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Donnerstag, 21. November 2013

Russlands Chemiekonzerne investieren Milliarden

Großprojekte in Petrochemie und bei Polymeren / Paukenschlag am Markt für Kalidüngemittel
Von Bernd Hones

Moskau (gtai) - Die russische Chemieindustrie entwickelt sich zurzeit weitaus besser als die verarbeitende Industrie insgesamt, die im Schnitt stagniert. Insgesamt legte die Produktion der chemischen Industrie im 1. Halbjahr 2013 um 3,3% zu. Die Herstellung von Gummi- und Kunststoffwaren wuchs sogar um 7,8% im Vergleich zum 1. Halbjahr 2012. Angesichts der zahlreichen Projekte in den Bereichen Petrochemie und Industriechemikalien wird sich dieser positive Trend fortsetzen.

Russische Agrarchemiekonzerne bauen Weltmarktstellung aus

Aufruhr unter Kaliherstellern, Panik bei Investoren - der weltgrößte Kaliproduzent, Uralkali, sorgte mit seiner Ankündigung für Furore: Generaldirektor Wladislaw Baumgertner gab Ende Juli 2013 bekannt, dass Uralkali künftig seine Produkte auf den Weltmärkten eigenständig vertreiben wolle und nicht mehr über Belorusskaja Kalinaja Kompanija (Belarus). Uralkali wolle nicht länger auf hohe Preise setzen, sondern in erster Linie auf höhere Volumina. Bereits 2014 plant Uralkali seinen Absatz auf 14 Mio. t zu steigern; 2013 werden voraussichtlich 10,5 Mio. t verkauft. Aufgrund der Aufkündigung der Zusammenarbeit im Vertrieb sank die Marktkapitalisierung der beiden größten Branchenunternehmen weltweit innerhalb kürzester Zeit um 20 Mrd. US$. Inzwischen hat sich der Börsenkurs der meisten Kalikonzerne wieder etwas erholt. Als Reaktion auf die Aufkündigung der Kooperation wurde Baumgertner bei einem Besuch in Belarus verhaftet. Obwohl er in Belarus bereits im Gefängnis sitzt, soll er sich auch in Russland wegen Machtmissbrauchs verantworten müssen.

Marktexperten glauben: Die Kalipreise werden aufgrund des Wechsels in der Vertriebsstrategie für lange Zeit um etwa 40% unter den Durchschnittspreis der vergangenen fünf Jahre fallen. Für Agrarbetriebe bedeutet das: Sie werden Kali-Düngemittel künftig voraussichtlich wesentlich günstiger kaufen können.

Die russische Chemie- und Düngemittelholding Ewrochem (Eurochem) will ein Ammoniakwerk an ihrem Standort in Kingisepp errichten. Bis Oktober 2013 soll ein Generalauftragnehmer für den Bau ausgewählt werden. Die geplante Kapazität beträgt 700.000 t Ammoniak pro Jahr. Damit könnte Ewrochem künftig den Bedarf seiner Düngemittelwerke an Ammoniak eigenständig decken. Die Investitionssumme wird bei etwa 1 Mrd. US-Dollar (US$; Jahresdurchschnitt 2012: 1 Euro = 1,2848 US$) liegen. Bis 2017 will Ewrochem 4 Mrd. US$ investieren: 3,5 Mrd. US$ in die Kalisparte und 500 Mio. US$ in die Stickstoff- und Phosphorproduktion.

Nach seiner Investition in Belgien plant Ewrochem jetzt auch ein neues Werk in der Volksrepublik China. Zusammen mit seinem chinesischen Partner Migao Corporation sollen in Junnan in Südchina Kapazitäten für 60.000 t Kaliumnitrat und bis zu 200.000 t chlorfreien NPK-Dünger entstehen. Der Bau der Düngemittelfabrik soll noch 2013 beginnen und im Folgejahr abgeschlossen werden, heißt es bei Ewrochim.
Außerdem will Ewrochim für 1,5 Mrd. US$ ein Werk für Karbamid und Ammoniak in den USA bauen. Ewrochim hat 2012 rund ein Drittel seiner Produktion in Nord- und Südamerika verkauft. Das neue Werk in Louisiana soll dazu beitragen, die Absätze auf dem amerikanischen Kontinent konsequent zu steigern.

Der Düngemittelproduzent Fosagro (Phosagro) hat im 1. Halbjahr 2013 den Ausstoß um 13% gesteigert. Dieser Expansionskurs soll fortgesetzt werden: Zusätzliche Kapazitäten, neue Düngemittelmarken und eine flexible an der Nachfrage orientierte Produktion sollen den Geschäftserfolg des Unternehmens garantieren. Fosagro will künftig stärker auf dem russischen Markt aktiv sein. Dazu baut das Unternehmen in Tscherepowets eine neue Ammoniakanlage für 785 Mio. US$. Die Projektierung übernehmen zwei japanische Firmen: Mitsubishi Heavy Industries und Sijitz. Die türkische Firma Renaissance Heavy Industries errichtet die Anlage inklusive der dazu gehörenden Infrastruktur. Die Lizenz kommt von der dänischen Firma Haldor Topsoe.

Die russische Chemieholding Uralchem investiert im Laufe des Jahres 2013 knapp 90 Mio. Euro an zwei Standorten in der Region Perm. Davon fließen 52 Mio. Euro in das Werk in der Stadt Berezniki und 27 Mio. Euro an Mineralnyje Udobrenija in Perm. Dort soll unter anderem eine Ammoniakanlage modernisiert werden. Dadurch wird die Produktion von 25.000 auf 520.000 t steigen. Insgesamt investiert Uralchem 2013 rund 300 Mio. US$, sagte Generaldirektor Dmitri Konjajew in einem Interview mit der Wirtschaftszeitung Rbk daily.

Ein weiterer russischer Düngemittelgigant, Akron, erschließt zurzeit die Lagerstätte Werchnekamsk im Gebiet Perm. Das liegt im Ural. Das erste Chlorkali soll ab 2016 aus dem Bergbau- und Aufbereitungskombinat Talizki gewonnen werden. Die Projektkapazitäten liegen bei etwa 2 Mio. t. Akron will 2013 und 2014 rund 600 Mio. US$ investieren.
Das Unternehmen Kuibyschewasot, Russlands größter Kaprolaktam-Produzent, will die Investitionen 2013 auf 6 Mrd. Rubel (knapp 140 Mio. Euro; EZB-Wechselkurs vom 26.8.13: 1 Euro = 44,10 Rubel) nahezu verdoppeln im Vergleich zum Vorjahr. Das wichtigste Projekt bis 2016 ist der Bau einer energieeffizienten Fabrik zur Herstellung von 140.000 t Cyclohexan pro Jahr.
Produktion ausgewählter chemischer Erzeugnisse in Russland im Jahr 2012 (in 1.000 t, Veränderungsraten in %)
Erzeugnis 2012 Veränderung 2012/2011 Veränderung 1. Halbjahr 2013/1. Halbjahr 2012
Kalzinierte Soda 2.813 -0,3 -11,7
Styrol 533 9,6 20,6
Benzol 1.073 -0,4 8,5
Phenol 278 10,8 2,7
Ethylen (Ethen) 2.302 -0,8 21,3
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation (Rosstat)
Produktion von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in Russland 2012 (Veränderung in %)
Produkt 2012 Veränderung 2012/2011 Veränderung 1. Halbjahr 2013 / 1. Halbjahr 2012
Düngemittel gesamt, davon (in Mio. t) 17,8 -5,5 -1,5
.Stickstoff 8,0 1,1 2,5
.Phosphor 3,1 -0,4 0,1
.Kali 6,7 -13,1 -6,8
Synthetischer Ammoniak, wasserfrei (in Mio. t) 13,8 -1,1 6,1
Pflanzenschutzmittel (Pestizide und andere agrochemische Produkte) gesamt, davon (in 1.000 t) k.A. 8,9 17,6
.Insektizide 8,5 29,9 67,9
.Herbizide 31,2 16,6 10,0
.Fungizide, Rodentizide und ähnliche 6,5 -6,2 22,7
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation

Import von Farben und Lacken steigt weiter

Im Jahr 2012 wurden in Russland 1,34 Mio. t Farbe verkauft. Das sind 9,1 Kilogramm pro Einwohner. Während der Import im Vergleich zu 2011 um 8% stieg, ging der Export im zweiten Jahr in Folge zurück. Das ist mit neuen Werken in jenen Ländern zu erklären, die Russland noch bis vor kurzem belieferte. Zeitgleich stieg mit dem Beitritt zur WTO der Konkurrenzdruck in Russland, vor allem durch chinesische und türkische Anbieter, heißt es in dem Branchenblatt "LakoKrasotschnaja Promyschlennost". Am dynamischsten entwickelte sich der Markt für Dispersionsfarben auf Wasserbasis und für Lackstammlösungen.

Zu den wichtigsten Herstellern in Russland zählten 2012 die Unternehmen Tikkurila mit einer Produktion von 126.700 t Farbwaren, der Empils-Konzern (73.500 t), OOO Predprijatije WGT (43.000 t), OAO Russkije kraski (41.000 t) und OOO Lakra Sintes (40.700 t). Bei den Industrielacken geben ausländische Hersteller den Ton an, allen voran die Firmen AkzoNobel und BASF.
Im Jahr 2013 wird das Umsatzvolumen voraussichtlich um 5 bis 7% steigen. Dabei dürfte der Schwerpunkt auf Dekorfarben und auf industriellen Lacken liegen. Der Bedarf kommt von den Privathaushalten, aber auch von staatlichen Programmen wie der Vorbereitung auf die Winterolympiade in Sotschi.
Kennzahlen zum russischen Markt für Lacke und Farben (in 1.000 t; Veränderung in %)
Kennzahl 2008 2009 2010 2011 2012 Veränderung 2012/2011
Marktvolumen 1.268 1.044 1.169 1.249 1.341 7
Produktion 1.080 905 1.029 1.021 1.087 6
Import 258 200 228 272 294 8
Export 69 61 88 45 41 -10
Quelle: Journal "LakoKrasotschnaja Promyschlennost"

Russland entwickelt sich zielstrebig zum Nettoexporteur von Kunststoffen

Russlands Hersteller von Industriechemikalien und Kunststoffen bleiben weiter auf Modernisierungskurs - auch wenn die Polymerpreise im 1. Halbjahr 2013 im Schnitt etwas gesunken waren. So plant das Unternehmen Geopolis in Dserschinsk im Gebiet Nischni Nowgorod ein Werk für Polyethylenrohre. Der Durchmesser dieser Rohre soll zwischen 20 und 630 mm liegen. Solche Rohre werden als Gas- und Wasserleitungen verwendet. In einem zweiten Bauabschnitt ist eine Anlage für große Rohre mit bis zu 2.400 mm Durchmesser geplant. Diese werden vor allem als Kanalisationsrohre eingesetzt. Die Anlage soll 20 Mio. Euro kosten und 2016 fertiggestellt sein.

Das Unternehmen Polief aus Baschkirien will noch 2013 die Modernisierung seiner Anlage in Blagoweschensk abschließen. Für knapp 2 Mrd. Rubel werden die Kapazitäten dort von 140.000 auf 210.000 t Polyethylenterephthalat (PET) pro Jahr erhöht. In den Sommermonaten 2013 erfolgt die Montage der Anlagen. Das Unternehmen OAO Polief gehört zum größten russischen Chemiekonzern Sibur.

Zurzeit werden in Russland mehrere Projekte zum Bau von Pyrolyseanlagen verwirklicht. Sibur baut in Tobolsk einen neuen Komplex zur Pyrolyse mit einer Kapazität von 1,5 Mio. t Ethylen pro Jahr. Daraus sollen 2 Mio. t Polymere erzeugt werden. Nach Schätzung der Baschneft-Tochter Obedinjennaja neftechimitscheskaja kompanija (ONK) wird 2020 die russische Produktion von Polyethylen (niedriger Dichte) auf 2,4 Mio. t und von Polypropylen auf 2,5 Mio. t steigen. Die Nachfrage wird voraussichtlich 1,4 Mio. beziehungsweise 1,3 Mio. t erreichen. ONK selbst erwägt den Bau einer Pyrolyseanlage in Ufa für 1 Mio. t Ethylen pro Jahr. Außerdem arbeitet das Unternehmen an Plänen zur Erzeugung von 700.000 t Polyethylenterephthalat.

Der Rosneft-Konzern und die Chemieholding Sanors wollen in Nowokuibyschewsk einen Petrochemiekomplex bauen (Kosten: 6,8 Mrd. Euro). Die beiden Partnerunternehmen gründen dazu ein Gemeinschaftsunternehmen, die Aktiva von Rosneft und Sanors in Orenburg und Samara sollen zusammengelegt werden. Der Beginn der Produktion ist für 2020 geplant. Der Schwerpunkt liegt auf der Herstellung von Polymeren.
Produktion von Industriechemikalien in Russland im Jahr 2012 (in 1.000 t, Veränderung in %)
Kunststofftyp 2012 Veränderung 2012/2011 Veränderung 1. Halbjahr 2013 / 1. Halbjahr 2012
Kunststoffe 5.407 0,0 14,3
.davon:


.Polyethylen 1.551 -0,8 24,2
.Polystyrol 378 11,5 30,4
.Polyvinylchlorid 650 1,6 2,2
.Polyester und Polycarbonate 510 1,9 4,5
.Polypropylen 684 -5,1 25,7
.Polyamid 119 -19,7 10,0
Schwefelsäure 11 3,0 -6,6
Natriumhydroxid 1.094 4,5 -2,2
Synthetische Fasern 118 -0,3 0,3
Kunstfasern und -garne 22 10,1 4,0
Synthetischer Kautschuk 1.475 2,0 5,1
Quelle: Föderaler Statistikdienst der Russischen Föderation

Das russische Unternehmen Iwanowskaja manufaktura und die slowenische Firma Riko wollen in Iwanowo ein Werk für technische Textilien errichten. Die Investitionssumme beträgt etwa 125 Mio. Euro. Die Kapazitäten sind mit 15.000 laufenden Metern projektiert. Die Fabrik wird auf dem Gelände der ehemaligen Iwanowoer Möbelfabrik liegen und etwa 700 Mitarbeiter beschäftigen. Es sollen vor allem feuerfeste Stoffe produziert werden.

Der weltgrößte Reifenhersteller, Bridgestone aus Japan, baut in der Region Uljanowsk ein Reifenwerk für 12,5 Mrd. Rubel (circa 280 Mio. Euro). Das Werk soll im 1. Halbjahr 2016 fertig gestellt werden. Zur zweiten Jahreshälfte 2018 könnte die Reifenfabrik ihre Vollauslastung erreichen; das sind 12.000 Reifen pro Tag. Im Jahr 2012 wurden in Russland etwas mehr als 60 Mio. Reifen verkauft. Die Umsätze beliefen sich auf über 250 Mrd. Rubel (5,7 Mrd. Euro). In Russland wurden 2012 rund 30,5 Mio. Reifen produziert und nochmal so viele importiert.
Struktur des russischen Reifenmarktes im Jahr 2012 (Marktanteil nach Stück in %)
Unternehmen Marktanteil
Nischnekamskschina 19
Kordiant 13
Nokian 10
Amtel (gehört zu Pirelli) 8
Michelin 5
Bridgestone 5
Yokohama 5
Dunlop 5
Continental 4
andere 26
Quelle: Cordiant, zitiert in Wirtschaftsjournal "Expert"

Milliardenprojekte in der Petrochemie

Das russische Unternehmen Gasprom Neftechim Salawat plant eine neue Anlage zum katalytischen Cracken in der Republik Baschkortostan. Die Investitionssumme beträgt knapp 380 Mio. Euro. Die Anlage soll 2016 fertig sein. Dann will das Unternehmen jährlich bis zu 1 Mio. t Vakuumgasöl zu Benzin verarbeiten. Außerdem sollen in der Stadt Salawat Anlagen zur Reinigung von Abgasen und elektrische Filter aufgestellt werden. Die beiden bestehenden Cracking-Anlagen will Gasprom Neftechim Salawat 2016 abschalten.

Das Moskauer Erdölverarbeitungswerk (Moskowski NPS) will in den Jahren 2016 bis 2019 mehr als 1,5 Mrd. Euro in den Bau einer modernen Raffinerieanlage investieren. Die Verarbeitungstiefe soll bei 98% liegen. Heute verarbeitet das Moskwoski NPS 12,15 Mio. t Erdöl pro Jahr zu Benzin, Diesel, Schiffs- und Flugzeugtreibstoff, Masut, Bitumen sowie Zusätzen mit hohen Oktanzahlen.

Der Staatskonzern Gasprom investiert auch in Gaskraftstoffe für Fahrzeuge. In den Jahren 2013 und 2014 will das Tochterunternehmen Gasprom Gasomotornoje Topliwo über 300 Mio. Euro in die Entwicklung der Infrastruktur der Branche stecken. In 31 Regionen sollen automatische Gasbetankungsanlagen gebaut beziehungsweise modernisiert werden. Außerdem sollen 26 mobile Gastankanlagen angeschafft werden. Russlandweit gibt es zurzeit 246 Gastankstellen.
(H.B.)


Zertifizierung GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,  Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland