Großprojekte in Petrochemie und bei Polymeren / Paukenschlag am Markt für Kalidüngemittel
Von Bernd Hones
Moskau
(gtai) - Die russische Chemieindustrie entwickelt sich zurzeit weitaus
besser als die verarbeitende Industrie insgesamt, die im Schnitt
stagniert. Insgesamt legte die Produktion der chemischen Industrie im 1.
Halbjahr 2013 um 3,3% zu. Die Herstellung von Gummi- und
Kunststoffwaren wuchs sogar um 7,8% im Vergleich zum 1. Halbjahr 2012.
Angesichts der zahlreichen Projekte in den Bereichen Petrochemie und
Industriechemikalien wird sich dieser positive Trend fortsetzen.
Russische Agrarchemiekonzerne bauen Weltmarktstellung aus
Aufruhr
unter Kaliherstellern, Panik bei Investoren - der weltgrößte
Kaliproduzent, Uralkali, sorgte mit seiner Ankündigung für Furore:
Generaldirektor Wladislaw Baumgertner gab Ende Juli 2013 bekannt, dass
Uralkali künftig seine Produkte auf den Weltmärkten eigenständig
vertreiben wolle und nicht mehr über Belorusskaja Kalinaja Kompanija
(Belarus). Uralkali wolle nicht länger auf hohe Preise setzen, sondern
in erster Linie auf höhere Volumina. Bereits 2014 plant Uralkali seinen
Absatz auf 14 Mio. t zu steigern; 2013 werden voraussichtlich 10,5 Mio. t
verkauft. Aufgrund der Aufkündigung der Zusammenarbeit im Vertrieb sank
die Marktkapitalisierung der beiden größten Branchenunternehmen
weltweit innerhalb kürzester Zeit um 20 Mrd. US$. Inzwischen hat sich
der Börsenkurs der meisten Kalikonzerne wieder etwas erholt. Als
Reaktion auf die Aufkündigung der Kooperation wurde Baumgertner bei
einem Besuch in Belarus verhaftet. Obwohl er in Belarus bereits im
Gefängnis sitzt, soll er sich auch in Russland wegen Machtmissbrauchs
verantworten müssen.
Marktexperten glauben: Die Kalipreise werden
aufgrund des Wechsels in der Vertriebsstrategie für lange Zeit um etwa
40% unter den Durchschnittspreis der vergangenen fünf Jahre fallen. Für
Agrarbetriebe bedeutet das: Sie werden Kali-Düngemittel künftig
voraussichtlich wesentlich günstiger kaufen können.
Die russische
Chemie- und Düngemittelholding Ewrochem (Eurochem) will ein Ammoniakwerk
an ihrem Standort in Kingisepp errichten. Bis Oktober 2013 soll ein
Generalauftragnehmer für den Bau ausgewählt werden. Die geplante
Kapazität beträgt 700.000 t Ammoniak pro Jahr. Damit könnte Ewrochem
künftig den Bedarf seiner Düngemittelwerke an Ammoniak eigenständig
decken. Die Investitionssumme wird bei etwa 1 Mrd. US-Dollar (US$;
Jahresdurchschnitt 2012: 1 Euro = 1,2848 US$) liegen. Bis 2017 will
Ewrochem 4 Mrd. US$ investieren: 3,5 Mrd. US$ in die Kalisparte und 500
Mio. US$ in die Stickstoff- und Phosphorproduktion.
Nach seiner
Investition in Belgien plant Ewrochem jetzt auch ein neues Werk in der
Volksrepublik China. Zusammen mit seinem chinesischen Partner Migao
Corporation sollen in Junnan in Südchina Kapazitäten für 60.000 t
Kaliumnitrat und bis zu 200.000 t chlorfreien NPK-Dünger entstehen. Der
Bau der Düngemittelfabrik soll noch 2013 beginnen und im Folgejahr
abgeschlossen werden, heißt es bei Ewrochim.
Außerdem will
Ewrochim für 1,5 Mrd. US$ ein Werk für Karbamid und Ammoniak in den USA
bauen. Ewrochim hat 2012 rund ein Drittel seiner Produktion in Nord- und
Südamerika verkauft. Das neue Werk in Louisiana soll dazu beitragen,
die Absätze auf dem amerikanischen Kontinent konsequent zu steigern.
Der
Düngemittelproduzent Fosagro (Phosagro) hat im 1. Halbjahr 2013 den
Ausstoß um 13% gesteigert. Dieser Expansionskurs soll fortgesetzt
werden: Zusätzliche Kapazitäten, neue Düngemittelmarken und eine
flexible an der Nachfrage orientierte Produktion sollen den
Geschäftserfolg des Unternehmens garantieren. Fosagro will künftig
stärker auf dem russischen Markt aktiv sein. Dazu baut das Unternehmen
in Tscherepowets eine neue Ammoniakanlage für 785 Mio. US$. Die
Projektierung übernehmen zwei japanische Firmen: Mitsubishi Heavy
Industries und Sijitz. Die türkische Firma Renaissance Heavy Industries
errichtet die Anlage inklusive der dazu gehörenden Infrastruktur. Die
Lizenz kommt von der dänischen Firma Haldor Topsoe.
Die russische
Chemieholding Uralchem investiert im Laufe des Jahres 2013 knapp 90 Mio.
Euro an zwei Standorten in der Region Perm. Davon fließen 52 Mio. Euro
in das Werk in der Stadt Berezniki und 27 Mio. Euro an Mineralnyje
Udobrenija in Perm. Dort soll unter anderem eine Ammoniakanlage
modernisiert werden. Dadurch wird die Produktion von 25.000 auf 520.000 t
steigen. Insgesamt investiert Uralchem 2013 rund 300 Mio. US$, sagte
Generaldirektor Dmitri Konjajew in einem Interview mit der
Wirtschaftszeitung Rbk daily.
Ein weiterer russischer
Düngemittelgigant, Akron, erschließt zurzeit die Lagerstätte
Werchnekamsk im Gebiet Perm. Das liegt im Ural. Das erste Chlorkali soll
ab 2016 aus dem Bergbau- und Aufbereitungskombinat Talizki gewonnen
werden. Die Projektkapazitäten liegen bei etwa 2 Mio. t. Akron will 2013
und 2014 rund 600 Mio. US$ investieren.
Das Unternehmen
Kuibyschewasot, Russlands größter Kaprolaktam-Produzent, will die
Investitionen 2013 auf 6 Mrd. Rubel (knapp 140 Mio. Euro;
EZB-Wechselkurs vom 26.8.13: 1 Euro = 44,10 Rubel) nahezu verdoppeln im
Vergleich zum Vorjahr. Das wichtigste Projekt bis 2016 ist der Bau einer
energieeffizienten Fabrik zur Herstellung von 140.000 t Cyclohexan pro
Jahr.
Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Russland im Jahr 2012 (in 1.000 t, Veränderungsraten in %)
| Erzeugnis | 2012 | Veränderung 2012/2011 | Veränderung 1. Halbjahr 2013/1. Halbjahr 2012 |
| Kalzinierte Soda | 2.813 | -0,3 | -11,7 |
| Styrol | 533 | 9,6 | 20,6 |
| Benzol | 1.073 | -0,4 | 8,5 |
| Phenol | 278 | 10,8 | 2,7 |
| Ethylen (Ethen) | 2.302 | -0,8 | 21,3 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)
Produktion von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in Russland 2012 (Veränderung in %)
| Produkt | 2012 | Veränderung 2012/2011 | Veränderung 1. Halbjahr 2013 / 1. Halbjahr 2012 |
| Düngemittel gesamt, davon (in Mio. t) | 17,8 | -5,5 | -1,5 |
| .Stickstoff | 8,0 | 1,1 | 2,5 |
| .Phosphor | 3,1 | -0,4 | 0,1 |
| .Kali | 6,7 | -13,1 | -6,8 |
| Synthetischer Ammoniak, wasserfrei (in Mio. t) | 13,8 | -1,1 | 6,1 |
| Pflanzenschutzmittel (Pestizide und andere agrochemische Produkte) gesamt, davon (in 1.000 t) | k.A. | 8,9 | 17,6 |
| .Insektizide | 8,5 | 29,9 | 67,9 |
| .Herbizide | 31,2 | 16,6 | 10,0 |
| .Fungizide, Rodentizide und ähnliche | 6,5 | -6,2 | 22,7 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation
Import von Farben und Lacken steigt weiter
Im
Jahr 2012 wurden in Russland 1,34 Mio. t Farbe verkauft. Das sind 9,1
Kilogramm pro Einwohner. Während der Import im Vergleich zu 2011 um 8%
stieg, ging der Export im zweiten Jahr in Folge zurück. Das ist mit
neuen Werken in jenen Ländern zu erklären, die Russland noch bis vor
kurzem belieferte. Zeitgleich stieg mit dem Beitritt zur WTO der
Konkurrenzdruck in Russland, vor allem durch chinesische und türkische
Anbieter, heißt es in dem Branchenblatt "LakoKrasotschnaja
Promyschlennost". Am dynamischsten entwickelte sich der Markt für
Dispersionsfarben auf Wasserbasis und für Lackstammlösungen.
Zu
den wichtigsten Herstellern in Russland zählten 2012 die Unternehmen
Tikkurila mit einer Produktion von 126.700 t Farbwaren, der
Empils-Konzern (73.500 t), OOO Predprijatije WGT (43.000 t), OAO
Russkije kraski (41.000 t) und OOO Lakra Sintes (40.700 t). Bei den
Industrielacken geben ausländische Hersteller den Ton an, allen voran
die Firmen AkzoNobel und BASF.
Im Jahr 2013 wird das Umsatzvolumen
voraussichtlich um 5 bis 7% steigen. Dabei dürfte der Schwerpunkt auf
Dekorfarben und auf industriellen Lacken liegen. Der Bedarf kommt von
den Privathaushalten, aber auch von staatlichen Programmen wie der
Vorbereitung auf die Winterolympiade in Sotschi.
Kennzahlen zum russischen Markt für Lacke und Farben (in 1.000 t; Veränderung in %)
| Kennzahl | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 | 2012 | Veränderung 2012/2011 |
| Marktvolumen | 1.268 | 1.044 | 1.169 | 1.249 | 1.341 | 7 |
| Produktion | 1.080 | 905 | 1.029 | 1.021 | 1.087 | 6 |
| Import | 258 | 200 | 228 | 272 | 294 | 8 |
| Export | 69 | 61 | 88 | 45 | 41 | -10 |
Quelle: Journal "LakoKrasotschnaja Promyschlennost"
Russland entwickelt sich zielstrebig zum Nettoexporteur von Kunststoffen
Russlands
Hersteller von Industriechemikalien und Kunststoffen bleiben weiter auf
Modernisierungskurs - auch wenn die Polymerpreise im 1. Halbjahr 2013
im Schnitt etwas gesunken waren. So plant das Unternehmen Geopolis in
Dserschinsk im Gebiet Nischni Nowgorod ein Werk für Polyethylenrohre.
Der Durchmesser dieser Rohre soll zwischen 20 und 630 mm liegen. Solche
Rohre werden als Gas- und Wasserleitungen verwendet. In einem zweiten
Bauabschnitt ist eine Anlage für große Rohre mit bis zu 2.400 mm
Durchmesser geplant. Diese werden vor allem als Kanalisationsrohre
eingesetzt. Die Anlage soll 20 Mio. Euro kosten und 2016 fertiggestellt
sein.
Das Unternehmen Polief aus Baschkirien will noch 2013 die
Modernisierung seiner Anlage in Blagoweschensk abschließen. Für knapp 2
Mrd. Rubel werden die Kapazitäten dort von 140.000 auf 210.000 t
Polyethylenterephthalat (PET) pro Jahr erhöht. In den Sommermonaten 2013
erfolgt die Montage der Anlagen. Das Unternehmen OAO Polief gehört zum
größten russischen Chemiekonzern Sibur.
Zurzeit werden in Russland
mehrere Projekte zum Bau von Pyrolyseanlagen verwirklicht. Sibur baut
in Tobolsk einen neuen Komplex zur Pyrolyse mit einer Kapazität von 1,5
Mio. t Ethylen pro Jahr. Daraus sollen 2 Mio. t Polymere erzeugt werden.
Nach Schätzung der Baschneft-Tochter Obedinjennaja neftechimitscheskaja
kompanija (ONK) wird 2020 die russische Produktion von Polyethylen
(niedriger Dichte) auf 2,4 Mio. t und von Polypropylen auf 2,5 Mio. t
steigen. Die Nachfrage wird voraussichtlich 1,4 Mio. beziehungsweise 1,3
Mio. t erreichen. ONK selbst erwägt den Bau einer Pyrolyseanlage in Ufa
für 1 Mio. t Ethylen pro Jahr. Außerdem arbeitet das Unternehmen an
Plänen zur Erzeugung von 700.000 t Polyethylenterephthalat.
Der
Rosneft-Konzern und die Chemieholding Sanors wollen in Nowokuibyschewsk
einen Petrochemiekomplex bauen (Kosten: 6,8 Mrd. Euro). Die beiden
Partnerunternehmen gründen dazu ein Gemeinschaftsunternehmen, die Aktiva
von Rosneft und Sanors in Orenburg und Samara sollen zusammengelegt
werden. Der Beginn der Produktion ist für 2020 geplant. Der Schwerpunkt
liegt auf der Herstellung von Polymeren.
Produktion von Industriechemikalien in Russland im Jahr 2012 (in 1.000 t, Veränderung in %)
| Kunststofftyp | 2012 | Veränderung 2012/2011 | Veränderung 1. Halbjahr 2013 / 1. Halbjahr 2012 |
| Kunststoffe | 5.407 | 0,0 | 14,3 |
| .davon: | |||
| .Polyethylen | 1.551 | -0,8 | 24,2 |
| .Polystyrol | 378 | 11,5 | 30,4 |
| .Polyvinylchlorid | 650 | 1,6 | 2,2 |
| .Polyester und Polycarbonate | 510 | 1,9 | 4,5 |
| .Polypropylen | 684 | -5,1 | 25,7 |
| .Polyamid | 119 | -19,7 | 10,0 |
| Schwefelsäure | 11 | 3,0 | -6,6 |
| Natriumhydroxid | 1.094 | 4,5 | -2,2 |
| Synthetische Fasern | 118 | -0,3 | 0,3 |
| Kunstfasern und -garne | 22 | 10,1 | 4,0 |
| Synthetischer Kautschuk | 1.475 | 2,0 | 5,1 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation
Das
russische Unternehmen Iwanowskaja manufaktura und die slowenische Firma
Riko wollen in Iwanowo ein Werk für technische Textilien errichten. Die
Investitionssumme beträgt etwa 125 Mio. Euro. Die Kapazitäten sind mit
15.000 laufenden Metern projektiert. Die Fabrik wird auf dem Gelände der
ehemaligen Iwanowoer Möbelfabrik liegen und etwa 700 Mitarbeiter
beschäftigen. Es sollen vor allem feuerfeste Stoffe produziert werden.
Der
weltgrößte Reifenhersteller, Bridgestone aus Japan, baut in der Region
Uljanowsk ein Reifenwerk für 12,5 Mrd. Rubel (circa 280 Mio. Euro). Das
Werk soll im 1. Halbjahr 2016 fertig gestellt werden. Zur zweiten
Jahreshälfte 2018 könnte die Reifenfabrik ihre Vollauslastung erreichen;
das sind 12.000 Reifen pro Tag. Im Jahr 2012 wurden in Russland etwas
mehr als 60 Mio. Reifen verkauft. Die Umsätze beliefen sich auf über 250
Mrd. Rubel (5,7 Mrd. Euro). In Russland wurden 2012 rund 30,5 Mio.
Reifen produziert und nochmal so viele importiert.
Struktur des russischen Reifenmarktes im Jahr 2012 (Marktanteil nach Stück in %)
| Unternehmen | Marktanteil |
| Nischnekamskschina | 19 |
| Kordiant | 13 |
| Nokian | 10 |
| Amtel (gehört zu Pirelli) | 8 |
| Michelin | 5 |
| Bridgestone | 5 |
| Yokohama | 5 |
| Dunlop | 5 |
| Continental | 4 |
| andere | 26 |
Quelle: Cordiant, zitiert in Wirtschaftsjournal "Expert"
Milliardenprojekte in der Petrochemie
Das
russische Unternehmen Gasprom Neftechim Salawat plant eine neue Anlage
zum katalytischen Cracken in der Republik Baschkortostan. Die
Investitionssumme beträgt knapp 380 Mio. Euro. Die Anlage soll 2016
fertig sein. Dann will das Unternehmen jährlich bis zu 1 Mio. t
Vakuumgasöl zu Benzin verarbeiten. Außerdem sollen in der Stadt Salawat
Anlagen zur Reinigung von Abgasen und elektrische Filter aufgestellt
werden. Die beiden bestehenden Cracking-Anlagen will Gasprom Neftechim
Salawat 2016 abschalten.
Das Moskauer Erdölverarbeitungswerk
(Moskowski NPS) will in den Jahren 2016 bis 2019 mehr als 1,5 Mrd. Euro
in den Bau einer modernen Raffinerieanlage investieren. Die
Verarbeitungstiefe soll bei 98% liegen. Heute verarbeitet das Moskwoski
NPS 12,15 Mio. t Erdöl pro Jahr zu Benzin, Diesel, Schiffs- und
Flugzeugtreibstoff, Masut, Bitumen sowie Zusätzen mit hohen Oktanzahlen.
Der
Staatskonzern Gasprom investiert auch in Gaskraftstoffe für Fahrzeuge.
In den Jahren 2013 und 2014 will das Tochterunternehmen Gasprom
Gasomotornoje Topliwo über 300 Mio. Euro in die Entwicklung der
Infrastruktur der Branche stecken. In 31 Regionen sollen automatische
Gasbetankungsanlagen gebaut beziehungsweise modernisiert werden.
Außerdem sollen 26 mobile Gastankanlagen angeschafft werden.
Russlandweit gibt es zurzeit 246 Gastankstellen.
(H.B.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland