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Dienstag, 14. Mai 2013

Sankt Petersburg wählt Systemanbieter für Schienenverkehr aus

Anbindung des Flughafens Pulkowo ans Stadtzentrum zur Vorbereitung der Fußball-WM 2018
Von Ullrich Umann

Sankt Petersburg (gtai) - Um die Anbindung des Flughafens Pulkowo an den öffentlichen Personennahverkehr ist in Sankt Petersburg ein heftiger Streit entbrannt. Die Stadtverwaltung bevorzugt einen Ausbau der Metro bis zum Airport. Dafür müsste ein 5 km langer Tunnel gebohrt werden. Dieses Unterfangen würde 42 Mrd. Rubel (1 Mrd. Euro) kosten. Doch kann die Stadtverwaltung aus der eigenen Kasse nur 2,5 Mrd. Rubel zuschießen. Den Löwenanteil müsste das föderale Transportministerium tragen.

Den ursprünglichen Plan, eine schnellfahrende Straßenbahn oder den Aeroexpress (Expresszug, der bereits in Moskau auf allen drei Flughafen-Strecken eingesetzt wird) einzusetzen, lehnen die Petersburger Stadtväter - zumindest vorerst - ab. Dabei sind Schienenverbindungen über der Erde wesentlich kostengünstiger zu verlegen, als die Metro auf gleicher Distanz unter Tage ausgebaut werden könnte.

Für die Petersburger Stadtverwaltung ist die Metro offenbar eine Prestigefrage. Offensichtlich spekulieren die Verantwortlichen, dass am Ende das föderale Transportministerium klein beigeben und doch die Projektkosten für eine Metroverlängerung übernehmen wird. Schließlich gehört die "Hauptstadt des Nordens" zu den offiziellen Austragungsorten der Fußball-WM 2018. Dass sich das gesamte Land den anreisenden Fußballfans in einem modernen Gewand präsentieren will, ist erklärter politischer Wille der föderalen Regierung.

Doch bitten die Sankt Petersburger Verantwortlichen zu einem recht ungünstigen Zeitpunkt bei der föderalen Regierung in Moskau um einen Zuschuss für das Projekt. Die Einnahmenseite des Staatsbudgets ist aktuell angespannt, denn die Konjunktur läuft 2013 nur schleppend an. Vor allem die Erlöse aus den Exportzöllen für Kohlenwasserstoffe sprudeln nicht mehr so üppig wie noch vor wenigen Monaten. In Russland muss zurzeit gespart werden, um in Sachen Haushaltsdisziplin auf stabilem Kurs zu bleiben.

Daher stoßen Sonderwünsche aus den Regionen, vor allem wenn sie hohe Summen betreffen, in Moskauer Amtsstuben auf taube Ohren. Dies trifft erst recht zu, wenn es billigere technische Lösungen gibt, die andernorts sogar schon erfolgreich funktionieren. So ist das Transportministerium dem Vernehmen nach nicht bereit und aktuell womöglich finanziell auch gar nicht in der Lage, die von Sankt Petersburg beantragten 39,5 Mrd. Rubel (987,5 Mio. Euro) vorzustrecken und damit den Preis von 8,4 Mrd. Rubel (210 Mio. Euro) pro Kilometer Metrobau zu zahlen.

Eine der technischen Alternativen, die Einrichtung einer Strecke für den Aeroexpress, der zwischen Pulkowo und dem Baltischen Bahnhof verkehren würde, wird mit Kosten von 4,5 Mrd. Rubel (112,5 Mio. Euro) veranschlagt. Davon würden 3,5 Mrd. Rubel für die Anschaffung des rollenden Materials und die restlichen 1,5 Mrd. Rubel für die Errichtung eines Bahnsteigs ausgegeben. Betreiber und Eigentümer wäre die Staatsbahn OAO RZD über das Betreiberkonsortium Aeroexpress. Das Bahnunternehmen müsste seinerseits 9,83 Mrd. Rubel (245,75 Mio. Euro) für das Verlegen von 11,5 km Gleisen ausgeben. Unter dem Strich kämen Projektkosten von 1,25 Mrd. Rubel (31,25 Mio. Euro) pro Kilometer heraus.

Da die OAO RZD Betreiber und gleichzeitig Mehrheitsinvestor für den Aeroexpress wäre, flössen der Stadt hinterher aber keinerlei Einnahmen zu. Eine gewisse Reserviertheit gegenüber diesem ökonomischen Sachverhalt ist der Stadtverwaltung nicht einmal zu verdenken. Andererseits sollen der Gouverneur von Sankt Petersburg, Georgi Poltawschenko, und der RZD-Chef Wladimir Jakunin schon 2011 die Grundlagen für ein solches Projekt besprochen haben.

Für Aufmerksamkeit sorgte in diesem Zusammenhang die Meldung des Wirtschaftsblattes "Wedomosti", das in seinem Regionalteil für den Nord-Westen Russlands am 22.4.2013 von der Gründung einer OOO Aeroexpress-Pulkowo berichtete. Dabei soll es sich um eine 100%-ige Tochterfirma von Aeroexpress handeln. Geschäftsziel der neuen Gesellschaft sei die Projektierung und Realisierung der Flughafenanbindung in Sankt Petersburg, hieß es.
Der Eisenbahnmonopolist OAO RZD würde im Fall der Flughafenanbindung in Sankt Petersburg aber nicht - wie sonst - die Bedingungen diktieren, sondern befände sich in der Rolle eines Auftragnehmers der Stadt. Doch auch bei dieser Variante müsste das Transportministerium einen Zuschuss gewähren, wie RZD bereits kleinlaut einräumte. Andernfalls müsste RZD die Kalkulation für das Projekt nach oben korrigieren. Ohne Zuschuss oder die erwähnte Korrektur würden der Eisenbahngesellschaft aus dem Projekt Verluste entstehen.

Eine schnellfahrende Straßenbahn wäre die zweite Alternative und in ihren Projektkosten noch einmal 30% billiger als der Aeroexpress. Das für eine Streckenführung notwendige Terrain befindet sich dem Vernehmen nach sogar schon im städtischen Besitz. Das föderale Transportministerium, unabhängige Verkehrsexperten und Analysten, darunter von der Wirtschaftshochschule Sankt Petersburg, empfehlen daher der Stadtverwaltung, sich für die schnellfahrende Straßenbahn zu entscheiden. Hierzu kursiert sogar ein weiterer alternativer Vorschlag: so könne anstelle einer Straßenbahn auch die Metro genau auf dieser Strecke überirdisch verkehren.

Das Transportministerium wies in einer amtlichen Stellungnahme vorsorglich darauf hin, dass die Stadt Sankt Petersburg bei ihrer Bewerbung als Austragungsort für die WM 2018 den Bau von 5 km Metro mit keiner Silbe erwähnt hatte. Auch haben generell alle Austragungsorte den ÖPNV eigenverantwortlich zu modernisieren. Die Föderale Regierung verpflichtet sich laut FIFA-Regelwerk ausdrücklich nur zur Modernisierung der ausgewählten Fußballstadien und Trainingsplätze sowie zum Ausbau der internationalen Flughäfen.

Wie es in der Stellungnahme weiter heißt, zieht der Transportminister eine Finanzierung der Metroanbindung aus den genannten Gründen nicht in Betracht. Die Verwaltung von Sankt Petersburg wird nun im 2. oder 3. Quartal 2013, ausgehend von dieser Stellungnahme, eine Entscheidung treffen müssen. Andernfalls wird die Zeit bis zum Start der Fußball WM 2018 zu knapp.

Kontaktanschrift:

Stadtverwaltung Sankt Petersburg
Komitee zur Entwicklung der Transportinfrastruktur (KRTI)
191023 Sankt Petersburg, Karawannaja ul., 9 A
Tel.: 007/812/576 12 00
(U.U.)


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