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Dienstag, 2. Juli 2013

Russlands Einzelhandel sucht nach frischen Ideen

Sortiment wird erweitert / Experimentelle Neugestaltung von Verkaufsräumen

Von Ullrich Umann

Moskau (gtai) - Der Zuwachs an Handelsfläche stößt in Moskau an die Sättigungsgrenze. Zudem unterscheiden sich Shopping Malls oft nur noch nach dem Äußeren, jedoch nicht mehr nach dem Angebot. Die für den Verbraucher wichtigen Konturen verschwimmen. Handelsketten suchen deshalb nach neuen Alleinstellungsmerkmalen. Selbst Supermärkte gehen diesen Weg.

Russland hat in puncto Handelsfläche kräftig aufgeholt. Im 1. Quartal 2013 lag das Land mit 16,47 Mio. qm Verkaufsräumen der Kategorie A im europäischen Vergleich bereits auf Platz drei. Nur Großbritannien und Frankreich verfügten über mehr Fläche im Einzelhandel. In Deutschland betrug der Vergleichswert 13,94 Mio. qm, wie PricewaterhouseCoopers feststellte.

Entgegen der wachsenden Verkaufsfläche blieb die Anzahl der potenziellen Käufer aber konstant. Für die Einzelhändler ist das problematisch, da sich inzwischen ein gewisser Grad an Marktsättigung eingestellt hat, zumindest in den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg. Freiraum besteht allerdings noch in den anderen elf Millionenstädten. Ein regelrechter Nachholbedarf ist in Städten mit einer Einwohnerzahl von unter 1 Mio. zu konstatieren.

In Moskau berichten Betreiber von Handelszentren sogar schon von rückläufigen Besucherzahlen. Erklärt wird diese Entwicklung allerdings nicht allein mit dem gestiegenen Angebot an konkurrierenden Geschäften. Eine Rolle spielt dabei auch das allgemein nachlassende Wirtschaftswachstum. In der Bevölkerung verursacht das eine gewisse Nervosität und Kaufzurückhaltung; nicht zu vergessen die gestiegene Verschuldung privater Haushalte.

Wer kann, reist zudem gern ins Ausland, sowohl zur Erholung oder Weiterbildung, aber auch gezielt zum Shoppen. Dabei wird gern das Preisgefälle genutzt, das sich dabei bietet. Schließlich gehört Moskau zu den teuersten Städten der Welt und im Fernen Osten sind die Lebenshaltungskosten sogar noch ein Stück höher. In privaten Gesprächen gilt es als regelrecht schick zu betonen, dass das eine oder andere Accessoire oder Bekleidungsstück nicht etwa in einem russischen Kaufhaus, sondern in Istanbul oder New York erworben wurde.

Handelsketten wollen den Russinnen und Russen den Kauf von Konsumartikeln in der unmittelbaren Wohnumgebung wieder schmackhaft machen. In den beiden Metropolen Moskau und Sankt Petersburg wurde die Zahl der Einzelhandelszentren und Shopping Malls in den letzten Jahren deshalb aufgestockt. Inzwischen arbeiten in der russischen Hauptstadt mehr als 100 großflächige Einkaufszentren der Kategorie A. Im Jahr 2013 werden zehn weitere eröffnet, vorrangig am Stadtrand.

Handelsfläche in Moskauer Einkaufszentren (in qm, Anteil in %)
Immobilien unternehmen Gesamtfläche Flächenzuwachs im 1. Quartal 2013 unvermietete Handelsfläche (Anteil) erwarteter Zuwachs bis Ende 2013
Colliers International 3.847.490 0 3,0 324.940
CBRE 3.976.000 0 2,5 400.000
Magazin Magazinow 3.995.300 0 2,5 332.000
Cushman & Wakefield 3.495.500 0 0 200.000
Jones Lang Lasalle 3.294.584 0 2,5 355.000
Knight Frank 3.506.545 5.500 2,5 302.000
Quelle: "Vedomosti", Moskau, April 2013

Wie Cushman & Wakefield festgestellt hat, haben sich in den einschlägigen Einkaufszentren aber fast immer die gleichen Markengeschäfte und Verkaufsketten eingemietet. Die Zentren unterscheiden sich zwar durch ihre Verkehrsanbindung, Architektur und Inneneinrichtung. Hingegen verschwimmen die Konturen im Angebot.

Mietpreise für Handelsfläche in Moskau

durchschnittliche Mietfläche pro Händler (in qm) durchschnittliche Mietpreise (in US$/qm/Jahr)
Hypermärkte *) mehr als 8.000 150 bis 280

4.000 bis 8.000 250 bis 400
Supermärkte mehr als 10.000 180 bis 300
Baumärkte 1.000 bis 4.000 450 bis 650
Haushaltstechnik und Elektronik *) 1.500 bis 4.000 300 bis 600

4.000 bis 6.000 200 bis 300
Sportwaren 1.000 bis 2.500 300 bis 600
Kinderwaren 1.500 bis 2.500 300 bis 500
Multikino 3.000 bis 5.000 170 bis 300
Mieter in Einkaufszentren *) 500 bis 1.200 500 bis 800

250 bis 500 800 bis 1.200

100 bis 250 1.200 bis 1.800

50 bis 100 1.700 bis 2.300

unter 50 2.000 bis 3.500
Restaurants 300 bis 600 500 bis 900
Kaffes 150 bis 300 1.200 bis 2.500
Food Courts 50 bis 100 1.600 bis 2.300
*) Es handelt sich jeweils um den gleichen Objekttyp. Nur die Größe/Mietfläche ist unterschiedlich. In Abhängigkeit von der Größe ändert sich der Jahresmietpreis pro Quadratmeter.
Quelle: Colliers International, Moskau, 2013

Jede neue Handelsmarke stellt daher eine Bereicherung für das Angebot dar. Doch müssen die Handelsmarken bei Markteintritt akribisch darauf achten, dass sie sich von der Konkurrenz deutlich unterscheiden. Sonst laufen sie Gefahr, nicht wahrgenommen zu werden. Dies bedeutet nicht allein eine attraktive Schaufenstergestaltung, sondern tatsächlich neue Produkte.

Wie die Wirtschaftszeitung "Vedomosti" berichtete, hat zum Beispiel der türkische Einzelhändler DeFacto vor, den Moskauer Markt 2013 mit zwei Geschäften zu betreten. Das Alleinstellungsmerkmal basiert auf preiswerter Jugendmode, aber ausdrücklich ohne Jeans. Vielmehr setzt der Händler auf den Slogan "bequeme Bekleidung zu günstigen Preisen". Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal soll eine freundliche und zuvorkommende Bedienung darstellen.

Der Modeanbieter Mango strebt eine Erweiterung seiner Verkaufsketten in den Jahren 2014/15 an. Dabei setzen die Macher dieser Marke auf ein neues, verbreitertes Sortiment: Bekleidung für Herren, Damen mittleren Alters, Jugendliche und Kinder, Sportbekleidung, Accessoires.

Änderungen und Neuerungen sehen inzwischen sogar Supermärkte als notwendig an. So entwickelt die Kette X5 Retail Group das Konzept eines Farmermarktes. Unter einem Dach wird eine Vielfalt kleiner Einzelhändler mit unterschiedlichen Produkten untergebracht, ganz wie auf einem Markt. Der Kunde bezahlt aber nur ein einziges Mal beim Herausgehen an einer Zentralkasse.

Ein weiterer Trend besteht in der Einrichtung von Bio-Supermärkten und Reformhäusern. Den in Moskau bekannten "Bio-Market"-Geschäften gesellte sich Konkurrenz unter dem Logo "Biostoria" sowie "Bioprodukty" hinzu. Eine landesweite Ausdehnung dieser Spezialgeschäfte steht aber das relativ enge Angebot an echten Bioprodukten aus der unmittelbaren Umgebung entgegen. 
(U.U.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland