Anbindung des Flughafens Pulkowo ans Stadtzentrum zur Vorbereitung der Fußball-WM 2018
Von Ullrich Umann
Sankt
Petersburg (gtai) - Um die Anbindung des Flughafens Pulkowo an den
öffentlichen Personennahverkehr ist in Sankt Petersburg ein heftiger
Streit entbrannt. Die Stadtverwaltung bevorzugt einen Ausbau der Metro
bis zum Airport. Dafür müsste ein 5 km langer Tunnel gebohrt werden.
Dieses Unterfangen würde 42 Mrd. Rubel (1 Mrd. Euro) kosten. Doch kann
die Stadtverwaltung aus der eigenen Kasse nur 2,5 Mrd. Rubel zuschießen.
Den Löwenanteil müsste das föderale Transportministerium tragen.
Den ursprünglichen Plan, eine schnellfahrende Straßenbahn oder
den Aeroexpress (Expresszug, der bereits in Moskau auf allen drei
Flughafen-Strecken eingesetzt wird) einzusetzen, lehnen die Petersburger
Stadtväter - zumindest vorerst - ab. Dabei sind Schienenverbindungen
über der Erde wesentlich kostengünstiger zu verlegen, als die Metro auf
gleicher Distanz unter Tage ausgebaut werden könnte.
Für die
Petersburger Stadtverwaltung ist die Metro offenbar eine Prestigefrage.
Offensichtlich spekulieren die Verantwortlichen, dass am Ende das
föderale Transportministerium klein beigeben und doch die Projektkosten
für eine Metroverlängerung übernehmen wird. Schließlich gehört die
"Hauptstadt des Nordens" zu den offiziellen Austragungsorten der
Fußball-WM 2018. Dass sich das gesamte Land den anreisenden Fußballfans
in einem modernen Gewand präsentieren will, ist erklärter politischer
Wille der föderalen Regierung.
Doch bitten die Sankt Petersburger
Verantwortlichen zu einem recht ungünstigen Zeitpunkt bei der föderalen
Regierung in Moskau um einen Zuschuss für das Projekt. Die
Einnahmenseite des Staatsbudgets ist aktuell angespannt, denn die
Konjunktur läuft 2013 nur schleppend an. Vor allem die Erlöse aus den
Exportzöllen für Kohlenwasserstoffe sprudeln nicht mehr so üppig wie
noch vor wenigen Monaten. In Russland muss zurzeit gespart werden, um in
Sachen Haushaltsdisziplin auf stabilem Kurs zu bleiben.
Daher
stoßen Sonderwünsche aus den Regionen, vor allem wenn sie hohe Summen
betreffen, in Moskauer Amtsstuben auf taube Ohren. Dies trifft erst
recht zu, wenn es billigere technische Lösungen gibt, die andernorts
sogar schon erfolgreich funktionieren. So ist das Transportministerium
dem Vernehmen nach nicht bereit und aktuell womöglich finanziell auch
gar nicht in der Lage, die von Sankt Petersburg beantragten 39,5 Mrd.
Rubel (987,5 Mio. Euro) vorzustrecken und damit den Preis von 8,4 Mrd.
Rubel (210 Mio. Euro) pro Kilometer Metrobau zu zahlen.
Eine der
technischen Alternativen, die Einrichtung einer Strecke für den
Aeroexpress, der zwischen Pulkowo und dem Baltischen Bahnhof verkehren
würde, wird mit Kosten von 4,5 Mrd. Rubel (112,5 Mio. Euro)
veranschlagt. Davon würden 3,5 Mrd. Rubel für die Anschaffung des
rollenden Materials und die restlichen 1,5 Mrd. Rubel für die Errichtung
eines Bahnsteigs ausgegeben. Betreiber und Eigentümer wäre die
Staatsbahn OAO RZD über das Betreiberkonsortium Aeroexpress. Das
Bahnunternehmen müsste seinerseits 9,83 Mrd. Rubel (245,75 Mio. Euro)
für das Verlegen von 11,5 km Gleisen ausgeben. Unter dem Strich kämen
Projektkosten von 1,25 Mrd. Rubel (31,25 Mio. Euro) pro Kilometer
heraus.
Da die OAO RZD Betreiber und gleichzeitig
Mehrheitsinvestor für den Aeroexpress wäre, flössen der Stadt hinterher
aber keinerlei Einnahmen zu. Eine gewisse Reserviertheit gegenüber
diesem ökonomischen Sachverhalt ist der Stadtverwaltung nicht einmal zu
verdenken. Andererseits sollen der Gouverneur von Sankt Petersburg,
Georgi Poltawschenko, und der RZD-Chef Wladimir Jakunin schon 2011 die
Grundlagen für ein solches Projekt besprochen haben.
Für
Aufmerksamkeit sorgte in diesem Zusammenhang die Meldung des
Wirtschaftsblattes "Wedomosti", das in seinem Regionalteil für den
Nord-Westen Russlands am 22.4.2013 von der Gründung einer OOO
Aeroexpress-Pulkowo berichtete. Dabei soll es sich um eine 100%-ige
Tochterfirma von Aeroexpress handeln. Geschäftsziel der neuen
Gesellschaft sei die Projektierung und Realisierung der
Flughafenanbindung in Sankt Petersburg, hieß es.
Der
Eisenbahnmonopolist OAO RZD würde im Fall der Flughafenanbindung in
Sankt Petersburg aber nicht - wie sonst - die Bedingungen diktieren,
sondern befände sich in der Rolle eines Auftragnehmers der Stadt. Doch
auch bei dieser Variante müsste das Transportministerium einen Zuschuss
gewähren, wie RZD bereits kleinlaut einräumte. Andernfalls müsste RZD
die Kalkulation für das Projekt nach oben korrigieren. Ohne Zuschuss
oder die erwähnte Korrektur würden der Eisenbahngesellschaft aus dem
Projekt Verluste entstehen.
Eine schnellfahrende Straßenbahn wäre
die zweite Alternative und in ihren Projektkosten noch einmal 30%
billiger als der Aeroexpress. Das für eine Streckenführung notwendige
Terrain befindet sich dem Vernehmen nach sogar schon im städtischen
Besitz. Das föderale Transportministerium, unabhängige Verkehrsexperten
und Analysten, darunter von der Wirtschaftshochschule Sankt Petersburg,
empfehlen daher der Stadtverwaltung, sich für die schnellfahrende
Straßenbahn zu entscheiden. Hierzu kursiert sogar ein weiterer
alternativer Vorschlag: so könne anstelle einer Straßenbahn auch die
Metro genau auf dieser Strecke überirdisch verkehren.
Das
Transportministerium wies in einer amtlichen Stellungnahme vorsorglich
darauf hin, dass die Stadt Sankt Petersburg bei ihrer Bewerbung als
Austragungsort für die WM 2018 den Bau von 5 km Metro mit keiner Silbe
erwähnt hatte. Auch haben generell alle Austragungsorte den ÖPNV
eigenverantwortlich zu modernisieren. Die Föderale Regierung
verpflichtet sich laut FIFA-Regelwerk ausdrücklich nur zur
Modernisierung der ausgewählten Fußballstadien und Trainingsplätze sowie
zum Ausbau der internationalen Flughäfen.
Wie es in der
Stellungnahme weiter heißt, zieht der Transportminister eine
Finanzierung der Metroanbindung aus den genannten Gründen nicht in
Betracht. Die Verwaltung von Sankt Petersburg wird nun im 2. oder 3.
Quartal 2013, ausgehend von dieser Stellungnahme, eine Entscheidung
treffen müssen. Andernfalls wird die Zeit bis zum Start der Fußball WM
2018 zu knapp.
Kontaktanschrift:
Stadtverwaltung Sankt Petersburg
Komitee zur Entwicklung der Transportinfrastruktur (KRTI)
191023 Sankt Petersburg, Karawannaja ul., 9 A
Tel.: 007/812/576 12 00
E-Mail: equip@gov.spb.ru
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland