Investoren bemängeln fehlende Planungssicherheit / Transportkosten machen Materialien teuer
Von Ullrich Umann
Moskau
(gtai) - Die Bauzulieferindustrie in Russland zeigte 2012 einen
stabilen Aufwärtstrend. Nach Angaben des föderalen Statistikdienstes
Rosstat ist der Industriezweig gewachsen, ohne jedoch bis jetzt in den
meisten Unterpositionen das Vorkrisenniveau des Jahres 2008 wieder
erreicht zu haben. Investitionen in neue Fabriken und die Modernisierung
bestehender Anlagen werden dringend benötigt. Fehlende
Planungssicherheit schreckt jedoch viele potenzielle Investoren ab.
In Russland legte die Erzeugung von Sand, Kies und Schotter im
Jahr 2012 um 16,6% auf 412,5 Mio. cbm zu. Um 10,4% auf 23,3 Mio. cbm
stieg der Ausstoß von Wärmedämmstoffen aus Mineral- und Glaswolle. Um
9,6% auf 24,9 Mio. cbm wuchs der Verkauf von Eisenbeton. Die Zementwerke
steigerten ihren Ausstoß um 9,5%.
Baumaterial für den Hochbau war
2012 stärker gefragt als im Jahr zuvor. So betrug die
Produktionssteigerung bei Bausteinen 5,3% (16,75 Mrd. Stk.) und bei
Bauglas 2,6% (217,9 Mio. qm). Produktionsrückgänge waren bei Dach- und
Isolationsabdeckungen zu verzeichnen, und zwar um -1,8% auf 483,3 Mio.
qm und bei Asbestplatten um -38,8% auf 720 Mio. Stk.
Produktionsmenge von Baumaterialien 2012
| Produktion von Baumaterialien | 2012 | Veränderung gegenüber 2011 (in %) |
| Klebefurnier aus Sperrholz (in 1.000 cbm) | 3.150 | 3,9 |
| Sperrholzplatten (in 1.000 cbm) | 6.753 | 4,1 |
| Fensterrahmen aus Holz (in 1.000 qm) | 1.215 | 34,3 |
| Parkett aus Holz (in 1.000 qm) | 3.036 | 5,7 |
| Holzkonstruktionen (in 1.000 cbm) | 747 | -19,5 |
| Holzfertighäuser, in 1.000 qm | 186 | -8,1 |
| Beläge aus Kunststoff (in Mio. qm) | 349 | 17,6 |
| Fensterrahmen aus Kunststoff (in Mio. qm) | 24,3 | 6,1 |
| Bodenfliesen aus Keramik (in Mio. qm) | 88,1 | 6,7 |
| Fassadenplatten aus Keramik (in Mio. qm) | 2.276 | 52,6 |
| Bau- und Fassadenglas (in Mio. qm) | 150 | 6,3 |
| Ziegelsteine (in Mrd. Stück) | 6.799 | 9,6 |
| Stahlkonstruktionen (in Mio. cbm) | 3.795 | 14,1 |
| Zement (in Mio. t) | 61,5 | 9,5 |
| Stahlbeton-Konstruktionen (in Mio. cbm) | 24,9 | 9,6 |
| Wand- und Dachpaneele aus Stahl (in Mio. qm) | ||
| Kunststoffrohre, -schläuche, -fittings und Teile (in 1.000 t) | 701 | 24,8 |
| Linoleum (in Mio. qm) | ||
| Stahlrohre (in Mio. t) | 9.657 | -3,3 |
Quelle: Föderaler Statistikdienst Rosstat, Moskau, 2013
Da
90% der Bauinvestitionen in und um Moskau herum getätigt werden, haben
sich hier auch wichtige Zentren der Industrie für Baustoffe und
Baumaterialien gebildet. Dazu gehören insbesondere Linien zur
Herstellung von Fertigwänden und Paneelen, wie sie im Hochbau,
insbesondere im Wohnungsbau, benutzt werden.
Transportkosten verteuern Baumaterialien
Der
Transport von Baustoffen und Baumaterialien ist in jedem Projekt ein
wichtiger Kostenfaktor. Sind dafür 200 km und mehr zurückzulegen, können
sich bei den gegebenen Straßenverhältnissen die Kosten für Material
schnell verdoppeln, so die Erfahrungen aus Russland. Daher sind sowohl
bauausführende Unternehmen als auch die Zulieferindustrie daran
interessiert, möglichst viele Kapazitäten zusammen in einer einzigen
Region zu konzentrieren.
Das für Bauwirtschaft zuständige
Ministerium für regionale Entwicklung möchte der Baustoff- und
Baumaterialien-Industrie aktuell einen Entwicklungsschub geben. So
herrscht im Ministerium die Vorstellung vor, dass, wo immer der Staat
Großprojekte anschiebt, eine Bauzulieferindustrie nachzieht. Dies hat
sich aber nur bedingt in der Praxis bestätigt. So hat sich in der Region
Krasnodar/Sotchi vor allem die Zementindustrie entwickelt.
Doch
bleiben die Kapazitäten mit Vollendung der Bauarbeiten in und um Sotchi
weniger ausgelastet. Die umfangreichen Arbeiten zur Vorbereitung des
APEC-Gipfels 2012 in Wladiwostok lockten fast überhaupt keine
Bauzulieferindustrie an, obwohl die Voraussetzungen für Hersteller jeder
Art von Baumaterial im Fernen Osten vorhanden waren.
Vor allem
die im Fernen Osten hohen Preise für Elektro- und Wärmeenergie sowie für
Frischwasser und für die Abwasserentsorgung lassen eine Produktion
schnell unrentabel erscheinen. Daher wurden und werden Baumaterialien
aus anderen Landesteilen mit hohem Aufwand herantransportiert.
Dennoch
arbeiten in Primorje die Zementindustrie und Ziegeleien. Im
benachbarten Chabarowsk stehen dagegen Kapazitäten still, da es hier an
Nachfrage fehlt. Mit den Arbeiten zur Überwindung des verheerenden
Sommerhochwassers im Amur-Becken dürfte sich das Bild aber ändern. Der
Bedarf an Baumaterial steigt rasch an. Häuser für 100.000 Menschen
müssen saniert oder sogar vollständig ersetzt werden.
Zusätzlich
bemängeln die Hersteller von Baustoffen und Baumaterial die fehlende
Transparenz im Vorfeld öffentlicher Bauvorhaben im Fernen Osten. Die
Planungssicherheit sei dadurch nicht gewährleistet. Auch dieser
Sachverhalt schreckt potenzielle Investoren ab.
Investitionen in
die Baustoff- und Baumaterialienindustrie werden aber benötigt.
Landesweit müssen in diesen Branchen 90 Fabriken gebaut werden. Es
fehlen 20 Zementwerke, 10 Glaswerke, 15 Produktionslinien für
Isoliermaterial sowie 45 Werke für weitere Baustoffe. Weitere 200
Fabriken benötigen eine Modernisierung. Aus diesem Grund kann zum
Beispiel der Wohnungsbau nicht grundlegend gesteigert werden. Am meisten
bleibt der Wohnungsbau in den Gebieten Altai, Primorje, Iwanowo und
Twer hinter den Vorgaben zurück.
Es bleibt abzuwarten, ob die
aktuellen Großprojekte, zum Beispiel die umfangreichen Hoch- und
Tiefbauarbeiten zur Vorbereitung der Fußball-WM 2018 oder die neue
Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke Moskau-Kazan zu Investitionen in die
Bauzulieferindustrie führen werden. Anzeichen gibt es dafür nur wenige.
Wegen
der teilweise unterentwickelten Bauzulieferindustrie in bestimmten
Regionen ziehen branchennahe und -ferne Firmen eigene Kapazitäten hoch.
Diesen Weg beschreitet zum Beispiel der Automobilhersteller Awtodor
zusammen mit der Verwaltung der Enklave Kaliningrad. Notwendig wird
dieses Vorgehen, da bis 2020 in der Region Kaliningrad ein komplettes
Automobilcluster aus dem Boden gestampft werden soll. Es fehlt aber an
ausreichenden Materialmengen, um den Bau zu vertretbaren Kosten und in
einem angemessenen Zeitraum vorantreiben zu können. Neben dem
Industriepark soll eine Wohnanlage für 50.000 Einwohner entstehen.
Heimische Baumarktketten holen auf
Baumärkte
und "Do-it-Yourself-Geschäfte" (DiY) erreichten 2012 eine
Umsatzsteigerung gegenüber dem Vorjahr von 20%. In Bezug auf das
Umsatzvolumen von Baumärkten steht Russland in Europa auf dem zweiten
Platz hinter Frankreich. Im Jahr 2012 wurden auf dem russischen
DiY-Markt etwas mehr als 30 Mrd. US$ umgesetzt. Die Dominanz
ausländischer Groß- und Einzelhändler beginnt zu schwinden. Inländische
Verkaufsketten lernen schnell und setzen internationale Erfahrungswerte
um.
Mit der doppelten Anhebung der Wohnnebenkosten im Jahr 2012
ist eine deutliche Nachfragesteigerung bei Wärmedämmstoffen, modernen
Fenstern und Türen und Isoliermaterial zu verzeichnen. Das Gros der
Arbeiten wird durch Mieter und Wohnungseigentümer in Eigenarbeit und
weniger durch spezialisierte Handwerksfirmen durchgeführt. Das beschert
Baumärkten einen guten Umsatz. Da 70% der Bevölkerung geringe bis
mittlere Einkommen von bis zu 700 Euro im Monat erzielen, ist der hohe
Anteil an Eigenarbeit nur zu verständlich.
(U.U.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), Registrierung der Messmitteln,
Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland