Hunderte von Lokomotiven sollen in Gemeinschaftsprojekten mit ausländischen Herstellern vom Band laufen
Von Christian Overhoff
Kiew/Bonn
(gtai) - Ihren großen Bedarf an neuen Schienenfahrzeugen will die
Ukrainische Staatsbahn weitgehend aus lokaler Produktion decken. Sie
kündigte im September 2013 die Gründung eines Joint Ventures mit der
tschechischen Skoda Transportation zum Bau von Lokomotiven in
Saporischschija an. Im Mai hatte die russische Transmashholding den
Ausbau der Lok-Herstellung in Luhansk zugesagt. Auch über die Montage
von Zügen der südkoreanischen Hyundai Rotem in der Ukraine wird
verhandelt.
Die Ukrainische Staatsbahn UkrZaliznytsya (UZ) und der
tschechische Schienenfahrzeughersteller Skoda Transportation prüfen
allem Anschein nach die Möglichkeit einer gemeinsamen Produktion. UZ und
Skoda stimmten zurzeit die Spezifikationen des technischen Designs für
die Herstellung einer Zweisystemlok in der Ukraine ab, teilte UZ Ende
September 2013 mit. Es sei geplant, die Lokomotiven in einem
ukrainisch-tschechischen Joint Venture von Skoda Transportation und
Saporiskij Elektrowosoremontnij Sawod (SERS) zu produzieren. Auf Anfrage
von Germany Trade & Invest sagte Skoda Transportation, das
Unternehmen wolle sich zu diesem Zeitpunkt nicht zu dem Projekt äußern.
Der
ukrainischen Seite zufolge beinhaltet das Projekt die Produktion von
insgesamt 480 Lokomotiven, von denen 50 als
Mehr-Stromsystem-Passagierlokomotiven, 330 als
Single-System-Passagierlokomotiven und 100 als
Dual-System-Fracht-Lokomotiven vorgesehen sind. Jährlich sollen 25
Lokomotiven gebaut werden. Der ukrainische Minister für Infrastruktur,
Volodymyr Kozak, bestätigte Ende September, dass die Montage von E-Loks
in Zusammenarbeit mit Skoda im Jahr 2015 starten solle. Der lokale
Produktionsanteil werde 70% betragen. Nach Aussagen des Ministers wurde
der erste Prototyp bereits konzipiert und wird im Skoda-Werk Pilsen in
der Tschechischen Republik hergestellt.
Offen blieb, woher die
finanziellen Mittel für den Bau der neuen Montageanlage im
E-Lok-Ausbesserungswerk in Saporischschija stammen sollen. Experten
verweisen auf internationale Kreditgeber wie die EBRD oder die Weltbank.
Allein für die vorgesehene Abnahme von 25 Loks müsste sich der
jährliche Kredit auf mindestens 100 Mio. Euro belaufen. Der
Durchschnittspreis für eine moderne E-Lok liegt bei 4 bis 5 Mio. Euro.
Eine Finanzierungsalternative tut sich möglicherweise im Leasing auf.
Skoda
Vagonka und Skoda Transportation hatten 2011 für die Ukrainischen
Eisenbahnen eine neue elektrische doppelstöckige Einheit der Serie 675
produziert. Dieser Typ ist insbesondere für den interregionalen Verkehr
auf den Strecken in der Ukraine mit einer Spurweite von 1.520 mm
bestimmt (maximale Geschwindigkeit 160 km/h). Es handelt sich um eine
Zweisystemeinheit, die aus sechs Wagen besteht - zwei Triebwagen der
Serie 225 und vier Zwischenwagen der Serie 227.
Russische TMH gibt Zusage für Ausbau der Fabrikation in Luhansk
Bisher
wurden in der Ukraine keine hochmodernen Lokomotiven westlichen Typs
montiert. Eine Zusage für den Ausbau der Fertigung im ukrainischen
Luhansk hat jedoch im Mai 2013 die russische Transmashholding (TMH)
gegeben. Sie besitzt die Aktienmehrheit an Luganskteplovoz, dem
bedeutendsten ukrainischen Hersteller von Lokomotiven. Die Zusage für
den Ausbau des Werks war die Bedingung für den Erhalt des größten
Auftrags, den die Ukrainische Staatsbahn in den letzten Jahren vergeben
hat. Der Zeitung Kommersant zufolge handelt es sich um insgesamt 300
Lokomotiven im Wert von rund 1,35 Mrd. $, die bei Luganskteplovoz vom
Band laufen sollen, darunter Einheiten des Typs 2EL5.
"Wir hoffen,
dass 2015 bis zu 100 Loks produziert werden können", zitiert Kommersant
Infrastrukturminister Kozak. Nach dem geplanten Produktionsstart im
Jahr 2014 soll der Lokalisierungsgrad bei Luganskteplovoz von 30% bei
Direktstromloks auf 90% und bei Wechselstromloks auf 65% im Jahr 2015
steigen. Bis dahin werden die Zulieferer ihre Produktion mindestens
verdoppeln müssen, fügte Kozak hinzu. Zur Finanzierung des Vorhabens hat
die Bahn Leasing-Ausschreibungen veröffentlicht. Eine weitere
Möglichkeit sehen Marktkenner in der Platzierung von Eurobonds. Drei
regionale Eisenbahngesellschaften der Staatsbahn haben bereits
Leasingvereinbarungen über den Erwerb von 350 E-Loks im Zeitraum 2013
bis 2016 unterzeichnet; 300 davon aus Luganskteplovoz.
Wie UZ
Anfang September 2013 bekannt gab, beläuft sich das Gesamtvolumen dieser
Leasingvereinbarungen auf 22,17 Mrd. Griwna (UAH; etwa 2,0 Mrd. Euro; 1
Euro = 10,92 UAH; Wechselkurs vom 23.10.13). Bei der Ausschreibung
setzte sich die weitgehend unbekannte Firma TOV Premier Leasing mit
einem Jahreszins von 9,5% für sieben Jahre gegen die Konkurrenz durch,
die 12% bis 13% bot. Die Zahlungen sind Dollar-gebunden. Finanzexperten
wie der Analyst Andriy Bespiatov von Dragon Kapital schätzen die
gebotene Rate für zu niedrig ein und halten verdeckte Gebühren für
möglich. Fragen kommen auch auf Grund des geringen Stammkapitals von 1
Mio. UAH der TOV Premier Leasing auf. Die GmbH ist erst im Jahr 2011 von
einer Einzelperson aus der Region Luhansk gegründet worden.
Die
Aktienmehrheit an Luganskteplovoz besitzt die russische TMH seit 2007.
Damals waren in einer Auktion zur Privatisierung von Staatsbetrieben 76 %
der Aktien von Luganskteplovoz der Maschinenfabrik Brjansk zugeschlagen
worden, welche zur russischen TMH gehört. Die Rechtskräftigkeit des
Aktienkaufs wird aber in ukrainischen Wirtschaftskreisen immer wieder
angezweifelt. Ende der 1970er Jahre war das Unternehmen einer der
weltweit größten Hersteller von Loks. Mit 115 bis 200 Lokomotiven im
Monat erreichte die Produktion sogar Weltrekord.
Heute ist der
Ausstoß wesentlich geringer. Im Jahr 2012 produzierte Luganskteplovoz
gerade einmal 162 Loks, immerhin 70% mehr als im Jahr 2011. Wertmäßig
stieg das Produktionsvolumen um 10% auf 1,75 Mrd. UAH. Der Gewinn fiel
jedoch um 22,4% auf 55,77 Mio. UAH. Für 2013 ist die Herstellung von 250
Dieselloks geplant. Im 1. Halbjahr konnte nach Unternehmensangaben die
Produktion gegenüber dem 1. Halbjahr 2012 um 50% erhöht werden.
Luganskteplovoz stellte 90 Diesellokomotiven 2TE116U, 18 Einheiten
2TE116UD und drei 3TE116U Diesellokomotiven her.
Gornyje Mashiny plant Montage von Zügen
In
dem gleichzeitig angestrebten Vertrag mit Skoda Transportation sieht
Infrastrukturminister Kozak keinen Widerspruch, da der Mangel an neuen
Passagierlokomotiven in der Ukraine entsprechend groß sei. So sieht das
Modernisierungsprogramm der Ukrainischen Staatsbahn die
Außerdienststellung von 509 Elektrolokomotiven bis 2016 vor. Den Bedarf
an neuen E-Loks beziffert das Infrastrukturministerium auf insgesamt
rund 10 Mrd. $.
Experten geben zu bedenken, dass eine kritische
Größe der gesicherten Beschaffung erreicht werden müsse, da sonst die
Produktion (insbesondere mit einem hohen lokalen Anteil) nicht lohne. In
Russland produzieren beispielsweise Siemens und die russische Sinara
seit Mai 2013 Züge des Typs Lastotschka. Von den Regionaltriebzügen
sollen zunächst insgesamt 1.200 Wagen für die Russischen Eisenbahnen
(Lokalisierungsgrad von 80%) gefertigt werden. Der Auftrag hat laut
Siemens einen Wert von rund 2 Mrd. Euro.
Eine Montage von Zügen in
der Ukraine peilt auch die ukrainische Maschinenbau-Holding Gornyje
Mashiny an. Die von dem Oligarchen Rinat Achmetow kontrollierte Holding
will im Gebiet Donezk Züge der südkoreanischen Hyundai Rotem montieren.
Wie das Portal Forbes.ua im September 2013 meldete, hat Gornyje Mashiny
eine Firma namens Rotem Ukraina gegründet und steht mit den Südkoreanern
in Verhandlungen. Als Standort wurde das Maschinenbauwerk Druschkowskij
Maschinostroitelnyj Sawod ausgewählt. Es produziert neben Anlagen für
die Bergbaubranche auch kleine Elektro- und Diesellokomotiven für den
Untertagebetrieb. Hyundai Rotem lieferte 2012 zehn Elektrozüge in die
Ukraine, die noch vor Beginn der Fußball-EM 2012 eingesetzt wurden.
Experten schätzen die Investitionssumme für die gewünschte Montage je
nach Lokalisierungsgrad auf 15 Mio. bis 300 Mio. $.
Bestand der Ukrainischen Eisenbahn an Schienenfahrzeugen (31.12.12)
| Schienenfahrzeuge | Einheiten |
| Elektrolokomotiven | 1.547 |
| Diesellokomotiven | 2.447 |
| Güterwagen | 119.400 |
| Personenwagen | 7.025 |
| Elektrotriebwagen | 1.547, davon in Betrieb: 1.340 |
| Dieseltriebwagen | 528, davon in Betrieb: 247 |
Quelle: UkrZaliznytsya
Kontaktanschriften:
Transmashholding
Butyrsky Val, 26, b.1, 127055 Russland, Moskau
Tel.: 007 495/744 70 93, Fax: -94
E-Mail: info@tmholding.ru, Internet: http://www.tmholding.ru/en/
Luganskteplovoz
Ul. Frunse 107, 91005 Ukraine, Luhansk
Теl.: 0038 0642/34 51 40, Fax: -52 03;
Internet: http://www.luganskteplovoz.com/?Length=0
Druschkowskij Maschinostroitelnyj Sawod
Ul. Lenina 7, 84205 Ukraine, Druzhkovka
Tel.: 0038 06267/4 21 29, Fax: -3 09 68
Internet: http://www.mmc.kiev.ua
(C.O.)
Zertifizierung
GOST R / TR / EVRAZES (EURASEC), UkrSEPRO, Registrierung der Messmitteln, Rostekhnadzor (RTN) Zulassung und Deklarierung für Russland