichnet und die Hannover Messe 2013 (8.-12. April 2012) mit Russland als Partnerland wird eine hervorragende Gelegenheit sein, diese Chancen in Aufträge umzusetzen", betonte Wiechers.
Die Wirtschaftsdynamik Russlands basiert maßgeblich auf den Einnahmen aus Öl- und Gasexporten. Eine weltweit relativ stabile Nachfrage nach Erdöl und -gas vorausgesetzt, bringen hohe Rohstoffpreise Devisen und Kaufkraft ins Land. Davon profitieren auch die Investitionen ins Anlagekapital: sie legten im Zeitraum Januar bis Oktober 2012 um 9,5% auf 1.285,7 Mrd. Rubel (circa 32,1 Mrd. Euro) zu.

Zudem muss sich Russland nach dem WTO-Beitritt dringend um die Modernisierung seiner Industrie kümmern. Die russische Regierung ist sich dessen bewusst und hat am 7. Dezember 2012 das Programm "Entwicklung der Industrie und Erhöhung ihrer Konkurrenzfähigkeit bis 2020" beschlossen. Mit Budgetmitteln in Höhe von 500 Mrd. Rubel (12,5 Mrd. Euro) sollen Industriezweige wie Metallurgie, Automobilbau, Schwer- und Transportmaschinenbau, Leicht- und Chemieindustrie unterstützt werden (17 Unterprogramme). In den Expertenbeirat des Komitees für Industrie der Staatsduma, der die russische Regierung in technologischen Fragen berät, wurde der Leiter der russischen Vertretung der deutschen Maschinenbau-Holding EMAG, Pawel Belikow, einbezogen.

Investitionen fließen vor allem in Maschinen und Ausrüstungen für die Öl- und Gasindustrie, die Petrochemie, die Metallindustrie, die Automobilindustrie, den Schienenfahrzeugbau und den Energieanlagenbau. Aus deutscher Produktion besonders gefragt sind Bau- und Baustoffmaschinen, Antriebstechnik, allgemeine Lufttechnik, Kompressoren, Druckluft- und Vakuumtechnik, Armaturen, aber auch Werkzeugmaschinen, Kunststoff- und Gummimaschinen sowie Landtechnik.

Bei Werkzeugmaschinen ist Russland weltweit unter die zehn wichtigsten Märkte vorgerückt. Nach Berechnungen des deutschen Unternehmens Gildemeister erreichte der russische Markt für Werkzeugmaschinen im Jahr 2011 ein Volumen von 1,257 Mrd. Euro. Das entspricht 2% des Weltmarkts. Durch die aktuelle, politisch gestützte Modernisierungsoffensive in der russischen Industrie dürfte das Marktvolumen binnen zwei bis drei Jahren auf bis zu 3 Mrd. Euro hochschnellen.

Um sich ein Stück vom Markt zu sichern, errichtet die deutsche Gildemeister AG eine Fabrik für Bohr- und Fräsmaschinen mit einem Projektwert von mehr als 20 Mio. Euro in Uljanowsk. Dort sollen Werkzeugmaschinen der Linie Ecoline für die Automobil- sowie für die Raum- und Luftfahrtindustrie gebaut werden. Bis zu 1.000 Einheiten pro Jahr werden nach Fertigstellung der Fabrik 2013 die Werkshallen verlassen.

Wichtige Abnehmer von Werkzeugmaschinen in Russland sind Unternehmen, die verstärkt im internationalen Wettbewerb stehen. So möchte sich der Titanhersteller VSMPO-Avisma aus Werchnjaja Salda im Gebiet Swerdlowsk vom reinen Metallurgiebetrieb zum Bearbeitungsunternehmen für Titanteile und Systemzulieferer für die weltweite Luftfahrtindustrie (Airbus, Boeing, Embraer, Rolls-Royce) entwickeln. Um mehr Press- und Stanzteile aus Titan herstellen zu können, sollen die Kapazitäten zum Stanzen und zur mechanischen Bearbeitung ausgebaut werden. Außerdem will VSMPO-Avisma in den Markt für Befestigungselemente für die Flugzeugindustrie einsteigen und seine Produktionspalette für den Flugzeug-Triebwerksbau erweitern. Bis 2015 plant das Unternehmen 800 Mio. US$ zu investieren. Der Werkzeugmaschinenpark, die Vakuumöfen und die Hebekräne sollen erneuert werden.

Viele Modernisierungsvorhaben wurden bereits realisiert, doch einiges müsse noch gekauft werden, sagt Aleksandr Mitrofanow, stellvertretender Direktor für Technik und Reparaturen bei VSMPO-Avisma. Business Development-Direktor Sergei Lednow konkretisiert: In den Jahren 2013 bis 2014 steht der Kauf weiterer Präzisionsmaschinen zur Bearbeitung von gewalzten Titanringen an. "Wir wollen vor allem die Tiefenverarbeitung ausbauen", so Mitrofanow. Und Zulieferer ansiedeln. Dazu entsteht wenige Kilometer vom Avisma-Werk entfernt die Industriezone "Titan Valley".

Eines der wichtigsten Werke zur Produktion von Bauteilen für Flugzeuge und Raketen in Russland, OAO Wysokije Technologii (früher: Omsker Aggregate Werk), erneuert ebenfalls seinen Maschinenpark. Zurzeit werden im Sommer 2012 gekaufte Werkzeugmaschinen (halbautomatische Schleif- und Fräsmaschinen von Mitsui Seiki/Japan und Top Work/Taiwan) installiert und Verträge für die Lieferung weiterer Maschinen vorbereitet. Vorgesehen ist unter anderem der Kauf einer Flachschleifmachine für die Zeche Nr. 38.

Moderne Werkzeugmaschinen werden auch von den Unternehmen des Energieanlagenbaus nachgefragt. Die Holding RusHydro errichtet zusammen mit Alstom (Frankreich) und Voith Hydro (Österreich) je ein Werk zur Produktion von Anlagen für die Stromerzeugung aus Wasserkraft. Im Oktober 2012 wurde der Grundstein für das Werk des Joint Venture OOO AlstomRusHydroEnergy in Ufa (Baschkortostan) gelegt. Es soll Ende 2013 fertiggestellt werden und 2016 seine volle Kapazität erreichen. Dafür werden 600 Mio. Euro investiert. Gemeinsam mit Voith Hydro ist geplant, im 1. Quartal 2013 mit dem Bau eines Werks zur Produktion von Wasserkraftwerksturbinen im Gebiet Saratow zu beginnen.

Die Konzerne Silowye Maschiny und Siemens planen die Errichtung eines Werks zur Produktion und Wartung von Gasturbinen im Industriepark Greenstate im Leningrader Gebiet. Träger des Projekts ist das Joint Venture OOO Siemens Technologii Gasowych Turbin (gegründet am 1.12.2011), an dem die Siemens AG mit 65% beteiligt ist und die OAO Silowye Maschiny mit 35%. Auf einem 3,8 Hektar großen Grundstück sollen Werkshallen mit einer Fläche von 25.000 qm erbaut werden und 500 Arbeitsplätze entstehen. Vorgesehen ist die Fertigung der hocheffektiven Gasturbinenmodelle Siemens SGT5-2000E und SGT5-4000F mit einer Kapazität von 166 MW und 292 MW.

Die Firma Privodnaja technika baut in Sneshinsk im Gebiet Tscheljabinsk ein Werk für elektrische Spezialmaschinen (OOO Sneshinski sawod spezialnych elektritscheskich maschin) in drei Phasen bis 2016. Die 1. Phase umfasst die Produktion von Transformatoren und Drosselspulen (bis März 2013), die 2. Phase die Installation einer automatisierten Produktionslinie für Elektromotoren (bis Januar 2015) und die 3. Phase die Einrichtung einer Produktion von Schwerlast-Transformatoren für Bohrstationen (bis Januar 2016). Die Investitionen werden auf circa 1,2 Mrd. Rubel beziffert.

Auch beim Ural Turbinenwerk aus dem Gebiet Swerdlowsk, das zur Renova Gruppe gehört, wird kräftig investiert. Der Energieanlagenbauer gibt für die Modernisierung seiner Produktionskapazitäten im Zeitraum 2011 bis 2013 rund 800 Mio. Rubel aus. Im Jahr 2012 dürften es 500 Mio. Rubel gewesen sein, sagt Einkaufsleiter Wladimir Labutin. Für das Geld wurden im April 2012 fünf Werkzeugmaschinen aus Deutschland in Betrieb genommen, so Vizegeschäftsführer Denis Tschitschigin. Mit künftigen Investitionen will der stellvertretende Generaldirektor den Maschinenpark weiter modernisieren und die Schweißprozesse bei der Turbinenfertigung verbessern - vom mechanischen Schweißen hin zum halbautomatischen und vollautomatischen Schweißen. Das Unternehmen arbeitet eng mit der SAO Rotek und der schweizerischen Firma Sulzer (Renova hält eine Beteiligung von 31,20%) zusammen.

Das Maschinenbauwerk Uralmaschsawod, der größte Arbeitgeber in Jekaterinburg im Gebiet Swerdlowsk, wird seine veralteten Zahnradschleif-, Dreh- und Fräsmaschinen ersetzen. "In den kommenden zwei Jahren wollen wir 200 Mio. US$ investieren", sagte Uralmaschsawod-Geschäftsführer Andrej Saltanow auf GTAI-Anfrage Mitte Juli 2012. Das Ziel: Die technologischen Ketten neu aufbauen mit Hilfe von CNC-Maschinen. Im Bereich Schutzbeschichtungen und beim Schweißen sieht der Firmenchef ebenfalls großen Nachholbedarf. Drei Viertel des Werksgeländes werden künftig anderweitig verwendet. Auf den verbleibenden 25% des Firmengrundstückes sollen schon in wenigen Jahren doppelt so viele Erzeugnisse hergestellt werden. Das Werk wurde 1933 gebaut und fertigt heute unter anderem Teile für Kraftwerksanlagen, wie etwa Ringe oder Halterungen für Turbinenschaufeln.

Russlands Waggon- und Lokomotiven-Hersteller investieren ebenfalls in neue Produktionsanlagen. Und sie setzen auf ausländische Partner. Ob Siemens, Alstom oder Bombardier - ohne internationale Expertise geht in Russland nichts mehr. Die Nachfrage wird getrieben durch (1) Sportgroßereignisse wie die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi und die Fußball-Weltmeisterschaft 2018, sowie (2) den Bedarf an Güterwaggons der Bergbau- und Metallurgie-Unternehmen.

Der größte Güterwaggon-Hersteller Russlands, OAO NPK Uralwagonsawod, produzierte im Jahr 2012 über 25.680 Waggons. Uralwagonsawod benötigt moderne Maschinen und Werkzeuge, ein neues EDV-System, eine verbesserte Logistik und eine Ressourcen schonende, effiziente Produktion. Bei der Optimierung der Produktionsprozesse und der ganzheitlichen Betrachtung des Lebenszyklus der Produkte soll Siemens helfen. Dafür investiert der Betrieb 2013 rund 1,5 Mrd. bis 2,0 Mrd. Rubel. Außerdem baut Uralwagonsawod eine neue Gießerei und ein Walzwerk im Stammwerk in Nishni Tagil (Gebiet Swerdlowsk). Darüber hinaus will das Unternehmen die Waggonproduktion diversifizieren und künftig auch Bodentrichterwaggons herstellen. Der Blick des Managements ist zudem aufs Ausland gerichtet. In der litauischen Stadt Jelgava soll ein Werk zur Montage und Wartung von Eisenbahnwaggons entstehen (geplant ist ein kompaktes, automatisiertes Werk). Auch mit der kasachischen Eisenbahn wird eine Kooperation zur Wartung und Reparatur von Güterwaggons angestrebt.

Der Waggonbaubetrieb Nowokusnezk aus der Kohleregion Kemerowo investiert zwischen 2012 und 2014 rund 2,5 Mrd. Rubel ebenfalls in ein neues Gießereiwerk. Es ermöglicht die Produktion von 7.500 Waggons pro Jahr.
Das Orsker Waggonbauwerk (Gebiet Orenburg) will 5,648 Mrd. Rubel in den Ausbau seiner Produktions- und Reparaturkapazitäten investieren. Vorgesehen ist der gleichzeitige Bau von vier Anlagen auf dem Gelände des Werks bis Mitte 2013. In der ersten Anlage sollen 4.800 Güterwaggons verschiedener Typen pro Jahr gefertigt werden. Die zweite Anlage ist für die Wartung und Reparatur von 8.000 Güterwaggons pro Jahr bestimmt. Zusätzlich sollen in der zweiten Anlage eine Abteilung zur Produktionsvorbereitung sowie ein Platz zur Verarbeitung von Metallabfällen, Lagerung von Metallen und Radsätzen gebaut werden.

Die dritte Anlage wird der Generalüberholung von 2.000 Güterwaggons und der Produktion von 20.000 Kanaldeckeln pro Jahr dienen. Die vierte Anlage ist ausgelegt auf die Fertigung von Prototypen und die Produktion von jährlich 180 Seitenkippwagen mit einer Nutzlast von 105 Tonnen und 66 Tonnen. Es wurden vorläufige Vereinbarungen mit verschiedenen Eisenbahnfrachtgesellschaften für den Kauf von Waggons und die Erbringung von Reparaturdienstleistungen geschlossen. Ausgangspunkt für das Projekt sind lediglich ein verfallenes Gebäude und vollständig abgeschriebene, zu 100% verschlissene Ausrüstungen. Im Jahr 2011 produzierte das Werk nur etwa 430 Halbwaggons.

Dem 35. Schiffsreparaturwerk in Murmansk, einer Filiale der OAO Zentr sudoremonta "Swesdotschka", stehen 5 Mrd. Rubel (circa 125 Mio. Euro) für die Modernisierung seiner Produktion zur Verfügung. Für das Geld sollen neue Werkzeugmaschinen und Kräne gekauft sowie die gesamte Werksinfrastruktur umgebaut werden. Das kleine und das große Trockendock werden rekonstruiert und vergrößert. Während das Werk zurzeit nur kleine Anti-U-Boot-Schiffe warten kann, sollen dort in zwei Jahren schwere Flugzeugträger und Kreuzer der Nordmeer-Flotte, aber auch große Tanker repariert werden, erklärte Direktor Aleksej Malzew.

Geradezu stürmisch entwickelt sich der Fahrzeugbau als Abnehmer von Maschinen und Anlagen - ein Trend, der wesentlich durch das Engagement ausländischer Automobilkonzerne gestützt wird. Details hierzu entnehmen Sie bitte dem Artikel "Investitionsschub in der russischen Automobil- und -Zulieferindustrie".
Moderne Werkzeugmaschinen sind heute teilweise so teuer, dass sich einzelne russische Unternehmen die Anschaffung nicht leisten können. Außerdem können die Bearbeitungszentren nur durch die Produktion eines Werks teils gar nicht ausgelastet werden. Deshalb werden in den russischen Regionen immer öfter Pools von High-Tech-Werkzeugmaschinen zur gemeinsamen Nutzung durch mehrere Unternehmen eingerichtet. Ein Beispiel für diese Strategie ist das Zentrum für Hochpräzisions-Maschinenbau in Baschkortostan, das als PPP-Projekt von den Unternehmen OAO RusHydro (Wasserkraftwerks-Holding), Ufa Motorenbau Produktions-Vereinigung (UMPO) und Maschinenbauwerk "Iskra" realisiert wird. Mit der Einrichtung soll im Jahr 2013 begonnen werden.

Positiv auf die Nachfrage nach Maschinen und Ausrüstungen wirken sich die zahlreichen Projekte ausländischer Investoren auf der grünen Wiese aus. Der deutsche Konzern Henkel baut eine Fabrik für Bauchemie, Farben und Lacke in der Region Stawropol. Die österreichische Strabag errichtet eine Produktion von Asphaltbeton in der Region Nowgorod.
Bosch Thermotechnik plant am bereits bestehenden Standort Engels eine neue Produktionsstätte für Industriekessel und wandhängende Heizgeräte. Der Bau des neuen Werks soll im März 2013 beginnen, die Fertigung soll im 1. oder 2. Quartal 2014 starten. Insgesamt werden rund 21 Mio. Euro investiert, sagte Uwe Glock, Vorsitzender des Vorstands des Bosch-Geschäftsbereichs Thermotechnik.

Die Kuhn Group, Hersteller von Landmaschinen aus Frankreich, will ein Werk im Gebiet Woronesh bauen, gab Vize-Präsident und kaufmännischer Direktor Roland Rieger Anfang Dezember 2012 bekannt. Über den Umfang der Investitionen und Fristen wurde noch nichts verlautbart. Bislang verfügt die Kuhn Group über eine Vertriebsniederlassung in Moskau (OOO Kuhn Wostok) und ein Lager in Kaluga. Landtechnik-Hersteller werden künftig vom Entwicklungsprogramm der russischen Regierung für die Landwirtschaft und die Nahrungsmittelindustrie bis 2020 profitieren.
(E.W./H.B.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland