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Aktuelle Beiträge

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Russland erfindet immer neue Importhürden

Freihandel wird zu Fremdwort / Regierung diskriminiert ausländische Investoren / EU-Beschwerde bei der WTO
Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Freier Handel wird für Russland zunehmend zum Fremdwort, klagen deutsche Unternehmen. Kraftfahrzeuge, Landtechnik, Maschinen, Telekommunikations- und Medizintechnik, Medikamente und Lebensmittel - für zahlreiche Waren hat Russland seit dem WTO-Beitritt zusätzliche Handelsbarrieren geschaffen. Die Regierung will ihre heimischen Betriebe schützen und ausländische Produzenten zur Fertigung vor Ort zwingen. Die EU-Kommission hat deshalb Beschwerde bei der WTO eingereicht.

Kraftfahrzeuge

Erst wurde eine Recyclinggebühr für importierte Pkw eingeführt, dann ein Antidumpingzoll auf leichte Nutzfahrzeuge aus dem Ausland. Russland und die Zollunion ersinnen stets neue Barrieren, um die heimische Automobilindustrie vor Wettbewerb zu schützen oder um ausländische Hersteller zur Lokalisierung der Produktion zu zwingen. Seit 15. Juni 2013 müssen deutsche Hersteller von Kleintransportern einen Strafzoll von 29,6% für den Import nach Russland zahlen. Dieser betrifft alle Nutzfahrzeuge mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 2,8 bis einschließlich 3,5 Tonnen mit Dieselmotor und wird zusätzlich zu dem bestehenden Regelzollsatz in Höhe von 10% erhoben, der mit dem Beitritt zur WTO Mitte August 2012 gerade erst von zuvor 25% gesenkt worden war.

Im Mai 2012 hat die Eurasische Wirtschaftskommission ein Antidumpingverfahren abgeschlossen, das auf Beschwerde des russischen Herstellers Sollers durchgeführt wurde. Die Kommission will "überzeugende Beweise" für Dumping von 2008 bis 2011 gefunden haben. Fünf Jahre lang sollen nun Strafzölle für die Einfuhr von leichten Nutzfahrzeugen mit Ursprung in Deutschland, Italien und der Türkei erhoben werden. Je nach Herkunftsland gelten unterschiedliche Prozentsätze. Deutsche Hersteller haben mit 29,6% die höchste Last zu tragen. Begründung: Die Automobile aus den genannten Ländern würden in Russland günstiger angeboten als auf dem jeweiligen Heimatmarkt. Deutsche Hersteller hingegen bestreiten dies mit überzeugenden Argumenten. Dennoch wurde ein Einspruch des Volkswagenkonzerns im Spätsommer 2013 von der Eurasischen Wirtschaftskommission abgelehnt.

Im Disput mit Russland um die am 1.9.2012 eingeführte Recyclinggebühr auf importierte Kraftfahrzeuge hat die Europäische Union (EU) die Welthandelsorganisation (WTO) eingeschaltet. Die unmittelbar nach dem WTO-Beitritt Russlands erfolgte Einführung der Gebühren sowie deren Höhe lassen aus Sicht der EU den Schluss zu, dass dadurch die im Rahmen der WTO vereinbarten Zollsenkungen für den betroffenen Warenkreis kompensiert werden sollen.

Die als Umweltschutzbestimmung deklarierte Handelsmaßnahme gilt zurzeit einseitig für Importeure. Hersteller in Russland können die Gebühr durch eine schriftlich erklärte Abwrackgarantie umgehen. Auf Drängen der Europäischen Union soll die Recyclinggebühr auf alle Produzenten ausgeweitet werden, also auch auf russische. Dem stimmt Russland zwar seit einem halben Jahr grundsätzlich zu, der entsprechende Gesetzesentwurf wurde allerdings von der Duma vor der Sommerpause nicht mehr verabschiedet. Dies soll jetzt im November 2013 erfolgen, sagte der erste stellvertretende Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Industrie und erste Vize-Präsident der Union der Maschinenbauer Russlands, Wladimir Gutenew.

Die EU hat dennoch am 9.7.2013 bei der WTO Konsultationen hinsichtlich der russischen Recyclinggebühren beantragt. Diese sind der erste formale Schritt im Rahmen eines Streitbelegungsverfahrens. Konsultationen geben den Konfliktparteien die Möglichkeit, innerhalb von 60 Tagen eine zufriedenstellende Lösung des Problems zu finden. Sollte das nicht gelingen, kann der Kläger letztlich eine Entscheidung des WTO-Streitbelegungsausschusses beantragen. Versuche der EU, mit Russland auf diplomatischem Wege eine Lösung des Problems zu finden, waren gescheitert. Eine Einigung soll nun im Rahmen der WTO-Konsultationen erreicht werden. Brüssel könne von diesem Verfahren immer noch zurücktreten, wenn Moskau die Gesetzesänderung beschließe, hieß es. Der russische Vize-Wirtschaftsminister Aleksei Lichatschjow sagte gegenüber dem Nachrichtendienst Prime Tass, Russland sei bereit, die Höhe der Abwrackgebühr zu korrigieren. Das hätte die russische Seite bereits mit den WTO-Verhandlungspartnern besprochen. Einzelheiten nannte der Spitzenbeamte allerdings nicht.

Nach Auskunft der EU-Kommission verletzt Russland seit WTO-Beitritt im August 2012 zudem eine Reihe von Bestimmungen des WTO-Beitrittsprotokolls. Darin festgeschriebene Zollsätze werden teils ignoriert. Dies betrifft auch Teile für Automobile, zum Beispiel Karosserien. Das WTO-Beitrittsprotokoll sieht für eine Vielzahl von Produkten und Zolltariflinien Senkungen der Zollsätze vor, die entweder zum Zeitpunkt des WTO-Beitritts oder später nach einer festgelegten Systematik umgesetzt werden sollen. Es wurde unter anderem eine Senkung des Zolls auf importierte Karosserien (Zolltarifnummer: 8707 10 90) vereinbart und im WTO-Beitrittsprotokoll festgehalten. Dieser Zollsatz sollte von etwa 5.000 Euro pro Einheit auf einen Ad-Valorem-Zollsatz von 15% gesenkt werden. Stichtag war der Tag des WTO-Beitritts: 22.08.2012. Leider hat Russland den Zollsatz nicht auf 15% des Zollwerts der Ware abgesenkt, sondern einen Zusatz beibehalten: "15%, aber mindestens 2.907 Euro pro Einheit". Bei einem Karosseriewert von gut 5.000 Euro ergibt sich umgerechnet ein Ad-Valorem-Zoll von rund 50%. Die Abweichung ist insbesondere deshalb ein Problem, weil die meisten in Russland produzierenden OEMs ihre Karosserien in Deutschland beziehungsweise der EU herstellen und diese für die Produktion nach Russland exportieren. Der hohe Zoll gefährdet das Geschäftsmodell der deutschen Hersteller und würde zu einer weiteren (erzwungenen) Verlagerung von Wertschöpfung nach Russland führen. Insgesamt sind laut EU-Kommission mehr als 300 Produktgruppen über alle Industriezweige hinweg von derartigen Abweichungen bei den Zollsätzen betroffen.

Verpackungsmaterial, Reifen und Haushaltselektronik

Eine Recyclinggebühr ist auch bei Importen von Verpackungen aus Glas, PET, Karton, Papier und Metall geplant. Wer Reifen und Haushaltselektronik einführt, wird ebenfalls zur Kasse gebeten. Initiator des Gesetzesprojektes ist das russische Ministerium für Naturressourcen und Umwelt. Danach sollen sogar Importeure bestraft werden, die ihre Ware selbst in Russland zurücknehmen und wiederverwerten wollen. Diese sollen laut Informationen der Wirtschaftszeitung "Wedomosti" von Mitte August 2013 ein Öko-Pfand auf ihre Waren zahlen.

Landtechnik

Auf Drängen des russischen Landtechnikherstellers Rostselmasch wurden von der Zollunion Russland-Kasachstan-Belarus Strafzölle auf importierte Mähdrescher und deren Bauelemente verhängt. Dieser Antidumpingzoll beträgt 26,7% des Zollwertes und ist zusätzlich zum Regelzollsatz von 5% zu zahlen. Das Verfahren, das von der Eurasischen Wirtschaftskommission durchgeführt wurde, ist jedoch höchst umstritten, schließlich bietet kein anderer Hersteller so günstige Preise wie Rostselmasch. Mähdrescher aus den USA, Deutschland und anderen Lieferländern sind 30 bis 50% teurer.

Der Schutzzoll auf Mähdrescher wurde am 25.2.2013 eingeführt und später durch einen Beschluss der Eurasischen Wirtschaftskommission bis zum 14.3.2016 verlängert. Die Höhe des Schutzzolls ändert sich und wird im Laufe des genannten Zeitraums stufenweise gesenkt. Allerdings ist der Schutzzoll seit 5. Juli auf Antrag von Kasachstan auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, bis der Höchste Eurasische Wirtschaftsrat diese Frage geprüft hat.

Anwendungszeitraum des Schutzzolls Höhe des Schutzzolls (in % vom Zollwert)
25.2.2013 - 04.7.2013 27,5*
05.7.2013 - 14.3.2014 26,7
15.3.2014 - 14.3.2015 26,2
15.3.2015 - 14.3.2016 25,7
*) vorläufiger Schutzzoll
Quelle: Eurasische Wirtschaftskommission "Beschluss N 143 vom 25.6.2013"

Selbst Firmen, die viel Geld in Russland investieren und vor Ort produzieren, werden benachteiligt. Zwar entgehen sie den Zöllen. Aber vergünstigte Kredite für Ihre Technik können sie den Bauern nicht bieten. Das russische Landwirtschaftsministerium erstattet bei Kredit finanzierten Käufen 5,5 Prozentpunkte des Zinssatzes. In diesen Genuss kommen nur traditionelle russische Hersteller, wie Rostselmasch. Dafür sorgt eine spezielle Lokalisierungsklausel. Demnach müssen wichtige Baugruppen, wie Kabine, Motor und Getriebe, verpflichtend in Russland gefertigt werden. Der deutsche Hersteller Claas setzt Mercedes-Motoren ein. "Wegen 500 Mähdreschermotoren wird Mercedes in Russland keine Fertigung aufmachen", sagt Dr. Ralf Bendisch, Claas-Russlandchef.

Dabei kauft Rostselmasch selbst wichtige Baugruppen für seine Landtechnik im Ausland ein. Aber genau diese von Rostselmasch importierten Komponenten finden sich bezeichnenderweise nicht unter den verpflichtend in Russland zu produzierenden Baugruppen. Der deutsche Hersteller Claas, der 120 Mio. Euro in eine Lackiererei, in die Metallverarbeitung und eine präzise Montage investiert hat, kann sich nicht auf den Status als lokaler Hersteller berufen. Dadurch bleibt er vom Förderprogramm des Landwirtschaftsministeriums ausgeschlossen.

Auch auf ein weiteres Hilfsmittel für die russische Landwirtschaft können ausländische Hersteller vor Ort nicht zugreifen: Seit kurzem darf Rostselmasch seinen Kunden einen 15-prozentigen Rabatt anbieten. Dieses Geld holt sich der russische Traditionsbetrieb mit seinen 5.000 Mitarbeitern direkt beim Landwirtschaftsministerium wieder zurück.

Die neueste Idee aus dem Industrie- und Handelsministerium: Künftig soll ein Landtechnik-Rating erstellt werden. Besonders gut sollen darin Hersteller abschneiden, die nicht nur in Russland produzieren, sondern auch konstruieren Je höher der Platz im Ranking, desto höher auch die staatlichen Hilfen, meldete die Zeitung "Iswestija" Anfang September 2013 auf ihrer Internetseite unter Berufung auf den Pressedienst des Ministeriums für Industrie und Handel.

Maschinenbau

Russland ist hochgradig von der Einfuhr moderner Maschinen und Anlagen abhängig. Deutschen Herstellern bieten sich gute Lieferchancen. Allerdings müssen auch sie mit zunehmendem Protektionismus bei der Einfuhr fertiger Erzeugnisse rechnen. Das gilt - neben Landtechnik - vor allem für Werkzeugmaschinen. Es wurden zwar keine Importzölle angehoben, allerdings werden nichttarifäre Handelshemmnisse eingesetzt. "Deshalb sehen wir mit Sorge, dass im Rahmen der technischen Harmonisierung in der eurasischen Zollunion die Rahmenbedingungen für ausländische Lieferanten verschlechtert werden. Auch die drohende Recyclinggebühr für mobile Maschinen erschwert massiv die Handelsbeziehungen", betonte VDMA-Präsident Dr. Thomas Lindner anlässlich einer VDMA-Pressekonferenz Anfang Juni 2013 in Moskau.

Es wurden zwar keine Importzölle angehoben, allerdings werden nichttarifäre Handelshemmnisse eingesetzt. Die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen wird an die Erfüllung von "local content"-Bestimmungen geknüpft oder es werden Maschinen russischer Hersteller gezielt bevorzugt. Dabei bezieht sich dieses Vorgehen allein auf Beschaffungsmaßnahmen der öffentlichen Hand (staatlicher oder kommunaler Betrieb, staatliche Behörden, Regional- oder Kommunalverwaltungen).

Für eine Reihe von Importprodukten, darunter für Werkzeugmaschinen, wird für die Zulassung zu Ausschreibungen der öffentlichen Hand mit Prüfanträgen gearbeitet. Dabei wird untersucht, ob analoge Technik nicht auch in Russland hergestellt wird. Sollte das der Fall sein, ist der ausländische Hersteller von öffentlich finanzierten oder bezuschussten Projekten ausgeschlossen.

Der Antrag muss von der ausschreibenden Stelle gemäß Regierungsverordnung Nr. 56 vom 7.2.2011 vor der Wareneinfuhr beim Ministerium für Industrie und Handel eingereicht werden (Dokument: http://www.pro-goszakaz.ru/regulations/36093/). Innerhalb von zwei Jahren sind 2.455 Prüfanträge eingegangen. Im Ergebnis wurden 1.554 Importgenehmigungen und 707 Ablehnungen erteilt.

Der Druck auf ausländische Maschinenhersteller wird in dem Maße steigen, wie die aktuelle Politik der Modernisierung eigener Produktionskapazitäten und der Importsubstitution greift. Den Fortbestand dieser seit 2011 verfolgten und vorerst bis 2016 ausgelegten Strategie hat der Vizeminister für Industrie und Handel, Gleb Nikulin, auf der Messe "Metalloobrabotka 2013" noch einmal ausdrücklich betont.

Erklärtes industriepolitisches Ziel der Regierung ist es - neben der Modernisierung der russischen Maschinenbaubetriebe - international renommierte Branchengrößen zu Produktionsniederlassungen vor Ort zu bewegen. Damit würde der Technologietransfer beschleunigt und ein möglichst hoher Grad an Wertschöpfung in Russland erreicht. Ausländische Maschinenbauer sollen außerdem helfen, die derzeit nur bruchstückhaft existierende Zulieferindustrie zu entwickeln und Fachkräfte auszubilden. Praktisch wird der in der Kraftfahrzeugindustrie gelungene Versuch, ausländische Marktführer zur Errichtung von Montagekapazitäten im Land zu bewegen, im Maschinenbau wiederholt. Unter dem Strich lautet das Angebot: erleichterter Marktzutritt im Tausch gegen Technologietransfer.

Telekommunikationstechnik

Das russische Ministerium für Kommunikation Minkomsvyaz will heimische Hersteller von Telekommunikationstechnik vor Konkurrenz aus dem Ausland schützen. Angedacht sind Steuervergünstigungen für Netzbetreiber, die bei russischen Herstellern kaufen, vergünstigte Versicherungspolicen, Kreditzuschüsse oder bessere Konditionen für die Rückzahlung von Krediten. Außerdem sollte bei öffentlichen Ausschreibungen für Frequenzen die Nutzung von russischer Telekommunikationsausrüstung fest vorgeschrieben werden, fordert das Ministerium.

Falls die Betreiber dennoch ausländische Technik einsetzen wollen, so müssten sie dies gut begründen, zitiert die Wirtschaftszeitung "Wedomosti" den ministerialen Vorschlag. Neben dem Schutz heimischer Anbieter entsprechender Ausrüstung spielen Sicherheitsbedenken aus dem russischen Innenministerium eine Rolle, sagte eine Sprecherin von Minkomsvyaz.

Medizintechnik

Deutschen Herstellern von Medizintechnik droht Ungemach. Das Industrie- und Handelsministerium arbeitet an einem Gesetzentwurf, nach dem ausländische Medizintechnikfirmen von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen werden sollen, wenn mindestens zwei russische Hersteller vergleichbare Produkte anbieten. Deutsche Unternehmen versetzt das in helle Aufruhr. Denn die meisten Krankenhäuser und Polikliniken in Russland sind in staatlicher Hand. Mindestens 95% des Marktes für Medizintechnik wird über staatliche Tender abgewickelt.

Deutsche Medizintechnik unterscheidet sich grundsätzlich von russischen Angeboten in Qualität und Funktionalität, darin sind sich die meisten der 150 auf dem russischen Markt aktiven kleinen und mittelständischen Unternehmen einig. Nur in den allerseltensten Fällen gibt es in Russland vergleichbare Produkte. Aber das schützt deutsche Technik noch lange nicht vor dem Ausschluss. Denn nach den neuesten staatlichen Ausschreibungsregeln dürfen nur noch die nötigsten Spezifikationen im Tender festgelegt werden, sagte ein deutscher Medizintechnikexperte im Interview mit Germany Trade and Invest.

Dabei ist Russland der neuntgrößte Markt für Medizintechnik weltweit. Öffentliche Stellen kaufen jedes Jahr Computertomographen, Röntgengeräte, Mikroskope, Spezialscheren und Hunderte andere Artikel im Wert von über 5,8 Mrd. US$ im Ausland ein. Das sind rund drei Viertel des Gesamtmarktes. Deutsche Unternehmen zählen mit einem Volumen von 1,3 Mrd. US$ im Jahr 2012 zu den wichtigsten Lieferanten.

Arzneimittel

Vor jeder Neuzulassung von Medikamenten müssen in Russland medizinische Studien durchgeführt werden. Bei multizentrischen klinischen Studien muss Russland zumindest beteiligt sein. Die Praxis zeigt hingegen, dass Präparate russischer Hersteller ohne große Langzeitstudien auf den Markt kommen. Doch von ausländischen Herstellern, die ihre Medikamente nach höchsten internationalen Standards testen, verlangt die Moskauer Regierung weitere Untersuchungen in Russland. Das kostet Zeit und Geld.

Dasselbe gilt für die Festsetzung der Preise auf lebensnotwendige Medikamente, die auf einer Liste des Gesundheitsministeriums stehen. Während russische Hersteller für ihre Präparate jedes Jahr einen Inflationsausgleich erwirken können, bleibt ausländischen Herstellern dieses Recht verwehrt. In der Regel liefern internationale Pharmakonzerne ihre Produkte an russische Distributoren. Diese vertreiben die Medikamente dann in ganz Russland. Der maximale Händleraufschlag auf den Importpreis ist auf 1 bis 3% begrenzt. Dauerhaft könne kein Händler von solch niedrigen Margen leben, kritisieren deutsche Hersteller.

Auch im Pharmabereich will Russland ausländische Hersteller von öffentlichen Ausschreibungen ausschließen, wenn es mindestens zwei vergleichbare Präparate aus russischer (oder belarussischer) Produktion gibt. Das Problem: Bis heute ist unklar, nach welchen Kriterien man als russischer Hersteller gilt. Reicht das bloße Abpacken von Tabletten? Oder müssen sogar Wirkstoffe aus Russland bezogen werden? Marktexperten glauben dennoch nicht, dass der riesige Anteil ausländischer Arzneimittel am heimischen Markt massiv sinken wird. Zumindest nicht auf absehbare Zeit. Die Hälfte der Pharmakonzerne, die an einer Deloitte-Umfrage teilgenommen haben, gaben an, dass die staatlichen Protektionismusmaßnahmen die Importquote nicht beeinflussen werden.

Lebensmittel

Heimische Lebensmittel in heimischen Regalen - nach dieser Devise verfährt das Verbraucherministerium des Gebietes Moskau. Die Ministerialbeamten schreiben auf allen Marktplätzen in der Region Quoten zu Gunsten heimischer Landwirte vor. Von Mai bis Oktober müssen mindestens 15% der Verkaufsfläche für Produkte aus der Region frei gehalten werden. Von November bis April sind immerhin 10% der Regale für Waren aus der Region Moskau reserviert.

Für deutsche Lebensmittellieferanten ist das noch das geringste Problem. Seit 11. Februar 2013 gilt für Fleisch und Milcherzeugnisse aus Bayern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen ein Importverbot. Bezeichnenderweise sind das die wichtigsten Erzeugerbundesländer in Deutschland. Bereits am 4. Februar war ein Verbot für frisches Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch aus Deutschland verhängt worden. Als Begründung nannte die russische Lebensmittelbehörde Verletzungen der Veterinärbestimmungen Russlands und der Zollunion.

Aus Sicht des deutschen Bauernverbandes handelt es sich bei den Maßnahmen um reinen Protektionismus. Die staatliche Behörde Rosselchosnadsor, die für veterinärrechtliche und phytosanitäre Überwachungen zuständig ist, hielt Mitte Juni 2013 dagegen: Die Veterinärämter der betroffenen deutschen Bundesländer würden weiterhin Lebensmittel tierischer Herkunft falsch zertifizieren und die Veterinärkontrollen nur mangelhaft durchführen. Sie wirft den deutschen Behörden vor, nach wie vor nicht hinreichend mit den Vorschriften der Zollunion und der Russischen Föderation vertraut zu sein. Jeder neue Lebensmittelskandal in Deutschland ist Wasser auf die Mühlen von Rosselchosnadsor. Anstatt das Verbot aufzuheben, zieht Russland die Daumenschrauben weiter an. Mittlerweile haben die meisten deutschen Lieferanten von Naturdärmen zur Wurstproduktion das Recht auf Exporte nach Russland verwirkt.

Außerdem plant die russische Regierung, eingeführte Fertigerzeugnisse aus Milch und Fleisch nicht nur von Rosselchosnadsor, sondern zusätzlich auch von der staatlichen Behörde für Verbraucherschutz Rospotrebnadsor überprüfen zu lassen. Wann diese Regelung in Kraft treten soll, ist bislang nicht bekannt. Sie wird auf jeden Fall zur weiteren Verteuerung der importierten Lebensmittel führen.

Darüber hinaus gibt es seit 1. Juli 2013 einen Einfuhrstopp für Kartoffeln und Baumschulware aus der Europäischen Union. Grund seien die fehlenden Garantien für die Schaderregerfreiheit der Anbaugebiete oder Produktionsorte. Die Europäische Kommission steht dazu in Verhandlungen mit den russischen Experten.

Professionelle Interessenvertretung gegenüber der WTO

Russlands Spitzenpolitiker und Beamte machen keinen Hehl daraus: Für einige Branchen kam der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) zu früh. Diese sind international nicht wettbewerbsfähig. Zu den Opfern zählen für sie Agrar- und Textilfirmen, Maschinenbauer und Landmaschinenhersteller. Um die Interessen der heimischen Wirtschaft gegenüber der WTO und anderen internationalen Organisationen besser vertreten zu können, will das Industrie- und Handelsministerium jetzt ein spezielles Beratungsgremium schaffen.
(H.B.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland