Programm zur Entwicklung der Industrie bis 2020 / WTO-Beitritt erhöht Druck auf russische Unternehmen zu modernisieren / Von Edda Wolf und Bernd Hones
Moskau (gtai) - Russland ist für deutsche
Maschinenbauer der viertgrößte Exportmarkt - nach der VR China, den USA
und Frankreich. Die deutschen Maschinenlieferungen betrugen im 1.
Halbjahr 2012 mehr als 4 Mrd. Euro. Das ist ein Plus von 14% im
Vergleich zum Vorjahreszeitraum. "Die Chancen, dass der Exportrekord des
Jahres 2008 von knapp 8,1 Mrd. Euro eingestellt wird, stehen gut",
kommentierte Dr. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbandes der
Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), die Angaben von Destatis.
"Die Geschäftschancen für deutsche Maschinenbauer in Russland
sind ausgezeichnet und die Hannover Messe 2013 (8.-12. April 2012) mit
Russland als Partnerland wird eine hervorragende Gelegenheit sein, diese
Chancen in Aufträge umzusetzen", betonte Wiechers.
Die
Wirtschaftsdynamik Russlands basiert maßgeblich auf den Einnahmen aus
Öl- und Gasexporten. Eine weltweit relativ stabile Nachfrage nach Erdöl
und -gas vorausgesetzt, bringen hohe Rohstoffpreise Devisen und
Kaufkraft ins Land. Davon profitieren auch die Investitionen ins
Anlagekapital: sie legten im Zeitraum Januar bis Oktober 2012 um 9,5%
auf 1.285,7 Mrd. Rubel (circa 32,1 Mrd. Euro) zu.
Zudem muss sich
Russland nach dem WTO-Beitritt dringend um die Modernisierung seiner
Industrie kümmern. Die russische Regierung ist sich dessen bewusst und
hat am 7. Dezember 2012 das Programm "Entwicklung der Industrie und
Erhöhung ihrer Konkurrenzfähigkeit bis 2020" beschlossen. Mit
Budgetmitteln in Höhe von 500 Mrd. Rubel (12,5 Mrd. Euro) sollen
Industriezweige wie Metallurgie, Automobilbau, Schwer- und
Transportmaschinenbau, Leicht- und Chemieindustrie unterstützt werden
(17 Unterprogramme). In den Expertenbeirat des Komitees für Industrie
der Staatsduma, der die russische Regierung in technologischen Fragen
berät, wurde der Leiter der russischen Vertretung der deutschen
Maschinenbau-Holding EMAG, Pawel Belikow, einbezogen.
Investitionen
fließen vor allem in Maschinen und Ausrüstungen für die Öl- und
Gasindustrie, die Petrochemie, die Metallindustrie, die
Automobilindustrie, den Schienenfahrzeugbau und den Energieanlagenbau.
Aus deutscher Produktion besonders gefragt sind Bau- und
Baustoffmaschinen, Antriebstechnik, allgemeine Lufttechnik,
Kompressoren, Druckluft- und Vakuumtechnik, Armaturen, aber auch
Werkzeugmaschinen, Kunststoff- und Gummimaschinen sowie Landtechnik.
Bei
Werkzeugmaschinen ist Russland weltweit unter die zehn wichtigsten
Märkte vorgerückt. Nach Berechnungen des deutschen Unternehmens
Gildemeister erreichte der russische Markt für Werkzeugmaschinen im Jahr
2011 ein Volumen von 1,257 Mrd. Euro. Das entspricht 2% des Weltmarkts.
Durch die aktuelle, politisch gestützte Modernisierungsoffensive in der
russischen Industrie dürfte das Marktvolumen binnen zwei bis drei
Jahren auf bis zu 3 Mrd. Euro hochschnellen.
Um sich ein Stück vom
Markt zu sichern, errichtet die deutsche Gildemeister AG eine Fabrik
für Bohr- und Fräsmaschinen mit einem Projektwert von mehr als 20 Mio.
Euro in Uljanowsk. Dort sollen Werkzeugmaschinen der Linie Ecoline für
die Automobil- sowie für die Raum- und Luftfahrtindustrie gebaut werden.
Bis zu 1.000 Einheiten pro Jahr werden nach Fertigstellung der Fabrik
2013 die Werkshallen verlassen.
Wichtige Abnehmer von
Werkzeugmaschinen in Russland sind Unternehmen, die verstärkt im
internationalen Wettbewerb stehen. So möchte sich der Titanhersteller
VSMPO-Avisma aus Werchnjaja Salda im Gebiet Swerdlowsk vom reinen
Metallurgiebetrieb zum Bearbeitungsunternehmen für Titanteile und
Systemzulieferer für die weltweite Luftfahrtindustrie (Airbus, Boeing,
Embraer, Rolls-Royce) entwickeln. Um mehr Press- und Stanzteile aus
Titan herstellen zu können, sollen die Kapazitäten zum Stanzen und zur
mechanischen Bearbeitung ausgebaut werden. Außerdem will VSMPO-Avisma in
den Markt für Befestigungselemente für die Flugzeugindustrie einsteigen
und seine Produktionspalette für den Flugzeug-Triebwerksbau erweitern.
Bis 2015 plant das Unternehmen 800 Mio. US$ zu investieren. Der
Werkzeugmaschinenpark, die Vakuumöfen und die Hebekräne sollen erneuert
werden.
Viele Modernisierungsvorhaben wurden bereits realisiert,
doch einiges müsse noch gekauft werden, sagt Aleksandr Mitrofanow,
stellvertretender Direktor für Technik und Reparaturen bei VSMPO-Avisma.
Business Development-Direktor Sergei Lednow konkretisiert: In den
Jahren 2013 bis 2014 steht der Kauf weiterer Präzisionsmaschinen zur
Bearbeitung von gewalzten Titanringen an. "Wir wollen vor allem die
Tiefenverarbeitung ausbauen", so Mitrofanow. Und Zulieferer ansiedeln.
Dazu entsteht wenige Kilometer vom Avisma-Werk entfernt die
Industriezone "Titan Valley".
Eines der wichtigsten Werke zur
Produktion von Bauteilen für Flugzeuge und Raketen in Russland, OAO
Wysokije Technologii (früher: Omsker Aggregate Werk), erneuert ebenfalls
seinen Maschinenpark. Zurzeit werden im Sommer 2012 gekaufte
Werkzeugmaschinen (halbautomatische Schleif- und Fräsmaschinen von
Mitsui Seiki/Japan und Top Work/Taiwan) installiert und Verträge für die
Lieferung weiterer Maschinen vorbereitet. Vorgesehen ist unter anderem
der Kauf einer Flachschleifmachine für die Zeche Nr. 38.
Moderne
Werkzeugmaschinen werden auch von den Unternehmen des Energieanlagenbaus
nachgefragt. Die Holding RusHydro errichtet zusammen mit Alstom
(Frankreich) und Voith Hydro (Österreich) je ein Werk zur Produktion von
Anlagen für die Stromerzeugung aus Wasserkraft. Im Oktober 2012 wurde
der Grundstein für das Werk des Joint Venture OOO AlstomRusHydroEnergy
in Ufa (Baschkortostan) gelegt. Es soll Ende 2013 fertiggestellt werden
und 2016 seine volle Kapazität erreichen. Dafür werden 600 Mio. Euro
investiert. Gemeinsam mit Voith Hydro ist geplant, im 1. Quartal 2013
mit dem Bau eines Werks zur Produktion von Wasserkraftwerksturbinen im
Gebiet Saratow zu beginnen.
Die Konzerne Silowye Maschiny und
Siemens planen die Errichtung eines Werks zur Produktion und Wartung von
Gasturbinen im Industriepark Greenstate im Leningrader Gebiet. Träger
des Projekts ist das Joint Venture OOO Siemens Technologii Gasowych
Turbin (gegründet am 1.12.2011), an dem die Siemens AG mit 65% beteiligt
ist und die OAO Silowye Maschiny mit 35%. Auf einem 3,8 Hektar großen
Grundstück sollen Werkshallen mit einer Fläche von 25.000 qm erbaut
werden und 500 Arbeitsplätze entstehen. Vorgesehen ist die Fertigung der
hocheffektiven Gasturbinenmodelle Siemens SGT5-2000E und SGT5-4000F mit
einer Kapazität von 166 MW und 292 MW.
Die Firma Privodnaja
technika baut in Sneshinsk im Gebiet Tscheljabinsk ein Werk für
elektrische Spezialmaschinen (OOO Sneshinski sawod spezialnych
elektritscheskich maschin) in drei Phasen bis 2016. Die 1. Phase umfasst
die Produktion von Transformatoren und Drosselspulen (bis März 2013),
die 2. Phase die Installation einer automatisierten Produktionslinie für
Elektromotoren (bis Januar 2015) und die 3. Phase die Einrichtung einer
Produktion von Schwerlast-Transformatoren für Bohrstationen (bis Januar
2016). Die Investitionen werden auf circa 1,2 Mrd. Rubel beziffert.
Auch
beim Ural Turbinenwerk aus dem Gebiet Swerdlowsk, das zur Renova Gruppe
gehört, wird kräftig investiert. Der Energieanlagenbauer gibt für die
Modernisierung seiner Produktionskapazitäten im Zeitraum 2011 bis 2013
rund 800 Mio. Rubel aus. Im Jahr 2012 dürften es 500 Mio. Rubel gewesen
sein, sagt Einkaufsleiter Wladimir Labutin. Für das Geld wurden im April
2012 fünf Werkzeugmaschinen aus Deutschland in Betrieb genommen, so
Vizegeschäftsführer Denis Tschitschigin. Mit künftigen Investitionen
will der stellvertretende Generaldirektor den Maschinenpark weiter
modernisieren und die Schweißprozesse bei der Turbinenfertigung
verbessern - vom mechanischen Schweißen hin zum halbautomatischen und
vollautomatischen Schweißen. Das Unternehmen arbeitet eng mit der SAO
Rotek und der schweizerischen Firma Sulzer (Renova hält eine Beteiligung
von 31,20%) zusammen.
Das Maschinenbauwerk Uralmaschsawod, der
größte Arbeitgeber in Jekaterinburg im Gebiet Swerdlowsk, wird seine
veralteten Zahnradschleif-, Dreh- und Fräsmaschinen ersetzen. "In den
kommenden zwei Jahren wollen wir 200 Mio. US$ investieren", sagte
Uralmaschsawod-Geschäftsführer Andrej Saltanow auf GTAI-Anfrage Mitte
Juli 2012. Das Ziel: Die technologischen Ketten neu aufbauen mit Hilfe
von CNC-Maschinen. Im Bereich Schutzbeschichtungen und beim Schweißen
sieht der Firmenchef ebenfalls großen Nachholbedarf. Drei Viertel des
Werksgeländes werden künftig anderweitig verwendet. Auf den
verbleibenden 25% des Firmengrundstückes sollen schon in wenigen Jahren
doppelt so viele Erzeugnisse hergestellt werden. Das Werk wurde 1933
gebaut und fertigt heute unter anderem Teile für Kraftwerksanlagen, wie
etwa Ringe oder Halterungen für Turbinenschaufeln.
Russlands
Waggon- und Lokomotiven-Hersteller investieren ebenfalls in neue
Produktionsanlagen. Und sie setzen auf ausländische Partner. Ob Siemens,
Alstom oder Bombardier - ohne internationale Expertise geht in Russland
nichts mehr. Die Nachfrage wird getrieben durch (1) Sportgroßereignisse
wie die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi und die
Fußball-Weltmeisterschaft 2018, sowie (2) den Bedarf an Güterwaggons der
Bergbau- und Metallurgie-Unternehmen.
Der größte
Güterwaggon-Hersteller Russlands, OAO NPK Uralwagonsawod, produzierte im
Jahr 2012 über 25.680 Waggons. Uralwagonsawod benötigt moderne
Maschinen und Werkzeuge, ein neues EDV-System, eine verbesserte Logistik
und eine Ressourcen schonende, effiziente Produktion. Bei der
Optimierung der Produktionsprozesse und der ganzheitlichen Betrachtung
des Lebenszyklus der Produkte soll Siemens helfen. Dafür investiert der
Betrieb 2013 rund 1,5 Mrd. bis 2,0 Mrd. Rubel. Außerdem baut
Uralwagonsawod eine neue Gießerei und ein Walzwerk im Stammwerk in
Nishni Tagil (Gebiet Swerdlowsk). Darüber hinaus will das Unternehmen
die Waggonproduktion diversifizieren und künftig auch
Bodentrichterwaggons herstellen. Der Blick des Managements ist zudem
aufs Ausland gerichtet. In der litauischen Stadt Jelgava soll ein Werk
zur Montage und Wartung von Eisenbahnwaggons entstehen (geplant ist ein
kompaktes, automatisiertes Werk). Auch mit der kasachischen Eisenbahn
wird eine Kooperation zur Wartung und Reparatur von Güterwaggons
angestrebt.
Der Waggonbaubetrieb Nowokusnezk aus der Kohleregion
Kemerowo investiert zwischen 2012 und 2014 rund 2,5 Mrd. Rubel ebenfalls
in ein neues Gießereiwerk. Es ermöglicht die Produktion von 7.500
Waggons pro Jahr.
Das Orsker Waggonbauwerk (Gebiet Orenburg) will
5,648 Mrd. Rubel in den Ausbau seiner Produktions- und
Reparaturkapazitäten investieren. Vorgesehen ist der gleichzeitige Bau
von vier Anlagen auf dem Gelände des Werks bis Mitte 2013. In der ersten
Anlage sollen 4.800 Güterwaggons verschiedener Typen pro Jahr gefertigt
werden. Die zweite Anlage ist für die Wartung und Reparatur von 8.000
Güterwaggons pro Jahr bestimmt. Zusätzlich sollen in der zweiten Anlage
eine Abteilung zur Produktionsvorbereitung sowie ein Platz zur
Verarbeitung von Metallabfällen, Lagerung von Metallen und Radsätzen
gebaut werden.
Die dritte Anlage wird der Generalüberholung von
2.000 Güterwaggons und der Produktion von 20.000 Kanaldeckeln pro Jahr
dienen. Die vierte Anlage ist ausgelegt auf die Fertigung von Prototypen
und die Produktion von jährlich 180 Seitenkippwagen mit einer Nutzlast
von 105 Tonnen und 66 Tonnen. Es wurden vorläufige Vereinbarungen mit
verschiedenen Eisenbahnfrachtgesellschaften für den Kauf von Waggons und
die Erbringung von Reparaturdienstleistungen geschlossen. Ausgangspunkt
für das Projekt sind lediglich ein verfallenes Gebäude und vollständig
abgeschriebene, zu 100% verschlissene Ausrüstungen. Im Jahr 2011
produzierte das Werk nur etwa 430 Halbwaggons.
Dem 35.
Schiffsreparaturwerk in Murmansk, einer Filiale der OAO Zentr
sudoremonta "Swesdotschka", stehen 5 Mrd. Rubel (circa 125 Mio. Euro)
für die Modernisierung seiner Produktion zur Verfügung. Für das Geld
sollen neue Werkzeugmaschinen und Kräne gekauft sowie die gesamte
Werksinfrastruktur umgebaut werden. Das kleine und das große Trockendock
werden rekonstruiert und vergrößert. Während das Werk zurzeit nur
kleine Anti-U-Boot-Schiffe warten kann, sollen dort in zwei Jahren
schwere Flugzeugträger und Kreuzer der Nordmeer-Flotte, aber auch große
Tanker repariert werden, erklärte Direktor Aleksej Malzew.
Geradezu
stürmisch entwickelt sich der Fahrzeugbau als Abnehmer von Maschinen
und Anlagen - ein Trend, der wesentlich durch das Engagement
ausländischer Automobilkonzerne gestützt wird. Details hierzu entnehmen
Sie bitte dem Artikel "Investitionsschub in der russischen Automobil-
und -Zulieferindustrie".
Moderne Werkzeugmaschinen sind heute
teilweise so teuer, dass sich einzelne russische Unternehmen die
Anschaffung nicht leisten können. Außerdem können die
Bearbeitungszentren nur durch die Produktion eines Werks teils gar nicht
ausgelastet werden. Deshalb werden in den russischen Regionen immer
öfter Pools von High-Tech-Werkzeugmaschinen zur gemeinsamen Nutzung
durch mehrere Unternehmen eingerichtet. Ein Beispiel für diese Strategie
ist das Zentrum für Hochpräzisions-Maschinenbau in Baschkortostan, das
als PPP-Projekt von den Unternehmen OAO RusHydro
(Wasserkraftwerks-Holding), Ufa Motorenbau Produktions-Vereinigung
(UMPO) und Maschinenbauwerk "Iskra" realisiert wird. Mit der Einrichtung
soll im Jahr 2013 begonnen werden.
Positiv auf die Nachfrage nach
Maschinen und Ausrüstungen wirken sich die zahlreichen Projekte
ausländischer Investoren auf der grünen Wiese aus. Der deutsche Konzern
Henkel baut eine Fabrik für Bauchemie, Farben und Lacke in der Region
Stawropol. Die österreichische Strabag errichtet eine Produktion von
Asphaltbeton in der Region Nowgorod.
Bosch Thermotechnik plant am
bereits bestehenden Standort Engels eine neue Produktionsstätte für
Industriekessel und wandhängende Heizgeräte. Der Bau des neuen Werks
soll im März 2013 beginnen, die Fertigung soll im 1. oder 2. Quartal
2014 starten. Insgesamt werden rund 21 Mio. Euro investiert, sagte Uwe
Glock, Vorsitzender des Vorstands des Bosch-Geschäftsbereichs
Thermotechnik.
Die Kuhn Group, Hersteller von Landmaschinen aus
Frankreich, will ein Werk im Gebiet Woronesh bauen, gab Vize-Präsident
und kaufmännischer Direktor Roland Rieger Anfang Dezember 2012 bekannt.
Über den Umfang der Investitionen und Fristen wurde noch nichts
verlautbart. Bislang verfügt die Kuhn Group über eine
Vertriebsniederlassung in Moskau (OOO Kuhn Wostok) und ein Lager in
Kaluga. Landtechnik-Hersteller werden künftig vom Entwicklungsprogramm
der russischen Regierung für die Landwirtschaft und die
Nahrungsmittelindustrie bis 2020 profitieren.
(E.W./H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland